DDR-Tour von Jazz-Legende Armstrong Louis in Leipzig

1965 trat Louis Armstrong das erste und einzige Mal in der DDR auf. Statt Gage gab es Teleskope von Carl Zeiss, angeblich auch Waffen und Antiquitäten. Beteiligt an dem Geschäft war ein früherer Buddy von Al Capone.

Privatarchiv Karlheinz Drechsel/Günter Reinhold

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Das konnte nicht sein Ernst sein, dachte Karlheinz Drechsel. Ein Gag, völlig illusorisch. Fragte ihn der Abteilungsleiter der DDR-Künstleragentur tatsächlich, ob er Lust habe, eine Louis-Armstrong-Tournee als Moderator, Reiseleiter und Dolmetscher zu begleiten?

Der Musikjournalist Drechsel ist einer der größten Jazz-Kenner der DDR. Aber für ihn war dieses Sujet lange Zeit ein Forschungsobjekt wie für einen Hobbyastronomen das Weltall - unerreichbar. Wie gern wäre er mal nach New Orleans geflogen, der Wiege des Jazz, wie gern mal in einem Jazzklub in New York gesessen. All das war verboten. Und nun sollte er bald eine ganze Woche mit einem der Heroen seiner Lieblingsmusik verbringen? Für Drechsel schien das vollkommen irreal.

Doch das Angebot, das er an jenem Februartag 1965 bekam, war keineswegs ein Scherz - so unwahrscheinlich es auch schien: Die Mauer stand noch nicht mal vier Jahre. Der Kalte Krieg war auf dem Höhepunkt. Der Jazz - die amerikanischste aller Musikformen - galt als eines der größten Tabus. Für den damaligen Staats- und Parteichef Walter Ulbricht war Jazz schlicht "Affenmusik". Bis zu seiner Tournee in der DDR gab es hier keine einzige Schallplatte von Armstrong zu kaufen. Und trotzdem ließ der alte Apparatschik das Gastspiel zu.

Die ersehnte Aufwertung

Als Armstrong am 19. März 1965 in Berlin-Schönefeld landete, wurde auch deutlich, warum. Der Chef der DDR-Künstleragentur, Ernst Zielke, hielt zum Empfang eine ellenlange Rede. Auf Deutsch, politisch gefärbt, Frieden, Sozialismus, Arbeiterklasse, Völkerfreundschaft, und so weiter und so fort. Für den Kulturfunktionär bedeutete der Besuch eine Aufwertung der DDR. Seht her - so die Botschaft - einer der größten Stars der Welt kommt in unser schönes Land. So las sich das später auch in der "Schweriner Volkszeitung": "Dass Armstrong (...) in die DDR kam, ist auch mit ein Beweis unseres wachsenden politischen und wirtschaftlichen Ansehens in der Welt."

Ansehen hatte jedoch allenfalls Armstrong bei den DDR-Bürgern. Der Trompeter und Sänger gab 17 Konzerte an acht Tagen, das erste am 20. März im alten Berliner Friedrichstadtpalast, das letzte am 8. April in Schwerin. Zwischendrin gastierte er in Leipzig, Magdeburg und Erfurt. Dass die Kulturhochburg Dresden fehlte, lag an den Bedingungen des Managements, das Spielstätten mit mindestens 3000 Plätzen verlangte. Die gab es aber nur in jenen fünf Städten. So kam es, dass die All-Star-Band vor allem in Sporthallen spielte. Fast 60.000 Menschen kamen zu den Konzerten, es wurde neben den Auftritten des Moskauer Bolschoi-Balletts das erfolgreichste Gastspiel des Jahres in der DDR.

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Louis Armstrong auf DDR-Tour: "Affenmusik" vom King of Jazz

Gleichwohl war der Staatsmacht der US-Star auch nicht ganz geheuer. Vor dem Konzert in Leipzig wies Stasi-Major Peterhänsel seine Leute in einem Schreiben an, "das gesamte Netz der inoffiziellen Mitarbeiter auf diese Veranstaltungen hinzuweisen...". Darin schrieb er den Namen Armstrong gleichgültig immer wieder ohne r. Es sei damit zu rechnen, "dass der Auftritt Louis Amstrongs durch Jugendliche zu Provokationen ausgenutzt wird." Besonderer Wert sei auf Jugendliche zu legen, "die in der Vergangenheit bei Tanzveranstaltungen negativ aufgefallen sind."

Vom Klassenfeind wollte man sich nicht aushalten lassen

Dass es überhaupt zur ersten Tournee eines US-Entertainers in der DDR kam, verdankten die Jazzfans vor allem einem Schweizer. Armstrong hatte Auftritte in der Tschechoslowakei, Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien, angeschoben von der US-Regierung, die Armstrong als Friedensbotschafter in die Ostblockstaaten schickte - und auch für ihn bezahlte. Allein Ost-Berlin wollte das Geschenk nicht annehmen. Vom Klassenfeind wollte man sich nicht aushalten lassen. Genügend Dollar hatte man aber auch nicht für das opulente Gastspiel. Da war Kreativität gefragt.

Das Angebot für den Auftritt in der DDR machte der Schweizer Konzertagent Werner Schmid mit seiner Firma Schmid Productions. Gemeinsam mit Armstrongs Manager Joe Glaser - einem ehemaligen Vertrauten von Al Capone und mittlerweile selbst eine Größe im Gangster-Geschäft - sowie dem DDR-Kulturministerium heckte er einen frivolen Deal aus: Statt mit Devisen zu bezahlen, lieferte die DDR optische Geräte von Carl-Zeiss-Jena, angeblich wurden auch Waffen aus Suhl sowie wertvolle Antiquitäten an Schmid in die Schweiz geschickt. Die Naturalien machte Schmid zu Geld und zahlte Glaser - und damit Armstrong - später aus. Über die Höhe der Gage gibt es bis heute keine genauen Angaben.

Zahnschmerzen in Leipzig und Erfurt

Während der gesamten Tournee wich Karlheinz Drechsel dem US-Musiker kaum von der Seite. Entsprechend viele Erinnerungen verknüpft er mit dieser Märzwoche: In Leipzig und Erfurt etwa plagten Armstrong heftige Zahnschmerzen. Und es war gar nicht so leicht, auf die Schnelle Zahnärzte zu organisieren, die Armstrong behandeln wollten und durften - und andererseits dem Leibarzt Armstrongs aus dem Capone-Clan ("Kugeldoktor" genannt, weil er Capone oft Pistolenkugeln aus dem Leib geholt hatte) genehm waren.

Nach dem Konzert in Leipzig musste der Jazz-Star schnell nach Berlin. Doch von Leipzig flog keine Passagiermaschine mehr. Armstrong und die gesamte Crew mussten mit einem Postfrachtflieger ohne vernünftige Sitze Vorlieb nehmen, gerieten in ein Gewitter und schwere Turbulenzen. Die halbe Mannschaft übergab sich.

Wenn sie Tourbus fuhren, erzählte der Jazz-Star Drechsel, wie er aufgewachsen war, wie er 1936 von Glaser unter Vertrag genommen wurde, wie ihn die Rassendiskriminierung schmerzte. "Armstrong galt immer als der Onkel Tom, der Schwarze, der sich den Weißen unterordnete und sie unterhielt", erinnert sich Drechsel. "Auch wenn er sonst ein eher naiver und fröhlicher Mann war, machte ihm die Rassenfrage unheimlich zu schaffen." Es war nur ein paar Wochen her, als weiße Polizisten in Selma schwarze Bürgerrechtler niedergeknüppelt hatten. Martin Luther King war das leuchtende Vorbild der Afroamerikaner - auch das von Armstrong.

Und so wurde Drechsel Zeuge, wie Armstrong mitten in der DDR gegen die Diskriminierung aufbegehrte. Der Tourbus zuckelte über holprige Landstraßen nach Magdeburg, als der Motor ausfiel. Mitten in der Provinz musste das Ensemble notgedrungen einkehren. Im Gasthof "Grüne Kachel" bei Parchen überbrückten sie die Reparatur bei Bier und Bockwurst. Es dauerte nicht lange, bis eine Kinderschar aus einer nahen Schule mitbekam, wer da gerade Rast machte. Binnen Minuten war der Gasthof voll und die Musiker gaben geduldig Autogramme. Doch als der Bus repariert war und die Weiterfahrt anstand, brüllte ein Angestellter von Manager Glaser, der frühere Chauffeur von Al Capone und Bandbegleiter, die Musiker cholerisch an. "Sofort Schluss mit den Autogrammen. Bewegt Eure Ärsche in den Bus, wir müssen weiter." Für ihn war Armstrong weniger Künstler als Kapital. Sein Chef Glaser bestimmte die Songabfolge, suchte die Musiker für die Band aus, kaufte für Armstrong das Haus und managte auch dessen private Finanzen. Armstrong platze der Kragen gegenüber Glasers Lakai: "Du hast uns gar nichts zu befehlen", entgegnete er voller Wut. "Kapierst du nicht? Die Zeit der Sklaverei ist zu Ende. Daran musst auch du dich gewöhnen."

"Ich habe Sie nicht vergessen!"

Zwei Jahre nach der Tournee wurde klar, dass auch Armstrong die Zeit in der DDR nachhaltig beeindruckt haben musste. Zum Teil waren es Kleinigkeiten, die ihm imponiert hatten - etwa, dass er für seine Zahnarztbehandlungen nichts bezahlen musste, weil diese Versorgung in der DDR generell kostenlos war ("In den Staaten hätte mich das mehrere Hundert Dollar gekostet"). Gleichwohl aber war er fassungslos beim Anblick der Mauer gewesen ("Welch grausame Härte und Pein für Millionen Menschen").

Im April 1967 erhielt Drechsel sogar einen Brief von Armstrong, acht Seiten, handgeschrieben. "Sie müssen gedacht haben, ich hätte Sie vergessen. Aber das habe ich nicht", begann der Trompeter. Er bedankte sich noch einmal für die Betreuung, und wenn man den Brief liest, spürt man, dass dies keine professionelle Routine war. "Sie waren einer der allerbesten Moderatoren, die wir je in unserer Show hatten." Noch nie seien Mitmusiker von Armstrong einzeln angesagt worden, immer hätte nur er die große Rolle gespielt. Dabei sei er nichts ohne seine Band. Die Platten, die sich Drechsel bei ihm gewünscht hatte, wolle er bald schicken. "Vergessen Sie nicht, mir mitzuteilen, welche."

Und dann schimmerte die Naivität Armstrongs durch - oder auch sein Glauben an das Gute. "Ich hoffe, dass sich die Zeiten ändern werden und Sie eine Reise hier herüber machen können (...) Vielleicht sind sie dann auch eine Zeit lang mit uns zusammen, wer weiß? Ich werde mich persönlich um Sie kümmern. Ich sage immer, wenn man an etwas glaubt, dann wird es geschehen."

Im Mai 1983 durfte Drechsel tatsächlich zum ersten Mal in die USA reisen, sechs Jahre vor dem Mauerfall - und zwölf Jahre nach Armstrongs Tod.

Mehr zum Thema: Karlheinz Drechsel und Ulf Drechsel: "Zwischen den Strömungen - Mein Leben mit dem Jazz". Verlag Jazzwerkstatt; Auflage 1 (21. November 2011); 352 Seiten; 24,90 Euro.

Stephan Schulz: "What a wonderful world - Als Louis Armstrong duch den Osten tourte". Verlag Neues Leben; Auflage 1 (10. März 2010); 256 Seiten; 14,95 Euro



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Cherif Diallo, 23.03.2015
1. Eine
wunderbare Story!
Volker Wortmann, 23.03.2015
2.
Astronomie mit Astrologie verwechselt... Aber ein schoener Artikel.
Mike Roßmann, 24.03.2015
3. Das Buch ...
... von Stephan Schulz kann ich sehr empfehlen; ich habe es bei einer Autorenlesung selbigens erworben. Sehr unterhaltsam und voller schöner Anekdoten.
Renate Hentschel, 24.03.2015
4. In Dresden
gab es keinen Auftrittsmöglichkeit mit 3.000 Plätzen? Kann ich kaum glauben.
Matthias Wirzberger, 24.03.2015
5. Ein unvergessenes Erlebnis
Ich habe das Konzert von Louis Armstrong im Friedrichstadtpalast als 15-jähriger erlebt. Die Bilder des grandiosen Auftritts und die Musik sind bis heute für mich gegenwärtig. Der Beitrag hat mir nun viele für mich neue Details von Armstrongs Konzertreise durch die DDR vermittelt. Toller Artikel.
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