Seltener Bilderfund in Hessen Brunnen, Kühe, Hakenkreuze

1932 erwarb Hobbyfotograf Walter Löber eine Leica II - und machte damit Aufnahmen in der hessischen Provinz. Der seltene Bilderfund gelangte in den Besitz des Hessenparks. Der bittet nun um Mithilfe.

Walter Löber/ Freilichtmuseum Hessenpark

Von


So ganz überzeugt scheinen die beiden Kühe nicht zu sein, doch das blonde Mädchen mit den Pippi-Langstrumpf-Zöpfen hat die Situation unter Kontrolle. Mit beiden Händen zieht sie an dem Kopfgeschirr, um die Tiere Richtung Brunnentränke zu bewegen. Eine kurze Erfrischungspause, bevor es zurück aufs Feld geht.

Gleicher Brunnen, andere Szene: Eine ältere Frau mit Schürze und Kopftuch beugt sich über ihre Wäschewanne, ein Teil der weißen Kleidung lugt aus dem Wasser. Im Hintergrund fährt eine zweite Bäuerin auf ihrem Kuhgespann davon.

Zwei Fotos, die den Alltag in der deutschen Provinz zeigen. Aufgenommen in den Dreißigerjahren. Doch wo genau stand dieser Brunnen? Und: Ist er heute noch da?

"Vieles wurde entsorgt"

Mit solchen Detektivaufgaben beschäftigt sich Thomas Ostendorf nun schon eine ganze Weile. Dem Kurator am Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach im Taunus ist vor einem Jahr ein echter Fotoschatz in die Hände gefallen: mehr als 3000 Negative aus den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg.

"Solche Bilder sind rar, weil sie aus einer Zeit stammen, die man in Deutschland gerne vergessen würde", sagt Ostendorf dem SPIEGEL. Auch im Hessenpark, der ein großes Fotoarchiv beherbergt, seien nur wenige Bilder aus den Dreißigern zu finden. "Fotos aus den Tagen des Nationalsozialismus hat man nach dem Krieg oftmals entsorgt."

Fotostrecke

17  Bilder
Bilderrätsel: Wo könnte das sein?

Wissen Sie, wo diese Fotos aufgenommen worden sein könnten oder wer die Personen darauf sind? Dann schreiben Sie eine Mail an Thomas Ostendorf.


Umso größer war Ostendorfs Freude, als er das erste Mal einen Blick auf die Negativstreifen werfen durfte. Gefunden wurden sie von Diethard Löber - im Nachlass seines Vaters Walter, eines Schreinergesellen und Imkers. Die Löbers stammten aus Donsbach, heute Stadtteil von Dillenburg in Mittelhessen. Von dort aus, so erzählte Sohn Diethard, habe der Vater die Gegend erkundet.

Mit Kamera und Motorfahrrad Hessen erkundet

Immer dabei: seine Kamera, eine Leica-II. "Eigentlich war das die erste wirkliche Schnappschuss-Kamera auf dem Markt", sagt Thomas Ostendorf. Im Gegensatz zu den unhandlichen Glasplattenkameras, mit denen man lange belichten musste, besaß die kleine, leichte Leica-II einen 35-mm-Film und - als wichtige Neuerung zur Ursprungs-Leica - einen eingebauten Entfernungsmesser. "Damit konnten auch Amateurfotografen schnell scharfe Bilder schießen."

Walter Löber hatte laut seinem Sohn direkt nach Erscheinen des Modells im Jahr 1932 eine solche Kleinbildkamera gekauft. Mit ihr fuhr er auf einem Motorfahrrad durchs Land. Und fing vor allem Alltagssituationen ein: Männer auf Kuhgespannen in den Feldern. Frauen in Trachten, die große Kuchenbleche tragen. Und immer wieder: Kinder als Erntehelfer.

"Löber hat ein gutes Fotografenauge entwickelt", sagt Thomas Ostendorf. "Wenn ihm etwas aufgefallen ist, von dem er meinte, dass es berichtenswert wäre, hat er ein Bild geschossen. So sind viele Szenen festgehalten worden, die typisch für die Dreißigerjahre sind und heute nicht so zu wiederholen wären."

Der Brunnen als Treffpunkt

Bestes Beispiel: die unzähligen Brunnenbilder, die sich im Löber-Archiv finden. An den Wasserstellen tummeln sich nicht nur trinkende Mädchen und Jungen, sondern auch Frauen, die in Schüsseln Salat waschen oder Tiere, die getränkt werden. Der Brunnen, so Thomas Ostendorf, bildete vor allem in den Dörfern den wichtigsten Ort für tägliche Begegnungen.

Fotostrecke

29  Bilder
Hessische Provinz: "Bilder aus einer Zeit, die man gerne vergessen würde"

"Eine zentrale Wasserversorgung kam mancherorts erst in den Sechziger- oder gar Siebzigerjahren", sagt der Kurator. In Großstädten wie Frankfurt am Main gab es die Versorgung schon im ausgehenden 19. Jahrhundert. "Aber auf dem Land musste man zum Brunnen laufen, um sauberes Wasser zu erhalten." So wurde der Ort auch zum Treffpunkt, an dem man Neuigkeiten austauschte oder die Kleidung wusch.

Ein Bild, das heute der Vergangenheit angehört.

Hitler-Wahlaufrufe und geflaggte Straßen

Neben solchen Momenten der Ruhe hat Thomas Ostendorf unter den Löber-Negativen aber auch zahlreiche Anzeichen für das herannahende Unheil des "Dritten Reiches" ausgemacht. Hausmauern, auf denen die Aufschrift "Wählt Hitler" zu lesen ist. Oder Rathäuser mit Hakenkreuz-Flaggen. Sie rufen ins Gedächtnis, aus welcher Zeit die Schwarz-Weiß-Bilder stammen.

"Löber hat eine Reihe von Fotos gemacht, auf denen ganze Straßenzüge mit Hakenkreuz-Fahnen beflaggt sind", sagt Thomas Ostendorf. Das sei durchaus üblich gewesen in dieser Zeit. "Doch solche Bilder sind für gewöhnlich nach dem Krieg zerstört worden, weil sie an eine unselige Periode erinnern." Nicht so bei Walter Löber, der beides aufbewahrte: die Idylle auf dem Land - und die Symbole der NS-Zeit.

Für Thomas Ostendorf ein Glücksfall, weil er dadurch nachvollziehen konnte, wie unterschiedlich Gemeindevorsteher mit Nazi-Zeichen umgegangen waren. So habe Löber mit seiner Kamera zum Beispiel zwei Kleinstädte besucht, in denen zeitgleich geschichtliche Jubiläen begangen wurden. Bei der einen Gemeinde sei die Veranstaltungsbühne von Hakenkreuz-Flaggen umstellt gewesen, während Ostendorf auf den Fotos von der anderen Bühne kein einziges Banner gefunden habe.

Im Zuge seiner Recherche fand der Kurator die Orte heraus, die direkt nebeneinander liegen: Nierstein und Oppenheim. "Es gab Anfang der Dreißigerjahre unterschiedliche Wege, um so ein Fest zu begehen - je nachdem, wie stark die örtliche Führung der NS-Ideologie verhaftet war." So galt Nierstein schon früh als NSDAP-Hochburg, was die Beflaggung erklärt.

Alle sollen mithelfen

Noch viele weitere solcher Geschichten hofft der Hessenpark mit Hilfe der Löber-Fotos aufdecken zu können. Bisher hat Kurator Ostendorf ungefähr 30 Prozent der Orte auf den Bildern identifizieren können. Doch zahlreiche Fotos seien ihm noch ein Rätsel. Auch der Brunnen, an dem das Mädchen mit den Kühen und die Frau beim Spülen ihrer Wäsche zu sehen sind, wurde noch nicht lokalisiert.

Deshalb bittet das Freilichtmuseum nun in einer Sonderausstellung um Mithilfe. Bis Jahresende kann man einen Teil der Bilder im Hessenpark sehen.

Um noch mehr Antworten zu erhalten, hat Thomas Ostendorf einige Rätsel-Fotos dem SPIEGEL zur Verfügung gestellt. Und hofft auf Rückmeldungen per E-Mail. Es soll sich um Städte und Gemeinden handeln, die in den Dreißigern zu Hessen gehörten. Denn Löber, das weiß Thomas Ostendorf durch seine Recherchen, sei "mit Leib und Seele ein Hesse" gewesen.

Diesem alten Hessen hat Walter Löber mit seinen Bildern ein Denkmal gesetzt.

insgesamt 21 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Andreas Töpper, 13.07.2018
1. Bilderrätsel - Bild 3: Idstein im Taunus
Das ist das alte Rathaus in Idstein/Taunus. Im Hintergrund ist der Hexenturm zu sehen. https://www.idstein.de/Startseite/Tourismus/Stadtrundgang/Historische-Gebaeude/E1274.htm
Johannes Pille, 13.07.2018
2. Kleine Korrekturen
Die Mähmaschine auf Bild 9 ist ist von Mc Cormick (Firmiert heute noch/wieder so) und das gemähte Getreide wurde zu Garbenhaufen (nicht Heuhaufen) s. Bild 22 aufgestellt.
peter baetz, 13.07.2018
3. der
autor ist hier einem weit verbreiteten irrtum zum opfer gefallen: er nennt als ausstellungsort dieser bemerkenswerten foto-sammlung den hessenpark in neu-anspach (taunus/hessen), die überwiegende anzahl der fotos zeigt auch dementsprechend (der kurator hat schon nachvollziehbar "seine" auswahl getroffen) vor allem motive aus dem eher ländlichen hessen der 30er (also vor-krieg). erwähnt werden allerdings gleichzeitig (das geht jetzt an den autor) aber auch exemplarisch zwei städte, die ziemlich unterschiedlich (nierstein: viel "hakenkreuz" - oder oppenheim: weniger) sind und aus unerfindlichen gründen häufig dem auf der anderen rhein-seite gelegenen hessen zugeschlagen werden. merke: nierstein/oppenheim gehören zum rheinlandpfälzischen "rheinhessen"; diese bezeichnung mag zu etwas verwirrung verführen, entspringt aber allein einer verlegenheitslösung zum ende des wiener kongresses (1815/6). lediglich 102 jahre "zugehörigkeit" zum großherzogtum darmstadt (hier vermerkt unter "... und bei rhein") haben mit dieser region hier wirklich nichts zu tun. ich bin selbst hesse und lebe heute - mit absicht - auf der anderen, der "besseren" seite. mfg, peter bätz
Hartmut Schwensen, 13.07.2018
4. So sind viele Szenen festgehalten worden ...
@Spiegel "So sind viele Szenen festgehalten worden, die typisch für die Dreißigerjahre sind und heute nicht so zu wiederholen wären." Der Satz ist kompletter Unsinn. Kein Foto lässt sich wiederholen. Es ist immer ein anderes.
Michael Schnickers, 13.07.2018
5. Feldberg-Turm
Ich habe den Turm von Bild 8 gefunden. Er steht auf dem Großen Feldberg http://www.ansichtskarten-center.de/tuerme-wassertuerme/6384-feldberg-turm-aussichtsturm 1940 brannte der Turm nach einem Flugzeugabsturz aus und wurde 1949 neu errichtet: https://de.wikipedia.org/wiki/Aussichtsturm_Großer_Feldberg
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.