Lufthansa-Raub in New York "IQ eines Aschenbechers"

Einer Gruppe von Amateurdieben gelang im Dezember 1978 der größte Raubüberfall der US-Geschichte. Ein halbes Jahr später waren acht Beteiligte tot.

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Es ist kurz nach drei Uhr nachts, als Frachtarbeiter Kerry Whalen vom Sitz seines Lastwagens aus eine ungewöhnliche Entdeckung macht. Mitten in der Nacht parkt ein schwarzer Ford-Kastenwagen auf dem Frachtgelände des John F. Kennedy Airports, direkt vor der Laderampe des Lufthansa-Terminals. Da stimmt was nicht, denkt sich Whalen und schaltet den Motor ab.

Er hat das Fahrzeug fast erreicht, als zwei Männer ihn niederschlagen und in den Laderaum des Lieferwagens stoßen. Sekunden später hebt sich das Tor der Lagerhalle, und der Wagen rollt mit dem blutenden Whalen ins Innere des Frachtterminals. Als der Ford eine knappe Stunde später mit quietschenden Reifen vom Flughafengelände rast, liegt Whalen neben zehn gefesselten Kollegen im Aufenthaltsraum.

Sie alle waren gerade Zeugen des größten Raubüberfalls geworden, der bislang auf amerikanischem Boden stattfand. Die Täter erbeuteten 5,875 Millionen Dollar in bar und Juwelen im Wert von über einer halben Million - eine Summe, die sie selbst nicht für möglich gehalten hatten. Trotz der günstigen Umstände.

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Lufthansa-Raub in New York: Ein filmreifer Überfall

Im Jahr 1978 war der John F. Kennedy Airport so hermetisch wie ein Sieb. Die mächtigen Mafiafamilien New Yorks bedienten sich am größten Verkehrsflughafen der Stadt wie an einem italienischen Vorspeisenbüffet. Immer wieder verschwanden ganze Lkw-Ladungen mit wertvoller Fracht. Die Gangs arbeiteten Hand in Hand mit korrupten Flughafenangestellten - Leuten wie dem Zocker Louis Werner.

Dem Vorarbeiter war aufgefallen, dass auf dem Flughafen einmal im Monat eine Lufthansamaschine aus Frankfurt landete. An Bord: Kisten voller Dollarnoten aus europäischen Wechselstuben, kleine Scheine, nirgendwo registriert. Bevor eine Sicherheitsfirma das Geld abholte, lagerte es stets für ein paar Stunden im Tresorraum des Frachtbereichs.

Louis Werner schuldete dem Buchmacher Martin Krugman 20.000 Dollar und schlug ihm vor, die Spielschulden mit einem wertvollen Tipp zu begleichen. Krugman gefiel die Idee, doch ihm war klar, dass diesen Raub nur ein Profi stemmen konnte - jemand wie Jimmy "The Gent" Burke, 47.

Der Halbweltboss hatte gerade sechs Jahre gesessen, nachdem er einen Schuldner verprügelt und als Geisel gehalten hatte. Mit seiner Bande raubte Burke Lastwagen aus, die im JFK-Airport Fracht luden. Den Beinamen "The Gent" hatte er bekommen, weil er - scheinbar "Gentleman" - seinen Opfern eine 50-Dollar-Note in die Hemdtasche steckte. So erhielt er hin und wieder einen Tipp für lukrative Ladungen.

Crew mit einschlägiger Besetzung

Lufthansa-Vorarbeiter Werner schätzte die mögliche Beute auf zwei Millionen Dollar. Im Herbst 1978 willigte Mafiaboss und Lucchese-Capo Paul Vario ein - und Burke stellte sein Überfallteam zusammen. Es bestand aus: Robert "Frenchy" McMahon, Vorarbeiter der Air France, der seinen Arbeitgeber bereits um zwei Millionen Dollar erleichtert hatte. Dessen Mitbewohner Joe "Buddha" Manri, ein Autodieb. Angelo Sepe, bereits Dutzende Male wegen Einbrüchen verhaftet, Drogenhändler Louis "The Whale" Cafora, Nachtklubbetreiber Henry Hill sowie Tommy DeSimone, Abkömmling einer kalifornischen Mafiafamilie und Killer. Außerdem Parnell "Stax" Edwards, ein schwarzer Bluessänger, vorbestraft wegen Kreditkartenbetrugs und schließlich: Auftragskiller Paolo LiCastri, weil der Unterweltboss der Gambino-Familie, John Gotti, vom Coup Wind bekommen hatte und einen eigenen Mann im Team wollte.

Werner lieferte eine detaillierte Skizze des Frachtgeländes; als Fluchtfahrzeug stahlen die Gangster einen schwarzen Ford Econoline sowie einen Buick als "Crash car", um bei einer Verfolgungsjagd die Polizei aufzuhalten.

Am Freitag, 8. Dezember 1978, setzte die Lufthansamaschine aus Frankfurt auf dem JFK-Flughafen auf. Eigentlich sollte die wertvolle Fracht gleich per Geldtransporter abgeholt werden, doch Louis Werner gelang es, die Geldboten abzuwimmeln. So blieben die Millionen übers Wochenende im Tresorraum der Lufthansa.

Montag gegen drei Uhr früh, die Nachtschicht hatte gerade Pause, hielt der schwarze Ford vor dem Frachtgelände der Lufthansa. Zwei Männer blieben im Auto, fünf Maskierte rannten ins Gebäude, durchkämmten den Trakt und trieben die Arbeiter in einem Pausenraum zusammen. Dann ließen sie das Garagentor hoch und den Lieferwagen ins Innere des Lagerhauses, wo sie den verletzten Kerry Whalen zu den anderen Geiseln brachten.

Fünf statt zwei Millionen

Der Schatz aus Frankfurt lagerte im Tresorraum - und den Code kannte nur der Schichtleiter im Hauptgebäude. Über eine Intercom-Anlage lockten die Gangster den Mann zum Pausenraum. Dann ging alles ganz schnell: Der Mann öffnete die Tür zum Safe, die Gangster durchwühlten die Frachtpapiere, schleppten 72 Pakete in den Wagen und brausten vom Gelände. Sie waren längst weg, als um 4.20 Uhr bei der Flughafenpolizei das Telefon klingelte.

In Brooklyn lud Burke die Beute in sein Auto um. Das Tatfahrzeug sollte Bluessänger "Stax" Edwards noch in der Nacht in einer Schrottpresse entsorgen. Als Burke zu Hause die Geldkassetten öffnete, traute er seinen Augen kaum: Statt der erhofften zwei hatte er fünf Millionen US-Dollar ergattert, Bündel diverser anderer Währungen und Edelsteine im Wert von über 600.000 Dollar. Ein fast perfektes Verbrechen.

Aber eben nur fast. Aus der Zeitung erfuhr Burke, dass die Polizei das Tatfahrzeug gefunden hatte. Der schwarze Ford Econoline stand vor der Wohnung von "Stax" Edwards Freundin - im Halteverbot. Statt den Wagen zu verschrotten, hatte der Musiker die Nacht mit Kokain und Whiskey bei seiner Freundin gefeiert. Die Beziehungen zwischen "Stax" und Burke waren polizeibekannt. Burke schickte den Killer Tommy DeSimone. Am 18. Dezember, nur eine Woche nach dem Überfall, lag Edwards erschossen in seinem Apartment.

Doch die Polizei war Jimmy Burke bereits auf der Spur. Frachtarbeiter Kerry Whalen hatte zwei der Räuber auf FBI-Fotos identifiziert. Burke wurde nervös und begann, jeden zu beseitigen, der ihn mit dem Überfall in Verbindung hätte bringen können.

Noch mehr Tote

Im Januar verschwanden Wettmakler Martin Krugman sowie zwei Mafiosi aus Florida, die Burke geholfen hatten, das Geld aus dem Raub zu waschen. Auch DeSimone wurde erschossen - aus Rache für einen Jahre zurückliegenden Mord an Mitgliedern der Gambino-Familie. Kurz darauf wurde auch der Leichnam von DeSimones Freundin an den Strand von New Jersey gespült.

Am 17. Februar verhaftete das FBI einen der Männer, die Whalen identifiziert hatte: Angelo Sepe. Mit ihm zu dieser Zeit am Kaffeetisch: Jimmy "The Gent" Burke.

Burke hatte zunächst nur einen kleinen Teil der Beute verteilt und jedem eingeschärft, keine auffälligen Einkäufe zu tätigen. Doch die Kleingangster verfielen in Kaufrausch: Tippgeber Louis Werner legte sich einen nagelneuen Rennwagen zu. Drei Tage nach Sepes Verhaftung klickten bei dem Zocker die Handschellen, als er gerade in sein neues Auto steigen wollte. "The Whale" Cafora schenkte seiner Frau einen pinkfarbenen Cadillac Fleetwood - woraufhin die Ermittler ihn in die Mangel nahmen. Kurz nachdem der Drogendealer einer Aufnahme ins US-Zeugenschutzprogramm zugestimmt hatte, verschwanden er und seine Frau.

Im Mai 1979 begann der Prozess gegen Tippgeber Werner. Obwohl er schwieg, brauchten die Geschworenen nur 14 Tage, um ihn wegen Planung eines Raubüberfalls zu 15 Jahren Haft zu verurteilen. Kurz darauf wurden zwei weitere Leichen gefunden: Air-France-Mitarbeiter Robert "Frenchy" McMahon und Joe "Buddha" Manri mit Kugeln im Genick in einem Buick in Brooklyn. Im Juli zogen Ermittler die Leiche des Sizilianers Paolo LiCastri aus einer Müllkippe.

Ein halbes Jahr nach dem Raub waren acht Männer und zwei Frauen, die mit dem Überfall in Verbindung gebracht wurden, tot. Burke hingegen konnte sich rauswinden, er wurde nie wegen des Lufthansa-Raubs angeklagt. Die Ermittler griffen schließlich zum Al-Capone-Prinzip: Weil man dem Paten von Chicago nie seine Mitgliedschaft in der Mafia nachweisen konnte, wanderte er wegen Steuervergehen in den Bau.

Burke hatte Jahre zuvor ein Basketballspiel geschoben. 1982 begann der Prozess wegen Wettmanipulation, er wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt; später kamen noch 20 Jahre dazu - wegen des Mords an dem Florida-Mafioso Richard Eaton. Er starb am 13. April 1996 hinter Gittern. Das Geld versickerte im Mafia-Sumpf von New York.

Filme wie "Goodfellas" (1990), "The 10 Million Dollar Getaway" (1991) und "The Big Heist" (2001) feierten mit der Story vom "Lufthansa-Raub" Kassenerfolge.

Nur die Tatbeteiligten hatten wenig von ihrem Schlag. Tollkühn waren sie gewesen und dreist. Aber sie waren eben auch Dilettanten. Joseph Coffey, der damals das New Yorker Polizeidepartment leitete, drückte es später so aus: "Die ganze Gang hatte den IQ eines Aschenbechers."

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Olaf Klischat, 11.12.2018
1.
"Der schwarze Ford Econoline stand vor der Wohnung von "Stax" Edwards Freundin - im Halteverbot. Statt den Wagen zu verschrotten, hatte der Musiker die Nacht mit Kokain und Whiskey bei seiner Freundin gefeiert. ... Burke hatte zunächst nur einen kleinen Teil der Beute verteilt und jedem eingeschärft, keine auffälligen Einkäufe zu tätigen. Doch die Kleingangster verfielen in Kaufrausch: Tippgeber Louis Werner legte sich einen nagelneuen Rennwagen zu. .... "The Whale" Cafora schenkte seiner Frau einen pinkfarbenen Cadillac Fleetwood" Einmal mit Profis arbeiten! :-D
Hans-Gerd Wendt, 11.12.2018
2. Bankster
Olaf Klischat, heute, 12:11 Uhr "...Einmal mit Profis arbeiten!" Tja, Banker sind eben rar und nicht in jedem Geschäftsbereich zu finden.
Sebastian von Kracht, 12.12.2018
3. Das war ein Albtraum damals
Die große Geldmenge in New York war durch drei Sendungen aus Frankfurt zustande gekommen, und von diesen drei Sendungen hatte ich zwei von einer Frankfurter Bank zu Lufthansa Valuable Cargo gefahren, als Mitarbeiter von Brinks Schenker Werttransporte. Daher war ich einer von den möglichen Tippgebern und wurde von der deutschen Kripo ordentlich vernommen. Nicht angenehm. Glücklicherweise fanden die Amerikaner bald heraus, dass der Tipp von Lufthansa New York gekommen war. Puh.
Bodo Eggert, 12.12.2018
4. Banker sind (...) nicht in jedem Geschäftsbereich zu finden
Alle Toupets sehen falsch aus, denn ich habe noch nie ein echt aussehendes Toupet gesehen.
Max Bauer, 12.12.2018
5.
Wie war das vor kurzem in Brasilien? Da wurde am Airport abkassiert aber mit Kanonen wenn ich mich recht entsinne.
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