Historischer Rassismusprozess "Sagen Sie dem Gericht, dass ich meine Frau liebe"

Verbotene Liebe: 1958 versetzten Mildred und Richard Loving den US-Bundesstaat Virginia in Aufregung. Das Paar hatte geheiratet, obwohl sie schwarz und er weiß war. Sie wurden eingesperrt, abgeschoben und kämpften schließlich vor Gericht um ihre Liebe. Das Urteil veränderte Amerika für immer.

AP

Von Sarah Levy


Es ist mitten in der Nacht, als plötzlich drei Männer in Uniformen im Schlafzimmer stehen. Die Lichtkegel von Taschenlampen zucken über das Bett: Laken, Kissen und zwei zugedeckte Körper, die sich verängstigt aneinander klammern. Das Licht erfasst verstörte Gesichter. "Stehen Sie auf!", bellt einer der Männer vor dem Bett. "Sie sind festgenommen."

Die beiden Menschen, die in jener Nacht so brutal aus ihrem Schlaf gerissen werden, sind Mildred und Richard Loving aus dem US-Bundesstaat Virginia. Das junge Paar hat erst wenige Wochen zuvor geheiratet. Als Mann und Frau teilen sie ein Dach über dem Kopf und ein Bett. Ihre Liebe aber ist verboten, ihre Ehe steht unter Strafe. Denn Mildred ist Afroamerikanerin, Richard ein Weißer.

Mit ihrer Festnahme in jener Nacht beginnt für die eingeschüchterten Lovings ein Kampf, der Jahre dauern soll - gegen Vorurteile, gegen den Heimatstaat, gegen rassistische Gesetze. Aber es ist auch ein Kampf für die Liebe, der Amerika für immer verändert.

Die Geschichte der Lovings ist von Anfang an eine Liebesgeschichte. Als Nachbarskinder wachsen sie in Central Point auf, einem kleinen Dorf 140 Kilometer südlich von Washington D.C. Ende der fünfziger Jahre gibt es in 24 Bundesstaaten noch immer strenge Rassentrennung. Darunter auch Virginia im Osten der USA. Sogenannte Anti-Miscegenation Laws verbieten das Vermischen zweier "Rassen" - vor dem Gesetz, im heimischen Schlafzimmer und vor Gott. Im Juli 1958, als das Paar festgenommen wird, gilt die Hochzeit zweier Menschen unterschiedlicher Hautfarbe als Verbrechen, das mit Haftstrafen geahndet wird.

Ein anonymer Hinweis

In Caroline County, einer ländlichen Gegend im Osten Virginias, gelten andere Regeln. Unbehelligt vom Rassismus und der aufkeimenden Bürgerrechtsbewegung im ganzen Land leben die Bewohner dort ein einfaches und abgeschiedenes Leben. Schwarze, Weiße und amerikanische Ureinwohner besuchen unterschiedliche Schulen und Kirchen, leben aber als Freunde, Kollegen und Partner miteinander. So auch Mildred Jeter und Richard Loving. Mit elf Jahren lernt Mildred, deren Vorfahren afroamerikanische und indianische Wurzeln haben, den Nachbarsjungen Richard kennen. Der sechs Jahre ältere Richard hat nach einem Jahr seine Highschool für weiße Schüler verlassen, um als Handwerker Geld zu verdienen.

Zwischen der zierlichen Mildred und dem kraftstrotzenden Richard entwickelt sich erst Freundschaft, dann eine zarte Liebe. Beide sind zurückhaltende Menschen, Freunde und Bekannte beschreiben, wie zärtlich die beiden miteinander umgingen. Als Mildred mit 18 Jahren schwanger wird, fahren die beiden nach Washington D.C. und heiraten dort. Richard weiß, dass die Gesetze in Virginia eine Hochzeit nicht zulassen, aber er sagt Mildred nichts davon. Beide gehen davon aus, nach seiner Rückkehr weiterhin unbehelligt in Virginia miteinander leben zu können. Im Schlafzimmer, das glaubt das Paar, sei es sicher.

Doch in Caroline County gibt es jemanden, der ihnen ihr Glück nicht gönnt. Nach einem anonymen Hinweis dringen Sheriff Garnett Brooks, sein Stellvertreter und der Gefängniswärter mitten in der Nacht in das Haus der Lovings ein und verhaften sie. Richard verbringt eine Nacht in einer Zelle im nahegelegenen Bowling Green, Mildred wird erst nach fünf Tagen freigelassen. Im Januar 1959 macht man ihnen schließlich den Prozess. "Der allmächtige Gott hat die weiße, schwarze, gelbe, malaiische und rote Rassen geschaffen und sie auf unterschiedlichen Kontinenten platziert", lautet das Urteil von Richter Leon Bazile, "das bedeutet, dass Gott nicht wollte, dass sich die Rassen vermischen."

Die Lovings, beide keine gebildeten Menschen, stehen zu ihrer Liebe und der Entscheidung zu heiraten: Sie bekennen sich schuldig. Richter Bazile verurteilt sie zu einem Jahr Gefängnis - es sei denn, das Paar verlässt Virginia für die folgenden 25 Jahre. Die Lovings gehen nach Washington D.C.

Ein Brief an Robert Kennedy

Fast fünf Jahre lang leben sie in einem heruntergekommenen Stadtteil - kein Ort, um Kinder groß zu ziehen. Das junge Paar vermisst das behütete, ländliche Leben in Virginia, ihre Familien und Freunde. "So wie ich das Gesetz verstanden hatte, durften wir für Besuche zurückkommen, wenn wir wollten", erklärt Mildred in einem Fernsehinterview 1967. "Als wir an Ostern zurückgingen, haben sie uns wieder verhaftet."

Gegen eine Kaution lässt der Sheriff sie auch dieses Mal gehen, wieder musste die junge Familie Virginia und ihre Verwandten sofort verlassen. Als 1963 eines ihrer drei Kinder in Washington D.C. von einem Auto angefahren wird, hält Mildred es nicht mehr aus. In einfachen und eindringlichen Worten schreibt sie an den Justizminister Robert Kennedy, den Bruder des Präsidenten: "Wir haben drei Kinder und können uns keinen Anwalt leisten (...) Wenn Sie können, bitte helfen Sie uns! Wir hoffen, ganz bald von Ihnen zu hören. Hochachtungsvoll, Mr. und Mrs. Richard Loving".

Helfen kann Kennedy dem jungen Paar nicht. Er rät ihnen, sich an die "American Civil Liberties Union" zu wenden, eine Bürgerrechtsunion, die sich unter anderem für die Rechte von Afroamerikanern einsetzt. Zwei junge Anwälte, Phil Hirschkop und Bernard Cohen, erkennen die Verzweiflung, die aus Mildreds Zeilen spricht - sie spüren, dass der Kampf des Ehepaars zu einem weiteren Meilenstein in der Geschichte der amerikanischen Bürgerrechte werden könnte. Hirschkop und Cohen entscheiden sich, den Lovings zu helfen. Ohne Bezahlung.

"Sie waren ein sehr einfaches Paar, sehr unprätentiös", erinnert sich Bernard Cohen 2007 in einer BBC-Dokumentation an die Begegnung mit den Lovings, "absolut keine Menschen, in denen ein Bürgerrechtler-Feuer brannte." Beeindruckt hat die Anwälte etwas anderes: "Die beiden waren in vollkommenem Einklang miteinander", sagt Hirschkop, "man spürte die besondere Verbindung zwischen ihnen."

"Sagen Sie dem Gericht einfach, dass ich meine Frau liebe"

Vier Jahre fechten die Anwälte das Urteil an, immer wieder scheitern sie an dem Rassismus, der fest an den Gerichtshöfen der Südstaaten verwurzelt ist. Die beiden geben nicht auf, legen gegen jede abgewiesene Klage Berufung ein. Immer wieder. Sie kämpfen gegen ein System, das sich über Jahrhunderte etabliert hat, gegen Vorurteile und Diskriminierung. Ihr Hauptargument: Die "Anti-Miscegenation Laws" beruhen auf den Gesetzen der Sklaverei - und die war bereits 1865 abgeschafft worden.

1967 erreicht der Fall Loving vs. Virginia den Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Richard und Mildred, beide scheue Menschen, entscheiden sich dagegen, an der Verhandlung teilzunehmen. "Sagen Sie dem Gericht einfach, dass ich meine Frau liebe", lässt Richard Loving durch seine Anwälte ausrichten. Am 12. Juni desselben Jahres verkünden die Richter des Supreme Court: "Richard und Mildred Loving haben das Recht, morgens nebeneinander aufzuwachen und abends miteinander einzuschlafen, in der Gewissheit, dass kein Sheriff an ihre Tür klopfen oder in die Privatsphäre ihres Schlafzimmers eindringen und mit einer Taschenlampe in ihre Gesichter strahlen wird."

Neun Jahre lang haben Mildred und Richard Loving für ihre Liebe gekämpft - und gewonnen. Erreicht aber haben sie viel mehr: Von nun an dürfen gemischte Paare in allen Staaten der USA unbehelligt und vor dem Gesetz gleichberechtigt zusammenleben. Das Urteil des Obersten Gerichtshofs erklärte alle Gesetze, die die Partnerschaft und Ehe zwischen Menschen unterschiedlicher Hautfarbe einschränkten, für unrechtmäßig.

Nach dem Urteil kehren die Lovings in ihr Heimatdorf Central Point, Virginia, zurück und leben dort mit ihren drei Kindern ein zurückgezogenes Leben. 1975, acht Jahre nach dem Urteilsspruch, trennt ein tragischer Autounfall das Liebespaar für immer. Richard Loving stirbt und macht seine gerade mal 35 Jahre alte Frau zur Witwe. Erst 2008 stirbt auch Mildred Loving. Geheiratet hat sie nie wieder.



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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Idries Anwari, 18.10.2012
1.
Was für eine Geschichte - ich frage mich ob sie schon verfilmt wurde.
Peter Meisel, 18.10.2012
2.
"Erst 2008 stirbt auch Mildred Loving" das wörtchen "erst" finde ich etwas deplaziert. aber ansonsten ein hochspannender artikel.
Martin Graf, 18.10.2012
3.
Bemerkenswert finde ich vor allem, dass ein ähnliches Gebot der Rassentrennung in Deutschland - nicht zuletzt mit amerikanischer Hilfe - bereits 22 Jahre früher final abgeschafft worden war. In den USA wurde die Zugehörigkeit zur "falschen Rasse" zwar nicht mit KZ und Vergasung bestraft, aber "fortschrittlich demokratische " Menschenrechte sehen anders aus...
Harald Kucharek, 18.10.2012
4.
"Der allmächtige Gott hat die weiße, schwarze, gelbe, malaiische und rote Rassen geschaffen und sie auf unterschiedlichen Kontinenten platziert", lautet das Urteil von Richter Leon Bazile, "das bedeutet, dass Gott nicht wollte, dass sich die Rassen vermischen." Das also die weißen Siedler gegen Gottes Wille verstoßen haben, indem sie auf den roten Kontinent zogen und dort auch noch Leute vom schwarzen Kontinent hinbrachten, dazu hat die krude gottgefällige Logik dann aber doch nicht mehr gereicht...
Marcus Schätzle, 18.10.2012
5.
>Was für eine Geschichte - ich frage mich ob sie schon verfilmt wurde. ja, wurde sie. Die Frage hätte sich allerdings mit einer einfachen Eingabe von "richard..." oder "mildred loving film" in einer Suchmaschine erübrigt.
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