Kindheit im Bombenkrieg "Alles brannte und qualmte"

Bomben, Feuer, Angst: Im Zweiten Weltkrieg verwandelten alliierte Bomber München in ein Flammenmeer. Als Jugendlicher erlebte Hans Ernst Schmitt die Zerstörung seiner Heimatstadt.

picture alliance / Josef Bergman

Es war am 25. April 1944. Wieder einmal heulten in dieser Nacht die Sirenen. Das Höllenkonzert, das immerwährende Auf und Ab der Heultöne, riss mich aus dem Tiefschlaf - noch heute sitzt mir der Schrecken davon in den Gliedern. Ich sprang aus dem wohlig gewärmten Bett und rannte in der Wohnung hin und her, um meine Kleidungsstücke zusammenzusuchen. Meine Mutter, vom Schreck auch ganz benommen, mahnte mich zur Eile, denn die Flak begann zu schießen. Die Bomber waren über der Stadt!

Neugierig, wie Kinder sind, lugte ich aus dem Küchenfenster. Zu sehen waren nur die Lichtkegel der Scheinwerfer, die den Nachthimmel nach feindlichen Flugzeugen absuchten. Da - schräg über mir: Ein Bomber im Visier der Scheinwerfer! Zeit für mich, meiner Mutter in den Schutzraum zu folgen.

Notdürftig, nur mit Hemd und Hose bekleidet, rannte ich die drei Stockwerke hinunter. An der letzten Stufe angekommen, hörte ich ein Krachen und Bersten, als ob im Haus etwas eingeschlagen wäre.

Aufgeregt schrie ich in den Keller runter: "Ich glaub, es ist was rein g'falln!" Gott sei Dank hatte man für den Ernstfall vorgesorgt: Sand und Wasser standen in jedem Stockwerk bereit! So konnte man die zähflüssige, grünschimmernde Masse, von der die Wohnungstüren des zweiten und dritten Stockwerks bespritzt waren, schnell löschen. Einige Minuten später hätte das Phosphor-Gemisch das Haus in eine Flammenhölle verwandelt.

Durch einen langen Heulton der Sirenen hörten wir endlich die Entwarnung. Die Flieger waren fort! Dann setzte ich mich mit einigen Jugendlichen aufs Dach und betrachtete das brennende München.

Verkohlte Trümmer

Über 70 Jahre ist es her, dass ich als 14-Jähriger die Zerstörung der Stadt durch die alliierten Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg miterlebt habe. Bis heute wecken Bilder von Verwüstungen, die durch Erdbeben oder andere Naturgewalten verursacht werden, diese Erinnerungen in mir. In meinem Alter von über 80 Jahren war es mir ein Bedürfnis, diese schrecklichen Kriegserlebnisse niederzuschreiben.

Ich lebte damals allein mit meiner Mutter Karolina Heymann in der Baumstraße im sogenannten Glockenbachviertel. Nach dem verheerenden Angriff vom 25. April 1944 ging das Leben weiter - auch für mich als 14-jährigen Bauzeichner-Lehrling. Als sich der ätzende Rauch der Brände verzogen hatte, half ich mit, das vom Phosphor beschmutzte Treppenhaus zu säubern. Dann machte ich mich auf den Weg zu meiner Firma, obwohl meine Mutter wegen meiner Übermüdung besorgt war. Der Weg führte mitten durch die Münchner Innenstadt.

Trotz eines Tuches, das ich schützend vor mein Gesicht hielt, brannten und tränten mir die Augen. Noch immer qualmte beißender Rauch aus verkohlten Trümmern, die einmal hohe Häuser gewesen waren. Leute standen verzweifelt vor dem Hab und Gut , das sie aus den brennenden Wohnungen hatten retten können. Überall dasselbe Schreckensbild: Häuser beiderseits der Straße standen in Flammen. Da und dort krachte und zischte es von Mauern, die einstürzten, und von brennenden Balken, die herabfielen.

"Wo bleibst du denn?", begrüßten mich die anderen Lehrlinge vor der Firma. "Bei uns ist eine Bombe reingefallen. Hab' mitgelöscht", antwortete ich. Bedeutungsvoll zeigten sie auf das ebenfalls zerstörte Firmengebäude. Später wurde die Zentrale in die Villa des Chefs verlegt. Jeden Tag fuhr ich mit dem Fahrrad auf Vollgummireifen dort hin, denn wegen der vielen Glassplitter auf den Straßen wäre man mit dem Flicken normaler Reifen nie fertig geworden.

"Raus hier! Feuer!"

Fast täglich hatten wir Fliegeralarm. Die Heultöne drangen tief in meine Seele. Ich zitterte am ganzen Körper. Einmal suchte ich noch schneller als sonst den Schutzraum auf, von außen drang ohrenbetäubender Lärm herein. Meine Nerven flatterten. Ich hielt es nicht mehr aus und schrie nur noch.

Oft hatte ich Angst um meine Mutter. Der Hauptbahnhof wurde von Bombardements schwer getroffen, in der Nähe arbeitete sie. Aber ein Durchkommen war nach den Angriffen meist unmöglich, lichterloh brannten die Häuser beiderseits der Straße. Einmal ging ich mit meinem Freund Edi nach einem Angriff an der Gulaschkanone "Essen fassen".

Hans Ernst Schmitt mit seiner Mutter
privat

Hans Ernst Schmitt mit seiner Mutter

Plötzlich erschien meine Mutter - aber wie! Sie war vollkommen erschöpft und gezeichnet vom Erlebten. Überglücklich lief ich ihr entgegen und fiel ihr in die Arme. "Schrecklich", sagte sie. "Ich kann kaum glauben, dass ich noch am Leben bin." Sie hatte sich während des Angriffs im Schutzkeller des Geschäfts versteckt. Irgendwann hatte jemand gerufen: "Raus hier! Feuer!" Doch oben erwartete sie ein Flammenmeer. "Die Stoffe, die wertvollen Stoffe", sagte sie, "alles brannte und qualmte."

Später sollte das Geschäft nach Gräfelfing südwestlich von München verlegt werden, bis dahin war sie beurlaubt. Außer einem Tag in der Woche, an dem ich die Berufsschule besuchen musste, verbrachte ich trotz der schrecklichen Erinnerungen einen schönen Feriensommer. Sogar die Flieger ließen uns in Ruhe.

Die Bomber kamen wieder

Am liebsten ging ich mit meiner Mutter, der Nachbarin und meinem Freund Edi zum Baden an die Isar. Schon beim Hinweg, der von zerbombten Häusern gesäumt war, genehmigten wir uns in der Eisdiele am Badeplatz ein Eis. Dann breiteten wir unsere Badetücher am Ufer der Isar aus.

Dann zogen wir nach Gräfelfing um. Statt an der Isar ging ich nun in der Würm zum Baden. Doch auch dorthin kamen im Januar 1945 die Bomber wieder. Unser neues Haus wurde getroffen. Um dort wieder wohnen zu können, brauchte man Leute, die den Schutt wegräumten und das Dach deckten. Der Besitzer ließ seine Beziehungen spielen.

Bald fuhr ein Militärfahrzeug vor, fünf Männer stiegen aus. Ein Unteroffizier verkündete: "Fünf Kriegsgefangene, vier Amerikaner und ein Engländer, zur Arbeitsaufnahme übergeben." Eine Woche arbeiteten sie bei uns. Es entstand ein fast freundschaftliches Verhältnis. Mit meinem Schulenglisch konnte ich mich etwas verständlich machen. Sie wussten - aus welchen Quellen auch immer - dass der Krieg im Mai zu Ende sein würde.

"Alles wird bald ein Ende haben", sagte auch meine Mutter. "Aber vorher machen wir noch einen Wochenendausflug" Damit meinte sie eine Hamsterfahrt in die Hallertau, nördlich von München. Auf den Bauerhöfen dort wollten wir Lebensmittel kaufen. Als wir uns zum Aussteigen fertig machten, hielt der Zug kurz vor Wolnzach auf offener Strecke an. "Tiefflieger", schrien die Menschen. Auch wir stürzten uns samt Gepäck den steilen Hang hinunter und eilten in den nahen Wald. So schnell die Flieger da waren, waren sie auch wieder weg. Hinterlassen hatten sie einen zerschossenen Zug.

Im Bogen um die Panzer

Wir liefen einen Waldweg weiter, bis wir ein Dorf erreichten. Ein Bauer fragte: "Wart ihr im Zug? Und da lebt ihr noch?" Bald saßen wir an seinem Tisch und aßen Speckknödel. Da kam das Gespräch auf die Amerikaner. "In Ingolstadt san's scho!"

Mit gefüllten Rucksäcken und vollen Taschen ging es am Abend nach Hause. Jetzt warteten wir alle auf den Tag X.

An meinem 15. Geburtstag, dem 29. April 1945, marschierten schließlich die Amerikaner ein. Trotz der Warnung unserer Eltern schwangen wir uns auf die Räder und radelten zum Bahnhof hinunter. Die Strecke war abschüssig und als ich die amerikanischen Panzer vor mir stehen sah, konnte ich nicht mehr abbremsen. Mit meinem weißen Tuch schwenkend fuhr ich dann in einem großen Bogen um die Panzer herum. Ich denke, die Soldaten waren genauso erschrocken wie ich.

Der Krieg war damit aus für uns. Meine Mutter heiratete bald einen tüchtigen Handwerker mit einem Häuschen und da zog ich gleich mit ein. Nie wieder fühlte ich mich meiner Mutter so verbunden wie damals im letzten Kriegsjahr.

Zum Autor
  • Hans Ernst Schmitt, Jahrgang 1930, ist gelernter Bauzeichner. Ein Ingenieursstudium brach er später ab, um zusammen mit seiner Frau ein Bekleidungsgeschäft zu führen. Schmitt ist leidenschaftlicher Roulettespieler. 1998 veröffentlichte er den Roman "Das System des Dr. Ludowski", in dem es um dieses Glücksspiel geht.


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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
Matthias Manthey, 13.03.2016
1. extremes Leid
Schlimme Geschichten hört man von der Generation, die den Krieg noch erlebt hat. Auch meine Eltern gehören dazu. Was mir dabei am meisten auffällt: niemanden interessierte da eine "zerrüttete Kindheit", was heute oft als mildernder Umstand in der Justiz gilt. Kriminelle werden hier deswegen häufig mit Samthandschuhen angefasst und meinen daher, sich hier alles erlauben zu können. Das sollte sich ändern
mimi dito, 13.03.2016
2.
Ihr Bericht griff mir sehr ans Herz! Ich bin in Gräfelfing aufgewachsen und liebe München! Alles gute für Sie!
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