Londoner Schuldenerlass Starthilfe für Deutschland

Es ging um Milliarden: Deutschlands wirtschaftlicher Aufstieg nach dem Zweiten Weltkrieg wird häufig auf den US-Marshall-Plan zurückgeführt. Doch noch wichtiger war ein enormes Zugeständnis der Gläubigerstaaten.

Werbeplakat für den Marshall-Plan

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Deutschland war im Winter 1952/53 noch immer ein von tiefen Kriegswunden gezeichnetes Land: Zerstörung, Hunger und vielfach auch Hoffnungslosigkeit prägten den Alltag der Menschen. Die Wirtschafts- und Finanzpolitiker unter Kanzler Konrad Adenauer (CDU) hatten jedoch wenig Spielraum, um den deutschen Wiederaufbau zu unterstützen und somit das dringend benötigte Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Ursache hierfür waren insbesondere hohe Auslandsschulden.

Mit 30 Millarden DM war die Bundesrepublik Anfang der 1950er Jahre im Ausland verschuldet. Rund die Hälfte davon ging auf Kredite zur Bedienung umgeschuldeter Reparationsforderungen des Versailler Vertrags nach dem ersten Weltkrieg zurück. Ab dem Sommer 1952 versuchte eine deutsche Delegation in London gemeinsam mit zahlreichen Gläubigerländern eine Lösung für die Schuldenproblematik zu finden.

Unter der Leitung des Bankers Hermann Josef Abs, dem späteren Vorstandschef der Deutschen Bank, versuchte die deutsche Delegation die schlechte wirtschaftliche Situation des Landes als Grund für eine Nichtbedienung der ausstehenden Kredite anzuführen. Die Gläubigerländer folgten dieser Argumentation, insbesondere auch auf Grund der sich abzeichnenden geostrategischen Bedeutung der Bundesrepublik. Selbige sollte im Kampf gegen den Kommunismus eine entscheidene Rolle spielen.

Am 27. Februar 1953 wurde das Ergebnis in London verkündet: 15,5 Millarden DM Schulden wurde den Deutschen erlassen. Und nicht nur das: die Gläubigerstaaten verzichteten zudem noch auf alle nicht bezahlten Zinsen in Höhe von rund 20 Milliarden DM. Weiterhin wurden die noch ausstehenden Schulden in Bezug auf Laufzeiten, Zinsen und Tilgungsraten angepasst: jeweils zu Gunsten der Bundesrepublik.

Die Londoner Schuldenkonferenz legte also einen wichtigen Grundstein für das nun folgende Wachstum. Ein Ergebnis, auf welches auch viele Entwicklungsländer bis heute hoffen. Und in der Tat gibt es auch in dieser Hinsicht viele Bestrebungen. So haben die G8-Staaten eine Entschuldungsinitiative für Hochverschuldete Entwicklungsländer auf den Weg gebracht.

Doch bei weitem nicht alle problematisch verschuldeten Entwicklungsländer konnten sich bisher für diese Initiative qualifizieren. Und auch die Bedingungen sehen für viele weitaus schlechter aus als für die Bundesrepublik 1953: während Deutschland nach dem Londoner Abkommen von seinen Exporteinnahmen nur 3 Prozent für den Schuldendienst bezahlen musste, überwies Brasilien im Jahre 2005 beispielsweise mehr als 10mal so viel, nämlich 44,5 Prozent. Auch Deutschland als einer der größten Gläubigerstaaten der Entwicklungsländer könnte hieran etwas ändern - und sich dabei vielleicht an seine eigene Entschuldung erinnern.

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