Lockerbie-Attentat Ein Feuerball und viele falsche Fährten

Lockerbie-Attentat: Ein Feuerball und viele falsche Fährten Fotos
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Tragödie vor Weihnachten: Vor 20 Jahren explodierte ein Pan-Am-Jumbo über dem schottischen Lockerbie, 270 Menschen starben. Aber wer verübte den Terrorakt? Seit 2001 sitzt ein libyscher Geheimagent für das Verbrechen hinter Gittern - jetzt mehren sich die Zweifel an seiner Schuld. Von Almut Cieschinger

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Alles, was der krebskranke Abd al-Bassit Ali al-Mikrahi, 56, heute im Gefängnis von Greenock tun kann, ist warten und hoffen: Warten auf den Tod und hoffen, dass die vollständige Wahrheit vorher noch ans Licht kommt. Der Libyer sitzt ein, weil er laut Gerichtsurteil aus dem Jahr 2001 insgesamt 270 Menschenleben auf dem Gewissen hat: 259 Insassen des Pan-Am-Flugs 103 von Frankfurt nach New York und elfBewohner der schottischen Ortschaft Lockerbie, auf die der Jumbo am 21. Dezember 1988 nach einer Sprengstoffexplosion an Bord stürzte. Mikrahi beteuert bis heute seine Unschuld.

Der Absturz des Jumbos auf Lockerbie an jenem Dezembertag vor 20 Jahren war der schwerste Terroranschlag in der Geschichte Großbritanniens. Doch bis heute, zwei Jahrzehnte danach, ist der Fall weit davon entfernt, aufgeklärt zu sein. Geheimdienste, "Schurkenstaaten" wie Libyen und Iran, und indirekt auch der irakische Diktator Saddam Hussein waren involviert; eine schottische Revisionskommission sprach im Sommer 2007 vom "längsten, teuersten und komplexesten Fall, den wir zu untersuchen hatten". Den Richterspruch gegen den angeblichen Täter Mikrahi stufte die Kommission als mögliches "Fehlurteil" ein - und ermöglichte so ein weiteres Berufungsverfahren.

Nur ein fernes, dumpfes Geräusch

16.500 Starts hat die "Maid of the Seas", wie die US-Fluggesellschaft Pan Am die Boeing 747 mit dem Kennzeichen N 739 PA getauft hat, hinter sich; insgesamt gut acht Jahre war die 1970 gebaute Maschine bereits in der Luft gewesen. Drei Tage vor Heiligabend 1988, um 18:25 Uhr, hebt der Veteran dann zum letzten Mal ab, es soll von London nach New York gehen. An Bord sind 259 Passagiere aus 21 Ländern, darunter 35 Studenten der New Yorker Syracuse-University und zahlreiche US-Soldaten, die sich auf dem Weg in die Weihnachtsferien befinden. Rund 40 Minuten nach dem Start bricht die Maschine in 9500 Metern Höhe auseinander. Das letzte, was der Voice-Recorder im Cockpit aufzeichnet, sind nicht die Stimmen der Piloten, sondern nur ein fernes, dumpfes Geräusch.

Die brennenden Trümmer stürzen um 19:03 Uhr auf den kleinen schottischen Ort Lockerbie bei Dumfries. Das Vorderteil mit Cockpit kracht auf eine Schafweide. Der Aufprall der größeren Trümmer am Boden verursacht eine Erschütterung der Stärke 1,6 auf der Richterskala. Rumpfteile und Flügel verwüsten einen ganzen Straßenzug im Viertel Sherwood Crescent. Inmitten von Häusern klafft ein langer, mehr als zehn Meter tiefer Krater. Elf Anwohner werden von den herabfallenden Trümmern erschlagen oder sterben in den Flammen des explodierten Flugbenzins. "Der Himmel wurde hell wie am Tag und mein Auto wurde auf die andere Straßenseite geweht", berichtet ein Augenzeuge später."Es regnete Feuer". Fast die ganze Nacht noch stehen mehrere Gebäude in Flammen.

Flugzeugteile finden sich über einer Fläche von rund 2000 Quadratkilometern verstreut, die Ermittler zählen später Zehntausende Einzelteile. Auf Hausdächern und in Vorgärten entdecken die Einwohner des 3500-Seelen-Dorfes Leichenteile. Kleidungs- und Gepäckstücke sind in einem Umkreis von mehr als hundert Kilometern zerstreut. Kinder finden beim Spielen nahe einem Golfplatz Banknoten und Reiseunterlagen. Es dauert mehrere Tage, bis die Zahl der Toten endgültig feststeht, und zwei Wochen später sind noch immer nicht alle Opfer gefunden. Das Unglück ist nicht das schwerste der Luftfahrt, doch das Entsetzen ist weltweit groß. Die Katastrophe habe eine Resonanz gefunden "wie seinerzeit der Untergang der Titanic", schreibt die Tageszeitung "The Independent".

Spuren führen nach Iran

Die Unfallursache ist zunächst unklar, Materialermüdung wird nicht ausgeschlossen. Doch als Suchtrupps unter anderem einen zerfetzten Koffer finden, steht knapp eine Woche später fest: Es war eine Bombe. Das Gepäckstück, in dem sich aus Malta stammende Kleidungsstücke finden, ist durch Splitter eines Sprengsatzes zerstört worden.

Der Täterkreis scheint schnell ausgemacht. Es wird bekannt, dass ein anonymer Anrufer, später als Araber identifiziert, die US-Botschaft in Helsinki am 5. Dezember telefonisch vor dem Anschlag einer Palästinensergruppe auf eine Pan-Am-Maschine gewarnt hatte. Auch melden sich mehrere Bekennergruppen. Darunter sind die "Wächter der islamischen Revolution", die als Anschlagsmotiv Rache für den Abschuss eines iranischen Verkehrflugzeugs im Persischen Golf durch ein US-Kriegsschiff ein halbes Jahr vor Lockerbie angeben.

Als Ermittler in Schweden die Wohnung eines Ägypters mit Verbindungen zur von Iran und Syrien unterstützten palästinensischen Terrororganisation "Volksfront für die Befreiung Palästinas-Generalkommando" (PFLP-GC) durchsuchen, finden sie Kleidungsstücke aus Malta und einen Kalender, in dem das Datum 21. Dezember 1988 mit Bleistift umkringelt ist. Und bereits zwei Monate vor Lockerbie hatten Fahnder in Deutschland bei einem Schlag gegen eine Zelle der PFLP-GC ein riesiges Waffenarsenal gefunden - darunter einen zur Bombe umgebauten Radiorecorder, der bei bestimmtem Luftdruck einen Zeitzündmechanismus auslöst. Ähnlich ist auch die Lockerbie-Bombe konstruiert. Doch die Indizien, dass der Pan-Am-Jumbo von einer palästinensischen Terrorgruppe mit Verbindungen zu Iran und Syrien gesprengt wurde, lassen sich zunächst nicht erhärten.

Veränderte politische Weltlage und eine neue Tatversion

Stattdessen präsentieren FBI und Scotland Yard Ende 1991 eine neue Tatversion. Es ist das Jahr, in dem eine US-geführte Koalition Saddam Husseins Truppen aus Kuwait vertreibt. Ein libyscher Geheimdienstagent hat zwei Kollegen belastet, die mit ihm auf dem Flughafen Malta für die libysche Staatsairline gearbeitet haben: Abd al-Bassit Ali al-Mikrahi und Amin Chalifa Fuheima. Sie sollen den Bombenkoffer in Malta in ein Flugzeug nach Frankfurt geschmuggelt haben, wo die explosive Fracht in den Pan-Am-Flieger umgeladen worden sei. Ein Motiv hat der libysche Geheimdienst auch: Zwei Jahre zuvor hatten US-Jets Tripolis und Bengasi bombardiert, als Reaktion auf den Libyen angelasteten Bombenanschlags auf die Berliner Diskothek "La Belle".

Für diese Version spricht, dass ein maltesischer Ladenbesitzer Mikrahi als Käufer der in dem Bombenkoffer gefundenen Kleidungsstücke identifiziert. Die US-Fahnder präsentieren außerdem ein Beweisstück, das ihre These weiter erhärten soll: das winzige Teil einer Zeitschaltuhr, hergestellt von einer Schweizer Firma namens Mebo. Diese Firma soll Zeitschaltuhren hauptsächlich nach Libyen, aber auch in die DDR geliefert haben. Spuren, die von einer Libyen-Verwicklung wegführen, werden nun vernachlässigt - etwa die Aussage eines Zeugen, Irans starker Mann Ajatollah Chomeini habe persönlich Vergeltung gefordert für den Abschuss der iranischen Passagiermaschine.

Stattdessen gerät Libyen ins Visier. Auf Betreiben der USA und Großbritanniens verabschiedet die Uno mehrere Embargo-Resolutionen gegen Tripolis. Dort weist man die Vorwürfe zurück und weigert sich zunächst, die beiden Verdächtigen auszuliefern. Erst 1999 gibt der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi dem internationalen Druck nach und liefert die beiden Männer aus - unter der Maßgabe, dass ihnen auf neutralem Boden der Prozess gemacht wird. Später zahlt Libyen an die Hinterbliebenen der Opfer eine Milliardenentschädigung, auch wenn es den Vorwurf des Staatsterrorismus weiter zurückweist. Im Gegenzug streichen die USA den Wüstenstaat von der Liste der Terrorunterstützer.

"Ungewissheiten und Vorbehalte"

Nach der Vernehmung von 15.000 Zeugen und der Sichtung von 100.000 Beweisstücken spricht zwölf Jahre nach dem Lockerbie-Anschlag ein in den Niederlanden tagendes, schottisches Gericht den angeblichen libyschen Geheimdienstler Mikrahi schuldig, er erhält lebenslang. Der Mitangeklagte Fuheima dagegen wird freigesprochen. Das Urteil stützt sich im Wesentlichen auf die Aussage des maltesischen Ladenbesitzers und den Fund der Mebo-Zeitschaltuhr. Doch selbst die Richter müssen einräumen, dass "eine Reihe von Ungewissheiten und Vorbehalten" bleiben.

Verfechter der Iran-These äußern schon länger den Verdacht, die libysche Spur sei 1991 aufgrund der politischen Weltlage verfolgt worden. Weil Iran sich im Krieg um Kuwait neutral verhielt, sei es nicht im Sinne der US-Regierung gewesen, die Indizien für eine Beteiligung Irans an der Lockerbie-Katastrophe weiterzuverfolgen. Diesen Zweifeln geben neue Zeugenaussagen weiter Nahrung: Ein schottischer Polizist und ein Schweizer Mebo-Mitarbeiter sagten inzwischen aus, Beweisstücke seien "vorsätzlich politisch" manipuliert worden. Dabei geht es vor allem um das gefundene Teil der Zeitschaltuhr - das die Ermittler demnach erst ein halbes Jahr nach Lockerbie von dem Zeugen erhielten. Dennoch war das winzige Teil zentrales Beweisstück der Anklage. Auch an der Aussage des Ladenbesitzers, er habe Mikrahi erkannt, gibt es Zweifel - ihm soll bereits vor seiner Aussage ein Foto Mikrahis gezeigt worden sein.

Im Sommer 2007 erhielt der verurteilte Mikrahi nach vierjährigen Untersuchungen die Möglichkeit eines neuen Berufungsverfahrens. Sein krankheitsbedingter Antrag auf vorläufige Haftentlassung bis zu einem Fortgang des Prozesses aber wurde im November 2008 abgelehnt. "Je eher er freikommt, desto besser", sagt selbst der prominenteste Vertreter der Hinterbliebenen, Jim Swire, der seine Tochter Flora in Lockerbie verlor.

Wann ein endgültiges Urteil fällt, ist auch zwanzig Jahre nach dem Anschlag offen.


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1.
Michael Ott 19.12.2008
Meines Wissens bisher nicht beleuchtet wurde der Zusammenhang zwischen der Schweizer Firma Mebo, deren Inhaber, die Herren Meister und Bollier, in den 70er Jahren den Piratensender "Radio Nordsee International" vom Sendeschiff "Mebo" in der Nordsee aus betrieben. Nie abschließend geklärt wurden bereits weit vor Lockerbie bestehende Gerüchte, daß nach Sendeschluß gesendete Zifferncodes für den libyschen Geheimdienst bestimmte verschlüsselte Nachrichten waren.
2.
Anton Beispiel 21.12.2008
Erwähnenswert wäre, daß es sich bei dem abgeschossenen iranischen Verkehrsflugzeug, um einen vollbesetzten A300 handelte, der auf einem ganz normalen Linienflug unterwegs war. Während alle US-Kriegschiffe der Region diesen einwandfrei identifizierten, wiedersetze sich der Kommandant des US-Kreuzers Vincennes den Befehlen seines eigenen Oberkommandos sowie den Funksprüchen seiner Kollegen, und schoß den Airbus ab. 290 Menschen starben. Von Versehen kann keine Rede sein, denn allein der Radar-Blib ist 10 mal so groß, wie der eines Kamfjets. Dazu im Steigflug, mit 400 km/h! Was hätte das denn sein sollen, außer einem Zivilflugzeug? Kampfflugzeuge greifen im Tiefflug an, mit 900-2000 km/h. Zu Schade das es so etwas wie einen internationalen Gerichtshof nicht gibt. Die Welt wäre wesentlich friedlicher.
3.
Hans Michael Kloth 13.08.2009
Medienberichten zufolge soll der als Lockerbie-Attentäter verurteilte al-Mikrahi, der an Prostatakrebs im Endstadium leide, nun vorzeitig aus der haft entlassen werden (siehe http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,642150,00.html)
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