Liquidator in Tschernobyl Sein Einsatz in der Todeszone

Sie betonierten den Reaktor zu, schaufelten radioaktive Trümmer, ebneten ganze Dörfer ein: Nach dem Super-GAU von Tschernobyl 1986 schufteten Tausende Arbeiter im Katastrophengebiet. Anatolij Podlesni war einer von ihnen. Auf einestages erinnert er sich an die Strahlenhölle - und die Qualen danach.

André Eichhofer

Als ich am Morgen des 28. April 1986 mein Büro betrat, hatte ich keine Ahnung, was mich erwartete. Ich habe damals im Energieministerium der Ukraine als Abteilungsleiter und Chef von 30 Ingenieuren gearbeitet. Zuvor hatte ich im Radio gehört, dass es in Tschernobyl einen Zwischenfall gegeben hatte. Doch ich dachte, es handelte sich um einen harmlosen Störfall.

Dann rief der Energieminister alle Abteilungsleiter zu einer Krisensitzung zusammen. Er erzählte, was wirklich passiert war. Erst so erfuhr ich vom wahren Ausmaß der Katastrophe: Zwei Tage zuvor hatte es im Reaktor eine Kernschmelze und eine Explosion im Reaktor gegeben. Doch alle Anwesenden wurden zum Schweigen verdonnert. Kein Wort über die Katastrophe durfte nach außen dringen.

Zwei Monate später gab es in meinem Ministerium eine Anfrage. Für die Aufräumarbeiten in der Strahlenzone wurden Leute gesucht, sogenannte Liquidatoren. Ich habe mich freiwillig gemeldet. Ich wusste, wie gefährlich der Einsatz sein würde. Doch ich wollte meinem Land helfen. Als ich nach Tschernobyl ging, war ich 48 Jahre alt und kerngesund.

Drei Tage direkt am Reaktor

Im Juli 1986 kam ich nach Tschernobyl. Die Gegend um das Kraftwerk hatte sich in eine riesige Baustelle verwandelt. Die gesamte Bevölkerung war evakuiert worden. Stattdessen waren überall Spezialisten im Einsatz: Soldaten, Feuerwehrleute, Ingenieure, Bauarbeiter, Physiker, Mediziner. Ich gehörte zu den Elektrotechnikern, die für die Stromversorgung verantwortlich waren. Zusammen mit anderen Freiwilligen wurde ich mit einem Bus in das Katastrophengebiet gefahren. Aus dem Fenster konnte ich sehen, wie groß das Chaos war. Zehntausende Menschen waren um den Reaktor herum unterwegs. Überall lagen Trümmer. Der Bus hielt in einer Bauwagensiedlung, etwa zehn Kilometer vor dem Kraftwerk. Dort haben wir die nächsten drei Wochen gewohnt.

Das Strahlengebiet war in drei Zonen unterteilt: Die erste Zone befand sich direkt am Reaktor, die anderen beiden verliefen ringförmig um die Unfallstelle. Die zweite umfasste den Bereich von Zone 1 bis zu einem Abstand von sechs Kilometern um den Reaktor, die dritte war der Bereich bis zu zehn Kilometer um den Ort der Katastrophe. Ich habe drei Tage lang direkt am Reaktor gearbeitet, zehn Tage in der zweiten Zone und eine Woche in der dritten. Ich führte das Kommando über eine Gruppe Elektriker. Wir haben Kabel verlegt, Trafostationen gebaut und Strom aus den zwei übrigen Atomreaktoren umgelegt, die noch funktionierten. Jeden Tag arbeiteten wir bis zum Umfallen und schliefen nur vier Stunden.

Blaumänner und Mundschutz gegen die Strahlung

Unser Schutz gegen die Strahlung war minimal: Während der Arbeit trugen wir blaue Bauarbeiter-Overalls. Zusätzlich hatte man uns einen Geigerzähler und einen Mundschutz in die Hand gedrückt. Die Arbeit in der Strahlenzone war tückisch wie in einem Minenfeld. Denn das Gebiet war nicht gleichmäßig verstrahlt. Die Radioaktivität hatte sich wie einzelne Flecken niedergelassen - völlig unberechenbar. Bevor wir an einer Stelle anfingen zu arbeiten, haben wir die Strahlung gemessen. Es kam vor, dass an einem Fleck der Zeiger des Geigerzählers voll ausschlug. Fünf Meter weiter jedoch war die Strahlung nur gering. Das konnte den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen.

Die Overalls haben wir viermal am Tag gewechselt und zusammen mit dem radioaktiven Müll in der Erde vergraben. An den Blaumännern war auch ein kleiner Chip angebracht. Der sollte die Strahlung messen, der wir während der Arbeit ausgesetzt waren. Er wurde jedoch nur selten ausgewertet. Auch der Mundschutz war eine Farce. Mit ihm konnte ich nicht arbeiten, konnte keine Kommandos geben. Am Ende habe ich die Maske nur etwa eine halbe Stunde am Tag tragen können. Nach der Arbeit sind wir immer zu einer Reinigungsstelle gefahren. Dort wurden unsere Strahlenwerte gemessen. Dann ging es unter die Dusche, um die Radioaktivität abzuwaschen.

Gleich am ersten Tag war mir etwas Merkwürdiges aufgefallen: Etwa fünf Kilometer vom Reaktor entfernt stand eine Baracke - das war die Kantine für die Liquidatoren. Für Sowjetstandards gab es dort eine gewaltige Auswahl an Essen. Dort wurden Unmengen an Fleisch und sogar Ananas aufgetischt, die es in der Sowjetunion nur selten gab. Die Tabletts waren doppelt so groß wie üblich. Die Arbeiter verschlangen riesige Portionen - mehrmals am Tag. "Wie kann man nur so viel essen?", dachte ich anfangs. Später wusste ich wieso.

Knoblauch und Zitrone gegen radioaktiven Graphitstaub

Nach ein paar Tagen bekam auch ich immer größeren Hunger. Schon eine Stunde nach dem Frühstück hatte ich das Gefühl, überhaupt nichts gegessen zu haben. Dieser ständige Hunger war schrecklich. So viel ich auch aß, ich hatte nie das Gefühl, wirklich satt zu sein. Ein Arzt erklärte mir später, den Grund dafür: Die Strahlung hatte mein Knochenmark angegriffen, so dass der Körper nicht mehr genug rote Blutkörperchen produzierte. Um den Verlust auszugleichen, benötigt der Mensch mehr Energie als gewöhnlich. Für jede Einsatzgruppe stand ein Ärzteteam bereit. Alle drei Tage wurde mir eine Blutprobe entnommen. Meine Ergebnisse müssen in einem den Umständen entsprechend akzeptablen Bereich gelegen haben. Denn hätten die Ärzte festgestellt, dass mein Körper zu wenige rote Blutkörperchen produziert, hätte ich nicht weiterarbeiten dürfen.

Nach zehn Tagen habe ich plötzlich meine Stimme verloren, ich konnte keinen Ton mehr von mir geben. Die Ärzte sagten, dass der radioaktive Graphitstaub meine Stimmbänder angegriffen habe. Ich hatte ja die meiste Zeit ohne Mundschutz gearbeitet. Sie verordneten mir Knoblauch und Zitrone, weil der Körper dadurch mit Vitamin C versorgt werde. Tatsächlich konnte ich nach ein paar Tagen wieder reden. Sieben weitere Tage habe ich geschuftet, dann konnte ich endlich zu meiner Familie zurück. Zu Hause war ich so kaputt, dass ich erst mal drei Tage durchschlief. "Jetzt hast du alles hinter dir", dachte ich. Doch das Schlimmste sollte mir noch bevorstehen.

Fasten ums Überleben

Zwei Jahre vergingen. Eines Nachts, im Juli 1988 dann, rissen mich entsetzliche Schmerzen aus dem Schlaf. Am nächsten Tag bin ich ohnmächtig in meiner Wohnung zusammengebrochen. Ich kam sofort in das Tschernobyl-Krankenhaus in Trojaschina bei Kiew, wo viele Strahlenopfer behandelt wurden. Die Ärzte stellten fest, dass ich nur noch ein Wrack war. Schilddrüse, Nierenbecken und Magenschleimhaut waren entzündet. Zudem hatte ich wieder meine Stimme verloren, genau wie vor zwei Jahren. Ich konnte nur noch ein leises Krächzen herausbringen. Einen Monat haben mich die Ärzte mit Antibiotika, Jod und Vitaminpräparaten vollgepumpt, gegen den Stimmverlust sollte ich Kamillenextrakte inhalieren - alles ohne Erfolg. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mit meinem Leben schon abgeschlossen.

Dann kamen die Ärzte mit einem merkwürdigen Vorschlag: Ich solle drei Wochen lang nichts essen, um die Giftstoffe aus meinem Körper zu bekommen. Mir war alles egal, also willigte ich ein. Mein Magen wurde ausgepumpt. Pro Tag habe ich mir bis zu zwei Kilo heruntergehungert. Nach drei Wochen wog ich nur noch 40 Kilogramm. Eines Morgens öffnete ich die Augen und sah alles nur noch verschwommen.

Nun sollte ich wieder anfangen, Nahrung zu mir zu nehmen. Sechs Tage lang habe ich nur einen Liter Möhrensaft pro Tag getrunken. Die Woche darauf durfte ich nur Salat und Haferbrei essen. Der Hunger war unerträglich. Ich konnte vom Krankenbett aus riechen, was unten in der Küche gekocht wurde. Doch irgendwie funktionierte es. Bald konnte ich wieder feste Nahrung zu mir nehmen, auch meine Stimme kam wieder. Heute glaube ich, dass die eigenwillige Therapie mein Leben gerettet hat.

Von dem Tschernobyl-Einsatz habe ich mich dennoch nie ganz erholt. Die Jahre darauf bin ich immer wieder im Krankenhaus gelandet. Zumindest konnte ich ein halbwegs geregeltes Leben führen. Vor vier Jahren bin ich in Rente gegangen, davor war ich Ingenieur in einem Heizkraftwerk. Meine zwei Kinder sind inzwischen verheiratet. Heute denke ich: Ich habe Tschernobyl überlebt - das ist alles, was zählt.

Aufgezeichnet von André Eichhofer



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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Nicolas Semak, 08.07.2010
1.
Unter anderem zu diesem Thema und generell zum Unfall in Tschernobyl hier ein Link zu einem Interviewpodcast mit Dr. Sebastian Pflugbeil, Physiker und einer der wenigen Forscher, die den Sarkophag des Reaktors von innen inspiziert haben: http://elementarfragen.de/2010/06/ef03-tschernobyl/ Höchst spannend!
Lars Riber, 08.07.2010
2.
>Unter anderem zu diesem Thema und generell zum Unfall in Tschernobyl hier ein Link zu einem Interviewpodcast mit Dr. Sebastian Pflugbeil, Physiker und einer der wenigen Forscher, die den Sarkophag des Reaktors von innen inspiziert haben: > >http://elementarfragen.de/2010/06/ef03-tschernobyl/ > >Höchst spannend! Vielen Dank für Diese hinweis! Ein wirklich interessante Interview. /Lars
Jan Loeser, 08.07.2010
3.
Zu Bild 7: "Am unteren Rand des Bildes kann man erkennen, wie die hohe Strahlenbelastung vom Boden dem Fotofilm zugesetzt hat. " Jede Kamera erzeugt ein spiegelverkehrtes und auf dem Kopf stehendes Bild. Daher ist die Strahlung nicht von unten, sondern von oben in die Kamera eingedrungen. Jan.
Tun Huang, 09.07.2010
4.
@Jan Loeser: Da hast du dich geirrt. Die Strahlung ist genau von unten in die Kamera eingedrungen, wie auch das sonstige untere Bild. Es stimmt, dass jede Kamera ein spiegelverkehrtes und auf dem Kopf stehendes Bild erzeugt. Aber was wir hier sehen, ist nicht die Anordnung wie auf dem Negativ im Moment des Fotografierens, sondern eben wiederum spiegelverkehrt und auf dem Kopf stehend zum Negativ.
Knud Schmidt, 09.07.2010
5.
>Zu Bild 7: [...] Jede Kamera erzeugt ein spiegelverkehrtes und auf dem Kopf stehendes Bild. Daher ist die Strahlung nicht von unten, sondern von oben in die Kamera eingedrungen. Man sieht hier keineswegs die Radioaktivität, sondern leider nur eine profane Schlamperei bei der Entwicklung des Films, und zwar hat der Laborant den Behälter während des Entwicklungsprozesses nicht kontinuierlich geschüttelt. Das ist nämlich ein typischer Fehler bei der chemischen Filmentwicklung. Und zwar läuft die Chemikalie durch die Transportlöcher des Films und 'entwickelt' den Film stärker. Wer einen Negativstreifen aus alten Tagen zur Hand hat, kann kurzerhand nachzählen: Es sind 8 helle Streifen im Bild - und pro Bild hat ein Negativ 8 Transportlöcher. Wer sich noch an die gute, alte chemische Entwicklung erinnert: Man konnte damals ja als ambitionierter Fotograf einen Vermerk an der Entwicklungstasche anbringen, daß man den Film "two stops" unterbelichtet hatte - und das Labor ließ den Film dann entsprechend lange in der chemischen Entwicklungslösung liegen. Auf diese Weise wurden bewußt unterbelichtete Filme wieder hell. Die Helligkeit des Films wird durch den Chemikalie bestimmt: mehr Entwicklerlösung = helleres Bild. Naja, und wenn der Filmbehälter still auf dem Tisch stand (weil der Laborant mal aufs Örtchen mußte), dann sickert eben durch die Transportlöcher des Films frische, unverbrauchte Entwicklerlösung auf den Film und zieht diese fiesen Streifen. Deswegen wurde uns Fotografen stets eingebleut: Den Film im Entwicklerbad immer bewegen! Ich bin sicher: Sollten weitere Bilder von derselben Filmrolle auftauchen, werden diese gleichfalls 8 Streifen am unteren Bildrand aufweisen.
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