Luftfahrtpionier Flug ins Nichts

Ihre Nachrufe lagen schon bei der "New York Times" bereit: 1929 wagte eine US-Expedition, was noch niemand zuvor versucht hatte. Der Polarforscher Richard Evelyn Byrd erkundete die Antarktis per Flugzeug - und kam am Ende zu einer Erkenntnis über den Südpol, wie sie überraschender kaum sein könnte.

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Von Ariane Stürmer


Der Südpol - ein riesiger weißer Fleck, zumindest auf den Weltkarten des Jahres 1927. Zwar hatten bereits hundert Jahre zuvor die ersten Wagemutigen Fuß auf das südpolare Eis gesetzt, auch der britische Polarforscher Shakleton war längst dort gewesen, der Norweger Amundsen und sein britischer Kollege Scott hatten den Pol sogar erreicht. Aber bis auf einige Berge und Flächen konnten sie den Kartografen keine Anhaltspunkte geben.

Denn was all den Abenteurern und Forschern bis dato fehlte, das war der Überblick. Sie waren zu Fuß durch das Niemandsland gestapft. Sie sahen Berge, benannten sie nach Königen, nach Expeditionsteilnehmern und Sponsoren. Aber sie hatten nie das große Ganze sehen können: Jetzt aber sollte der US-Forscher Richard Evelyn Byrd in eine neue Zeit aufbrechen. Er würde die Antarktis vom Himmel aus erobern und als erster bei einer solchen Expedition Funk und Kommunikationstechnik einsetzen. Soweit der Plan.

Richard Evelyn Byrd war Offizier, Flugpionier und Polarforscher. Bereits 1926 war er in der Arktis gewesen. Er kannte Amundsen, der als erster Mensch den Südpol erreicht hatte und ließ sich von ihm beraten. Angeblich soll der Plan für die Byrd'sche Antarktis-Expedition während eines Abendessens in Spitzbergen geboren worden sein. Am Tag war Byrd mit einem Flugzeug Richtung Nordpol geflogen - ob er ihn erreicht hat, ist umstritten. Während des Dinners jedenfalls soll Amundsen seinen Freund gefragt haben: "Na, Byrd, was soll es als nächtes sein?" Und Byrd antwortete: "Der Südpol".

"Die größte non-shop-Gegend der Welt"

Bis zum Winter 1928 hatte der damals 40-Jährige ein Büro in New York eingerichtet. Es lag in der 45. Straße und war laut eigener Auskunft "groß genug für einen Tisch und eine Schreibmaschine, einen Aktenschrank und ein paar Stühle". Anfangs gestaltete sich die Sponsorensuche schwierig, am Ende hatte er mehr Geld zusammen "als ich dachte, existierte": Die "New York Times" hatte Exklusivrechte gekauft, "National Geographic" Magazinrechte, Paramount Filmrechte. Der Unternehmer John D. Rockefeller und der Sohn des Fordgründers Edsel Ford finanzierten erhebliche Summen.

Vier Schiffe brachen schließlich im Herbst 1928 auf, an Bord drei Flugzeuge, rund hundert Schlittenhunde, 500 Tonnen Material, 5000 Einzelteile, eine mobile Werkstatt, ein Fotolabor, Funk- und Radiotechnik, ein Flugteam, ein Hundeteam, ein Kommunikationsteam, Geologen, Meteorologen, Ingenieure, Physiker, Ärzte - man reiste schließlich in die "größte non-shop Gegend der Welt". In der Redaktion der "New York Times" lagen die vorab formulierten Todesanzeigen aller Expeditionsteilnehmer.

Im November 1929 schließlich war das Team soweit: Byrd konnte zu seinem Flug über den Südpol starten. In der Zwischenzeit war das Hauptlager der Expedition, "Little America" auf dem Ross-Shelfeis entstanden, außerdem mehrere Außenposten. Byrd hatte bereits Exkursionen per Flugzeug unternommen. Bei einem seiner Flüge entdeckte er unter sich eines der Hundeteams, das Proviant und Ausrüstung durch die antarktische Kulisse zerrte. Während Byrd mit rund 140 Kilometern pro Stunde über das Team am Boden hinwegbrauste, sah er "die armen Teufel", wie er sie rückblickend nannte: "Einige Männer hatten sich Teile des Hundegeschirrs angelegt und zogen die Schlitten zusammen mit den Hunden; der Anblick ihrer gekrümmten Rücken ... der sehr, sehr langsame Fortschritt sagte alles ... Wenn es je einen überzeugenden Kontrast zwischen den alten und den neuen Methoden der Polarerforschung gab, war es jener Moment."

Auf Knie zum Südpol

Das Flugzeug, das Byrd und seine Crew schließlich zum Pol tragen sollte, war eine Ford Trimotor. Byrd hatte sie nach seinem toten Freund Floyd Bennett benannt, der ihn bei der Nordpol-Expedition begleitet hatte. Obwohl das Team die Floyd Bennett bis kurz vor dem entscheidenden Flug in der Eiseskälte testete, Teile modifizierte und verbesserte, blieb für Byrd eine Frage entscheidend: Würde das Flugzeug auf die rund 3400 Meter steigen können, um die hohen Eisberge zum Südpol zu überfliegen? Er sollte sich zeigen, dass diese Frage durchaus berechtigt war.

Am 28. November hob die Ford um halb vier nachmittags ab. An Bord: Der Pilot Bernt Balchen, der Funker Harold June und der Kartograf Ashley McKinley. Byrd selbst navigierte - weitgehend kniend über einer Falltür, um den Boden zu beobachten und rechtzeitig zu erkennen, wenn Seitenwinde die Floyd Bennett vom Kurs abbrachten. Byrd schrieb rückblickend, seine Position sei alles andere als bequem gewesen. Sobald er die Tür öffnete, um auf die vorbeihuschende Eiswüste zu blicken, schlug ihm der eiskalte Wind entgegen und betäubte Hände und Gesicht. Entsprechend erinnerte er sich an die kargen Mahlzeiten. Ein Sandwich musste genügen, auch wenn es "steif war wie ein Brett". Doch das sollte nicht die unangenehmste Erfahrung bleiben.

Die Crew wusste aus den Aufzeichnungen anderer Polarforscher, wie hoch die Gletscher in etwa waren, die sie nun überfliegen mussten - allerdings nicht, wie sie aussahen oder, genauer gesagt, welcher Gletscher welcher war: zur Wahl standen der Liv-Gletscher und der Axel-Heiberg-Gletscher, Teile des Königin-Maud Gebirges, das zwischen der Expedition und dem Südpol stand. Byrd entschied sich für den Liv-Gletscher, weil er ihm niedriger schien.

Lautlose Explosion im ewigen Eis

Balchen steuerte die Ford darauf zu und zog sie nach oben. Luftlöcher machten den Mägen der Männer zu schaffen, das Flugzeug hüpfte, die Nase hob sich und senkte sich - doch die Floyd Bennett stieg nicht über die Passlinie des Liv-Gletschers. Harold June hatte bereits die letzten Benzinreserven in den Haupttank gekippt und die Kanister durch die Falltüre abgeworfen. Als der Pilot schließlich Byrd zubrüllte, er müsse 200 Pfund abwerfen, blieb nur ein Ausweg: Die Essenssäcke mussten raus. Und so fielen an jenem 28. November 1929 letztlich 250 Pfund Expeditionsnahrung in Säcken hinab in die Eiswüste - und zerbarsten in einer lautlosen Explosion.

Die Ford aber stieg merklich und hoch genug - in letzter Sekunde. Als nächstes hätte das Team die Kamera über Bord werfen müssen, die für die genaue Kartierung des unbekannten Landes so wichtig war. Die Floyd Bennett ratterte dem Südpol entgegen. Um 1.14 Uhr nachts schließlich erreichte das Team sein Ziel. Byrd funkte zum Basislager Little America, seinen Berechnungen zufolge habe man die unmittelbare nähe des Südpols erreicht. Dann warf er die Flagge der USA ab.

Byrd schrieb später: "Der Pol lag im Zentrum einer endlosen Ebene. Keine Berge waren sichtbar. Das ist, kurz gefasst, alles, was es zum Südpol zu sagen gibt. Man kommt an. Mehr gibt es da nicht zu erzählen."



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