Verlassene Trainingsräume der Sowjettruppen Einen Moment inne Hallen

Elf Jahre lang spürte Angus Boulton in Ostdeutschland verlassene russische Kasernen auf, um vor dem Abriss ihre bunten Turnhallen zu fotografieren. Wir erzählen die Geschichte einer verrückten Idee - und zeigen die beeindruckenden Bilder des Fotokünstlers.

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Angus Boulton

Angus Boulton war enttäuscht. Stundenlang war er an diesem 16. März 2001 von Potsdam durch die brandenburgische Provinz gefahren, bis in die Kleinstadt Perleberg, 12.000 Einwohner. Und das nur, um in einer ehemaligen Kaserne diese verlassene Turnhalle zu fotografieren.

Alles umsonst.

Jetzt stand Boulton auf dem Gelände, auf dem einst die 21. Motorisierte Schützen-Gardedivision der Sowjetunion stationiert gewesen war, vor einer verschlossenen Tür. Nicht einmal der Wachmann des Sicherheitsdienstes hatte einen Schlüssel für die Turnhalle. Ein Blick durch ein Fenster machte die Situation für den Briten noch deprimierender: Die Halle war trotz des jahrelangen Leerstands in einem überraschend guten Zustand und wunderschön. Noch.

Boulton wusste, dass die Kaserne in Perleberg bald abgerissen werden sollte. Er aber wollte die Erinnerung an die sowjetische Sporthalle konservieren, so wie er es seit Jahren überall in der ehemaligen DDR getan hatte.

Wettlauf gegen die Zeit

So verrückt das klingt - für Angus Boulton gab es zwischen 1998 und 2009 nichts Spannenderes als leere Turnhallen zu fotografieren. Rastlos recherchierte er nach den Standorten ehemaliger sowjetischer Kasernen, die spätestens seit dem letzten Abzug der russischen Truppen im August 1994 verlassen waren. Oft war es ein Wettlauf gegen die Zeit: Bekam er rechtzeitig eine Besuchserlaubnis von den neuen Eigentümern, bevor die Bagger anrückten und mit den Kasernen auch die letzten Spuren der sowjetischen Soldaten vernichteten? Einmal kletterte Boulton durch ein offenes Fenster in eine der Sporthallen, in die offenbar zuvor eingebrochen war. Vier Jahre lang hatte er vergeblich auf eine Genehmigung gewartet.

Der Brite will mit der Kamera Vergängliches dokumentieren, er ist in seiner Heimat ein preisgekrönter Fotokünstler. Doch warum hielt er nicht einfach die verlorenen Kasernen-Welten fest, sondern nur die Turnhallen? Und dann auch noch Dutzende?

"Die Turnhallen sind meist viel individueller gestaltet als die stets nach ähnlichem Muster aufgebauten Kasernen", erklärt Boulton im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Sie sind Oasen der Farbe inmitten des banalen Grau und Ocker der militärischen Gebäude, die sie umgeben." Für ihn verkörpern sie auch die herausragende Rolle, die der Sport in der russischen Gesellschaft spielte. "Die Wände waren voll mit den typischen Bildern und Parolen der Siebziger- und Achtzigerjahre - einer Zeit, als die Olympischen Spiele für die Athleten noch die größte Chance waren, sich auf der Weltbühne zu präsentieren."

Bunter als im Westen

Etwas unheimlich sei ihm schon manchmal in den verlassenen Hallen gewesen. Totenstille an Orten, die er immer mit Lärm, Bewegung und Dynamik verbunden hatte. Am meisten faszinierten Boulton aber die starken Farben: "In eine Turnhalle mit rosafarbenen Wänden und weißem Boden zu laufen, das war schon ein ziemlich überraschendes Erlebnis." Und zwar nicht nur wegen des Kontrastes zum tristen Grau der Kasernen, sondern besonders, weil die Farben "viel lebhafter und ungewöhnlicher" gewesen seien als vieles, was damals im Westen zu sehen war.

Boulton legte sich für das Phänomen bald seine eigene Theorie zurecht. Gab es womöglich eine spezielle "russische Farbpalette", vielleicht aus Mangel an anderen verfügbaren Farben? Als er bei einer Reise ins kommunistische Kuba dieselben kräftigen Farben wie in den sowjetischen Turnhallen entdeckte, fühlte er sich zumindest ein wenig in seiner Idee bestätigt.

Seit Boulton während eines Deutschlandaufenthaltes die ersten verlassenen Kasernen in Potsdam und Umgebung gesehen hatte, dachte er über eine große Fotoserie nach. Symmetrisch sollten die Aufnahmen sein und den Betrachter immer in exakt die gleiche Perspektive versetzen. Es dauerte vier Jahre, in denen der Künstler zwischen Berlin und London pendelte, bis sich Boulton sicher war, dass er eine genügend große und spannende Bandbreite an Motiven hatte.

Dann kam der Mann mit der Axt

Am Ende wurden es 76 Motive aus insgesamt 50 Turnhallen, die er im Laufe der Jahre besichtigt hatte. 41 seiner Fotos sind derzeit im Virtuellen Museum der Toten Orte zu sehen, einem interaktiven Online-Forschungsprojekt, das schon seit Jahren verlassene Orte in der ganzen Welt dokumentiert. "Vielleicht", sagt der Brite, sei ihm am Ende sogar "eine Typologie russischer Sporthallen" gelungen - und nicht nur eine Studie von Farben und Architektur.

Ausgerechnet in der historischen Garnisonsstadt Perleberg, einem Ort mit einer über 300-jährigen Militärtradition, drohte Boulton aber zu scheitern.

Dann geschah ein kleines Wunder: Als der Wachmann die tiefe Enttäuschung des Fotografen spürte, ging er kurz weg, kam mit einer Axt zurück und zerschlug kurzentschlossen das Schloss der Turnhalle. Dann ließ er den Briten seine Aufnahmen machen.

Wenige Wochen später wurde die Kaserne in Perleberg vollständig abgerissen.

Hier finden Sie mehr zur Arbeit von Angus Boulton.



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insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Lana Kunz, 20.01.2015
1.
Ach ich wünschte mir, es gäbe bald Fotoserien von verlassenen US-Kasernen in Westdeutschland...
Andreas Dorfer, 20.01.2015
2. Einige der absurderen fehlen noch
z.B. die in Kummersdorf-Gut "südlich" der "Straße nach Luckenwalde": Ein großer ausgebauter Dachboden, der nur über eine Treppe von unten zu betreten ist -so weit so normal-. Die Treppe endet jedoch fast im Mittelkreis und wurde während des Spiels mit einer ca. 1,5mx2m großen Holzluke verschlossen. Und ja, es ist wirklich der einzige Zugang zur Halle.
kay neumann, 20.01.2015
3. Aprilscherz
Das ist doch jetzt nicht wirklich wahr, dass diese Fotos von öden, alten Turnhallen jetzt hier zur Hochkultur und Epochen Kunst hochgejazzt werden. Nein über das Stöckchen springe ich nicht.
Thomas Mank, 20.01.2015
4. Ausstellung und Katalog
Eine Auswahl dieser Arbeiten von Bolton sowie Arbeiten von insgesamt 14 anderen Künstlerinnen und Künstlern wurden vor einigen Jahren in der Ausstellung "Last Lost. Bilder eines verschwindenden Europas" gezeigt, kuratiert vom Münchner Literaturhaus. Als Ausstellungsmanager habe ich diese Ausstellung in mehr als einem Dutzend Städten gezeigt. Dazu ist ein sehr guter, gleichnamiger Katalog, oder besser: ein Buch mit zahlreichen Aufsätzen erschienen. Kann ich empfehlen.
Oli Riwa, 20.01.2015
5. Ein Stativ
hin zu stellen und ein Foto machen ist noch lange keine Kunst. Über die Idee kann man reden, aber der Rest kann meine 14 Jährige Tochter auch.
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