Lisa Fonssagrives Das Super-Super-Model

Sie kam, sah und zierte: Ende der dreißiger Jahre stieg Lisa Fonssagrives zur Modekönigin auf - und gab den Thron nicht wieder her. Andere Mannequin-Kolleginnen welkten dahin, ihre Schönheit schien alterslos. Top-Modemagazine rissen sich noch um die schwedische Schönheit, als diese schon über 50 war.

Corbis

Keine Allüren. Kein großer Auftritt. Kein Mega-Outfit. Die junge Frau, die 1936 in den Fotostudios der Pariser "Vogue" für Probeaufnahmen erschien, wirkte auf den ersten Blick sehr unscheinbar. Sie trug ein braunes, selbstgenähtes Wollkostüm. Ihr langes, blondes Haar wirbelte ungebändigt um ihre Schultern. Sie zitterte am ganzen Körper. Ganz offensichtlich schüchterte sie die schillernde Modewelt, in die sie hier eingetaucht war, furchtbar ein. "Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Deshalb war ich vollkommen verängstigt", erinnerte sich Lisa Fonssagrives Jahrzehnte später in einem Interview mit dem Modefotografen David Seidner. "Ich hatte keine Ahnung von Mode und mir noch nie eine Modezeitschrift angesehen."

Ein Naturkind schlug da im Herzen der Modeszene auf. Mit Schminke und Kleidern konnte sie nichts anfangen, sie schwamm lieber im Meer oder ging reiten. Der Fotograf Horst P. Horst ließ sich davon nicht beirren. Ihre hohen Wangenknochen, die lange, ebenmäßig geschwungene Nase, die athletische Figur und ihre natürliche Art begeisterten ihn auf Anhieb. Er war so hingerissen von der jungen Schwedin, dass er sie sofort für das nächste Shooting buchte. Bereits am nächsten Tag schlüpfte Lisa wieder leicht zitternd vor Angst und Aufregung in die edlen Abendroben des damaligen Stardesigners Lucien Lelong, die Horst für die "Vogue" in Szene setzte.

Sie ahnte damals nicht, dass dies der Auftakt einer einmaligen und bisher unerreichten Modelkarriere sein würde. Im Laufe der Zeit war ihr Gesicht auf 200 "Vogue"-Covern zu sehen. Hinzu kommen etliche Titel von Magazinen wie "Town & Country", "Harper's Bazaar" oder "Life", die sie zierte. Noch mit über vierzig Jahren stand sie vor der Kamera. Weder Claudia Schiffer noch Linda Evangelista oder Elle Macpherson konnten der am 11. Mai 1911 geborenen Lisa Fonssagrives bisher das Wasser reichen.

Millionen Menschen kannten Ende der vierziger Jahre Lisas Gesicht und ihren Namen. Damit unterschied sie sich wesentlich vom Rest der Zunft. Mannequins waren damals in der Regel namenlose, austauschbare Geschöpfe, die genauso schnell wieder von der Bildfläche verschwanden, wie sie aufgetaucht waren. Bei Lisa war das anders. Sie schaffte den Schritt aus der verordneten Anonymität und etablierte sich selbst als Marke und als real existierendes Schönheitsideal.

Später Karrierestart

Nach ihren ersten beiden Shootings eroberte sie die Pariser Modewelt im Sturm. Alle namhaften Fotografen wollten mit Lisa arbeiten, die bei den Shootings oft Mut und beherzten Einsatz bewies. Dabei entstanden teilweise spektakuläre Bilder. 1937 etwa lichtete Erwin Blumenfeld Lisa in schwindelerregender Höhe auf dem Eiffelturm ab. 1938 fotografierte sie der französische Starfotograf Jean Moral beim Fallschirmspringen. Im selben Jahr posierte sie als römische Schönheit für George Hoyningen-Huene, den Grand Seigneur der "Vogue"-Fotografen und Mentor von Horst. George Platt Lynes, André Durst, Eugene Rubin - die Liste namhafter Fotografen, die sie in den ersten Jahren ihrer Karriere in Paris fotografierten, lässt sich beliebig fortsetzen.

Lisa betonte immer wieder, sie sei "irgendwie" und rein zufällig Fotomodell geworden. Denn ihre wahre Berufung sah sie im Tanzen. 1931 hatte sie Schweden verlassen, um in Berlin bei der berühmten Choreografin Mary Whigman zu studieren. Damals hieß sie noch Lisa Bernstone. 1933 kam sie nach Paris und verliebte sich nicht nur in die Stadt, sondern auch in den Tänzer Fernand Fonssagrives, den sie 1935 heiratete. Gemeinsam betrieben sie eine Tanzschule - bis Lisa 1936 im Fahrstuhl ihres Wohnhauses von dem jungen Fotografen Willy Maywald entdeckt und fotografiert wurde. Von den Bildern war Fernand so begeistert, dass er sie Madame Dilé, der Leiterin des "Vogue"-Studios, zeigte, die daraufhin das Probeshooting mit Horst organisierte.

Lisa war damals 25 Jahre alt. Wäre es nach den Regeln des Modegeschäfts gegangen, hätte sie noch etwa fünf gute Modeljahre gehabt. Die meisten Mannequins fielen spätestens mit 30 dem gnadenlosen Ausleseprozess der Branche zum Opfer. Nicht so Fonssagrives. 1941, als sie 30 wurde, startete sie erst richtig durch. Zwei Jahre zuvor war sie gemeinsam mit Fernand nach New York übergesiedelt, um den Kriegswirren in Europa zu entkommen. Dank ihrer guten Kontakte zu vielen Modefotografen fasste sie auch in den USA schnell Fuß. Sie war inzwischen so berühmt, dass sie auf eine Modelagentur, die ihre Aufträge organisierte, verzichten konnte. Die Fotografen riefen sie direkt an. Aus dem schüchternen Naturkind war längst ein selbstbewusstes Model geworden.

Scheinbar alterslos

In dieser Zeit entstanden so berühmte "Vogue"-Cover wie das aus dem Jahr 1940, auf dem Lisa mit ihrem Körper jeden einzelnen Buchstaben des Heftnamens formt. Nicht nur bei diesen Aufnahmen profitierte Lisa von ihrer tänzerischen Ausbildung, in der sie vor allem eines gelernt hatte: absolute Körperbeherrschung. "Auf jedem Foto führe ich sozusagen einen statischen Tanz auf", erklärte Lisa ihr Erfolgsrezept. Sie war stets konzentriert und darauf bedacht, die Probleme des Fotografen zu lösen. Wenn er wolle, dass sie wie ein Kätzchen wirke, wirke sie eben wie ein Kätzchen, pflegte sie zu sagen. Es gehe bei den Fotos nie um das Model sondern ausschließlich um das Kleid. "Ich bin nur ein guter Kleiderbügel", ist ihr wohl berühmtester Ausspruch.

Diese unprätentiöse Art schätzten die Fotografen, die von anderen Models Allüren gewohnt waren. "Sie ist das professionellste Model, das ich jemals erlebt habe", schwärmte etwa Horst. Mit anderen Mannequins dauerten die Shootings in der Regel mehrere Stunden. Mit Lisa war oftmals bereits nach einer halben Stunde alles im Kasten. 40 Dollar pro Stunde - heute etwa 400 Euro - stellte Lisa in den vierziger Jahren in Rechnung. Damit war sie mit Abstand das weltweit bestbezahlte Model. Ihre Kolleginnen verdienten meist nur zwischen 5 und 25 Dollar. Daran änderte sich auch nach der Geburt ihrer Tochter Mia im Jahr 1941 nichts. Lisa blieb gefragt wie eh und je. Allerdings arbeitete sie ihrer Tochter zuliebe deutlich weniger und verbrachte in der Regel nicht mehr als 20 Stunden pro Woche in Fotostudios.

Als das US-Magazin "Time" 1949 auf der Suche nach einem Gesicht für ihre Titelgeschichte "A Million-Dollar-Baby" über das aufstrebende Modelbusiness war, schwärmten alle befragten Models und Fotografen von Lisa: Es gäbe nur eine für die Story - und das sei sie. Keine verkörpere besser das Millionengeschäft mit den hübschen Gesichtern. Sie war die "regierende Königin" der Modewelt, wie es "Time" schließlich formulierte. Dass sie damals bereits 38 Jahre alt war, blieb unerwähnt. Ihre schärfste Konkurrentin Dorian Leigh, die immerhin sechs Jahre jünger war, soll getobt haben, als sie erfuhr, dass nicht sie sondern Lisa den Sprung auf den "Time"-Titel geschafft hatte.

Die große Liebe

Auf dem Zenit ihrer Karriere lernte Lisa Irving Penn kennen, damals Modefotograf für die "Vogue" und später einer der gefeierten Fotokünstler des 20. Jahrhunderts. Penn und Lisa - das war eine der großen Liebesgeschichten der fünfziger Jahre. Sie begegneten sich zum ersten Mal in New York im Atelier der "Vogue". Penn hatte den Auftrag, für die "Vogue" die zwölf meistfotografierten Models des Jahres 1947 abzulichten. Eines davon war Lisa. Laut Penn war es Liebe auf den ersten Blick. Lisa hat sich nie dazu geäußert - aus Rücksicht auf ihren Ehemann Fernand. Sie verließ ihn schließlich 1950, um Penn zu heiraten. Bis zu ihrem Tod galten die beiden als Traumpaar der Modewelt.

Penn machte in den folgenden Jahren etliche Aufnahmen mit und von seiner Frau. Am berühmtesten wurden jene Bilder, die sie 1950 in Paris anlässlich der alljährlichen Präsentation der neuen Kollektionen aufnahmen. Mehrere Wochen verbrachten sie dafür in Frankreich und lieferten eine einmalige Fotoserie ab. Sie erschien in allen drei "Vogue"-Ausgaben: der britischen, amerikanischen und französischen. Für Lisa war das der Höhepunkt ihrer Karriere. Sie war damals 39 Jahre alt.

Zwei Jahre später brachte sie ihren gemeinsamen Sohn Tom zur Welt. Dennoch arbeitete sie kontinuierlich weiter: als Fotomodell und zeitweise sogar als Designerin. Einen ihrer letzten Fototermine machte sie 1961 für "Harper's Bazaar". Sie sollte eine Karrierefrau darstellen, die in einer goldenfarbenen Chevrolet Corvette dem "Sommer entgegenfährt". Alle Beteiligten hatten Sorge, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen sein würde. Denn sie sollte mit hoher Geschwindigkeit über den Highway brausen. Sie wussten nicht, dass Lisa Geschwindigkeit liebte und alles unter 70 Meilen pro Stunde "fade" fand. Jahrelang war sie jeden Tag mit ihrem Studebaker Cabrio von Long Island nach Manhattan zur Arbeit gebraust. Lisa setzte sich ans Steuer und fuhr los. Der Sonne entgegen mit einem flatternden Schal im Wind. Sie war damals 50 Jahre alt.



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Karin Philipp, 12.05.2011
1.
Damals wurde es offenbar noch akzeptiert, dass eine Frau eine Frau ist. Heute unterwerfen sich erwachsene Frauen dem Mädchenkult. Ein dreißigjähriges Model gilt als alt. Das ist schade (http://karinkoller.wordpress.com/2011/03/21/weil-ich-kein-madchen-bin/ )
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