Lost Pianos Der Mensch geht, das Klavier bleibt

Als Jäger verlorener Schätze durchforstet Romain Thiery Ruinen in ganz Europa. Der Pianist und Fotograf sucht vergessene Klaviere - um ihnen einen letzten großen Auftritt zu verschaffen.

Romain Thiery

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"Ich glaube, das Klavier ist ein Instrument, das jeder mag. Selbst Leute, die gar nicht spielen können, schlagen Tasten an, sobald sie in einen Raum kommen, in dem eines steht", sagt Romain Thiery, 30. Der Franzose hat eine besondere Beziehung zum Instrument: Er sammelt Klaviere. Nicht physisch, eher im Herzen. Er reist durch ganz Europa, um verlassene Klaviere aufzuspüren. Wenn er eines findet, fotografiert er es.

Bei der Suche geht er geradezu detektivisch vor: Mithilfe von Satellitenbildern macht er verlassene Villen, Schlösser, kulturelle Orte ausfindig, meist aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Ein bisschen Glück ist nötig. Aber es sei tatsächlich wahrscheinlich, sagt Thiery, ein Klavier dort zu finden, wo einst Aristokratie und Bourgeoisie herrschten.

Mittlerweile helfen ihm bei seinen Recherchen Freunde in ganz Europa. Seit ein paar Jahren arbeite er außerdem mit französischen Organisationen zusammen, die nach NS-Raubgut fahnden, wozu häufig Musikinstrumente gehörten.

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Lost Pianos: Totenmesse für Klavier

Wie aber kommt man überhaupt auf die Idee, nach zurückgelassenen Klavieren zu suchen? "Ich bin ein sehr leidenschaftlicher Mensch", sagt Thiery, der heute in Montpellier lebt. Orte mit verlassenen Klavieren seien Kreuzungen, an denen zwei seiner großen Leidenschaften zusammenkämen.

Die erste ist Musik und nimmt schon lange einen Großteil seines Lebens ein: Seit seinem fünften Lebensjahr spielt Thiery Klavier, 15 Jahre lang lernte er an einer Musikschule und spielt noch heute jeden Tag - am liebsten Chopins "Nocturnes".

"Region voller verlassener Wunder"

Die romantische, teils dramatische Musik aus dem 19. Jahrhundert könnte so etwas wie der Soundtrack zu seiner anderen Passion sein: Fotografie. Thiery studierte zunächst Umwelt- und Naturschutz und reiste danach ein Jahr durch Asien. Indien beschreibt er als eine Art Offenbarung: Die Farben, die Atmosphäre, die spezielle Architektur - sie hätten ihn zum Fotografieren angeregt. Das liegt offenbar in der Familie: Seine Mutter war Fotografin.

Zurück in Frankreich widmete Thiery sich einem Projekt, das sie begonnen hatte. Die Familie stammt aus dem Périgord im Südwesten Frankreichs, "einer Region reich an Geschichte und voller verlassener Wunder". Die Mutter besuchte und dokumentierte diese vergessenen Orte. Er tat es auch.

Fünf Jahre lang war er schon unterwegs, als er 2014 in einem Schloss in Südfrankreich eine Entdeckung machte: Nur wenige Dinge hatten in diesem Anwesen die Spuren der Zeit und diverse Plünderungen überlebt, darunter das Klavier. "Von dem Tag an war mir klar, dass sich mein künstlerisches Leben veränderte. Ich wusste, dass ich mit meinen beiden Berufen etwas Interessantes tun konnte: Ich würde verlassene Orte in meine persönlichen Spielplätze verwandeln und meine Leidenschaft für das Klavier in den Mittelpunkt meiner Fotografie stellen."

Instrument mit natürlicher Eleganz

Ein leerer Saal, hohe Fenster, bodenlange Gardinen. "Wenn die Bewohner ausziehen, nehmen sie ihre Sachen und wahrscheinlich auch ihre Möbel mit. Die Klaviere sind oft Erbstücke, die Nachfahren können die Kosten für den Umzug nicht tragen - oder sie haben im neuen Zuhause keinen Platz dafür." Und so bleibt das Klavier zurück.

Pianist Thiery sieht das nicht als Missachtung: "Musikinstrumente sind für uns immer schön, fast göttlich. Selbst wenn die Zeit an ihnen nagt, sind wir ihnen verbunden und respektieren sie. Aber das Klavier ist mehr als das: Es ist ein beruhigendes Instrument mit seiner natürlichen Eleganz. Selbst mit dickem Staub bedeckt wahrt es Vornehmheit und Respekt."

Heute arbeitet Thiery hauptsächlich als Fotograf. Seine Arbeit als Klavierlehrer hat er vorübergehend ruhen lassen, weil er nicht regelmäßig bei seinen Schülern sein kann - das Suchen, Finden und Fotografieren von Klavieren nimmt viel Zeit in Anspruch.

Video: Romain Thiery spielt Chopin



insgesamt 6 Beiträge
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M. Morgenstern, 09.07.2018
1. Abendländische Nostalgie
Diese melancholischen Fotos sind wie ein Abgesang auf das Alte Europa... die europäische Zukunft hat immer weniger Sinn für Klaviere und die damit verbundene Kultur.
Heiko Schulze, 09.07.2018
2. Danke...
...für diesen äußerst beeindruckenden, dennoch melancholischen Beitrag. Die ganzen Geschichten, Schicksalsschläge... die Vergänglichkeit, die diese Bilder erzählen ... stimmten mich irgendwie traurig.
Arnold Fuchs, 09.07.2018
3. Grandios und berührend.
Was für großartige, anrührende Bilder. Man hat den Eindruck, der Fotograf geht so behutsam und ehrfurchtsvoll mit diesen Instrumenten um, als nehme er menschliche Portraits auf. Mein größter Respekt!
Richard Jas, 09.07.2018
4. Tolle Häuser
Die mir mehr leid tun.Nicht nachvollziehbar wie man solche prächtigen Häuser so verkommen lassen kann.
Thomas Dunskus, 10.07.2018
5. Nch viel mehr
Es ist schade, dass Herr Thiery nicht schon in den Jahren nach dem 2. WK tätig werden konnte; damals hätte er in Schlesien oder Pommern viele solcher Instrumente finden können.
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