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08. September 2011, 18:03 Uhr

Logbuch eines Wehrmachtsfliegers

Tod zwischen den Zeilen

Was erlebte ihr Vater im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront? Was bekam er von den Verbrechen der Wehrmacht mit? Antworten auf ihre Fragen erhielt Sybil Wagener nie. Dann entdeckt sie sein Flugbuch - und ihr kommt ein schrecklicher Verdacht.

Meine Mutter bewahrte all unsere Fotos in Schuhkartons auf. Als Studentin fand ich eines Tages beim Wühlen darin zwei Aufnahmen, die beunruhigend anders waren als die vertrauten Familiengesichter. Aus einem fahrenden Auto aufgenommen, zeigten sie zerlumpte Menschen, die panisch flohen. Die Bewegungen verrieten, dass die Gejagten sich vor dem Wagen in Sicherheit zu bringen versuchten, aus dem fotografiert wurde. Meine Mutter ließ diese Fotos später kommentarlos verschwinden, ebenso fast alle Feldpostbriefe meines Vaters. Seither hat mich die Frage nicht losgelassen, was er ihr mitgeteilt haben könnte, das die Nachwelt nicht wissen sollte.

Nur sein Flugbuch ist der Zensur entgangen - das Dokument eines Fliegerlebens vom ersten Start bis zur letzten Landung. Beim Blättern darin entdeckte ich Jahre später, dass mein Vater als Quartiermeister des IV. Fliegerkorps das "Unternehmen Barbarossa" von Anfang an mitgemacht hat. Unter diesem Decknamen begann am 22. Juni 1941 der Angriff Deutschlands auf die Sowjetunion mit dem Ziel, ihren europäischen Teil vollständig zu erobern. In Erfüllung seiner Aufgabe, den Nachschub sicherzustellen, flog mein Vater im rückwärtigen Heeresgebiet zwischen seinem Stabsquartier und den Horsten hin und her, auf die die Fliegereinheiten seines Korps immer wieder neu verteilt wurden - Orte wie Nikolajew, Dnepropetrowsk und Saporoshje in der Ukraine waren Stationen seines Einsatzes.

Für die Realität dieses Krieges begann ich mich erst zu interessieren, als mein Vater schon nicht mehr lebte. Natürlich hatten wir Geschwister bereits in den sechziger Jahren begonnen, ihm kritische Fragen zu stellen. Er hatte stets behauptet, er habe von den KZs erst nach dem Krieg erfahren. Wir hatten ihm nie recht geglaubt. Heute denke ich, dass Kriegsteilnehmer wie er auch ohne Kenntnis der Lager vom Völkermord wussten. Wir haben einfach die falschen Fragen gestellt: Wir hätten fragen müssen, ob er etwas von den Massakern an der jüdischen Zivilbevölkerung in der Ukraine bemerkt hat, vom Holocaust vor Auschwitz, der oft genau dort stattfand oder kurz zuvor stattgefunden hatte, wo er sich aufhielt.

Während er lächelte, starben Juden

Viele Seiten aus dem Flugbuch meines Vaters sind herausgerissen worden. Die ersten drei Monate des "Unternehmens Barbarossa" fehlen, in denen das IV. Fliegerkorps, vor allem das Jagdgeschwader 77, maßgeblich an der Zerstörung der sowjetischen Luftwaffe mitwirkte. Die Einträge setzen erst am 20. September 1941 wieder ein. An diesem Tag startete mein Vater mit einer Bf 108 in Tschaplinka, wohin eine Gruppe des Jagdgeschwaders 77 verlegt worden war, Richtung Westen. Von dem kleinen Ort am Eingang der Landenge von Perekop aus, die die Halbinsel Krim mit dem ukrainischen Festland verbindet, flog er in Richtung des Fliegerhorsts Nikolajew-Ost, wo sein Stab seit dem 1. September 1941 lag.

Das Morden, das die Einsatzgruppen und Sonderkommandos unmittelbar nach der Einnahme der Stadt am 17. August begonnen hatten, war seither in vollem Gang. Die Meldung, in der dem Reichssicherheitshauptamt mitgeteilt wurde, dass an zwei oder drei Tagen alle Insassen des Gettos von Nikolajew, mindestens 3500 jüdische Männer, Frauen und Kinder, getötet worden seien, datiert genau vom 20. September 1941.

Das Foto meines jungen Vaters in Schaftstiefeln und Breeches - am Unterschenkel eng anliegenden, oben weiten Hosen - das meine Mutter bis zu ihrem Tod in einem Geheimfach ihrer Handtasche aufbewahrte, trägt auf der Rückseite eine Datierung: "Nikolajew Herbst 1941". Das Wetter ist diesig, die Bäume im Hintergrund sind kahl, man sieht niedrige, dunkel gedeckte Häuser und den Treppenaufgang zu einem größeren Gebäude, vor dem ein Wachposten steht.

Aber was spielte sich links und rechts von diesem Bildausschnitt ab, dahinter, ein paar Blocks weiter? Als ich las, dass die Familie des Schriftstellers Isaak Babel (der selbst anderthalb Jahre zuvor der stalinistischen Säuberung zum Opfer gefallen war) sich vermutlich unter den in Nikolajew ermordeten Juden befand, dachte ich, dass sie vielleicht genau in dem Moment starben, als mein Vater in die Kamera lächelte. Wenn nicht sie, dann andere.

Eine Reise ins Herz der Finsternis

Nachdem ich herausgefunden hatte, dass einige der Städte, die im Flugbuch meines Vaters verzeichnet sind, am Djnepr liegen, buchte ich eine Kreuzfahrt von Kiew nach Sewastopol und zurück. Es war mir klar, dass diese Reise mich ins Herz der Finsternis führen würde - und nicht nur mich. Mit mir waren viele Angehörige der Nachkriegsgeneration unterwegs, die mit traumatisierten Eltern aufgewachsen waren.

Das offizielle Programm entfaltete die reiche Geschichte der Ukraine in einem bunten Bilderbogen von Stadtansichten und Landschaften. Das "Unternehmen Barbarossa" jedoch blieb unerwähnt. Erst auf der Krim mit ihren Soldatenfriedhöfen führte kein Weg mehr am Thema Weltkrieg vorbei. Ganz und gar ausgespart aber blieben im Reiseprogramm die Massaker an Hunderttausenden von jüdischen Kindern, Frauen und Männern, die Auschwitz vorweg nahmen - und die sich teilweise so nah an der Reiseroute abgespielt haben, dass mich das Entsetzen oft nicht schlafen ließ.

In Kiew machte ich mich auf den Weg nach Babi Jar - zu der inzwischen verschütteten Schlucht, in der am 29. und 30. September 1941 die größte einzelne Mordaktion des Zweiten Weltkrieges stattgefunden hatte. 33.771 jüdische Bürger Kiews, vor allem Frauen und Kinder, wurden unter dem Deckmantel einer Evakuierungsaktion in die Schlucht gebracht und erschossen.

Babi Jar? Die Ukrainerinnen an der Rezeption hatten den Namen noch nie gehört. Der deutsche Reiseleiter bekannte, nie dort gewesen zu sein. Vielleicht lag es daran, dass es die Schlucht nicht mehr gab. Die zweieinhalb Kilometer lange, bis zu 50 Meter tiefe Felsspalte war nach 1957 aufgefüllt und mit einem "Kulturpark" getarnt worden. Erst seit 1991, nachdem die Ukraine unabhängig geworden war, erinnert eine große Menora an das Schicksal der Juden von Kiew.

Ein Blutbad unter Kindern

Leiter des Massakers war der SS-Offizier Paul Blobel. Nur wenige Wochen zuvor hatte das von ihm befehligte Sonderkommando 4a der Einsatzgruppe C bereits in Belaja Zerkow, etwa 80 Kilometer südlich von Kiew, ein Blutbad angerichtet - und dabei nur halbe Arbeit geleistet. Denn noch war es für die SS nicht Routine, auch kleine Kinder zu erschießen. Etwa 90 Säuglinge und Kleinkinder unter fünf Jahren wurden von den zur Exekution getriebenen Eltern getrennt und in einem Haus unversorgt zurückgelassen.

Oberstleutnant Helmuth Groscurth von der durchziehenden 295. Infanteriedivision protestierte scharf beim Befehlshaber der VI. Armee, Generalfeldmarschall von Reichenau. Doch der rügte nur seine Ausdrucksweise und ordnete an, die begonnene Aktion "in zweckmäßiger Weise" zu Ende zu führen. Die Einsatzgruppen gingen dazu über, die Kinder gemeinsam mit den Eltern zu ermorden.

In Belaja Zerkow war eine Gruppe des Stabsgeschwaders 77 im August 1941 stationiert. Musste mein Vater als Quartiermeister des IV. Fliegerkorps nicht zwangsläufig dort zu tun gehabt haben? Berichte über den Skandal der Kinder von Belaja Zerkow verbreiteten sich in der Wehrmacht wie ein Lauffeuer. Es ist unwahrscheinlich, dass er meinem Vater nicht zu Ohren gekommen war. Zuvor lag sein Stab auch in Jassy und Balti, wo Tausende Zivilisten erschossen wurden. Ist das der Grund, warum drei Monate Krieg aus seinem Flugbuch getilgt sind? Hätten die vernichteten Seiten ihn eines Wissens überführt, das sein Gewissen belasten musste, so dass er sich in die Verleugnung flüchtete?

"Humanere Tötungsmethoden"

Im Flugbuch fand ich zwei weitere Schnittstellen des Holocaust mit dem Leben meines Vaters. Am 2. Januar 1942 flog er, wenn auch nur für wenige Stunden, Poltawa und Charkow an, Orte, wo die Ermordung der Juden zu jenem Zeitpunkt ihre grausamste Form annahm.

Mitglieder der Einsatzkommandos hatten begonnen, über die nervliche Belastung zu klagen. Ihre Pflicht sollte ihnen daraufhin, wie Himmler es ausdrückte, durch "humanere Tötungsmethoden als das Erschießen" erleichtert werden. "Humaner" nicht für die Opfer, sondern für die Mörder. Die "Lösung" war der Gaswagen, eine Gaskammer auf Rädern. Das vom Motor produzierte Kohlenmonoxid wurde in den abgedichteten Fahrgastraum des Kastenwagens abgeleitet. Der Prototyp war an russischen Kriegsgefangenen in Sachsenhausen "getestet" worden.

Die ersten dieser Fahrzeuge wurden im November 1941 in Poltawa in Betrieb genommen. Charkow war der zweite Ort, wo die Vergiftung der Opfer durch Gas zur Anwendung kam. Allein dort wurden von Dezember 1941 bis Januar 1942 15.000 Juden getötet. Die meisten wurden erschossen, doch die Gaswagen waren gleichzeitig im Einsatz, vorzugsweise für Kinder und Frauen. Diese Methode wurde für Auschwitz und die anderen Vernichtungslager übernommen.

Niemand kann bezeugen, was er nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Aber gab es nicht unmissverständliche Zeichen? Menschen mit Gepäck wurden durch die Straßen getrieben. Schüsse fielen, die nichts mit Kriegshandlungen zu tun hatten. Was hatte mein Vater seiner Frau in den Briefen, die zwei große Schubladen füllten, berichtet, von dem wir, seine Kinder, und die Nachwelt nichts erfahren durften?

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