Luftfahrtpionierin Amy Johnson Die fliegende Sekretärin

Luftfahrtpionierin Amy Johnson: Die fliegende Sekretärin Fotos
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Jung, blond, schön - Pilotin! Als Amy Johnson 1930 zu ihrem Rekordflug nach Australien aufbrach, wurde sie belächelt und von der Presse ignoriert. Als sie landete, war sie ein Superstar. Doch die Frau, die in die Luft gegangen war, um eine Männerdomäne aufzumischen, wurde am Boden nicht glücklich. Von Karin Seethaler

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"Tasi Mane" nennen die Bewohner der Sundainsel Timor die See, die sie von der einige hundert Kilometer entfernten Nordküste Australiens trennt - "Männersee". Es ist ein raues und unberechenbares Meer, oft von heftigen Wirbelstürmen durchzogen. Doch an jenem 24. Mai 1930 zeigt es sich von seiner freundlichen Seite. Ruhig liegt der Öltanker "Phorus" auf dem Wasser. Die Crew hält Ausschau, wartet. Endlich zeichnet sich am Horizont ein dunkler Punkt ab, der bald wächst und zu einem kleinen, einmotorigen Flugzeug wird. Die Männer der "Phorus" erkennen den silbernen Schriftzug an den Seiten, sie winken, gestikulieren. Tief fliegt die Maschine über das Schiff hinweg, bevor sie seitlich abdreht. In England atmet man auf: Die "Jason", heißt es, sei gesichtet worden.

Wenige Stunden später erscheint dasselbe kleine Flugzeug über einem Rennplatz nahe der australischen Stadt Darwin. Eine vielköpfige Menge hat sich dort versammelt, die gespannt verfolgt, wie die "Jason" nun zur Landung ansetzt. Um 15.57 Uhr berührt das Fahrwerk den Boden, das Flugzeug holpert die Landebahn entlang, kommt endlich zum Stillstand. Jubel brandet auf. "Amy, Amy", schreit die Menge, als die junge Frau im Cockpit die Brille ablegt, die blonden Haare zurückstreicht und sich leicht benommen umblickt. Ein Reporter nähert sich. "Nun, was soll ich ihr erzählen, der lieben, alten Welt?", fragt er die Frau, deren Name in den kommenden Tagen die Schlagzeilen bestimmen wird: Amy Johnson, die erste Frau, die allein von London nach Australien flog.

"Miss Amy Johnson – Ein Schrank voller Kleider"

Die Aufmerksamkeit, die Amy nach ihrer Landung in Darwin erfährt, ist gewaltig. Aus aller Welt treffen Glückwunschtelegramme ein. "Die Queen und ich sind entzückt, von Miss Johnsons sicherer Ankunft in Australien zu erfahren", lässt King George V. ausrichten. Auch die Luftfahrtheroen Charles Lindbergh und Louis Blériot schicken Glückwünsche. Bald werden sogar Lieder komponiert, die den historischen Flug der "Jason" und seiner Pilotin besingen. "The Lone Dove" heißt einer dieser beliebten Schlager, ein anderer "Amy, Wonderful Amy".

Dabei hatte sich zunächst kaum jemand für die Pioniertat der jungen Frau interessiert. Als Amy drei Wochen zuvor, am 5. Mai 1930, vom Flughafen Croydon im Süden Londons gestartet war, war es nicht mehr als eine Handvoll Menschen, die sie verabschiedet hatten. Ihr Vater war gekommen, eine alte Schulfreundin sowie ein paar Mechaniker und Ingenieure. Der Presse dagegen war Amys Aufbruch lediglich eine Randnotiz wert. "Miss Amy Johnson – Soloflug nach Australien – Abflug heute – Ein Schrank voller Kleider" schrieb etwa die "Daily Mail" gönnerhaft auf Seite 13 ihrer Tagesausgabe. In den Redaktionen zweifelte man daran, dass die Frau, die nicht nur um die halbe Welt fliegen, sondern dabei auch noch den bestehenden Rekord von 15 Tagen unterbieten wollte, über die ersten Etappen der Reise hinauskommen würde.

Jetzt oder nie

Tatsächlich war die 27-Jährige Anfang 1930 für einen so anspruchsvollen Flug wie die fast 18.000 Kilometer lange Strecke von England nach Australien denkbar schlecht vorbereitet - und ihr größtes Handicap war ihre Unerfahrenheit. Die erste Flugstunde hatte die junge Frau nicht einmal zwei Jahre zuvor absolviert und sich dabei keineswegs als Naturtalent erwiesen. Nach der Landung hatte ihr der Ausbilder geraten, den Traum vom Fliegen schnell wieder aufzugeben. Alles andere sei reine Zeitverschwendung.

Doch was Amy Johnson an Talent gefehlt haben mochte, machte sie durch Eifer und Hartnäckigkeit wieder wett. Wie alles, was sie in ihrem Leben angefangen hatte, betrieb sie auch die Fliegerei mit fast erbitterter Leidenschaft. Sie hungerte nach Anerkennung, und in der Luftfahrt meinte sie, ein passendes Betätigungsfeld gefunden zu haben. Bereits 1929 entschied sie sich, ihren Job als Sekretärin in einer Londoner Anwaltskanzlei aufzugeben und eine Karriere als Pilotin anzustreben – ein gewagtes Vorhaben in der damaligen Zeit, zumal für eine Frau.

Wie daraus im selben Jahr dann der Plan eines Langstreckenfluges nach Australien geboren wurde, ist unklar. Sicher ist, dass Amy von der Idee begeistert war und, ohne zu zögern, einen Abflugtermin festsetzte: Mai 1930. Dabei musste ihr diese Frist zunächst selbst unrealistisch vorgekommen sein: Drei Wochen vor dem anvisierten Aufbruchsdatum hatte sie weder ein Flugzeug noch einen Sponsor, der die Kosten dafür hätte übernehmen können. Stapel an Bittbriefen, die sie verschickt hatte, waren ohne Resonanz geblieben.

Ab in den Süden

Die Wendung trat ein, als ein reicher Ölmagnat sich überraschend bereit erklärte, Amy zu unterstützen. Er ermöglichte ihr den Kauf einer gebrauchten DH 60G Gipsy Moth, einem Einsitzer mit offenem Cockpit, der es auf eine Fluggeschwindigkeit von 98 Kilometer pro Stunde brachte. Johnson stürzte sich umgehend in die Vorbereitungen: In letzter Minute besuchte sie einen Kurs in Navigation und legte die genaue Flugroute fest. Von Croydon sollte es nach Wien und Konstantinopel gehen, dann weiter über Bagdad, Indien, Singapur und die Timorsee nach Darwin, Australien.

Und so geschah es, dass Amy Johnson, die vorher noch nie länger als 270 Kilometer am Stück geflogen war, sich Anfang Mai 1930 in ihrer einmotorigen Gipsy Moth, die sie nach dem Fischgeschäft ihres vermögenden Vaters "Jason" getauft hatte, auf den Weg machte, Kurs Südost. Vor ihr lagen Berge, unbekannte Wüsten und Ozeane – Herausforderungen, die sie sich bei ihrer Abreise kaum vorzustellen vermochte. Sie sei damals eben sehr naiv gewesen, würde Johnson später selbst eingestehen.

Zunächst jedoch kam sie noch gut voran. Die junge Pilotin startete meist bereits in den frühen Morgenstunden und erreichte ihr Tagesziel am späten Nachmittag – betäubt von den Benzindämpfen, die sie tagsüber einatmete. Auf diese Weise brachte sie die ersten Etappen ihrer Reise zügig hinter sich und landete am 7. Mai bereits im nordsyrischen Aleppo, von wo aus sie am folgenden Tag Bagdad ansteuern wollte. Auf dem Weg dorthin stieß sie dann allerdings das erste Mal auf ernstzunehmenden Widerstand: Kurz nachdem sie den Euphrat überquert hatte, zwang sie ein heftiger Sandsturm, in der Wüste notzulanden. Die folgenden Stunden verbrachte sie sitzend auf dem Heck ihres Flugzeugs, den Rücken gegen den Wind gestemmt in dem verzweifelten Versuch, "Jason" am Boden zu halten. Als Amy in Bagdad ankam, war sie völlig erschöpft.

Rekordverdächtig

Trotz solcher Mühen aber war Amy Johnson zur Überraschung aller zu diesem Zeitpunkt ihres Fluges auf dem besten Weg, eine neue Rekordzeit abzuliefern. Bei ihrem Aufbruch von Bagdad lag sie bereits fast zwei Tage vor Bert Hinkler, der die Strecke London–Australien 1928 in 15 Tagen zurückgelegt hatte. Plötzlich begann auch die Presse, auf sie aufmerksam zu werden. Die "Daily Mail", die zuvor kaum Interesse gezeigt hatte, bot nun unglaubliche 10.000 Pfund für die Exklusivrechte an Amys Geschichte. Und auch die Menschenmengen, die sie in den Städten entlang ihrer Route in Empfang nahmen, wuchsen. Die "fliegende Sekretärin", wie Amy Johnson inzwischen genannte wurde, war zum Liebling des britischen Empires geworden.

Das Interesse, mit dem das Fortkommen der "Jason" bald verfolgte wurde, ließ auch nicht nach, als Amy Johnson einige Tage später bei der Landung in Rangun havarierte und Hinklers Zeit damit schlagartig in weite Ferne rückte. Zwei volle Tage dauerte es, bis "Jason" nach dem Unfall so weit wiederhergestellt war, dass an den Weiterflug zu denken war. Amy war am Boden zerstört, gab aber dennoch nicht auf. Immerhin lag der Großteil der Strecke nun hinter ihr, und wenn es auch für den Rekord nicht mehr reichte, so blieb ihr doch die Befriedigung, eine Route geflogen zu sein, die man einer Frau nie zugetraut hatte.

Die berühmteste Pilotin des Empire

Eine azurblaue Fläche breitet sich vor ihr aus, als Amy Johnson am 24. Mai 1930 zur letzten Etappe ihrer Reise aufbricht. Bei dem Gedanken, wie nah sie dem Ziel bereits gekommen ist, fällt es ihr schwer, ruhig zu bleiben. Als sich dann am Horizont der Umriss eines Schiffes abzeichnet, wird sie geradezu euphorisch. Es ist die "Phorus", die, wie sie weiß, nach ihr Ausschau hält. Anhand des Rauchs, der aus dem Schlot des Tankers aufsteigt, korrigiert Amy den Kurs und dreht ab, Richtung Australien, das nun in greifbarer Nähe liegt. Und dann ist es soweit: Unter ihr liegt die australische Küste, Darwin, die Rennbahn, eine wartende Menge. Von Weinkrämpfen geschüttelt, bringt Amy die "Jason" zu Boden. Als sie den Motor ausschaltet, hört sie die Leute ihren Namen rufen.

Anfangs genießt Amy den Ruhm, der dann über sie hereinbricht, doch bald wird er ihr auch zur Last. Die nächsten Jahre ihres Lebens sind geprägt von der Suche nach Bestätigung und neuen Zielen. 1932 heiratet Amy den Piloten Jim Mollison. Gemeinsam gelingt ihnen ein Jahr später der erste Nonstopflug über den Atlantik in die USA. Doch bald zerbricht die Ehe, und auch die Ära der Rekord- und Langstreckenflüge geht dem Ende zu. Amy Johnson merkt, dass sie ihrem Traum von einer dauerhaften Stellung in der zivilen Luftfahrt trotz ihrer Leistungen noch immer nicht näher ist. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, meldet sie sich zur "Air Transport Auxiliary", eine Gruppe, die Versorgungsflüge für die Royal Air Force durchführt.

Am 5. Januar 1941 macht Englands berühmteste Rekordpilotin dann ein letztes Mal von sich reden: Am Morgen dieses Tages bricht sie zu einem Routineflug auf, trotz dichten Nebels und gefrierendem Regen. Vier Stunden später wird ihre Maschine gesehen, wie sie über der Mündung der Themse abstürzt. Weit von ihrem eigentlichen Ziel entfernt.

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Christian Gödecke 13.11.2011
Vielen Dank für die Hinweise zu den Bildern. Wir haben die Fehler korrigiert. Christian Gödecke für die Redaktion.
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