Luftangriff auf Guernica Generalprobe für den Blitzkrieg

Luftangriff auf Guernica: Generalprobe für den Blitzkrieg Fotos
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Schulfreunde wurden von Bomben zerfetzt, Nachbarn unter Trümmern begraben: Vor 75 Jahren zerstörte eine deutsche Fliegerstaffel Guernica. Der damals 14-jährige Luis Iriondo Aurtenetxea überlebte den Angriff nur durch einen Zufall. Doch über den Schrecken durfte er Jahrzehntelang nicht sprechen. Von Annika Müller

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Am 26. April 1937 herrschte in dem Städtchen Guernica reges Treiben. "Es war Markttag, und es gab endlich einmal wieder Süßigkeiten zu kaufen", erinnert sich Luis Iriondo Aurtenetxea, der damals 14 Jahre alt war. Wunderbares Frühlingswetter sei gewesen, ein wolkenloser Himmel.

Im Tagebuch eines deutschen Piloten, der gegen 15 Uhr mit seiner "Heinkel" in Burgos startet, steht: "Besseres Wetter für das Unternehmen hätten wir uns nicht wünschen können." Tausende Bomben würden er und 37 weitere Piloten der "Legion Condor" in den kommenden Stunden über Guernica abwerfen. Unterstützung bekamen sie von einer Jägerstaffel, die nach Berichten von Überlebenden so tief flog, "dass man die Gesichter der Piloten erkannte". Umgekehrt sahen die deutschen und italienischen Piloten wohl genau, dass sie nicht auf republikanische Soldaten, sondern auf Zivilisten schossen. Neben den 7000 Einwohnern Guernicas waren vor allem Frauen und Kinder auf den Straßen, die sich vor den naherückenden Truppen Francos aus umliegenden Dörfern und Städten in die älteste Stadt des Baskenlandes geflüchtet hatten.

Guernica, das laut Iriondo zu seiner Verteidigung nur ein einziges, nicht einmal funktionstüchtiges Maschinengewehr besaß, traf der Luftschlag völlig unvorbereitet. Auch Luis Iriondo, der bis heute in seinen Träumen das Haus seiner Kindheit in Flammen stehen sieht, hatte bis zu jenem Tag keine Vorstellung davon, was Krieg bedeutet. "Als ich zum ersten Mal vom Bürgerkrieg hörte, lag ich am Strand und lauschte einem Gespräch der Erwachsenen über den Putsch in Marokko", erzählt Iriondo. Doch den Militärputsch des Generals Franco in der spanischen Kolonie, der den Beginn des Bürgerkriegs markierte, empfand der Junge nicht als unmittelbare Gefahr. "Meine einzige Sorge war, dass mein Micky-Maus-Heft nicht mehr aus Barcelona eintraf", erinnert sich Iriondo im Gespräch mit einestages.

"Den Alarm nahm keiner ernst"

Für den heute 89-Jährigen waren die Wochen vor dem Bombenangriff sogar eine spannende Zeit. Die Schule fiel aus, da die meisten Lehrer zur Unterstützung der baskisch-republikanischen Brigaden an die Front gezogen waren. Mit anderen jungen Burschen baute Iriondo Schutzwälle aus Sandsäcken. Durchziehende Soldaten brachten Neuigkeiten, die für den Jungen nach Abenteuer klangen. Als "einzige große Fiesta" habe er diese Tage empfunden.

Keiner rechnete mit dem, was am 26. April 1937 geschehen würde. Zwar waren San Sebastian und Navarra bereits in der Hand der Francotreuen, und in den Tagen zuvor wurden mehrfach Flugzeuge gesichtet. Auch gingen Nachrichten von Bombeneinschlägen in den Dörfern Elorrio und Ochandiano um, und man hörte von einer zerstörten Kirche in Durango, in der eine Bombe während der Messe zweihundert Menschen getötet hatte. Doch in Guernica, wo seit Jahrhunderten die wichtigen Belange des nordspanischen Volkes unter der großen Eiche ausgehandelt werden, fühlte man sich sicher.

"Den Alarm nahm keiner ernst", erinnert sich Luis Iriondo. Zu oft hatte man das heftige Läuten der Kirchenglocken in den Tagen und Wochen zuvor bereits gehört. Auch Iriondo ließ sich bei seiner Arbeit in der städtischen Bank, bei der er als Botenjunge aushelfen durfte, nicht stören. Lustlos folgte er schließlich der Aufforderung eines Bankbediensteten - ein Flüchtling aus Lekeitio - ihn zu einem Schutzunterstand zu führen. "Sonst wäre ich wohl nicht mehr am Leben", sagt der alte Herr, der über seine Erlebnisse in Guernica und die anschließende Flucht ein Buch geschrieben hat, das sogar als Libretto für eine Oper diente. Eigentlich wollte Iriondo zu seinem Freund Cipri in das gemeinsame Versteck vor der Stadt eilen. Dort wurde später nur noch die zerfetzte Leiche des Schulkameraden gefunden.

"Wir glaubten zu ersticken"

Gemeinsam mit zahlreichen anderen Stadtbewohnern harrte Luis Iriondo in einem winzigen Schutzraum unter einer Terrasse aus. "Wir glaubten zu ersticken. Einer von uns versuchte, ein Streichholz anzuzünden, aber es gab zu wenig Sauerstoff", berichtet Iriondo, der sich nicht anders zu helfen wusste, als zu beten. Nach einer halben Stunde ununterbrochener Detonationen, schien es vorbei zu sein. Nichtsahnend, dass die Bomber lediglich im nahen Vitoria nachluden, eilten alle nach draußen. Für viele, die den ersten Angriff überstanden hatten und im dicken Rauch die Flugzeuge nicht wieder kommen sahen, bedeutete dies den Tod.

Als am Abend tatsächlich Stille einkehrte und Iriondo das Versteck verlassen konnte, stand die Stadt, das geistige und kulturelle Zentrum des Baskentums, in Flammen. "Um 19.45 Uhr", so der englische Historiker Gijs van Heinbergen, "hatte Guernica praktisch aufgehört zu existieren." Kaum eines der größtenteils aus Ziegeln und mit Holzfachwerk gebauten Häuser war intakt geblieben. Das Rathaus, die Kirche und das Krankenhaus waren vollständig zerstört. Einzig die heilige Eiche stand am Abend des 26. April 1937 noch an ihrem Platz. Auch die Renteria-Brücke, das angebliche militärische Ziel, und die Waffenfabrik Astra traf keine einzige Bombe.

Den Deutschen war es, entgegen anfänglicher Behauptungen, nicht in erster Linie darum gegangen, Francos Truppen den Weg zu bereiten. Vielmehr erklärte der Oberbefehlshaber der Luftwaffe Hermann Göring vor dem Nürnberger Militärgerichtshof, die Unterstützung General Francos sei die ideale Gelegenheit gewesen, seine noch junge Luftwaffe zu testen und "im scharfen Schuss zu erproben, ob das Material zweckentsprechend entwickelt wurde". Guernica war also die Generalprobe für den Blitzkrieg und eine Kriegsführung ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung. Die Zahl der Toten, über die während der Franco-Diktatur nicht gesprochen werden durfte, ist bis heute umstritten. Während manche Quellen von 200 Todesopfern sprechen, berichteten Auslandskorrespondenten von bis zu 3000 Toten. Heute weiß man, dass diese Zahl wohl deutlich zu hoch gegriffen war.

Gefälschte Geschichtsbücher

"Der schrecklichste Luftangriff aller Zeiten", kabelte der Reuters-Journalist Christopher Holme an seine Zentrale. Staffelkapitän Wolfram Freiherr von Richthofen notierte hingegen begeistert: "Guernica buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Bombenlöcher auf Strassen noch zu sehen, einfach toll." Später bekannte von Richthofen, er habe sich in Guernica "wohl etwas rüpelhaft benommen". Selbst aus den eigenen Reihen kam Kritik. Harro Harrer, selbst Flieger der "Legion Condor", bezeichnete es wenige Tage nach dem Bombardement in seinen Notizen als unerhörte Schweinerei, "eine militärisch unwichtige Stadt so zu zerstören", und beklagte die überflüssigen Opfer.

Auch für Franco wurde die radikale Zerstörung der heiligsten Stadt im erzkatholischen Baskenland zum Problem. Er hatte seinen Feldzug gegen die gewählte Volksfront aus Sozialisten, Republikanern, katalanischen Liberalen und Kommunisten zum "Kreuzzug gegen die gottlosen Roten" erklärt und benötigte die Unterstützung der katholischen Kirche. Guernica sei von den "roten Barbaren" niedergebrannt worden, lautete daher die offizielle Version, die in den spanischen Medien verbreitet wurde und bis zum Tod des Diktators 1975 in den Geschichtsbüchern zu lesen war.

Als Iriondo aus dem Exil in Frankreich in seine Heimat zurückkehrte, musste er zunächst diese neuen Wahrheiten lernen und seine Muttersprache Baskisch gegen Spanisch eintauschen. In einer spanischen Zeitung sah er ein Foto mit der Unterschrift: "Kirche Santa Maria in Guernica von baskischen Sozialisten abgefackelt". Die Erinnerung daran lässt seine Stimme noch heute vor Wut zittern. Iriondo selbst hatte Blindgänger und Überreste der 250-Kilogramm-Splitterbomben und Brandbomben, die Temperaturen von 2500 Grad Celsius entwickeln konnten, gefunden. Die Bomben, die in Guernica Krater mit einem Durchmesser von 16 Metern und acht Metern Tiefe geschlagen hatten, waren im Franco-Spanien aber offiziell eine republikanische Propagandalüge.

Lebenslange Angst vor Flugzeugen und Gewitterdonner

Dass nicht darüber gesprochen werden durfte, nahm den Überlebenden die Chance, die schrecklichen Eindrücke zu verarbeiten. Darunter litt vor allem Iriondos jüngerer Bruder. Der zehnjährige Patxi Iriondo Aurtenetxea war während des Bombenabwurfs wie ein Besessener durch die Stadt gerannt und musste mit ansehen, wie Bekannte, Freunde und Verwandte von den Bomben zerfetzt und von den Trümmern begraben wurden. Mehrfach gingen Schutzräume, in die er sich flüchten wollte, vor seinen Augen in Flammen auf.

Patxi Iriondo sollte in Bilbao, wohin sich die Familie zunächst in Sicherheit brachte, wochenlang in einem Eisenbahntunnel verbringen und sich auch im sicheren Frankreich weigern, tagsüber auf die Straße zu gehen. Er litt ein Leben lang unter panischer Angst vor Flugzeugen und Gewitterdonner und starb als junger Mann an einer Krankheit. Luis Iriondo führt dies - auch wenn die Ärzte keinen Zusammenhang feststellen konnten - auf die schweren psychischen Schäden zurück, die sein Bruder davongetragen hatte.

Bis heute kämpft Guernica gegen das Vergessen. Ein Friedensmuseum erinnert nicht nur an das Bombardement, sondern an diverse bewaffnete Auseinandersetzungen. Das 1987 gegründete Friedensforschungsinstitut "Guernica Gogoratuz" ("Guernica erinnern") finanziert unter anderem Forschungsprojekte, die auf friedliche Konfliktlösungen abzielen, richtet Tagungen und Fortbildungen aus und organisiert den Besuch der Überlebenden in Schulen.

In Deutschland wird mit "Guernica" heute eher das berühmte Bild von Picasso als der deutsche Angriff auf die Kleinstadt assoziiert. Auch die Bundesregierung tat sich lange schwer mit der Erinnerung an Guernica. Zum 60. Jahrestag des Bombardements im Jahr 1997 sprach Bundespräsident Roman Herzog erstmals eine vorsichtige Entschuldigung aus. Luis Iriondo war es, der sie Namen der Opfer annahm.

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1.
Maria Jimenez 25.04.2012
Guenica.... was für ein Schmerz das war kann man sehr schön im Museum "Reina Sofia" in Madrid sehen. Da ist Picasso sein (für mich persönlich) bestes Werk zu betrachten. Jedes gezeichnete Lebewesen schreit. So schrie auch sein Herz. Guernica ist eines der vielen Massaker die sowohl Franco als auch Hitler vollbracht hatten.
2.
Thomas Mueller 26.04.2012
Bitte lieber Spiegel, zur Abwechslung mal über Gräueltaten alliierter Truppen am Deutschen Volk berichten. Die ewigen Berichte, die den SPON Leser anscheinend am vergessen hindern sollen, was für böse Menschen wir Deutsche doch sind, langweilen auf Dauer und sind einseitig! Tschechen, Russen, Franzosen, Engländer & co haben mindestens ebenso viele Gräueltaten an Deutschen begangen, die ebenfalls nicht vergessen werden sollten. Danke!
3.
Jens Ziegenbalg 25.04.2012
Bis 1997 hats also gedauert bis man in Deutschland die Realität wahrgenommen hat - man solte sagen im westlichen Teil - im Osten wurde darüber vorher schon anders berichtet. Nunja die Demokraten Globke, Kiesinger, Lübke und auch Oberleutnant Schmidt wären wohl in Erklärungsnot gekommen, warum Deutschland eine rechtmäßig gewählte Regierung militärisch bekämpft hat...
4.
Juergen Frey 26.04.2012
Lueckenbuesser oder was??? Gegen Ende des Krieges 1945 wurden noch jede Menge Bomben auf deutsche Staedte geworfen, Tausende von hilflosen Menschen wurden getoetet. Besonders tat sich ein Herr Churchill mit seiem Bomber Harris hervor. In einer einzigen Nacht wurden in Hamburg 3o,ooo (Dreissigtausend) Menschen durch einen durch Bombenwurf entfachten Feuersturm getoetet. LASST DOCH ENDLICH DIE VERGANGENHEIT RUHEN!!!
5.
Siegfried Wittenburg 26.04.2012
Der Umgang mit der Franco-Diktatur ist in Spanien bis heute problematisch. Der katalanische Schriftsteller Jaume Cabré schrieb mit "Die Stimmen des Flusses" einen Weltbestseller zu diesem Thema. Als ich in einer gut sortierten Buchhandlung in der spanischen Provinz Aragon, keine 100 km außerhalb Kataloniens, nach diesem Buch bzw. diesem Autor fragte, war er dort völlig unbekannt. Im heutigen Russland ist es ähnlich im Umgang mit dem Stalinismus. Bücher zum Thema werden in vielen Sprachen übersetzt, nur nicht in die, die es betrifft. Die Deutschen, ob in Ost oder in West, sind in Bezug der Aufarbeitung von selbst zu verantwortenden Verbrechen, die in der Vergangenheit geschahen, gleichermaßen empfindlich. Ja, es ist schmerzhaft, sich mit solchen Themen auseinander zu setzen.
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