Luftfahrtlegende Hilflos über Paris

Luftfahrtlegende: Hilflos über Paris Fotos
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Er wollte hoch hinaus und legte spektakuläre Bruchlandungen hin. Der Luftfahrtpionier Alberto Santos-Dumont war um 1900 in ganz Europa für seine wahnwitzigen Konstruktionen berüchtigt. Mit einem Luftschiff krachte er in ein Pariser Hoteldach - sein erstes Flugzeug baute er einfach falsch herum. Von Ariane Stürmer

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Es war ein "sagenhafter Kampf mit den Elementen", sollte sich der kleine Brasilianer später an diesen Moment erinnern. Der Wind blies ihm in kräftigen Böen entgegen und schüttelte ihn unsanft in der offenen Gondel hin und her. Hinter ihm rotierte der Propeller, der 15-PS-Motor ratterte und knatterte, dann spuckte er ein letztes Mal Ruß und Qualm und erstarb. Alberto Santos-Dumont blieb an diesem 13. Juli 1901 nichts anderes übrig, als sich seinem Schicksal zu ergeben.

Manövrierunfähig trieb der 27 Jahre alte Brasilianer von 1,67 Metern Körpergröße, wohnhaft in Paris, in dem von ihm konstruierten Luftschiff über den Himmel. 34 Meter war es lang, mit Klaviersaiten verspannt, lenkbar durch Gewichtsverlagerung von Wasser- und Sandsäcken und prall gefüllt mit Gas. Es hätte dem Luftfahrtpionier den Ruhm bringen sollen, als erster Mensch in 30 Minuten die elf Kilometer von Saint-Cloud zum Eiffelturm und zurück geflogen zu sein. Jetzt, kurz vor dem Ziel, driftete Santos-Dumont hilflos über Paris - und in den höchsten Kastanienbaum im Garten der Bankiersfamilie Rothschild.

Dutzende Menschen sahen den Abenteurer im Geäst des Baumes verschwinden, das Luftschiff sank mit dem hinteren Ende zu Boden, die Hülle aus gelber japanischer Seide riss, Gas strömte aus. Als die Bediensteten der Rothschilds herbei geeilt kamen, konnten sie den Havarierten nirgends sehen - aber hören. Er rief seine Anweisungen aus dem Geäst des Baumes zu ihnen hinunter und wartete auf Rettung. Der bedeutendste Luftfahrtpionier seiner Zeit hing zwischen Himmel und Erde fest. Und das nicht zum letzten Mal.

Gewaltiger Knall über den Dächern von Paris

Während Santos-Dumont die Bergung seines Luftschiffes "Nr. 5" instruierte und in den Wipfeln auf Rettung wartete, reichte man ihm zum Zeitvertreib einen Lunch ins Geäst. Die Comtesse d'Eu hatte von dem Unglück gehört und dem charismatischen jungen Mann das Essen servieren lassen - inklusive einer Einladung in ihre Villa. Aber Santos-Dumont interessierte sich nicht für Frauen. Sein Leben war die Luftfahrt.

Knapp einen Monat später war "Nr. 5" repariert und der Brasilianer versuchte sich ein weiteres Mal an der Strecke. Wer es schaffte, den Eiffelturm in der vorgegebenen Zeit zu umrunden, würde den vom Industriellen Henri Deutsch de la Meurthe gestifteten Preis von 100.000 Francs gewinnen. Und zunächst sah es ganz danach aus, als ob Santos-Dumont es diesmal schaffen würde. Doch dann begann die Schiffshülle Gas zu verlieren, die Verstrebungen lockerten sich und verhedderten sich in dem Propeller. Santos-Dumont stoppte notgedrungen den Motor. Ohne Vortrieb und leckgeschlagen fielen Schiff und Brasilianer aus dem Himmel. Santos-Dumont hoffte, dass ihm zumindest eine Landung in der Seine beschieden sein würde.

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Er traf das Dach des Trocadero Hotels. Die "Nr. 5" zerriss in einem gewaltigen Knall, der Brasilianer rutschte in seinem Korb und mit einem Teil des Gestänges über das Dach des Gebäudes in den Innenhof, wo sich das Wrack schließlich verklemmte. Feuerwehrleute zogen den Verunglückten auf das Dach und in Sicherheit.

"Habe ich gewonnen?!"

Doch der Flugpionier wäre kein Flugpionier gewesen, hätte er aufgegeben: Mit dem Nachfolgemodell, der "Nr. 6", schwebte Santos-Dumont schließlich am 19. Oktober 1901 zum Eifelturm, um den Stahlkoloss herum und zurück. Als er über die Köpfe der Juroren flog, lehnte er sich aus seinem Korb und schrie: "Hab ich gewonnen?! Hab ich gewonnen?!" Und eine jubelnde Pariser Menschenmenge schrie zurück: "Ja!"

Paris um 1900, das war das Zentrum der Musik, der Kunst, der Literatur, und, dank Santos-Dumont, auch der Luftfahrt. Bereits als 25-Jähriger hatte der Brasilianer seinen ersten kugelförmigen Ballon in Paris bauen lassen, der einen so kleinen Umfang hatte, dass erfahrene Ballonbauer erst mit Nachdruck von den Plänen überzeugt werden mussten. Aber der "Brazil" flog und Santos-Dumont trug ihn in einem kleinen Köfferchen zu den Startplätzen.

Bald aber wollte der junge Mann mehr. Er baute längliche Luftschiffe, probierte verschiedene Motoren und Konstruktionen mit mehreren ineinander steckenden Luft- und Gaskammern aus. Für die Pariser waren die über ihnen schwebenden Gashüllen bald ein alltäglicher Anblick. Nach dem Erfolg der "Nr. 6" baute Santos-Dumont ein Rennluftschiff, einen "Omnibus" mit mehreren Passagierkörben und das kleine Privatschiff Nr. 9 "Baladeuse". Mit ihr schwebte der Flugpionier zu seinen Lieblingsrestaurants, band das Schiff fest, speiste einen Happen und flog weiter. Was dem Cowboy sein Pferd war, war Santos-Dumont sein Luftschiff.

Ein monströser Zwitter

Doch dann begann der Brasilianer mit der Konstruktion von Flugzeugen - und das, obwohl er anfangs nicht von der Idee überzeugt war. Warum sollte ein Konstrukt, das schwerer als Luft war, besser fliegen können, als ein gasgefülltes Schiff, das leichter als Luft war? Es war 1905, als der Vorsitzende des Aero-Clubs den nach ihm benannten Archdeacon-Preis für den ersten Flug über 25 Meter ausschrieb. Und Santos-Dumont wollte ihn gewinnen. Gemeinsam mit dem Flugzeugkonstrukteur Gabriel Voisin entwarf er einen Flieger, der so gar nichts mit der heutigen Flugzeugform - Cockpit, Vorderrumpf, Flügel, Hinterrumpf, Leitwerk - gemein hatte. Santos-Dumont verkehrte diese Anordnung in Leitwerk, Rumpf, Cockpit, Flügel. Der erste Flieger des Pioniers startete mit dem Heck voran. Ganz zu schweigen von seiner offenen Bauart - mehrere rechteckige Kästen aus Holzstreben und Klaviersaiten, bespannt mit Stoff.

Zur Erprobung des Wunderwerks spannte Santos-Dumont einen Esel vor ein Flaschenzug-Konstrukt, das das an Seilen aufgehängte Flugzeug einige Meter durch die Luft bewegte. Aber der Esel lief zu langsam, das Flugzeug wurde nicht schnell genug, um genug Auftrieb zu erzeugen. Also baute Santos-Dumont ein 14. Luftschiff, allein zu dem Zweck, das Flugzeug darunter zu hängen. Paris sprach vom "monströsen Zwitter". Ein Journalist der "Herald Tribune" beschrieb die Flugversuche des Kombis als "ein Tohuwabohu aus gebrüllten Befehlen, dröhnendem Motor, umherhuschenden Handlangern und dem kleinen, in den höchsten Tönen kreischenden Erfinder".

Als Santos-Dumont von der Flugtauglichkeit der Kastendrachen-Konstruktion überzeugt war, gab er ihm seinen Namen: 14bis. "Die zweite Vierzehn". Am 22. Oktober 1906 hob sie ab. Umringt von Fotografen, Presse und den Mitgliedern des Aero-Clubs flog sie etwa 60 Meter in zwei bis drei Metern Höhe und vollführte gar eine "anmutige Kurve", wie die Biografin des Pioniers, Nancy Winters, später schrieb. Santos-Dumont selbst sagte, so anmutig sei die Kurve eigentlich gar nicht gewesen, weil sie nur dadurch entstanden sei, dass er die Kontrolle über die Seitensteuerung verloren hatte. Doch die eigentliche Sensation sollte erst einige Tage später folgen.

Blériot, Santos-Dumont und die Wright-Brüder

Denn der kleine Brasilianer gab sich nicht mit einem Flug über 60 Meter zufrieden. Er wollte mehr, er wollte den Preis des Aero-Clubs über den ersten motorisierten 100-Meter-Flug gewinnen. Und so tüftelte er weiter an der 14bis, baute eines der ersten Querruder der Luftfahrtgeschichte ein und ging am 12. November 1906 im Parc de Bagatelle erneut an den Start. Doch er war nicht der einzige Flieger vor Ort. Louis Blériot, der spätere Überflieger des Ärmelkanals, war ebenfalls gekommen. Sein gigantischer Doppeldecker stand startbereit, und Santos-Dumont überließ ihm den Vortritt. Doch Blériots Flieger krachte nach wenigen Metern zu Boden.

Es war die Stunde des kleinen Brasilianers: Der Motor ratterte, der Propeller trieb die 14bis vor sich her, sie wurde schneller, hob ab, flog, flog höher, flog weiter, flog 220 Meter. Während des Fluges meinten die Zuschauer den kleinen Brasilianer in seinem Cockpit tanzen gesehen zu haben. Man war sich einig, dass es eine Rumba war. Und tatsächlich musste Santos-Dumont allerlei Verrenkungen machen, um alle Ruder zu bedienen. Denn die neuen Querruder waren mit dünnen Drähten am Rücken von Santos-Dumonts Jackett befestigt - Hände und Füße brauchte er bereits für die Steuerung anderer Komponenten. Mit seinen Bewegungen hielt er die 14bis auf Kurs.

Es war der bedeutendste Tag der Luftfahrtgeschichte bis zu diesem Datum. Noch nie war ein Mensch so weit mit einem Gerät geflogen, das schwerer als Luft war - dachte man. Santos-Dumont war der Held Europas. Doch sein Ruhm währte nicht lange. Aus den USA hörte man bald die unerhörte Kunde, ein Brüderpaar beanspruche nicht nur den ersten motorisierten Flug für sich, sondern auch die Überwindung der ersten längeren Strecken: Orville und Wilbur Wright behaupteten, schon 1903 geflogen zu sein. Europa glaubte ihnen nicht so recht, doch mit der Zeit musste man erkennen: Der Ruhm von Santos-Dumont gebührte jemand anderem.

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1.
Ulrich Bierwisch 27.09.2009
Beim Vergleich Gebrüder Wright und Santos-Dumont ist es nicht so einfach zu sagen wem nun der Ruhm gebührt. Die Wrights waren von 1903 bis etwa 1908/1909 führend beim Steuern von Flugzeugen. Sie flogen länger und konnten ihre Maschinen zuverlässiger steuern. Aber sie starteten nicht aus eigener Kraft sondern mit einem Katapult. Santos-Dumont hat sein Flugzeug dagegen immer aus eigener Kraft starten lassen ohne einen Hang oder ein Katapult zu nutzen. Der Flug 1906 war also vermutlich der erste Motorflug aus eigener Kraft. Für mich ist Santos-Dumont aber auch aus einem anderen Grund der wahre Held unter den Flugpionieren. Santos-Dumont wollte fliegen und tat alles um die Entwicklung voran zu bringen. Er konstruierte, probierte und teilte seine Erfahrungen mit den anderen Flugpionieren in Europa. Voisin, Bleriot oder Farman um nur einige zu nennen entwickelten die Ideen dann jeweils weiter und jeder war begeistert, wenn einem wieder eine Verbesserung gelang. Die Wright dagegen nutzten zwar die Erkenntnisse der anderer Flugpioniere wie Otto Lilienthal, entwickelten ihr Flugzeug aber im geheimen und flogen 1903 und 1904 zunächst vor wenigen Zeugen. 1905 konnten sie 40 km weit fliegen stellten aber die Entwicklung zunächst ein und kümmerten sich nur noch um die Anmeldung von Patenten wie z.B. für die Steuerung des Flugzeugs über drei Achsen. Das nahm einigen Zeit in Anspruch und in Europa wollte man deshalb auch zunächst nicht glauben, dass die überhaupt fliegen konnten. 1908 starteten sie dann eine Europa-Tour und versuchten ihr Flugzeug an das Militär in verschiedenen Ländern zu verkaufen. Man war zwar beeindruckt, die geforderten Exklusivverträge wollte aber kein Land eingehen. Statt dessen entwickelte man von den Leistungen der Wrights angespornt schnell eigene Flugzeuge, die schon bald bessere Leistungen boten. In den USA, wo die Patente galten, verboten die Wrights dagegen allen anderen Flugpionieren die Entwicklung von Flugzeugen. Gegen der Motorexperten Glenn Curtis führten sie etliche Prozesse, die erst 1917 auf Druck der Regierung beendet wurden, weil es bei Eintritt der USA in den ersten Weltkrieg keine konkurrenzfähigen Flugzeuge gab und man in England und Frankreich das kaufen musste was an Flugzeugen übrig war. Neben der Absicherung ihrer Ideen über Patente haben die Wrights auch dafür gesorgt, dass die Definition, was ein Motorflug ist, genau auf das passt, was sie zuerst gemacht haben. Die Wrights, Orville starb 1948, Wilbur schon 1912 haben mit keinen weiteren nennenswerten Entwicklungen zum Fortschritt der Fliegerei beigetragen. Helden sind für mich deshalb eher die Flugpioniere in Europa, die gerade in der Zeit, als in den USA die Patentprozesse liefen, das Fliegen wirklich erfunden haben. 1909 flog Bleriot über den Ärmelkanal und von 1910 bis 1914 als der erste Weltkrieg begann wurden viele hundert Flugzeuge entwickelt und fast Woche für Woche neue Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt, größere Höhen erreicht und Alpenpässe überquert. Roland Gaross, nach dem das Tennis Turnier in Paris benannt ist, gewann z.B. 1911 die Luftrennen Paris-Rom und Paris-Madrid. Die Patentierten Flyer der Wrights waren da schon überholt. Patente dienen nicht dem Fortschritt sondern verhindern ihn. Santos-Dumont, für mich der wahre erste Flugpionier, war stolz darauf keine zu haben.
2.
Angel Manolov 27.09.2009
Schöner Artikel, erinnert an Peter Hoegs Roman Vorstellung vom 20. Jahrhundert!
3.
Hans H Fauser 28.09.2009
Herr Bierwisch hat vollkommen Recht. Aber die Geschichte geht weiter: Santos Dumont, als er im 1.Weltkrieg sah, was seine Erfindung angrerichtet hatte, nahm sich deshalb das Leben. Kriegsgerät hatte er nicht erfinden wollen.
4.
Klaus Vollmer 15.03.2011
In Brasilien wird S.Dumont bis heute noch als "Erfinder" des Flugzeuges gefeiert. Wie schön wäre es, wenn eine grosse brasil. Tageszeitung, wie der Estado de Sao Paulo, eine Übersetzung Ihres so gut gelungenen Artikels veröffentlichen würde.
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