Lindbergh-Entführung Das Jahrhundertverbrechen

Lindbergh-Entführung: Das Jahrhundertverbrechen Fotos
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Dieb, Straßenräuber - Mörder? Vor 80 Jahren schockierte die Entführung und Ermordung des Babys von Flugpionier Charles Lindbergh die USA. Der Täter schien schnell gefunden: ein vorbestrafter Einwanderer aus Deutschland. Doch der kurze Prozess mit dem vermeintlichen Killer sollte die Gerichte noch Jahrzehnte beschäftigen - bis heute. Von

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Der Regen hatte nachgelassen, heftiger Wind pfiff am Abend des 1. März 1932 um das abgelegene Anwesen in Hopewell, New Jersey. Obwohl die Familie und das Personal im Hause waren, bemerkte niemand, dass jemand eine Leiter an eine Hauswand am Südwestflügel gelehnt hatte und hinauf in das Kinderzimmer geklettert war, in dem seit etwa einer Stunde der kleine Charles in seinem Gitterbettchen schlief. Der unerwünschte Besucher holte sich den Jungen, stieg mit ihm die Leiter hinunter und verschwand.

Am Fenster zurück blieb ein Brief mit einer Lösegeldforderung - gerichtet an den Vater des Kindes, Charles Lindbergh, den bekannten Flugpionier. Seit er als 25-Jähriger 1927 nach einem Nonstop-Alleinflug aus New York kommend in Paris gelandet war, galt er als Held - nicht nur in Amerika. Lindbergh bezahlte die Forderung von 50.000 Dollar, doch seinen Sohn sah er nicht wieder. Ein Lastwagenfahrer fand die Kinderleiche sechs Wochen später unweit des Elternhauses am Straßenrand. Der Entführungs- und Mordfall schockierte ganz Amerika. Zeitungen forderten, Kindesentführer mit dem Tode zu bestrafen. Der Kongress gab der öffentlichen Meinung nach und erklärte Kidnapping zum "Bundesdelikt". Die Ermittlungen übernahm das Bureau of Investigation, das spätere FBI.

Zweieinhalb Jahre nach der Entführung verhaftete die Polizei einen Verdächtigen. Er wurde angeklagt und verurteilt: schuldig des Mordes an Charles Lindbergh Jr. Der Mann war aufgefallen, nachdem er an einer Tankstelle in der New Yorker Bronx mit einem Zehn-Dollar-Goldzertifikat bezahlt hatte - ungewöhnlich, seit die Roosevelt-Regierung alle privaten Goldbestände einsammelte und Händler aufgefordert waren, Kunden zu melden, die noch über solche Mittel verfügten. Der registrierte Schein, so stellte sich heraus, stammte aus der Lösegeldzahlung der Lindbergh-Entführung.

"Crime of the Century" schrieb die Presse damals. 80 Jahre später ist in den USA noch immer von einem Jahrhundertverbrechen die Rede. Doch der Inhalt hat sich gewandelt: Mit "Crime of the Century" meinen Kritiker heute das Urteil und die Hinrichtung des Angeklagten: Bruno Richard Hauptmann, ein illegal aus Deutschland eingewanderter Zimmermann, geboren 1899 in der sächsischen Kleinstadt Kamenz.

Tödliche Entscheidung

2000 Volt jagten am 3. April 1936 durch den Körper von Bruno Richard Hauptmann, der - auf seinem Stuhl festgebunden - kräftig zusammenzuckte und den Mund aufriss wie zu einem stummen Schrei. Beim zweiten Stromstoß schlug der Körper noch einmal heftig gegen den Stuhl, bis schließlich von Kopf und Bein Rauch aufstieg. Um 20.47 Uhr erklärten die Ärzte Hauptmann für tot.

Die Diskussion über den möglicherweise unfairen Prozess hatte bereits begonnen, als Hauptmann noch lebte. Eleanor Roosevelt etwa, die politisch sehr engagierte Frau des Präsidenten, äußerte sich verwundert darüber, dass das Urteil ausschließlich auf mittelbarem Beweismaterial aufbaue. Die ganze Verhandlung habe bei ihr einen fragwürdigen Eindruck hinterlassen. Schon Richter Thomas Trenchard hatte sich im Prozess veranlasst gesehen, die Jury explizit darauf hinzuweisen, dass "die Beweise der Anklage nur den Charakter von Indizien" hätten.

Einer der fragwürdigsten Höhepunkte der Verhandlung: Lindbergh selbst war als Zeuge aufgetreten. Zusammen mit dem Vermittler der Lösegeldübergabe, einem Dr. John Condon, war er eines Nachts auf einen Friedhof in der Bronx gefahren. Und obwohl er verborgen in einem Auto lediglich aus 70 Meter Entfernung beobachtete, wie Condon mit dem Lösegeldempfänger sprach, meinte er zweieinhalb Jahre später vor Gericht, die Stimme des Angeklagten zweifelsfrei wiederzuerkennen. Dieser habe Condon mit "Hey Doctor" begrüßt. Wenige Monate vor Prozessbeginn allerdings hatte Lindbergh eingeräumt, die Stimme nicht identifizieren zu können. Gehört haben wollte er damals die Begrüßung "Hey Doc".

Die Geschworenen irritierte dies offenbar nicht. Gegen Hauptmann sprach vor allem die Tatsache, dass man einen erheblichen Teil des Lösegeldes bei ihm gefunden hatte: rund 15.000 Dollar in Goldzertifikaten, davon den größten Teil versteckt in der Garage. Bei der Durchsuchung des Hauses hatte die Polizei zudem festgestellt, dass eine Dachlatte fehlte. Das Brett war - wie ein Sachverständiger darlegte - für die Anfertigung der Entführungsleiter verwendet worden.

Beweise "verfälscht"

Dennoch blieben nach dem Urteil Zweifel - sowohl an der Glaubwürdigkeit der Zeugen als auch an einer Alleinschuld Hauptmanns. 40 Jahre sollten vergehen, bis der Kriminalfall erneut für Schlagzeilen sorgte: "Bruno Hauptmann war unschuldig", schrieb 1976 der Journalist Anthony Scaduto im "New York Magazine". Hauptmann sei zum Sündenbock gemacht worden, weil die Polizei einen Täter präsentieren musste und die Öffentlichkeit verlangte, "endlich denjenigen zu bestrafen, der ein solches Verbrechen am Sohn des Helden Lindbergh begangen hatte". Was passte da besser ins Bild als ein Deutscher, der noch dazu in seiner Heimat als Dieb und Straßenräuber aufgefallen war und im Gefängnis gesessen hatte, wie die New Yorker Polizei herausgefunden hatte.

Scaduto behauptete, Hauptmann sei Opfer "einer der skandalösesten Justizverdrehungen" geworden. Jegliche Beweise gegen ihn seien von der Polizei "fabriziert" oder "verfälscht", Entlastendes "unterschlagen" worden. Tatsächlich hatte Scaduto bei seinen Recherchen Schriftsätze gefunden, die Hauptmanns eigene Version der Geschichte weit weniger abenteuerlich erschienen ließen, als sie während des Prozesses geklungen hatte: Hauptmann hatte vor Gericht erzählt, dass er das bei ihm gefundene Geld von einem Freund und Geschäftspartner, dem deutschen Pelzhändler Isidor Fisch, erhalten habe. Der sei kurz darauf nach Deutschland gereist und dort an Tuberkulose gestorben. Da ihm Fisch ohnehin Geld geschuldet habe, habe er die Summe behalten und angefangen, sie auszugeben.

Die von Scaduto entdeckten Aufzeichnungen belegten eine Geschäftsbeziehung zwischen Hauptmann und Fisch. Außerdem war Isidor Fisch den Ermittlern schon mehr als ein Jahr vor der Verhaftung Hauptmanns aufgefallen: Bereits kurz nach der Übergabe des Lösegeldes hatte er Scheine daraus in der Bronx angeboten und auch seine Schiffskarte nach Deutschland damit bezahlt. Dies alles stand in den Akten - im Prozess war es allerdings nicht vorgetragen worden.

Auch hinsichtlich Hauptmanns fehlendem Alibi machte der Journalist Scaduto eine interessante Entdeckung: Der Angeklagte hatte angegeben, am fraglichen Tag, dem 1. März 1932, bis 17 Uhr am "Majestic", einem New Yorker Hochhaus, gearbeitet zu haben. Wäre dem so gewesen, käme er als Entführer nicht in Frage, weil er es bis zur Tatzeit nicht zum lindberghschen Haus geschafft hätte. Die Agentur, die Hauptmann eingestellt hatte, behauptete allerdings vor Gericht, er habe dort erst am 21. März angefangen. Die Lohnlisten aus jener Zeit seien verschwunden. Scaduto aber fand im Gericht eine Quittung für genau jene Lohnlisten: Sie waren der Polizei bei der Ermittlung ausgehändigt worden und offenbar erst danach verschwunden.

Witwe verklagt Staat

Ab 1982 beschäftigte der Fall erneut die Gerichte. Juristen hatten mittlerweile den Zugang zu den Akten erstritten - darunter auch einige des FBI. Der Anwalt der Witwe Hauptmanns, die zeitlebens an die Unschuld ihres Mannes glaubte, hatte vor dem Bundesgericht in Newark Klage gegen den Staat New Jersey, eine Reihe von Ermittlungsbeamten sowie Chefankläger David Wilentz eingereicht. Sie wurden beschuldigt, "vorsätzlich falsche Erklärungen abgegeben und Verfahrensrecht gebrochen zu haben".

Aus den Akten ging hervor, dass die Ermittler offensichtlich an den Zeugen zweifelten, die den Angeklagten in der Nähe des Lindbergh-Hauses gesehen haben wollten. Während der eine bei der New Yorker Wohlfahrt mit dem Vermerk "halbblind" registriert war, hatte der andere, ein Nachbar Lindberghs, bei der polizeilichen Vernehmung unmittelbar nach der Entführung ausgesagt, ihm sei "nichts aufgefallen". Nachdem die Polizei eine Belohnung in Aussicht gestellt hatte, habe er seine Meinung geändert. Ankläger Wilentz soll dem Gericht auch verschwiegen haben, dass Vermittler Condon bei einer Gegenüberstellung im Polizeirevier nicht in der Lage gewesen war, Hauptmann aus einer Reihe von Personen herauszufinden, und meinte, der Mann vom Friedhof sei gar nicht dabei. Vor den Geschworenen hatte er indes behauptet, Hauptmann eindeutig als den Empfänger des Lösegeldes wiederzuerkennen.

Als Lüge bezeichnete der Anwalt der Witwe in seiner Klageschrift zudem die Behauptung der damaligen Behörden, es gebe keine Fingerabdrücke auf dem Lösegeldbrief. Tatsächlich habe das Labor solche gefunden. Sie stimmten nicht mit denen Hauptmanns überein - eine Tatsache, von der die Jury und das Gericht nie erfahren hatten, ebenso wenig wie von den zwei unterschiedlichen Fußspuren, die ein Polizist im vom Regen aufgeweichten Boden am Tatort festgestellt habe. Beide deckten sich nicht mit der Schuhgröße Hauptmanns.

Zurück nach Deutschland

Bis zu ihrem Tod 1994 kämpfte Anna Hauptmann um die Rehabilitation ihres Mannes - wegen der Verjährungsfrist allerdings erfolglos. Doch auch danach blieb das Lindbergh-Drama einer der umstrittensten Kriminalfälle in der amerikanischen Rechtsgeschichte. Ob Hauptmann tatsächlich unschuldig war oder wer sonst an der Entführung beteiligt gewesen sein könnte, darüber kursieren diverse Verschwörungstheorien.

Den US-Anwalt Robert R. Bryan treibt der Fall bis heute um. Im Januar 2012, 80 Jahre nach der Entführung, besuchte er die Geburtsstadt Hauptmanns nahe Dresden. Öffentlich sprach er dort von einem "Justizbetrug". Er sei nach Kamenz gekommen, um die Geschichte in die Welt hinauszutragen, damit dieser "arme Mann endlich in Frieden ruhen" könne. Bryan, der Hauptmanns Witwe und jüngst den in den USA verurteilten Polizistenmörder Mumia Abu-Jamal vertrat, ist einer der renommiertesten Gegner der Todesstrafe. Der Lindbergh-Prozess und die irreversible Strafe für den trotz Zweifeln und Unstimmigkeiten Verurteilten sind dabei offenbar eine Art Schlüsselfall für seine Arbeit.

Noch kurz vor seiner Hinrichtung hatte die Justiz Hauptmann angeboten, seine Todes- in eine lebenslange Freiheitsstrafe umzuwandeln, sofern er zumindest eine gewisse Beteiligung an der Tat einräumte. Er lehnte ab, ebenso wie die Offerte einer Zeitung, 90.000 Dollar für die Versorgung seiner Frau zu zahlen, wenn er gestand. Er würde nicht mit einer Lüge leben, hatte Hauptmann darauf geantwortet. "Ich sterbe als unschuldiger Mann. Sollte mein Tod dazu dienen, die Todesstrafe abzuschaffen - vor allem wenn sie nur aufgrund von Indizien verhängt wurde -, dann war er nicht umsonst."

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1.
Stefan Bachert 29.02.2012
Die Justiz muss deutlich besser kontrolliert werden. Die notwendige Unabhängigkeit einer Justiz darf nicht zur Willkür und Kriminalität missbraucht werden. Leider sind meine Erfahrung mit der deutschen Justiz sehr schlecht. Mannheim ist überall. Sachlich völlig inkompetent, unfähig zum logischen Denken und arbeitsscheu. Es tröstet nur wenig, dass Justizmord in Deutschland nicht möglich ist.
2.
Marius Wentz 29.02.2012
Die Justiz zu kontrollieren ist völliger Schwachsinn, da hierdurch die Gewaltenteilung, einer der Pfeiler der Demokratie, zerstört weden würde (Die Justiz wird ausschließlich durch die Gesetze der Legislative kontrolliert). Der Fehler liegt (zumindest in diesem Fall) bei der Polizei, beziehungsweiße bei der Art der Justiz (Geschworenengerichte).
3.
Stefan Martens 29.02.2012
Mann darf nicht vergessen, dass dieser Fall von Hoover massiv dazu genutzt wurde die Position und Befügnisse des FBI zu verstärken. Ich tendiere ja zu der Meinung das hier Hoover seine Unschuld verloren hat. Nach dem Motto der Zweck heiligt die Mittel! Was später im COINTELPRO perfektioniert und zur Normalität erhoben wurde.
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