Linke West-Urlauber in der DDR "Wir fahren in ein kinderfreundliches Land"

Früh übt sich, wer ein Kommunist werden soll: In den achtziger Jahren machten Kinder von westdeutschen Kommunisten gern und blilig Ferien in DDR-Pionierlagern. Tanja Krienen fuhr als Betreuerin mit - und lernte bald den Unterschied zwischen Theorie und realsozialistischer Praxis kennen.

Tanja Krienen

Sommerferien. Die schönste Zeit des Jahres! Vor knapp 30 Jahren war ein Urlaub nicht für alle erschwinglich. Die "Armutskampagne" der Linken beschränkte sich aber - im Gegensatz zu heute - nicht nur auf hohle Rhetorik. Im Sommer 1982 lautete die verlockende Parole: "Wir fahren in ein kinderfreundliches Land." Und, man glaubt es kaum, damit war die DDR gemeint. Die "Jungen Pioniere" aus Hagen, Wuppertal und Gevelsberg warben für einen äußerst preisgünstigen zweiwöchigen Urlaub in einem DDR-Pionierlager. Doch mein "Praxistest" als Betreuerin einer Kindergruppe aus Westdeutschland in diesem Lager geriet zu einer Farce.

Das Ferienlager befand sich in Brodowin im Bezirk Frankfurt/Oder. Alle Beteiligten, Jugendliche und Betreuer, waren in Holzhäusern, besser beschrieben als Bretterbuden, untergebracht. Kein Wasser, kein Strom, acht bis zehn Betten pro Zimmer. Die Wasch- und Toilettenanlagen befanden sich etwa 200 Meter entfernt, verdreckt und heruntergekommen.

Ohrfeigen und Treueschwüre

Zu morgendlicher Zeit wurde täglich - als Ersatz für Hygiene - ein Fahnenappell durchgeführt. "Immer bereit!" erscholl es dann aus den pioniergestählten Kinderkehlen. Wozu sollte man bereit sein? Zur guten Tat? Zum Händewaschen? Ein abendlicher Feuerappell erschütterte mich dann gänzlich. Ein etwa zehnjähriges Mädchen schwor in dieser theatralischen Inszenierung und mit weihevollem Pathos, alles für die DDR zu geben. Die anleitenden "Pädagogen" organisierten am darauffolgenden Tag eine spontane "antiimperialistische Friedensdemonstration" innerhalb des Lagers. Man schien jetzt wirklich zu allem bereit!

Der westfälische Leiter des Unternehmens verteilte auch mal Ohrfeigen wenn es disziplinarische Schwierigkeiten gab, und pflegte einen Stil, den man als rigide und pädagogisch indiskutabel bezeichnen musste. Da ich selbst seit einem Jahr eine pädagogische Ausbildung absolvierte, erschütterte mich die große Diskrepanz zwischen dem "sozialistischen, friedlichen" Anspruch und jenen Methoden aus der Zeit der Altvorderen. Konnte dies alles aufgewogen werden durch die Diskussion mit einem Überlebenden aus einem Konzentrationslager? Nein, im Gegenteil: Es kleisterte zu, was nicht mehr zu kitten war. Ich rebellierte.

"Mensch Junge, versteh', und die Zeit ist passé"

Nach dem Ablauf der ersten Woche wollte ich nach Hause. Man ließ mich nicht raus. Die eiligst zusammengerufene Lagerleitung blieb hart in dieser Frage. Dann appellierte man - taktisch klug - an mein Verantwortungsbewusstsein. Ich hätte mich doch für zwei Wochen Betreuung zur Verfügung gestellt. Unter Protest erklärte ich mich bereit, die Ferienzeit zu Ende zu führen. Am Abend spielte ich dafür in der Leitungsbaracke, nachdem die DDR-ler zu Bett gegangen waren, Lieder von Wolf Biermann! Eine Kassette mit seinen Songs hatte ich mitgenommen. Hat es wohl so etwas nach seiner Ausbürgerung irgendwo sonst in der DDR gegeben, dass im Hoheitsbereich der Partei "Mensch Junge, versteh', und die Zeit ist passé" öffentlich zu hören war?

Zuvor gab es jedoch eine ganz aufschlussreiche Diskussion, u.a. mit einem Jugendfunktionär aus Frankfurt/Oder, der mir erzählte, dass er und seine Freunde in der Lehrwerkstatt heimlich Westsender hörten und vor allem die Rock- und Popmusik der 70er Jahre gut fanden. Ich schenkte ihm daraufhin meine Sweet/Slade/T.-Rex-Kassette, in der Hoffnung, etwas für die brachliegende Musikkultur zu tun, denn was dort in der DDR produziert wurde, war für uns frei denkende Linke nichts als kurioser Wort- und Sound-Müll. Einige Ostgruppen kamen ja manchmal herüber und durften dann den Ruf der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ) bei Westjugendlichen schädigen, indem sie für die Jugendorganisation das machten, was sie als Musik bezeichneten.

Nach der Ferienfreizeit kündigte ich meinen Rückzug aus der DKP an und trat im November 1982 - drei Generalsekretäre vor Gorbatschow - aus und in die "Demokratischen Sozialisten" der beiden SPD-Bundestagsabgeordneten Hansen und Coppik ein. Und wenn die die heutigen Strategen der Linkspartei die DDR beschönigen, so gehe ich vehement dazwischen, ich als eine der ersten organisierten demokratischen Sozialistinnen des alten Westens gegen die sogenannten demokratischen Sozialisten der letzten Tage aus dem Osten.

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Siegfried Wittenburg, 28.07.2010
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Dieser Artikel hat mein erstes und einziges Ferienlagererlebnis in Kirchmöser an den Havelseen in Brandenburg lebendig gemacht. Ich kam damals wohl in die 5. Klasse, war also etwa 10 Jahre alt. An die Baracken aus Holz und Hartfaserplatten kann ich mich erinnern, denn diese gab es auch noch als GST-Lager für die vormilitärische Ausbildung während der Berufsausbildung sieben Jahre später. Die Einrichtung mit den Doppelstockbetten stimmt, die sanitären Anlagen habe ich so nicht wahrgenommen, aber der pädagogische Umgang mit den Ferienkindern, wie im Artikel beschrieben, bedrückte mich sehr. Ich war es gewohnt, mit den Kindern aus der Nachbarschaft und den Besuch aus Berlin die Ferien an der Ostsee so zu verbringen, wie wir es wollten. Acht Wochen Strand, Düne, Mole, Wald, abenteuerliches Sumpfgebiet und Dachboden bei Regen. Vom Aufstehen bis zum Schlafen gehen. Im Ferienlager dagegen wurden Appelle abgehalten, Gleichschritt geübt und kleinste Ordnungsvergehen hart bestraft. Die beiden jungen, männlichen Erzieher unserer Gruppe kamen anscheinend direkt von einer Militärschule. Freies Spielen und Baden im See nahmen den kleinsten Teil des zweiwöchigen Ferienlagers ein. Meine Freunde weinten oft in der Nacht. Es war mein erstes und letztes Ferienlager und ich dachte bis jetzt, dass ich in eine Ausnahmesituation geraten war. Wenn andere Erwachsene in meinem Alter von ihren Ferienlagererlebnissen aus der Kindheit erzählten, fanden sie es immer ganz toll und schickten auch ihre Kinder in solche Lager. Als mein Junge auch in dem Alter war und Ferien hatte, versuchte ich es auch, ihn in einem Sommerlager unterzubringen. Auch er war 10 Jahre alt, es war an einem See und es war schon 1999. Nach drei Tagen rief er mich an: ?Hol mich bitte hier raus.? Ich tat es sofort. An den anderen Kindern kann es nicht gelegen haben, dass er sich dort nicht wohl fühlte, denn sie baten ihn, zu bleiben. Er ging auch nahezu problemlos in den Kindergarten und in die Schule, aber irgendwie muss irgendetwas in diesen Ferienlagern überlebt haben, was eines jungen Menschen nicht würdig ist.
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