Luftfahrtgeschichte Krieg aus, Film ab

Von Verdun nach Hollywood: Ein jetzt entdeckter Original-Farbfilm aus den dreißiger Jahren dokumentiert die Odyssee zweier deutscher Dopppeldecker aus dem Ersten Weltkrieg, die in Amerika zu fliegenden Filmstars wurden. einestages zeigt exklusive Ausschnitte.

Ralf Klee

Von Ralf Klee


Die Filmdose ist völlig zerkratzt, alte Aufkleber kleben auf dem Behälter. Ein handbeschrifteter Sticker warnt, dass der 16-Millimeter-Streifen im Inneren mehrfach gerissen sei. In der Dose liegt eine rostige Metallspule, der darauf gewickelte Filmstreifen verbreitet einen leicht säuerlichen Geruch - die ersten Anzeichen des gefürchteten "Vinegar-Syndroms", einer chemischen Reaktion, die alte Filme im Laufe der Jahre nach und nach zersetzt.

Doch noch lässt sich dem 70 Jahre alten Film sein Geheimnis entlocken. Notdürftig mit Tesafilm zusammengeflickt, zaubert der Kodachrome-Film klare, farbenprächtige Bilder auf die Leinwand. Es sind einzigartige Aufnahmen, die das Herz höher schlagen lassen - und nicht nur das von Luftfahrt-Enthusiasten.

Zu sehen ist ein altes Flugfeld. Männer in schweren Fliegerkombinationen laufen durch das Bild. Über Los Angeles dreht ein Doppeldecker seine Bahnen. Die Maschine ist eine Pfalz D.XII - doch was macht der deutsche Jagdeinsitzer aus dem Ersten Weltkrieg am amerikanischen Himmel? Und wie kommt der Flieger auf einen zufällig aufgetauchten Amateurfilm aus dem Jahr 1939?

Schwärmen vom Sturzflug

Es ist eine lange Geschichte, die am Rhein beginnt, in Hollywood ihren Höhepunkt findet und schließlich in einem Museum in Washington, D.C. endet. Rückblende: Speyer, Anfang 1918. Die Domstadt mit ihrer berühmten romanischen Kirche ist im Ersten Weltkrieg zu einem Rüstungszentrum des deutschen Kaiserreichs geworden. Auf einem 7000-Quadratmeter-Gelände wird in den Pfalz Flugzeugwerken ein neues Jagdflugzeug für den Fronteinsatz entwickelt - unter großem Zeitdruck, denn das Kriegsglück wendet sich gerade gegen Deutschland. Heraus kommt die Pfalz D.XII - bis zu 180 Stundenkilometer schnell und überaus stabil.

Im Juni 1918 tritt die Maschine in Berlin-Adlershof zu einem Vergleichsfliegen gegen Konkurrenzmuster an, darunter auch die Fokker DVII. Das leistungsstarke Jagdflugzeug von Antony Fokker beeindruckt die Militärs und erhält den Zuschlag. Doch weil Jagdflieger-Ass Ernst Udet von den Sturzflugeigenschaften der Pfalz schwärmt, erhält auch Pfalz einen Auftrag. Die ersten D.XII-Maschinen kommen im Juli 1918 zum Fronteinsatz; zehn Staffeln werden mit dem neuen Flugzeug ausgestattet.

Die Begeisterung auf den deutschen Fliegerhorsten hält sich in Grenzen, denn die Pfalz ist für unerfahrene Piloten schwer zu fliegen. Vielen ist der neue Jäger nicht wendig genug, die Mechaniker klagen über die umständliche Verspannung der Tragflächen. Müßige Diskussionen letztlich - wenige Monate nach der Feuertaufe für die Pfalz D.XIII ist der Krieg zu Ende. Einer der letzten Einsätze findet am 7. September 1918 statt, als 20 englische Kampfflugzuge die BASF-Fabrik in Ludwigshafen angreifen. Laut dem Werk "Pfalz Scout Aces of World War I" erleben die Briten dabei einen "katastrophalen Tag" und verlieren sieben Bomberbesatzungen.

"Das größte Luftrennen aller Zeiten"

Zwei Monate später bittet das Deutsche Reich um einen Waffenstillstand - der Krieg ist verloren, Kaiser Wilhelm II. dankt ab und geht ins niederländische Exil. Artikel 198 des Versailler Vertrags untersagt Deutschland "Luftstreitkräfte weder zu Lande noch zu Wasser als Teil seines Heerwesens zu unterhalten". Tausende von Flugzeugen werden verschrottet oder den Siegermächten übergeben - darunter auch knapp 175 Maschinen des Typs Pfalz D.XII.

Einige von ihnen werden nach Nordamerika gebracht und auf Flugfeldern in Kanada und den USA ausgiebigen Tests unterzogen. Die Bevölkerung bestaunt die "German Warbirds" am Boden oder bei Schauflügen. Bei einem Flugzeugrennen im August 1919 zwischen New York und Toronto, dass die sonst eher nüchterne "New York Times" als "Greatest Air Race ever" ankündigt, sind auch mehrere erbeutete deutsche Maschinen der Typen Fokker, Albatross und Pfalz mit dabei.

Zehn Jahre nach Kriegsende stoßen die US-Streitkräfte dann einen Großteil der fliegenden Beute wieder ab; die Jagdflugzeuge werden zum Verkauf angeboten. Darunter sind auch zwei Pfalz D.XII, die von den US-Behörden mit der knappen Beschreibung "Deutsches Jagdflugzeug 180 PS" feilgeboten werden. Die kalifornische Firma Crawford Aeroplane & Supply Co schlägt zu - im Glauben, es handele sich um zwei der berühmten Jagdeinsitzer Fokker D.VII.

Für eine Stange Dollar

Aber auch die beiden Pfalz spielen für ihn noch eine Stange Dollar ein: Crawford vermietet die beiden nicht mehr flugfähigen Einsitzer 1929 an Filmfirma Warner Brothers. Hollywood-Regisseur Howard Hawks dreht nämlich gerade das Fliegerdrama "The Dawn Patrol". Die Story soll ganz unsentimental das Leben und Sterben einer Gruppe britischer Kampfpiloten im Ersten Weltkrieg auf die Leinwand bringen - und dazu braucht Hawks passende Flugzeuge. Er sucht in ganz Amerika nach geeigneten Maschinen; die beiden Pfalz kommen ihm gerade Recht.

Für Bodenaufnahmen werden die beiden Veteranen blutrot lackiert, an den Seiten prangen bleiche Totenschädel, und die Flügelunterseite ziert ein Schachbrettmuster - keine Pfalz hat je einen derartigen Anstrich besessen. Mit der historischen Genauigkeit hat es Regisseur Hawks nicht so; da es an Flugzeugen mangelt, lässt er sogar Maschinen vor der Kamera auftreten, die erst nach dem Krieg konstruiert wurden: Hauptsache Doppeldecker, der Rest ist künstlerische Freiheit.

Am Ende kostet "The Dawn Patrol" 611.722 Dollar und ist damit eine der bis dahin teuersten Warner-Produktionen. Doch das Geld ist gut investiert. Die Zuschauer sind begeistert von den Flugaufnahmen wie vom Riesenaufgebot an Stars - angeführt von Douglas Fairbanks Junior - und strömen in die Kinos. Das Fliegerdrama wird zum Kassenschlager. Auch die Kritik ist hingerissen: "Was für ein Film!", jubelt eine Rezensentin. "Er reißt dich mit seiner Spannung mit, fesselt dich bis zum Ende an deinen Sitz und lässt dich ergriffen zurück." Kurz und gut: "Es ist ein Meisterwerk."

Zersägt durch den Panamakanal

Mitte der dreißiger Jahre verkauft Harry Crawford seine beiden Pfalz-Jäger. Das erste Exemplar geht an George Burling Jarrett, einen Waffennarren und Museumsbesitzer aus der Quäkerstadt Huddonfield in New Jersey. Jarrett hat bereits im Alter von 16 Jahren mit dem Sammeln von Militaria begonnen; von einem ehemaligen Nachbarn hatte sich der Pennäler zwei Uniformknöpfe aus Verdun schicken lassen - einen französischen und einen deutschen. Seitdem sammelt und restauriert er altes Kriegsgerät. In Atlantic City eröffnet er schließlich "Jarrett´s Museum of World War History", in dem er Panzer, Artilleriegeschütze und sogar ein komplettes Feldlazarett mit Röntgengerät zeigt.

Insgesamt häuft der manische Sammler rund 70 Tonnen Kriegsgerät an; das US-Magazin "Popular Science" berichtet, allein aus Jarretts Uniformenbeständen ließen sich "200 Kompanien ausrüsten". Der Blickfang des Museums sind die vielen ausgestellten Flugzeuge wie die SPAD VII und die Nieuport 28 aus Frankreich, eine britische Sopwith Camel - und die Pfalz D.XII. Den deutschen Flieger hatte Jarrett aus Hollywood per Schiff durch den Panamakanal an die Ostküste verfrachten lassen, wofür die obere der beiden Tragflächen des Doppeldeckers abgesägt werden musste. In Atlantic City wurde das deutsche Jagdflugzeug sachkundig restauriert und prominent präsentiert.

Die zweite Pfalz kauft Louis Kennell, genannt "Buck". Der Angestellte des Paramount-Filmstudios hat einen Traum: Er möchte die Maschine wieder flugfähig machen. Das Projekt "Flying Pfalz", das Kennell gemeinsam mit Jarrett angeht, gelingt tatsächlich - nach Jahren, in denen der einst stolze Vogel nicht einmal einen Hüpfer hinlegen konnte, fliegt er wieder. An schönen Tagen steigt Kennell in seiner Pfalz vom Dycer Airport nahe Los Angeles in den kalifornischen Himmel auf und dreht einige Runden über Hollywood. Als die beiden Enthusiasten Kennel und Jarrett einmal gemeinsam aufsteigen, ist auch eine 16-Millimeter-Amateurfilmkamera mit dabei. Es entstehen eindrucksvolle Bewegtbilder, die das restaurierte deutsche Jagdflugzeug beim Start zeigen - es sind die einzig bekannten Farbaufnahmen, die eine Pfalz D.XII in der Luft zeigen.

Jahrzehnte später enden die beiden Jagdflieger aus Speyerer Produktion endgültig als Ausstellungsstücke. Jarretts Pfalz wird ins Seattle Museum of Flight im US-Bundesstaat Washington gebracht, Kennells Flieger landet im National Air and Space Museum in Washington, D.C. Dort wird die Pfalz D.XII noch einmal umlackiert: in blutrot, mit Totenschädeln auf den Seiten - so, wie sie 1930 in "Dawn Patrol" ihren ganz großen Auftritt hatte.



insgesamt 3 Beiträge
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Lars Urban, 01.12.2009
1.
Was für ein spannendes Stück Geschichte! Gestatten Sie mir, als Ergänzung, noch die folgenden Hinweise. Das Deutsche Technikmuseum Berlin zeigt in seiner Luftfahrtausstellung einen Originalfilm der Brüder Eversbusch aus dem Jahr 1918. Er hat den Bau einer Maschine vom Typ D. XII zum Inhalt. Angefangen vom Bau der Einzelteile bis hin zum Abnahmeflug ist alles zu sehen. Noch besser. Das DTMB restauriert zur Zeit ein Flugzeug vom Typ Pfalz D. VIII. Technologisch ist diese Maschine identisch mit der D.XII und an ihr lässt sich eine Besonderheit der Pfalz- Flugzeugwerke studieren. Es handelt sich um den sogenannten "Wickelrumpf". Hierbei werden dünne Lagen Sperrholz über einem Kern kreuzweise verleimt und ergeben im Anschluss eine halbfreitragende Rumpfschale. Ihr Vorteil liegt in der hohen Festigkeit bei geringem Gewicht. Mit anderen Materialien ist diese Bauweise inzwischen wieder hochaktuell. Stichwort: faserverstärkte Kunststoffe. Boeing z.B. baut gerade, als erster Hersteller, den kompletten Rumpf eines Verkehrsflugzeuges aus diesen faserverstärkten Kunststoffen.
C.F. Romberg, 01.12.2009
2.
Los Angeles in den 30ern, muss ein Traum gewesen sein;) Hoffentlich stellt ihr noch mehr von dem 16mm Kodakchrome online
Stefan Himmler, 06.12.2009
3.
Schöne althistorische Bilder. @Ralf Klee: Hast du noch mehr davon? Sehen wirklich faszinierend aus.
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