Kultsketch "Weihnachten bei Hoppenstedts" "Dicki, jetzt guck mal genervt!"

Loriot machte 1978 Dicki Hoppenstedt als mürrisches Horrorkind berühmt. Ein Junge, dachte man. Katja Bogdanski über eine Rolle, die viele ihr bis heute nicht abkaufen, Tränen beim Dreh und 40 Fußtritte in den Fernseher.

NDR/Radio Bremen

Ein Interview von


Katja Bogdanski hat ein seltenes Privileg. Millionen kennen sie, aber niemand erkennt sie auf der Straße. Sie ist berühmt, ohne berühmt zu sein. Denn Bogdanski ist Dicki Hoppenstedt. Ja, dieses pummelige, störrische Kind, das vor 40 Jahren durch Loriots Sketch "Weihnachten bei Hoppenstedts" zur Kultfigur wurde. Bogdanski sei eine Lügnerin, pöbeln bis heute Verschwörungstheoretiker im Netz: Dicki sei ein Junge, basta!

Ein Besuch bei Katja Bogdanski in ihrem frisch renovierten, weißen Haus in Lüneburg hat auch etwas Selbstzerstörerisches. Feste Gewissheiten gehen schlagartig verloren. Ein wenig so, wie wenn man die sehr erwachsenen Synchronsprecher der "Drei Fragezeichen" zum ersten Mal sieht, deren Stimmen bis dahin immer noch die von zwölfjährigen Detektiven waren.

Katja Bogdanski begrüßt freundlich lächelnd, eine blonde, schlanke Frau Mitte vierzig, die von Loriot schwärmen kann, ohne dass es aufgesetzt klingt. Was ist nur aus Dicki geworden, das Kind mit den heruntergezogenen Mundwinkeln, das "Zicke Zacke Hühnerkacke" zum Weihnachtsgedicht erhob und den Fernseher umtrat? Ja, die Fernseherszene, wird Bogdanski sagen, sei eine einzige Katastrophe gewesen. Eine von mehreren. Bogdanski erzählt ihre Anekdoten pointiert und gut betont. Loriot hätte es gefreut.

einestages: Frau Bogdanski, wie sehr fühlen Sie sich heute noch als eine Hoppenstedt?

Katja Bogdanski: Dicki lebt in mir, das ist eine Art Dauerzustand. Und Loriot ist mein ständiger Begleiter, mit all seinen feinen Redewendungen, Betonungen, seinem Wortwitz.

einestages: Die Familie Hoppenstedt aber ist fast ausgestorben.

Bogdanski: Ja, ich bin leider die letzte Hoppenstedt. Evelyn Hamann, meine Film-Mama, ist als Erste verstorben. Loriot, Opa Hoppenstedt, starb 2011. Zwei Jahre später folgte Heinz Meier, mein Film-Vater.

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einestages: Mama, Papa, Opa: Klingt fast, als wären die Hoppenstedts eine richtige Familie für Sie gewesen.

Bogdanski: Ja, so habe ich das empfunden. Für mich sind es wunderbare Erinnerungen.

einestages: Ist es nicht nervig, sich jedes Weihnachten als moppeliges Kind zu sehen?

Bogdanski: Ich finde das überhaupt nicht schlimm. Es amüsiert mich immer noch. Der Sketch ist eben Kult wie "Dinner for one".

einestages: 1978 wurden Sie mit sieben Jahre zum jüngsten Mitglied der Hoppenstedts. Wie kam es dazu?

Bogdanski: Loriot und Radio Bremen haben ein Casting ausgeschrieben, an dem unter anderem auch Hape Kerkeling teilnahm. Aber da fand sich niemand Passendes. Ich weiß nicht genau, warum Kerkeling nicht genommen wurde, womöglich war er zu alt. Daraufhin rief das Casting-Team Grundschulen in der Umgebung von Bremen an und fragte, ob es ein Kind gebe, das etwas pummelig, frech und aufgeschlossen sei.

einestages: Das waren Sie...

Bogdanski: Unser Hausmeister sagte sofort: Ja, ich weiß da jemanden! Dann ging es ganz schnell. Loriot stand unter Zeitdruck. Es war Oktober, im Dezember sollte der Sketch ausgestrahlt werden.

einestages: Sie sind also gar nicht gegen andere "Dickis" angetreten?

Bogdanski: Nein, das Team kam zur Schule, ich bekam einen Text, den ich lernen sollte. Und plötzlich saß ich schon nachmittags mit meiner Mutter im weinroten Bus von Radio Bremen auf dem Weg zum Bremer Steintorviertel, wo Loriot gedreht hat. Da stand dann der große Meister.

einestages: Was mussten Sie machen?

Bogdanski: Ich sollte auf- und abgehen, mich drehen, meinen Text aufsagen. Loriot meinte nur: Gebongt, die nehme ich! Zack. Ich wusste gar nicht, wie mir geschah.

einestages: Wie liefen die Dreharbeiten? Loriot galt als sehr pedantisch.

Bogdanski: Es war wahnsinnig aufregend, aber oft anstrengend. Bei so einem Genie, mit seinem Perfektionismus musste vieles 30, 40 Mal wiederholt werden. Ob das mein Schritt war, meine Betonung, meine Armbewegung. Mal habe ich zu weit nach oben, mal zu weit nach unten geschaut. Dann war die Beleuchtung schlecht oder es klingelte irgendwo im Haus. Manchmal musste ich auch ein bisschen weinen.

einestages: In welcher Situation zum Beispiel?

Bogdanski: Besonders in der Szene, in der Heinz Meier, also Papa Hoppenstedt, mir im Wohnzimmer Geschenke an den Kopf haut. Wenn man das 15 Mal dreht, tut es doch etwas weh.

einestages: Tat es ihm leid?

Bogdanski: Vermutlich, aber ich habe Heinz Meier eher negativ in Erinnerung. Er war immer unfreundlich, mürrisch, grummelig. Evelyn Hamann dagegen war Zucker. Hat mir immer kleine Stofftiere mitgebracht, eine Robbe zum Beispiel. Und Loriot war ein herzlicher, warmer Mensch mit viel Geduld. Manchmal konnte aber auch er streng sein.

einestages: Wann war der nette Loriot denn streng?

Bogdanski: Ich sollte einen Ball in mein Weihnachtsgeschenk werfen, dieses aufgebaute Spiel-Atomkraftwerk, sodass Kühe und Schafe umkippen. Leider habe ich nie getroffen. Da hat Loriot die Nerven verloren und gesagt: "Mein Gott, das kann doch nicht so schwer sein, irgendeine blöde Kuh zu treffen!"

einestages: Hat es danach geklappt?

Bogdanski: Wenn ich mich recht entsinne, ist nie etwas umgefallen. Oft wurde ich auch ermahnt: "Dicki, jetzt guck mal genervt!"

einestages: Noch schwieriger war sicher die Szene, in der Dicki den Fernseher lässig per Fußtritt anschaltet.

Bogdanski: Ja, eine Katastrophe. Die Szene ging so: Ich kam ins Wohnzimmer, in dem schon der Staubsaugervertreter der Firma Heinzelmann saß, der sagte: "Ein hübsches Kind!" Was für ein fieser Humor. Evelyn Hamann rief dann: "Dicki, guck doch mal ein bisschen Fernsehen." Dann musste ich mich in die Ecke setzen.

einestages: Und sofort gegen den Fernseher treten...

Bogdanski: Ich weiß nicht, wie oft ich getreten habe, bestimmt 40 Mal. Irgendwann habe ich zu schwungvoll zugetreten, der Fernseher kippte krachend vornüber. Keine Ahnung, ob er kaputt war. Ich weiß nur noch, dass ein Assistent danach in der Ecke saß und von hinten den Fernseher festhalten musste. Der Arme war voll eingequetscht und bekam kaum Luft, bis die Szene endlich so locker aussah, wie sie Loriot haben wollte.

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einestages: Ihr berühmtester Auftritt war das Weihnachtsgedicht. Haben Sie auch endlos "Zicke Zacke Hühnerkacke" sagen müssen?

Bogdanski: Nein, in diesem Fall war Loriot schon beim dritten Mal zufrieden.

einestages: Haben Sie sich versprochen?

Bogdanski: Nein, es ging um die Betonung. Zicke, Zacke HÜHNERkacke. Betonung auf Hühner. Und um die Körperhaltung: Ich sollte dieses trotzige Kind sein, aber auch etwas ängstlich und eingeschüchtert. Nach dem Motto: Ich habe ein wenig Angst, mach das aber jetzt.

einestages: Gerade in dieser Szene stellt sich die Frage: Sollten Sie ein Junge oder ein Mädchen sein?

Bogdanski: Loriot hat das bewusst offenhalten wollen. Die Zuschauer sollten rätseln. In der ersten Szene weiß ja nicht einmal Opa Hoppenstedt beim Kaufen des Weihnachtsgeschenks, ob sein Enkelkind ein Junge oder Mädchen ist. Die Maskenbildnerin hat deshalb alles gegeben, damit Dicki wie ein Es aussah.

einestages: Was machte die Maske?

Bogdanski: Die Haare wurden mir mit der Rundbürste bescheuert nach vorne frisiert. Dann zog ich diesen uneindeutigen Zwirn an, das Blüschen, das Westchen und diese zu enge Hose. Die hat furchtbar gedrückt. Ich finde aber auch: Auf den ersten Blick wirkte ich eher wie ein Junge.

einestages: Gefiel Ihnen die fertige Sendung, als sie endlich im Fernsehen ausgestrahlt wurde?

Bogdanski: Ja, da habe ich überhaupt das erste Mal begriffen, worum es ging. Wir hatten ja immer nur kurze Einzelszenen gedreht. Außerdem habe ich den ganzen Filmbereich damals nicht kapiert und mich ständig gefragt: Wie komme ich überhaupt ins Fernsehen? Jetzt war ich drin.

einestages: Welche Szene gefällt Ihnen heute noch besonders gut?

Bogdanski: Sehr witzig finde ich, wie Opa Hoppenstedt als Weihnachtsmann verkleidet ins Wohnzimmer stürmt und sagt: "Schau mal Dicki..." Und ich dann so gelangweilt sage: "Opa..." Oder die ganzen Krawatten, die Vater Hoppenstedt bekommt. Hauptsache, irgendetwas schenken. Schöne Konsumkritik.

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einestages: Wann ging der Hype um Dicki los?

Bogdanski: Das hat noch lange gedauert. Mein Vater hatte mir damals ein paar Autogrammkarten gebastelt. Ich habe mit "Dicki" unterzeichnet, viel mehr konnte ich in dem Alter sowieso nicht schreiben. Bis zu meinem 18. Lebensjahr war dann ziemlich Ebbe. Schließlich kontaktierte mich ein Loriot-Liebhaberzirkel. Und ich bekam immer wieder Fanpost an Dicki.

einestages: Werden Sie diese Weihnachten die Hoppenstedts schauen?

Bogdanski: Ich denke schon, sonst habe ich sie auf DVD. Wenn mein Mann und ich richtig abgespannt sind, schauen wir sowieso Loriot, um mal wieder richtig herzhaft loszulachen.

Loriot wollte gern mehr mit Dicki filmen. Aber nach den sehr zeitintensiven Dreharbeiten sagte ihm Bogdanskis Mutter: Nein, das reicht erst einmal. Später stand sie doch noch ein paar Mal vor der Kamera, bei Rudi Carrells "Am laufenden Band" etwa und in einem Krimi als entführte Millionärstochter. "Das war es dann aber mit meiner wahnsinnig großen Schauspielkarriere", sagt sie selbstironisch.

Mit Loriot blieb sie dennoch weiter in Kontakt. Bastelte ihm eine Tonmaske. Bekam Briefe von ihm. "Liebe Dicki", schrieb er dann und unterzeichnet mit "Dein Loriot alias Opa Hoppenstedt". Als Bogdanski 1989 mit 18 eine Ausbildung zur Maskenbildnerin begann, fragte Loriot nach einem Foto, "denn es interessiert mich sehr, wie 'Dicki' heute aussieht". Das Bild von der jungen Frau mit den violett gefärbten Haaren muss auch bei ihm etwas verändert haben. Charmant fing er das in seiner Antwort auf:

"Liebe Katja, (denn 'Dicki' passt ja nun gar nicht mehr) über Dein Foto habe ich mich sehr gefreut und danke Dir herzlich. Was bist Du für ein hübsches Mädchen geworden!"

Damit war Dicki endgültig beerdigt. Und lebt dennoch heute als einzige Hoppenstedt weiter.



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Liesa Bär, 20.12.2018
1. Jedes Jahr wieder
"Weihnachten bei Hoppenstedts" ist einfach Kult, gehört jedes Jahr für uns dazu. Wir bringen auch in der Vorweihnachtszeit immer wieder Anekdoten ("Dieses Jahr bleibt der Baum grün und umweltfreundlich!"), deren Hintergrund jedoch leider nur wenige Leute verstehen. Und, ganz wichtig: Da wir uns stets bis zur Geburt vom Geschlecht unserer Kinder überraschen ließen, trugen diese während der Schwangerschaften stets den geschlechtsneutralen Namen "Dicki" - eben, weil man es nicht so genau weiß ;)
Markus Döring, 20.12.2018
2. Kult!
"Weihnachten bei den Hoppenstedts" ist einfach Kult. Darüber kann man auch beim zwanzigsten Anschauen lachen und entdeckt jedes Mal noch neue Details. Was für ein Unterschied zu dumpf-hohlen "Comedians" à la Mario Barth. Und man stelle sich vor, heute käme jemand auf die Idee, real existente Firmen wie "Hannoversche Lebensversicherung" oder "Pallhuber" in einen Sketch einzubauen - das Geschrei und die Prozesse will ich mir lieber nicht ausmalen. Und was Leute betrifft, die über Loriot nicht lachen können - bei Nicht-Muttersprachlern kann ich das verstehen, und um alle anderen mache ich einen Bogen...
K.K. Laake, 20.12.2018
3. Unerreicht
Über Loriot kann ich mich auch heute noch kaputtlachen. Diese Detailversessenheit ist wohl das was ihn ausmacht. Da stimmte einfach alles: Timing, Körperhaltung, Betonung. Wenn man da an Mario B. und Co. denkt, dann kommt einem das Grausen.
Arne Fiebig, 20.12.2018
4.
Ich wäre nie auf die Idee gekommen, Dicki für einen Jungen zu halten. Aber wahrscheinlich haben Kinder (welches ich beim ersten mal sehen auch war) da feinere Antennen.
Renzo Nureinmensch, 20.12.2018
5.
Nicht Dicki sondern Opa Hoppenstedt kickt den Fernseher, und eine Kuh fiel tatsächlich doch um.
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