Linker Faschismus Mörder wie die Väter

Sie wollten besser sein als ihre Eltern und wurden Mörder wie sie. Als in den siebziger Jahren aus kritischen Linken der Nachkriegsgeneration Terroristen wurden, stieg Studentenführer Björn Pätzoldt aus - er wollte nicht zum Täter werden.

AP

"Die Bundesregierung ist Totengräber und Mörder der Demokratie zugleich. Die demokratischen Studentenschaften in der Bundesrepublik und in Westberlin werden die faschistischen Tendenzen in der Bundesrepublik bekämpfen und die Regierung sowie ihre Hintermänner zum offenen Kampf auf die Straße zwingen!" Mit diesen markigen Worten forderte ich als Vorstandsmitglied des Verbandes Deutscher Studentenschaften VDS noch im April 1969 die Kiesinger/Brandt-Regierung heraus. Vergebens. Die Regierung ließ sich auf keine Straßenbalgerei ein. Die Außerparlamentarische Opposition hatte sich selbst verprügelt.

Nach dem Zerfall der APO in linkssektiererische Splittergruppen wandte ich mich von der Bewegung als treibende Kraft ab und widmete mich wieder meinem Studium. Ich wollte mich nicht im Sog einer Strömung verlieren, die moralische Werte und soziale Ideale verschlang. Ich selbst wäre mitgerissen worden, gedankenlos Täter zu werden und ohne eigenen Willen die Entscheidungsfreiheit über meine Handlungen zu verlieren. Denn Sprache und Aktionen der Ausläufer studentischer Proteste verirrten sich in revolutionärem Wahn.

Mordlust

Die Gesinnung innerhalb der Linken, der ich mich zugehörig wähnte, wurde zunehmend menschenverachtend und gewissenlos. Nicht nur der "Klassengegner" wurde zum Feind erklärt. Auch "Genossen", die eine abweichende Meinung wagten, wurden als "Renegaten" niedergemacht. Zur Waffe wurden skrupellose Wörter als Wegbereiter für die böse Tat. Nicht selten waren daran Geheimdienstagenten beteiligt, die, verdeckt als „agents provocateurs“, die Stimmung und Mordlust der Untergrundgruppen, die sich als "antiimperialistische Stadtguerilla" verstanden, angeheizt hatten.

"Wir sagen natürlich die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch... Und natürlich darf geschossen werden." (Ulrike Meinhof, Mitbegründerin der terroristischen Roten Armee Fraktion RAF, 1969) Linker Faschismus?

Die Sprache sollte noch deutlicher werden: "Auschwitz heißt, dass sechs Millionen Juden ermordet und auf die Müllkippe Europas gekarrt wurden als das, als was man sie ausgab - als Geldjuden. Der Antisemitismus war seinem Wesen nach antikapitalistisch. Mit der Vernichtung von sechs Millionen Juden wurde die Sehnsucht der Deutschen nach Freiheit von Geld und Ausbeutung mit ermordet... Ohne dass wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen - denn die Leute haben ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vorging - können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf mobilisieren." (Ulrike Meinhof, als Zeugin der Verteidigung im Prozess gegen Horst Mahler, am 14.12.1972)

Linker Faschismus! Ich kehrte der zersplitterten Bewegung den Rücken. Ich wollte nicht mitschuldig sein an Geschichtsverfälschung und Terror und Mord. Ich wollte meine Ideale nicht verraten und zog mich in die kritische Wissenschaft zurück. Darin suchte ich nach Antwort auf die Frage, wie es möglich sein konnte, dass faschistisches Gedankengut auf dem Nährboden sozialistischer Ideale keimen konnte.

Wutausbrüche von Nachkriegskindern

Sozialrevolutionäre Studentenproteste hat es in den sechziger, siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts überall auf der Welt gegeben. In Frankreich, Italien, den USA, in der Tschechoslowakei und Polen, Mexiko und der Türkei. Selbst in der Sowjetunion flackerte studentischer Widerstand auf. Wo aber gipfelte dieser Jugendprotest in Terroraktionen und Mord? Allein in Deutschland, in Italien und Japan!

Deutschland: "Rote Armee Fraktion", "Bewegung 2. Juni", "Revolutionäre Zellen", "Tupamaros Westberlin": Banküberfälle, Knieschussattentate, Geiselnahmen, mindestens 34 Mordopfer. Italien: "Brigate Rosse - Rote Brigaden". Entführungen, Banküberfälle, 75 Mordanschläge. Japan: "Nihonsekigung - Japanische Rote Armee": Weltweit Selbstmordanschläge, Entführungen, Mörserangriffe, Geiselnahmen, mindestens 35 Mordopfer. Und überall Hunderte von Verletzten, Blutspuren der Wutausbrüche von Nachkriegskindern der im Zweiten Weltkrieg besiegten Väter.

In ihrem kritischen Generationenkonflikt wollten die Jüngeren anders und besser als ihre Eltern sein und verirrten sich doch auf deren mörderischen Pfaden. Einem unerbittlichen Erbgut unentrinnbar verhaftet? Ich suchte nicht weiter nach Antwort, wollte mich mit Vermutungen nicht verwirren. Wollte nur noch dem Strudel entrinnen, in den ich hineingeraten war. Heute, vierzig Jahre nach Höhepunkt und Niedergang der studentischen Bewegung, nehme ich mit Verwunderung wahr, wie verklärt die Medien und die Zeitzeugen im Rückblick der "Achtundsechziger" gedenken. Als wären diese Jahre allein von einer herzerfrischenden Wandervögelei beseelt gewesen.

Zum Weiterlesen:

Björn Pätzoldt: Nandinda, "Draußen ist Freiheit... Eine deutsche Nachkriegsbiographie", Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009



insgesamt 3 Beiträge
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Burkhard von Grafenstein, 11.05.2010
1.
Westdeutschland, Italien und Japan, diese Länder hatten nicht nur mit faschistischen Erblasten zu kämpfen, sondern lagen auch am Rand des sowjetischen Machtbereichts, mit den im Text genannten Einflussmöglichkeiten kommunistischer Geheimdienste.
Bjoern Paetzoldt, 11.05.2010
2.
@ Burkhard Grafenstein Zitat: "...mit den im Text genannten Einflussmöglichkeiten kommunistischer Geheimdienste." Falsch! Es waren nicht aus dem "sowjetischen Machtbereich" eingeschleuste Geheimdienstagenten, sondern agents provocateurs der westdeutschen Verfassungsschutzbehörden: - Ende der Sechziger Jahre: Peter Urbach, V-Mann des westberliner Verfassungsschutzes, beliefert spätere Gründungsmitglieder der RAF und der Bewegung 2. Juni mit Waffen und Bomben. Der Terrorgruppe "Tupamaros" übergibt er einen Sprengsatz für einen Anschlag auf das Jüdische Gemeinde- haus. - Anfang der Siebziger Jahre: Ulrich Schmücker wird als Terrorist in die Bewegung 2. Juni eingeschleust. - Juli 1978: Agenten des Niedersäsdischen Verfassungsschutzes verüben einen Bombenanschlag auf die JVA Celle ("Celler Loch"), um einen Agenten in die RAF einzuschleusen. Agents provocateurs des Verassungsschutzes verteilen an demonstrierende Studenten Molotowcocktails, um die Bewegung zu kriminalisieren.
Burkhard von Grafenstein, 17.05.2010
3.
Ach so. Es ist im Text nicht klargestellt, welche Geheimdienste Sie meinten. Abgesehen davon ist die RAF natürlich im Ostblock unterstützt worden. Bemerkenswert ist im Länder-Vergleich, dass es in Italien auch einen ernstzunehmend organisierten und staatsgefährdenden neofaschistischen Terrorismus gab, während sich im zertrümmerten deutschen Nationalstaat kein entsprechender Rechtsterrorismus mehr entwickelt konnte, wenn auch Versuche unternommen werden, Baader-Meinhof in derartiges umzudeuten. Wenn Meinhof linksfaschistische Motivationen hinter dem Holocaust erkannt hat, (insofern, weil es ja tatsächlich antikapitalistisch-antisemitische Strömungen im NS gab), heißt das noch nicht, dass sie diese teilte.
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