"Little Syria" in New York Als man in Manhattan Arabisch sprach

Syrische Flüchtlinge dienen heute dem Trump-Lager als Feindbild. Einst prägten sie New Yorks Geschichte mit: Wo später das World Trade Center emporragte, befand sich vor 100 Jahren das arabische Viertel "Kleinsyrien".

Bain Collection/ Library of Congress

Von Fabian Köhler


Die Story hätte das Zeug zum Aufreger gehabt. Über arabische Integrationsverweigerer und migrantische No-go-Zonen hätte der Reporter der "New York Times" schreiben können. Doch nach der Recherche unter syrischen Flüchtlingen in New York wirkte er vor allem: erotisch verwirrt.

"Die Tänzerinnen, diese Fatimas sind zweifellos falsche Göttinnen", bestaunte er die "syrischen Schönheiten", hübscher als alle Frauen, die man sonst in der Stadt finde. Bedauerlich, dass sich diese "verblüffend schönen Mädchen" so rar machten - nur durch die "Ritzen der Rollläden" könne man sie erspähen.

Diese an europäische Orientfantasien erinnernden Zeilen schrieb Cromwell Childe. Und zwar im Jahr 1899 - mehr als 100 Jahre, bevor New Yorks Ex-Bürgermeister Rudy Giuliani gegen den Zuzug syrischer Flüchtlinge in die USA giftete. "60.000 Terroristen" wolle Hillary Clinton in die USA importieren, warnte Trump-Freund Giuliani im absurden Wahlkampf-Herbst 2016.

Dabei gehörten Menschen aus Syrien einmal so selbstverständlich zur Stadt wie die Freiheitsstatue und Chinatown. Seit ihrer Gründung waren die Vereinigten Staaten ein Magnet für Einwanderer. Allein in den hundert Jahren ab 1815 übersiedelten mehr als 30 Millionen Europäer, darunter einige Millionen Deutsche, in die USA; die meisten betraten in New York erstmals amerikanischen Boden, oft auf der Einwanderungsinsel Ellis Island. Migranten aus aller Welt hofften auf ein besseres Leben im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten".

Basare statt Banken

Einem New Yorker Viertel verpassten Zeitungen bald den Beinamen "Little Syria". Der Ort jener vergangenen arabischen Parallelkultur könnte aus heutiger Sicht geschichtsträchtiger nicht sein: Wo später das World Trade Center entstand, gehörten zwischen 1880 und 1940 Frauen mit Kopftuch ebenso zum Straßenbild wie arabische Schriftzüge an kleinen Krämerläden.

Wer wie Reporter Childe einen Spaziergang durch Lower Manhattan machte, traf rund um die Washington Street auf Straßenhändler, die religiösen Tand und syrischen Lakritzsaft verkauften. Wo heute Bankgebäude in die Höhe schießen, gab es in Basaren von selbstgemachten Teppichen über Schwerter bis zu orientalischen Lampen so ziemlich alles, nur keine verbindliche Preisauskunft. In Cafés rauchten junge Araber Wasserpfeife, die Alten entspannten beim Backgammon.

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"Little Syria": Lakritzsaft, Teppiche, Wasserpfeifen

Als Childe 1899 das Viertel besuchte, wohnten dort rund 3000 arabische Migranten. "Keine andere Kirche ist auch nur halb so prachtvoll und protzig", schrieb er über ein libanesisches Gotteshaus. Und über ein arabisches Restaurant: Das Essen habe "einen Eigenduft, an den weder die Franzosen noch die Deutschen herankommen".

Nicht alle Einheimischen begegneten den Neuankömmlingen mit Sympathie. "Elende maronitische Bettler befallen dieses Land", überschrieb die "New York Times" einen Artikel im Mai 1890. Dagegen lobte ein Redakteur 1903 die "Höflichkeit der Bewohner", die ihn an den britischen Staatsmann und Schriftsteller Chesterfield erinnerten. Ein paar Zeilen weiter romantisierte er die Szenerie eines arabischen Cafés: "Um die Tische sitzen dunkeläugige Männer mit olivefarbener Haut, die mit Gesicht und Figur Modell für ein künstlerisches Meisterwerk stehen könnten."

Die Syrer gab's schon früher nicht

Schon damals scheint die Flüchtlingsberichterstattung auch ein Kampf um die mediale Deutungshoheit gewesen zu sein: Mal galt "Little Syria" als Ort jugendlicher Straßenschläger, mal wurden die Syrer als die "gesetzestreuesten Bevölkerungsteile" der Stadt gepriesen. Ein Autor klagte über die Weigerung arabischer Neuankömmlinge, Englisch zu sprechen. Ein anderer betonte den Mangel an kommunalem Sprachunterricht.

Selbst Reporter Cromwell Childe, entflammt von den "syrischen Schönheiten", revidierte beim Stadtrundgang mehrmals sein Urteil über die arabischen Nachbarn. Nur wenige Häuserblocks weiter stellte er fest: "Hier versammeln sich alte Weiber…, jämmerliche alte Männer und Großfamilien mit schmutzigen Kindern, neben fetten Müttern und Arbeitern." In ganz New York finde sich nichts "abgrundtief Schmutzigeres als diese alten Wohnblocks".

Diese Widersprüchlichkeit lag nicht allein an den Perspektiven der Reporter. Schon damals galt: Es gibt nicht die Syrer. In Wahrheit stammten die Bewohner von "Little Syria" auch aus den Gebieten des heutigen Jordanien, Palästina und Libanon - Menschen unterschiedlichster kultureller und sozialer Herkunft, geflohen aus dem zerfallenden Osmanischen Reich.

Oase der Ruhe

Schätzungen zufolge kamen bis 1910 rund 60.000 Migranten aus jener Region in den USA an. Während Alteingesessene oft zu erfolgreichen Geschäftsmännern aufstiegen, verdingten sich Neuankömmlinge als Bettler oder in ausbeuterischen Sweatshops.

Kleinsyrien galt auch als Ruhepol, als Gegenentwurf zum "Geist von Eile und Hektik" der Millionenmetropole, so Reporter Childe. Bei Weinblättern mit Kalbsfleisch und syrischem Rotwein trafen sich in den Restaurants abends Gäste aus allen Stadtteilen. In den Literatencafés versammelte sich eine kleine Intellektuellenszene, die neben drei arabischsprachigen Zeitungen auch den ersten großen arabisch-amerikanischen Roman, Amin al-Rihanis "The Book of Khalid", hervorbrachte.

Doch bald schon wurde die kleine arabische Parallelwelt fortgerissen. Die Rassenideologie und die Angst vor dem Sozialismus erstarkten; nach der Jahrhundertwende verschärften die Vereinigten Staaten mehrmals ihre Einwanderungsgesetze. Die Zahl Ankommender ging in den Zwanzigerjahren um 85 Prozent zurück.

W olkenkratzer verdrängten Kleinsyrien

Zudem erlebte New York einen Bauboom. Der Großteil von "Little Syria" musste 1946 der Einfahrt zu einem Tunnel unter dem East-River weichen. Die meisten Bewohner trieb es weiter nach Brooklyn oder in andere Stadtteile. 20 Jahre später beseitigte der Bau des World Trade Centers die letzten Reste von Kleinsyrien - und damit die Erinnerung an ein Stück Stadtgeschichte.

Es dauerte fast 40 Jahre, bis die New Yorker sich auf dieses Erbe besannen. Auslöser waren ausgerechnet die Anschläge vom 11. September 2001: Bei Aufräumarbeiten fanden Bauarbeiter unter den Trümmern den Eckstein einer alten libanesischen Kirche. Seitdem kämpfen Nachkommen der "Little Syria"-Bewohner für die Bewahrung der arabischen Geschichte, auch als Symbol für die Vielfalt New Yorks.

Mit Erfolg: Eines der letzten drei bestehenden Häuser jener Zeit konnten sie vor einem geplanten Hotelneubau retten. Die letzte syrische Kirche, zwischenzeitlich ein Irish Pub, steht seit 2009 unter Denkmalschutz.

Nicht selten würden "Übertreibungen von Tatsachen in einer Erzählung umgebogen, die vom Unsinn nicht mehr weit entfernt sind", klagte Cromwell Childe 1899 in seiner Reportage und meinte damit Journalistenkollegen. Seine Kritik an den "Little-Syria"-Berichten taugt auch als Kommentar zu heutigen Flüchtlingsdebatten: "Dem zugrunde liegt die aufrührerische Jagd nach alarmierenden Fakten, und daher kommt es nicht selten vor, dass die Außenwelt auf falsche Ideen kommt, wenn nicht nachgeforscht wird."



insgesamt 7 Beiträge
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Siegmar Kalisch, 12.01.2017
1. Als man in Manhattan Arabisch sprach...
das war die Zeit wo die Islamische Religion noch vorwärts gewand war. Die Zeit wo es noch keinen Islamisnus gab und die Wahabiten noch nicht wussten, dass sie mit ihrer Kamelen auf unendlich viel Erdöl rumtrampelten. Die Zeit in der es noch stetig bergauf ging (siehe auch Bilder aus Afghanistan dem Iran und Irak bis in die 50er Jahre).
Kalim karemi, 12.01.2017
2. was für eine Ironie
Erst leben Araber auf dem Areal des späteren WTC, dann legen Araber dasselbe in Schutt und Asche.
Christian van Neuves, 12.01.2017
3. Eine andere Zeit
Das ist eine schöne Geschichte über essentiell eine beschränkte Anzahl von Individuen die Teil einer neuen, schnell expandierenden Gesellschaft werden. Zumal nicht besonders unterschiedlich zur generell christlich definierten Kultur des neuen Wirtslandes. Die Emigranten damals waren die aufgeschlossenen, die wagemutigen die den Schoß ihrer Familie verließen und in einer damals nur vom Hörensagen bekannten Welt ohne Sozialversicherung ankamen. Anpassung oder Untergang war angesagt, auch wenn man eher mit Gleichen wohnte, weil das den Anfang leichter machte und auch ein Minimum sozialer Sicherheit anbot. Eine Andeutung, dass das qualitativ oder quantitativ vergleichbar mit den gegenwärtigen Abläufen in Europa, insbesondere Deutschland wäre, halte ich für ungeeignet. Ich bin durchaus in der Lage Erfolgsstories syrischer Emigration anzubieten: beispielsweise ist der bedeutendste Journalist Südamerikas, Ali Kamel, hat "syrische Wurzeln" wie man das heutzutage gerne formuliert haben will. Wenn sie Parallelen zu Deutschland 2015 ff. wollen, dann sollten sie zuerst eine Analyse der syrischen Gesellschaft vor dem Umsturzversuch anbieten und dann multikulturelle Systeme wie Malaysia, Fiji, oder auch eine große Anzahl von afrikanischen Staaten anbieten. In Deutschland heute ist ja Multikulturalismus angesagt, und nicht Assimilation - "Melting Pot" - wie in den USA der im Artikel beschriebenen Zeit.
Georg Hillmeister, 12.01.2017
4. der kleine aber feine Unterschied ...
Ja, die Klischees gleichen sich oft und nach einigen Generationen versteht man die Aufregung oft nicht mehr, siehe der Ärger über z.B. italienische Gastarbeiter. Aber ein wichtiges Detail sollte hier betont werden: Die arabischen Einwanderer in die USA waren bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ganz überwiegend Christen, die oft vor moslemischer Drangsalierung flohen. Nicht zuletzt durch diesen Exodus ist der Libanon nicht mehr ein zu über 80% christliches Land wie er das vor hundert Jahren war, sondern nach mehreren Bürgerkriegen ein mehrheitlich moslemisches. Der Artikel ist also kein Beleg dafür, daß die Integration von Moslems ebenso leicht funktioniert. Das Beispiel der Christen im Orient zeigt vielmehr, daß Wanderungsbewegungen und Demographie keineswegs immer in Integration und "Bereicherung" enden ...
Harald Jentzsch, 12.01.2017
5. Vom Islam keine Rede
Es ist schon eine kleine journalistische Kunst, über die arabische Immigration damals und heute zu schreiben, ohne auf die - gerade im Zentrum der Debatten stehende - religiöse Zugehörigkeit der Flüchtlinge einzugehen. Wie G. Hillmeister richtig schreibt, waren die meisten der damaligen Flüchtlinge Christen (Assyrer, Nestorianer, Maroniten). Heute sind sie, weil in den vergangenen ca. 160 Jahren schon zahlreich ermordet und vertrieben, eine Minderheit. Auf vielfältige Weise wurden und werden sie immer noch drangsaliert. Die Rolle der jeweiligen islamischen Mehrheitsgesellschaften dabei zu verschweigen und auch zum Islam überhaupt in diesem Zusammenhang keine Silbe zu verlieren, darf man doch hoffentlich als manipulativen Betreuungsjournalismus bezeichnen. Mit schlichter Inkompetenz lässt sich eine solche Lücke jedenfalls nicht erklären.
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