Kunst auf LSD-Papier Soooo viiiieele Faaaarben!

Kunst auf LSD-Papier: Soooo viiiieele Faaaarben! Fotos
Corbis

Sie zeigen den verrückten Hutmacher aus "Alice im Wunderland", Spiralen und tanzende Elefanten: LSD-Trips auf Löschpapier werden seit jeher mit den wildesten Motiven verschönert. Fans der sogenannten Blotter-Kunst sammeln die bunten Bögen - deren irre Bilder die Wirkung der Droge vorwegnehmen. Von

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Um die Wirkung von LSD spinnen sich so viele Mythen, wie bei kaum einer anderen Droge. Während manche von bewusstseinserweiteren Erfahrungen und unbeschreiblichen Glücksgefühlen berichten, schickte die Flüssigkeit andere auf üble Horrortrips, von denen sich ihr Verstand nie wieder erholte. Das Militär hat sich dafür ebenso interessiert wie die Psychologie - und mit den sogenannten Trips kam eine farbenfrohe Ästhetik, die den sechziger Jahren ihren Stempel aufdrückte.

Seit gut 40 Jahren ist die Substanz verboten, der illegale Handel mit LSD beschränkt sich heute auf einen so überschaubaren wie verschwiegenen Untergrund. Die Lysergsäurediethylamid an sich eine vollkommen farblose Flüssigkeit ist, wird sie tröpfchenweise auf umso buntere Löschpapierbögen aufgetragen, aus denen dann die quadratischen Einzeldosen ausgestanzt werden. Wer sich mit der Ikonographie der aufgedruckten Motive beschäftigt, dem öffnet sich nicht nur das Panorama einer radikalen Subkultur - sondern auch eine Ahnung von der Wirkung der Droge.

Einer, den diese Erfahrung niemals losgelassen hat, ist Mark McCloud. Der 58-Jährige ist in Argentinien geboren und hat seinen ersten Trip 1971 als Student in San Francisco eingeworfen, einem Zentrum der LSD-Bewegung. "Orange Sunshine" nannte sich das LSD. Das Motiv auf seinem kleinen Stück Löschpapier zeigte eine lächelnde Sonne, und die Droge schickte ihn auf eine innere Reise durch "Tod und Wiedergeburt". Während dieses Drogenrauschs erfuhr McCloud auch seine Bestimmung: Er sollte den Menschen die verborgene Schönheit der phantasievoll gestalteten Blotter näherbringen. So werden die Löschpapierbögen genannt, aus denen die einzelnen Trips herausgelöst werden. Diese wollte er fortan Menschen zeigen, ohne dass sie gleich LSD konsumieren und sich damit strafbar machen mussten. Geträumt, getan.

1987 wurde erstmals Blotter-Art, die Kunst auf den Pappen, öffentlich ausgestellt. In seiner Wohnung in New York hütet McCloud fast 40.000 verschiedene Bögen - freilich ohne LSD. Der Mann ist im Besitz der ursprünglichen Vorlagen für ganze Serien, und er ist der größte Sammler dieser abseitigen Kunstwerke.

"Jeder Laut erzeugte ein Bild"

Würde sich die Kunstgeschichte dafür interessieren, sie würde die Blotter-Art womöglich rasch einzuordnen wissen. Die Drucke, bunt und seriell, fallen eindeutig in den Bereich der Pop-Art. Manche der Bögen widmen sich thematisch der Geschichte des LSD. Ein Klassiker zeigt ein glückliches Männchen im Comic-Stil, das auf einem Fahrrad dahinradelt, ergänzt um den Aufdruck: 1943. Es ist, wie jedes Fahrrad in diesem Genre, eine Anspielung auf den LSD-Entdecker Albert Hofmann, der als Arzneimittelforscher auf der Suche nach einem Kreislaufstimulans versuchte, den Getreidepilz Mutterkorn zu synthetisieren. Am 19. April 1943 testete er sein Destillat im Selbstversuch.

Es war mit 250 Mikrogramm eine, wie sich später herausstellen sollte, sehr hohe Dosis. Danach setzte er sich aufs Fahrrad, um nach Hause zu fahren. Dabei setzte eine Wirkung ein, die Hofmann in seinem legendären Protokoll schilderte: "Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss. Besonders merkwürdig war, wie alle akustischen Wahrnehmungen, etwa das Geräusch einer Türklinke oder eines vorbeifahrenden Autos, sich in optische Empfindungen verwandelten. Jeder Laut erzeugte ein in Form und Farbe entsprechendes, lebendig wechselndes Bild." Dieser Tag der Entdeckung der psychoaktiven Eigenschaften des LSD ging unter Kennern als Bicycle Day in die Geschichte ein.

Von dem erst 2008 verstorbenen Hofmann noch persönlich signierte Blotter mit dem Motiv seiner legendären Fahrt erzielen auf dem Schwarzmarkt heute Preise von mehr als 1000 Euro. Ähnliches gilt für Motive mit dem Konterfei des Psychologen und Gurus der Hippie-Bewegung, Timothy Leary, der, anders als Hofmann, für eine massenhafte Vertreibung von LSD eintrat. Unter dem Motto "Turn on, tune in, drop out" sollte die Gesellschaft am bewusstseinserweiternden Potential der Droge genesen. Fragen zum Wesen des Kosmos, zu den Geheimnissen von Raum und Zeit oder auch nach dem Sinn des Lebens - unter dem Einfluss von LSD sollten sich die Antworten offenbaren.

Psychonauten im Yin-Yang-Modus

Leary, Hofmann und andere "Psychonauten" wiesen immer darauf hin, dass die Einnahme psychoaktiver Substanzen aus Kakteen, Pilzen oder Marihuana zu den ältesten Kulturtechniken der Menschheit zählt. Auf diese ethnopharmakologische Verwandschaft mit schamanistischen Traditionen spielen Motive wie Fliegenpilze oder Peyote an. Auch andere Darstellungen, wie etwa die Eichel für den heiligen Hain der Kelten oder der elefantenköpfige Hindu-Gott Ganesha, greifen weit zurück in die Geschichte. Der Buddha oder die Lotusblüte verweisen auf die mittels der Droge zu erlangende Erkenntnis, Yin und Yang symbolisieren den harmonisch geordneten Kosmos, wie er sich dem LSD-Schlucker während eines Trips darstellen mag.

Zahllose Blotter-Motive beschäftigen sich mit Symbolen aus der Astronomie oder Astrologie, es gibt Planeten, stilisierte Galaxien oder Ufos zu bestaunen - alles Anspielungen auf die "kosmische Reise", die der Trip ermöglicht. Gleiches gilt für Abstraktionen wie die faszinierenden Fraktale des Mathematikers Benoit Mandelbrot, bei denen sich Muster in unendlichen Ausprägungen wiederholen, im Großen wie im Kleinen - wie auch bei den Blottern selbst mal das einzelne Blatt, mal der ganze Bogen bedruckt ist. Oft werden auch Symbole wie die Friedenstaube, das Peace-Zeichen oder ein Porträt von Che Guevara verwendet, die anarchischen Comic-Figuren eines Robert Crumb, Cover der drogenaffinen Rockgruppe The Grateful Dead oder, in jüngster Zeit, auch das ebenfalls unter Psychedelia-Verdacht stehende Personal der Zeichentrickserie "Die Simpsons".

Die Motive entsprechen oft den Wünschen des herstellenden Chemikers, manchmal sind sie der Phantasie der Papierhersteller überlassen. In den sechziger Jahren waren die Blotter noch farblos, der Legende nach malte erstmals ein südamerikanischer Schamane kleine Bilder darauf - vielleicht zu ideal und esoterisch, um wahr zu sein. Erst zu Beginn der siebziger Jahre wurde das LSD auf Lackmuspapier geträufelt. Der blaue Punkt, der dadurch entstand, war der erste farbige Trip. Der erste Druck - in der Prä-Photoshop-Ära noch mühsam verkleinert - war ein Blotter mit Captain L, einer Captain America nachempfundenen Comicfigur.

Zu den seltsamsten Exponanten in der Sammlung des Mark McCloud freilich zählen besonders subversive Löschpapiere - mit dem Siegel des FBI. Die Bundespolizei ist mehrfach in dessen Institute of Illegal Images vorstellig geworden. Der schiere Umfang seiner Sammlung und die dunkle Herkunft mancher Drucke hatte die Polizei misstrauisch gemacht. Zweimal kam es sogar zu Prozessen, die allerdings beide mit einem Freispruch endeten. Aus Furcht vor weiteren Nachstellungen war er für ein Interview nicht zu gewinnen. In einem Gespräch mit dem Underground-Kunstmagazin "Juxtapose" aber verglich McCloud die Blotter einmal mit der Oblate im katholischen Gottesdienst. Auch hier wird mehr geschluckt, als es den Anschein hat. Blotter seien, so McCloud, die womöglich amerikanischste Kunstform überhaupt: Bilder, die keine Galerie brauchen, sondern einfach nur konsumiert werden können.

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insgesamt 9 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Stefan Göpper 13.12.2012
LSD ist ein kristalliner Feststoff und keine Flüssigkeit!
2.
Matthias Klews 13.12.2012
>LSD ist ein kristalliner Feststoff und keine Flüssigkeit! Kommt ganz auf die Temperatur an ;o) und wird typischerweise in flüssiger/gelöster Form in konsumierbare Portionen aufgeteilt.
3.
thorsten krach 13.12.2012
@Stefan Göpper Etwas Kristallines ist immer ein Feststoff!
4.
Mathias Völlinger 14.12.2012
>@Stefan Göpper >Etwas Kristallines ist immer ein Feststoff! Unter Normalbedingungen gibt es aber auch amorphe Feststoffe, also ist hier der Ausdruck "kristalliner Feststoff" für kristalline Feststoffe schon korrekt.
5.
Franz Bade 14.12.2012
Wenn die lächerlich bornierten und kleinkarierten Regierungs-Menschlein in Europa und anderswo, alle einige LSD-Erfahrungen machen würden, würde das die Welt zum Besseren verändern. Das steht fest. Aber Angie kann über die bloße Idee nur kichern, und schenkt sich lieber einen Prosecco ein. Nichts gegen Prosecco....
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