Luftfahrt-Legende Als die Wale fliegen lernten

Luftfahrt-Legende: Als die Wale fliegen lernten Fotos
M.Michiel van der Mey/Dornier Wal Documentation Center/Archiv Contessa Maria Fede Caproni

Ein Flugzeug, das auch ein Segelboot ist und zur Not per Dampfkatapult in die Luft geschossen wird? Gab es wirklich. Das Flugboot "Wal" des genialen Konstrukteurs Claude Dornier wurde in den zwanziger Jahren weltweit zur Legende. Der geflügelte Wal schaffte es sogar bis zum Nordpol - fast. Von Hans Michael Kloth

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"Da können Sie ja auch gleich zum Zirkus gehen", schleuderte der Chef des Eisenwerks Kaiserslautern dem jungen Ingenieur Claude Dornier entgegen. Der 26-Jährige hatte gekündigt, um bei der Firma des Luftschiff-Tüftlers Graf Zeppelin in Friedrichshafen am Bodensee anzuheuern.

Doch die Chance, die Zeppelin dem ehrgeizigen Dornier bot, war einzigartig. Bald leitete der im Allgäu aufgewachsene Sohn eines Franzosen die Forschungsabteilung der Friedrichshafener Luftwerft - die sich durchaus nicht nur dem bau von Starrluftschiffen widmete, sondern auch Flugzeuge entwickelte. Der pfiffige Dornier war sich bald sicher, eine einzigartige Marktlücke in der noch winzigen, aber rasch wachsenden Luftfahrtindustrie entdeckt zu haben: Flugboote, die schwimmen und fliegen konnten. Mit solchen Zwittern würde es möglich werden, selbst Ozeane sicher und in nie gekannter Geschwindigkeit zu überwinden.

Seine kühne Vision schwamm wenige Jahre später erstmals auf dem Bodensee: Das "Riesenflugboot" Rs I von 1915, ein dreimotoriges fliegendes Schiff von 29 Metern Länge und mit der gewaltigen Spannweite von 43 Metern trug dem jungen Konstrukteur allerdings vor allem Spott ein - es mochte sich einfach nicht in die Luft erheben. "Das Flugschiff von Seemoos / kommt nicht vom See los", reimten hämische Kritiker. Bald ereilte die Rs I das Seemannslos; bei einem Sturm kenterte die flügellahme Maschine und versank im Bodensee.

Von der Politik nicht zu stoppen

Es war ein herber Rückschlag. Dann machte der Verlauf des Ersten Weltkrieges Dorniers hochfliegenden Plänen einen Strich durch die Rechnung. Zwar brachte Dornier bereits im Juni 1916 den Nachfolger Rs II tatsächlich zum Fliegen, und ein weiterer, verbesserter Prototyp erwies sich bei Tests vor Norderney sogar als stabil genug, um den Nordseewellen zu trotzen. Doch nach dem verlorenen Weltkrieg wurde Deutschland im Vertrag von Versailles 1919 untersagt, eigene Flugzeuge zu bauen. Als die Kontrolleure der Entente sich für Dorniers Flugzeug zu interessieren begannen, ließ der den Prototypen GS 1 in der Nacht vom 24./25. April 1920 in der Kieler Förde versenken, um die Auslieferung zu verhindern.

Doch von der Politik ließ sich der besessene Luftfahrzeugtüftler nicht so einfach stoppen. Zwar konnten in Deutschland ab Mai 1922 wieder Flugzeuge gebaut werden, doch durften die nicht schneller als 170 Stundenkilometer sein und eine Reichweite von 300 Kilometer nicht überschreiten - für Dornier, der die Welt im Fluge erobern wollte, völlig unannehmbare Beschränkungen. So zeichnete er seine Entwürfe am Nordufer des Bodensees in Seemoos bei Friedrichshafen, gebaut wurde aber auf der anderen Seite in der Schweiz, bei Rohrschach. Auch vergab Dornier großzügig Lizenzen in alle Welt und gründete 1921 in Italien sogar seine eigene Flugzeugwerft, die Construzioni Mecchanice Aeronautiche S. A. in Marina di Pisa. Dort, an der Mündung des Arno, wurde in den zwanziger Jahren das Flugboot gebaut, das Geschichte schreiben sollte: die Dornier Do "Wal".

Hier nämlich wurde der Wal zur Luftfahrt-Legende - und zur Grundlage für Dorniers bis heute anhaltenden Ruhm als Flugzeugkonstrukteur. Das robuste Flugboot mit den charakteristischen Stummelflügeln und dem Tandemmotor - ein Zug- und ein Schubpropeller - in einer Gondel oben über dem Rumpf wurde bald nach seinem Jungfernflug am 6. November 1922 zum liebsten Fluggerät von Rekordjägern, Abenteurern und Flugpionieren. Allein 1925 stellten Wale 22 Luftfahrtweltrekorde auf. Der norwegische Polarforscher Roald Amundsen unternahm im selben Jahr mit zwei Dornier-Walen eine legendäre Nordpolexpedition, im Jahr darauf überquerte der spanische Major Ramón Franco (Bruder des späteren spanischen Diktators Francisco Franco) den Südatlantik zwischen Andalusien und Rio des Janeiro, die deutsche Fliegerlegende Wolfgang von Gronau überquerte 1930 mit einem Wal den Nordatlantik und umrundete mit der Maschine zwei Jahre später den Globus.

"Der Wal hat Dornier gemacht""

Bald flogen Wale in Kolumbien und in der Karibik, über der Adria und der Inselwelt Indonesiens, sie verbanden Städte wie Stockholm und Danzig. Aus dem Ur-Wal entstanden bald zahlreiche Varianten: "Militärwale", "Postwale" und schließlich ein "Superwal" mit vier Motoren und Platz für 19 Passagiere. Besonders Piloten auf Extremrouten schätzten die robuste Maschine, deren Rumpf aus abgeschotteten Elementen bestand und deshalb schwer sinkbar war - Wale verfügten sogar über ein Notsegel, mit dem sie sich auch im Fall einer Notwasserung weiter fortbewegen konnte. Rund 300 Wal-Flugboote wurden insgesamt gebaut. Die schiere Gigantomanie seines 1929 vorgestellten 12-motorigen Flugbootgiganten Do X mit Platz für 169 Passagiere mochte den Ruhm des kleinen Bruders überstrahlen - der Konstrukteur selbst wusste genau um dessen Bedeutung: "Der Wal hat Dornier gemacht", sagte er einmal.

Weltbekannt wurde Dorniers Wal durch die spektakuläre Nordpolexpedition des Norwegers Roald Amundsen 1925. Der Forscher hatte 1911 als erster Mensch den Südpol erreicht, unter unglaublichen Strapazen auf dem Landweg, per Hundeschlitten. Fasziniert von den Möglichkeiten, die die Luftfahrt Entdeckern bot, erwarb Amundsen im Sommer 1914 den ersten in Norwegen ausgestellten Flugschein. Seine Pläne für eine Flugzeugexpedition in die arktische Wildnis machte der Erste Weltkrieg zunichte. Doch am 21. Mai 1925 brachen Amundsen und fünf Begleiter von Spitzbergen aus mit den zwei eigens umgerüsteten Dornier-Walen N24 und N25 in Richtung Nordpol auf. Auf 87° 44' nördlicher Breite allerdings zwang ein Motorschaden die N25 zur Notlandung im ewigen Eis. Sie hatte damit den nördlichsten Punkt erreicht, an den jemals ein Flugzeug gelangt war - der Pol allerdings lag noch rund 250 Kilometer entfernt.

Weit schlimmer noch: Das eigentlich intakte Schwesterflugboot N24 war bei der Landung in der Nähe irreparabel demoliert worden. Zwar konnte der Motorschaden der notgelandeten N25 bald behoben werden - doch es gab weit und breit keine geeignete Startbahn, schon gar nicht für ein mit sechs Mann vollkommen überladenes Flugboot. Drei Wochen lang schippten und hackten Amundsen und seine Leute, um eine Startfläche zu bauen - insgesamt mehr als 600 Tonnen Eis, bei gerade einmal 400 Gramm Proviant pro Mann und Tag. Dann setzten sie alles auf eine Karte, Pilot Hjalmar Riiser-Larsen jagte den überladenen Wal die improvisierte Eispiste hinunter - und bekam die Maschine tatsächlich in die Luft. Die daheim inzwischen als vermisst abgeschrieben Abenteurer wasserten heil vor ihrem Ausgangspunkt Spitzbergen.

Der Homburg der Lüfte

Und die Wal N25 sollte weiterhin Geschichte schreiben. Sie wurde nach Deutschland verkauft, erhielt das Kennzeichen D-1422 und fand ihren neuen Heimathafen bei der Deutschen Verkehrsfliegerschule in List auf Sylt. Deren Chef Wolfgang von Gronau, ein ostpreußischer Generalssohn, vollbrachte mit der Do Wal ein weiteres Husarenstück. Am 18. August 1930 um 2.20 Uhr nachmittags hob er in List ab und nahm dann - ohne Erlaubnis seiner Vorgesetzten im Verkehrsministerium wie zur Überraschung seiner dreiköpfigen Crew - Kurs auf New York. "Ihr Einverständnis voraussetzend, fliege ich nach USA", funkte Gronau nach Berlin, als die Do Island bereits hinter sich gelassen hatte und sich über den Weiten des Nordatlantiks befand. Der Coup gelang - nach fast 50 Stunden in der Luft und Zwischenstopps auf Grönland sowie im kanadischen Labrador landete Gronau seinen Wal am 26. August im Hudson River vor Manhattan.

In der neuen Welt wurde dem Piloten ein begeisterter Empfang bereitet, US-Präsident Herbert Hoover empfing Gronau und seine Crew im Weißen Haus. Auch der düpierte Verkehrsminister in Berlin zeigte sich gnädig: Er schenkte Gronau eine Prachtausgabe von Heinrich von Kleists "Prinz von Homburg": In dem Drama greift der Titelheld gegen ausdrücklichen Befehl in die Schlacht ein und sichert dadurch den Sieg - so wie der fliegende Adelsspross, der den Nachweis erbrachte hatte, dass das Flugzeug als Verkehrsmittel auch für die Langstrecke geeignet war. Fortan hing Gronau der Spitzname "Homburg der Lüfte" an.

Zwei Jahre darauf, 22. Juli 1932, brach Gronau mit dem Wal-Flugboot D-20 zu seiner eigentlichen Großtat auf: einer Weltumrundung im Flugboot. Auch eine Notwasserung in der bengalischen See konnte ihn nicht aufhalten; von einem britischen Dampfer ließ er sich in seinem Wal nach Rangun schleppen. Am 9. November 1932 landete er nach 60.000 Flugkilometern auf dem Bodensee bei Friedrichshafen, direkt vor der Dornier-Luftwerft. In List, Gronaus Startpunkt auf Sylt, erinnert bis heute eine Gedenktafel an die Pioniertaten des Piloten. In Grönland ist sogar eine Bergkette nach dem Deutschen benannt, die Gronau bei einem Expeditionsflug 1932 als Erster ausgemacht und beschrieben hatte.

Mit Volldampf in den Himmel

So viel Ehre wurde nicht allen Flugpionieren zuteil, die mit Dornier-Walen neue Wege erflogen. Als im März 1927 drei Portugiesen in einem Wal zum Flug über den Südatlantik aufbrachen, bejubelten Tausende ihren Start. Auch die Zeitungen berichteten begeistert von den Zwischenetappen auf dem vierwöchigen Flug nach Brasilien. Auf dem Rückflug allerdings musste die Dornier notlanden, weil sich die Bespannung der linken Tragfläche zu lösen begann. Das Flugzeug versank in den Fluten, die Mannschaft wurde von einem Schiff gerettet. Als die Luftfahrer auf dem Seewege zurückkehrten, war ihr Ruhm bereits verblasst - niemand nahm von der Rettung und Rückkehr Notiz.

Unbesungene Helden waren auch die Postflieger, die ab der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre die Brieflaufzeiten zwischen Europa und der neuen Welt dramatisch zu verkürzen halfen. Ab 1929 führten die deutschen Transatlantik-Dampfer "Europa" und "Bremen" auf ihren Fahrten Wasserflugzeuge mit, die bei Annäherung an die Küste mit den Postsäcken vorausgeschickt wurden und so die Post 24 Stunden schneller ans Ziel brachten als zuvor. Ab 1934 setzte die Deutsche Luft-Hansa für den Postverkehr über den Atlantik Dornier Wale ein. Die Route führte von Stuttgart aus über Sevilla und Gran Canaria nach Gambia in Westafrika. Für den Sprung über den großen Teich nach Brasilien wurden zunächst ein, ab 1935 zwei Katapultschiffe als Relaisstationen im Atlantik stationiert.

Auf hoher See nahmen die "Westfalen" und die "Schwabenland" gelandete Wale mit Hilfe eines zu Wasser gelassenen Schleppsegels und eines Krans an Bord. Dann wurde die Maschine betankt und zum Weiterflug mit einem mächtigen Dampfkatapult in den Himmel geschossen - ein Brief erreichte einen Adressaten so schon in vier Tagen. Mehr als 300 Postflüge führte die Lufthansa zwischen 1934 und 1938 auf dieser Route durch, dabei ging nur ein einziges Flugzeug verloren. Auch das Militär schätzte die Eigenschaften der Dornier-Flugboote - ob in Italien, Jugoslawien oder den Niederlanden, die ihr aus Tausenden kleinen Inseln bestehendes indonesisches Kolonialreich bis zur Eroberung durch die Japaner 1941/42 mit 46 "Militärwalen" kontrollierten. Die spanische Marine setzte in Lizenz gebaute Wal-Flugboote sogar noch bis 1950 ein.

Am Ende aber hatte Dornier mit seinen geflügelten Booten auf die falsche Technologie gesetzt. Landgestützte Flugzeuge bewiesen bald, dass sie die großen Transozean-Routen ohne Zwischenstopp bewältigen konnten - und nahmen den großen Passagierflugbooten wie Dorniers Do X, die damals unfassbare 169 Passagier befördern konnte, aber auch den kleineren Walen, die Daseinsberechtigung. "Dornier war seiner Zeit voraus", urteilte die "FAZ" im Jahr 2002, "aber auf dem falschen Weg."

Zum Weiterlesen:

M. Michiel van der Mey: "Dornier Wal - a light coming over the sea". LoGisma, 2005.

Website des privaten Dornier Wal Documentation Center

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Peter Klassen 21.08.2009
Gerade letzte Woche besucht: das neue Dornier-Museum in Friedrichshafen. Ganz interessant, um die "Wale" und den Do-X zumindest auf Fotos, Blaupausen und Modellen kennenzulernen - erhalten ist ja leider kaum noch etwas. Dafür eine schöne Ausstellung mit dem einzigen richtigen Senkrechtstarter Do 31 oder dem großen NATO-Kollaborationsprojekt Breguet Atlantic.
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