Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

100 Jahre Louis de Funès Geliebter Giftzwerg

Klamauklegende Louis de Funès: Wut, Gezeter und außerirdische Kohlköpfe Fotos
ddp images

Lügner, Spießer und Choleriker waren sein Spezialgebiet - denn niemand spielte sie so hinreißend komisch und überdreht wie Louis de Funès. einestages erinnert an die größten Erfolge des quirligen Slapstick-Genies. Von

Unsere Lehrer hatten es nicht leicht in den Achtzigerjahren. Jeden Montagmorgen das Gleiche: Wir standen auf dem Schulhof, zogen irre Grimassen, lallten wie betrunken und trieben unsere Pauker mit Furzgeräuschen in den Wahnsinn. Sie konnten nicht begreifen, weshalb wir braven Vorstadtmädchen uns plötzlich so gar nicht mädchenhaft benahmen.

Natürlich hatten sie keinen Schimmer, wer hinter dieser Anarchie steckte: ein grimmiger alter Franzose, Außerirdische - und jede Menge Kohlsuppe.

"Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe" hieß der Film von 1982, der Louis de Funès zu unserem Helden gemacht hatte. Der Komiker spielte darin den Bauern Claude Ratinier, der einen Pupswettbewerb mit seinem alten Freund Francis anzettelte - und damit unerwartet Aliens anlockte. Die kohlsuppenbedingten Blähungen, die eine tragende Rolle im Film mit dem Originaltitel "La soupe aux choux" ("Die Kohlsuppe") spielten, waren natürlich für uns Schüler ein unschlagbarer Gag. Eine Zeit lang war Kohlsuppe die offizielle Lieblingsspeise unserer Clique. Theoretisch zumindest. Denn in Wahrheit hat niemand von uns den deftigen Eintopf je probiert.

Vor allem aber begeisterte uns der außer Rand und Band aufspielende de Funès: Wie er sich über unsere braven Konventionen hinwegsetzte, unflätig schimpfte und unentwegt vom Saufen und Fressen sprach, machte ihn zu unserem leuchtenden Vorbild. Keiner von uns ahnte, dass er seine Klamaukkarriere als ein genauso anarchischer Schüler begonnen hatte, wie wir es damals waren.

Ein langer Weg an die Spitze

Schon früh hatte der am 31. Juli 1914 in der Nähe von Paris geborene Louis Germain David de Funès sein besonderes Talent für Unfug offenbart: Bereits als junger Mann fiel er durch so durchtriebene Streiche auf, dass er mehrfach seinen Ausbildungsplatz verlor. Seine Eltern dürften aufgeatmet haben, als der auf Krawall gebürstete Junge 1932 endlich 18 wurde und sich anschickte, an der Pariser École technique de photographie et de cinéma einen Beruf zu erlernen.

Doch auch dort machte er sich bald einen Namen - mit raffinierten Knallfroschattacken. Immer wieder deponierte er die kleinen Feuerwerkskörper in Pulten und Laboren, bis sie eines Tages nicht nur knallten, sondern lichterloh brannten. Tumult brach aus, Lehrer stürzten herbei und überschütteten sich gegenseitig mit Wassereimern. Es wirkte wie eine der perfekt durchinszenierten Slapstick-Szenen aus den Filmen, mit denen das komische Genie später berühmt werden sollte. Die Lehrer fanden den Streich jedoch weder genial noch komisch: Sie warfen den Krawallmacher von der Schule.

De Funès ließ sich nicht unterkriegen: Mit Anfang 20 versuchte er sich als unbegabter Industriezeichner, als rechenschwacher Buchhalter und schließlich als Schaufensterdekorateur. Hier schien er endlich Talent zu zeigen. Bis ihm ein folgenschweres Missgeschick erneut einen Strich durch die Rechnung machte: Ein Parfümeur beauftragte ihn, sich etwas Außergewöhnliches für die Präsentation seiner Düfte einfallen zu lassen. De Funès gab alles und stapelte eine riesige Pyramide aus Eau-de-Cologne-Flaschen auf. Das Werk war fast vollendet, als die Konstruktion zusammenstürzte. Nass und duftend wie ein Blumenladen stand der Unglücksrabe in einer Pfütze feinsten Parfüms - Slapstick in Reinkultur. Sein Arbeitgeber verstand jedoch keinen Spaß: Er verlor auch diesen Job.

Ins Rampenlicht geschimpft

Schließlich schlug sich de Funès als Jazz-Pianist in Bars und den Varietétheatern von Pigalle durch. Nebenher nahm er Schauspielunterricht. Er hoffte, beim Film mehr Geld verdienen zu können, denn mittlerweile hatte er für eine Familie zu sorgen: 1936 hatte er Germaine Louise Élodie Carroyer geheiratet, ein Jahr später wurde ihr Sohn Daniel geboren. Doch die Ehe hielt nur sechs Jahre. Schon 1943 heiratete de Funès ein zweites Mal. Jeanne Barthélemy de Maupassant sollte die Liebe seines Lebens werden. Mit ihr hatte er zwei weitere Söhne: Patrick und Olivier.

Geld war also nötig, doch de Funès musste sich lange mit kleinen Nebenrollen begnügen. Die Filme, in denen er bis Ende der Fünfzigerjahre kurze Auftritte hatte, kennt heute kaum jemand - ob 1945 in "Der Satan und die Hochzeitsreise", 1951 als eifersüchtiger Ehemann in "In gewissen Nächten" oder 1954 in "Ingrid - Die Geschichte eines Fotomodells" als Modeschöpfer. Über 40 Filmauftritte absolvierte er unbeachtet. Dann änderte sich alles.

De Funès war bereits 45, als er die Rolle seines Lebens bekam: Er schrie, schimpfte und tobte als Seifenfabrikant Bertrand Barnier im Theaterstück "Oscar" von Claude Magnier. Seine Leidenschaft entflammte das Publikum ebenso wie die Kritiker. So konstatierte der "Figaro", seine Leser hätten vielleicht schon "Oscar" gesehen - "Aber Sie haben noch nicht Louis de Funès in 'Oscar' gesehen." Für den Darsteller begann ein neues Leben.

Seine Stärke: die Schwäche

Plötzlich musste der quirlige Schauspieler sich um Rollen keine Sorgen mehr machen: In den kommenden 20 Jahren sollte er mehr als 30 Filme drehen, Drehbücher schreiben und zum Improvisationsgenie vor der Kamera reifen. Seine aufbrausenden Auftritte als verhinderter Bankräuber ("Balduin der Geldschrankknacker", 1964), als Jäger eines Meisterschurken ("Fantômas", 1964) oder als Manager einer Tanztruppe ("Alles tanzt nach meiner Pfeife", 1970) machten ihn zur Legende.

Seine Stärke war die menschliche Schwäche. "Am liebsten spiele ich große Direktoren, Diktatoren, ungerechte Chefs mit Machtgelüsten", gestand de Funès 1978 in einem Fernsehinterview. Feigheit und Missgunst faszinierten ihn: "Ich habe ein Faible für falsche Menschen, für Lügner und Denunzianten."

Anders als seine Vorbilder Charlie Chaplin oder Laurel und Hardy gab de Funès nie den freundlichen Verlierer oder den charmanten Trottel. Der schmächtige Glatzkopf bevorzugte kleinkarierte Spießbürger, Menschen, die ihre Stellung ausnutzen und heimlich ihre eigenen Ziele verfolgen. Seine Rollen waren stets dominant, überpenibel, tobsüchtig - und dadurch so originell.

Mit der Waffe in der Tasche

Dabei mochte es der Schauspieler in seinem Privatleben am liebsten ruhig und beschaulich. Er liebte das Angeln und Gärtnern. Meist mit einer Pistole in der Tasche. Denn de Funès wurde fast zwanghaft von dem Gefühl verfolgt, sich verteidigen zu müssen. Um sein Privatidyll zu schützen, ließ er etwa das Schloss in Nantes, wo er ab 1967 mit seiner Familie lebte, durch eine Selbstschussanlage gegen Einbrecher sichern. Sein Haus war eine sichere Burg - und zugleich sein goldener Käfig.

Wahrscheinlich fühlte der Komiker sich in diesem Käfig am wohlsten, denn mit seiner Berühmtheit konnte er sich nie wirklich anfreunden: Wo er hinkam, sprachen die Menschen ihn an. Und egal wie er reagierte, sie hielten es für einen genialen Witz. De Funès war diese Begegnungen leid. Im Restaurant wechselte er oft den Tisch, um ungestört zu essen. Ins Kino ging er nur heimlich. Lief einer seiner Filme, dann schlich der Schauspieler mit Frau und Söhnen in die letzte Reihe, wenn der Film schon begonnen hatte, und raus, ehe der Abspann lief.

Später Ruhm und frühes Ende

So spät seine goldenen Jahre begonnen hatten, so früh endeten sie wieder: Im März 1975 erlitt Louis de Funès einen Herzinfarkt. Seine Karriere schien vorbei, keine Filmgesellschaft wollte das Risiko eingehen, mit dem angeschlagenen Künstler zu drehen. Produzent Christian Fechner wagte es schließlich doch: In "Brust oder Keule" konnte de Funès 1976 noch einmal seine unnachahmliche Mimik zeigen - ohne sich dabei ständig zu überschlagen. Fechner ließ beim Dreh vorsichtshalber stets einen Kardiologen am Set bereitstehen. Mit diesem vorsichtigen Vorgehen nahm de Funès weitere Klassiker auf, darunter "Der Querkopf" (1978), "Louis der Geizkragen" (1980) und natürlich "Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe". De Funès trat jetzt deutlich kürzer, drehte weniger und schrieb nicht mehr am Drehbuch mit.

Es sollte nicht reichen: Der Tod traf ihn schließlich nicht am Filmset, sondern zu Hause, in seinem sicheren Garten. Louis de Funès verstarb am 27. Januar 1983 mit 68 Jahren an einem weiteren Herzinfarkt.

Für seine Fans beibt der cholerische Komiker jedoch bis heute unsterblich - weil er die Menschen zum Lachen bringt. Noch immer: Auch mein siebenjähriger Neffe liebt den Bauern mit seinen Kohlköpfen. Blähungen sind eben ein unschlagbarer Gag.

Artikel bewerten
4.7 (281 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ach Louis...
Clemens Rosenberg, 30.07.2014
...Du warst auch der Held meiner Kindheit. Du warst in der Lage, ungezählte seichte Klamaukfilme mit Deiner unvergleichlichen Präsenz zu veredeln. Viel zu selten durftest Du mal von einem anständigen Drehbuch profitieren (Querkopf, Brust oder Keule). Ruhe in Frieden.
2. Louis de Funès*war wirklich einer der ganz Großen.
Marcus_XXL, 30.07.2014
Unvergessen ist mir, wie er durch den Schattenwurf einer Lampe plötzlich in einen "Hitler" mutierte. Bei YouTube ist der kurze Clip unter Muskatnuss Herr Müller!!: http://youtu.be/RvYtGopF370 zu bewundern. Grandios gespielt, der Wandel vom freundlichen Koch zum grimmigen "Diktator" und zurück in wenigen Sekunden zeigen was in ihm steckte. Toller Schauspieler und ewig unvergessen.
3. Es gibt nur eins
Max Schmitt, 30.07.2014
das mich an den Filmen des grossen FuFu (so wird er in Frankreich genannt) stört. Und zwar die hirnrissigen, grottigen Deutschen Titel seiner Filme. Wenigstens die Gendarmenfilme und Rabbi Jacob hat man nicht noch "verbalduinisiert".
4. Bretter, Bretter, Bretter
Klaus Mnatrid, 30.07.2014
Louis de Funès hat es geschafft, Anti-Symphaten symphatisch zu spielen. Dabei hat ihm geholfen, dass er unpolitisch korrekt darstellte, wie man es gern mal sein würde, aber wegen gesellschaftlicher Konventionen sich nicht traut. "Oscar" bringt mich heute noch zum Lachen ("Bretter, Bretter, Bretter").
5. Nach meiner Meinung waren folgende Filme von Louis de Funès ...
bruno kopp, 30.07.2014
... die besten. Und zwar in dieser Reihenfolge: 1) Oscar 2) Balduin der Heiratsmuffel und 3) der Gendarm von St. Tropez. Interessant auch noch die Fantomas-Serie mit de Funès als Kommissar Juve zusammen mit Jean Marais in einer Doppelrolle als Journalist Fandor und dem Gangster Fantomas. Das Bedauerliche ist, dass ab dem letzten Drittel etwa alle Filme abflachen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH