Zehn Jahre einestages Zeitreisen zu vergessenen Orten

Was ist das Rätsel der Ufo-Häuser in Taiwan? Wie fotografiert man heimlich im "Führerbunker"? einestages erinnert zum Jubiläum an die spannendsten Geisterorte weltweit.

Sven Fennema

Von


Es ist diese Stille und Einsamkeit, die so sehr fasziniert, das sagen fast alle, die sich je haben packen lassen vom Sog untergegangener Welten. Stille ausgerechnet dort, wo früher das Leben pulsierte, in Dörfern und Städten, die einst als besonders fortschrittlich galten, unfassbar reich oder dicht bevölkert waren - bis ein Tag X, ein Drama, eine Naturkatastrophe, ein Strukturwandel, ein Krieg alles veränderte.

Nun liegen einst prächtige Kathedralen, stampfende Fabriken, stolze Villen, luxuriöse Sanatorien seit Jahrzehnten verlassen da, verborgen von der wuchernden Natur, die sie langsam und unerbittlich zurückerobert. Wer solch geheimnisvolle Orte entdeckt, fühlt sich, als sei er mit einer Zeitkapsel gereist: Längst Vergangenes besteht hier unverändert weiter - wenn auch nicht für die Ewigkeit: Die brüchigen Gemäuer bröckeln, stauben, wanken, drohen ganz zu verschwinden - dabei hätten sie, wie greise Zeitzeugen vergangener Kriege, noch viel zu erzählen.

Seit zehn Jahren versucht das Zeitgeschichte-Ressort einestages, die vergessenen Geschichten hinter diesen vergessenen Orten aufzuspüren und bildstark zu präsentieren. Ja, das ist nostalgisch und vielleicht die moderne Variante des barocken Vanitas-Motivs: Alles ist vergänglich, und jeder Zusammenbruch verströmt einen morbiden Charme. Dahinter aber steht immer die Frage: Wie konnte es überhaupt dazu kommen, dass ganze Dörfer und Städte urplötzlich verwaisen?

Von der Kälte der Arktis in die Hitze der Wüste

Wir haben unsere Leser im vergangenen Jahrzehnt mitgenommen auf eine Reise um die Welt: ins bedrückende Hak Nam etwa, die "Festung der Dunkelheit", eine einst gigantische Slumsiedlung in Hongkong, in die sich nur wenige Fotografen wagten. Oder zum Atlantis Argentiniens, einem mondänen Badeidyll, das nach einem Dammbruch 1985 vollständig versank - und erst Jahrzehnte später wieder auftauchte. Weiter ging es zur winzigen japanischen Insel Hashima, einst einem der am dichtesten besiedelten Flecken der Welt, ein Ort der Qual für koreanische Zwangsarbeiter.

Wir berichteten von der seltsamen Bergbausiedlung "Pyramiden" auf Spitzbergen, von einem grotesken, raumschiffartigen Sowjet-Denkmal in Bulgarien, von verlassenen Radaranlagen in der Kälte der Arktis und einer einst wild boomenden Diamantenstadt in der Hitze Afrikas. Ja, es ging sogar hinab auf den Lagunengrund eines riesigen Schiffsfriedhofs auf einem fernen Pazifikatoll.

Fotostrecke

27  Bilder
Amerikas Rache für Pearl Harbor: Hagelsturm aus Feuer und Stahl

Manchmal schickten uns Leser seltsame Bilder oder wir stolperten zufällig über skurrile Aufnahmen, zu denen es keine plausible Erklärung zu geben schien. Wieso zieren riesige Ohren aus Beton die Küste Großbritanniens? Und von welchem Planeten kamen diese kaugummibunten Ufo-Häuser an der Küste Taiwans? Ein Redakteur machte sich auf die Suche nach dem Erbauer - und stieß auf eine Story zwischen Web-Legende und japanischem Horrorfilm.

"Alles verschwindet..."

Oft lässt sich anhand der verlassenen Orte aber auch sehr konkret deutsche und europäische Geschichte erzählen. In der Geisterstadt Kayaköy etwa werden die Wurzeln der immer noch schwelenden Feindschaft zwischen Türken und Griechen erlebbar. In den kilometerlangen Stollen des Geheimprojekts "Schwalbe 1" spürt man noch heute die irrsinnige Hoffnung der NS-Spitze, in letzter Sekunde heimlich jene Waffen zu entwickeln, die den längst verlorenen Krieg wenden könnten. Und ausgerechnet ein verlassener NS-Bunker wurde nach Nutzung durch die NVA zu einem besonderen deutschen Ort: Hier ließ die DDR Millionen Banknoten der Ostmark verbuddeln, die nach der Wende 1989 wertlos geworden waren.

Fotostrecke

18  Bilder
Türkische Ruinenstadt Kayaköy: Das verlorene Paradies

Besonders berührend wird es, wenn jene Menschen an genau die Orte zurückkehren, die sie einst verlassen mussten. So nahm die Fotografin Sarah Schönfeld Abschied von den verwaisten Plätzen ihrer DDR-Kindheit, und 15 ehemalige Bewohner der Geisterstadt Prypjat kehrten kurz in ihre Heimat zurück, die seit dem Tschernobyl-Unglück verstrahlt ist.

Die Suche nach Geisterorten ist immer auch ein Wettlauf gegen die Zeit. "Man muss sich beeilen, wenn man etwas sehen will", schrieb schon im 19. Jahrhundert der französische Maler Paul Cézanne und fügte betrübt hinzu: "Alles verschwindet..." Cézanne war im Alter der Depression verfallen. Eines seiner letzten Gemälde zeigt drei Totenschädel auf einem verzierten Teppich - Symbol der Vergänglichkeit.

Verkleidet in den "Führerbunker"

Fotografen wie Robert Conrad verstehen sich daher als Chronisten, die mit ihrer Kamera das festhalten, was unwiederbringlich verschwinden wird. So begab sich Conrad, verkleidet als DDR-Bauarbeiter, heimlich in Hitlers ehemalige Bunker in Ost-Berlin - noch während der Abrissarbeiten. Er wurde erwischt, was ihn aber nicht abhielt, nach dem Fall der Mauer erneut heimlich in Berlins Unterwelt zu steigen - diesmal, um Geisterbahnhöfe zu fotografieren: der SED-Staat hatte in den Sechzigern etliche U-Bahn-Zugänge vermauert und gesichert, um eine Flucht unter Tage zu verhindern.

Fotostrecke

30  Bilder
Verbotene Schnappschüsse: Heimlich im Hitlerbunker

Als einestages vor zehn Jahren seine Arbeit aufnahm, interessierten sich zwar Menschen wie Robert Conrad schon lange für vergessene Orte. Wir selbst aber waren nicht sicher, wie wir das Phänomen überhaupt nennen sollten: Verlorene Orte? Untergegangene Orte? Aufgegebene Orte? Von der Begeisterung einer ganzen Bewegung, der heute Tausende Anhänger der "Urban Exploration"-Szene und zahlreiche "Lost Places"-Profifotografen angehören, war 2007 noch kaum etwas zu spüren.

Fragile Zeitkapseln

Manchen ist dieser Rummel inzwischen zu groß geworden. Sie sprechen von "Ruinentourismus", bemängeln, dass sich längst nicht jeder an einfache Spielregeln hält: nichts mitnehmen, nichts verändern, nichts zerstören. Einige Fotografen halten daher bewusst die Standorte der von ihnen aufgespürten Geisterorte geheim.

Denn das Zerbrechlichste an den zerbrechenden Ruinen ist nicht ihr poröses Fundament - sondern ihr Charme, der von dem Gefühl rührt, dass hier die Zeit eingefroren ist.

Doch es gibt einen kleinen Trost: Die neuen Geisterorte werden längst gebaut, jetzt, in diesem Moment, weltweit: Dazu muss man nicht einmal die nächsten Olympischen Spiele abwarten, die in schöner Regelmäßigkeit verwaiste Betonruinen hinterlassen.

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.