Luftkrieg Bomben und Legenden

Luftkrieg: Bomben und Legenden Fotos
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Die Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs gelten auch im 21. Jahrhundert noch als Synonym für die Schrecken des Krieges. Unser kollektives Gedächtnis ist durchdrungen vom schieren Horror dieser traumatischen Erfahrung - eine nüchterne Auseinandersetzung fällt nach wie vor schwer. Von Rolf-Dieter Müller, Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam

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Grete M. unterbrach 1943 in einer ostfriesischen Kleinstadt für einen Moment ihre tägliche Arbeit. Das gleichmäßige Brummen des Bomberpulks, der in großer Höhe auf dem Rückflug von Bremen war, hatte sich plötzlich verändert. Ein neues Geräusch hatte ihre Aufmerksamkeit erregt, das schnell näher kam, so fürchterlich, so dumpf und so bedrohlich, dass sie es in ihrem Leben nicht mehr vergessen sollte.

Nach einem kurzen Heulton und Lichtblitz wurde sie von einem ohrenbetäubenden Knall erschüttert. Einen Moment lang konnte sie nichts mehr hören, weder das Weinen der Kinder, die weiteren Detonationen und das Brüllen der Verletzten. Eine Druckwelle erfasste sie, wirbelte sie mit Glassplittern, Steinbrocken, Milchkannen über den Hof. Als sie wieder zu sich kam, war es ganz ruhig. "Jetzt ist die Welt zu Ende", dachte sie für einen Moment, dann hörte sie Kinder schreien, ganz laut, hinter dem Geröllhaufen. Sie fing an zu wühlen, aber es war sinnlos. Die junge Frau hatte den "Gelegenheitsabwurf" eines Bombers zumindest überlebt.

Bombe als Alptraum

Fast täglich erinnern uns die aktuellen Bilder aus dem Irak und aus Afghanistan daran, welche verheerenden Wirkungen auch nur eine einzige Bombe auszulösen vermag, wenn sie gezielt gegen Menschen eingesetzt wird. Ob als versteckter Sprengsatz aus der Entfernung elektronisch gezündet oder von einem Kampfflugzeug aus großer Distanz abgefeuert - stets sind es die Heimtücke des Einsatzes so wie ihre auf größtmögliche Tötungswirkung zielende Verwendung, die bei den potentiellen Opfern die Bombe zum Alptraum machen.

Über den tatsächlich erreichten materiellen und personellen Schaden hinaus ist ihre psychologische Wirkung, die Angst und Schrecken verbreitet, durchaus beabsichtigt. Die Bombe soll jene lähmen, die den Angriff überlebt haben oder auf andere Weise mit den Opfern verbunden sind. Sie ersetzt den altmodischen Nahkampf, soll "Blut sparen" - hauptsächlich natürlich auf Seiten des Angreifers, indirekt vielleicht auch auf der anderen Seite, wenn die erhoffte Wirkung im Idealfall dazu beiträgt, den Kampf rasch zu beenden.

Wenn zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine einzige mit Sprengstoff gefüllte Bombe eine schreckenerregende Weltnachricht und internationale Komplikationen auszulösen vermag, dann spiegelt dieses Erschrecken den schmerzhaften Erfahrungsprozess, den die Menschheit in den letzten hundert Jahren hinter sich gebracht hat. Die Bombe war eine Idee gewesen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkam, als der Mensch das Fliegen lernte und die dritte Dimension für die Kriegführung eroberte.

Zähe Legenden und Opfer-Ikonen

Aus dem vereinzelten Abwurf noch recht kleiner Bomben im Ersten Weltkrieg wurden im Zweiten "Bombenteppiche" auf Industrieanlagen und Flächenangriffe auf die Zentren der Großstädte mit gezielt herbeigeführten Feuerstürmen. Alliierte Bomber flogen allein auf Deutschland insgesamt 708 416 Einsätze und warfen dabei rund 1,6 Millionen Tonnen Bomben ab. Sie verloren dabei immerhin 15 600 Maschinen mit rund einhunderttausend Mann Besatzung. Görings Luftwaffe büßte dagegen 57 000 Maschinen bei der Reichsluftverteidigung ein.

Die schiere Bombenmenge und ihr möglichst "effizienter" Einsatz sollten wettmachen, was mit einzelnen, gezielten Luftangriffen nicht zu erreichen war, weil "Präzisionsschläge" mit den damaligen technischen Mitteln nicht erreichbar waren. Mehr als 1,5 Millionen Menschen verloren bei diesem "Experiment" der modernen Kriegführung ihr Leben - nur ein Bruchteil zwar der Gesamtopferzahl von 60 Millionen, aber wer die meisten Bomben geworfen hatte, gewann schlussendlich auch den Krieg.

Selbst nach sechzig Jahren verbindet sich die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in vielen Staaten vor allem mit dem Schrecken der Bombenangriffe aus der Luft. Aus diesem Stoff leben jene meist zähen Legenden, die schon damals entstanden, kaum das sich der Rauch aus den Trümmern verzogen hatte. Und die Propaganda von Regierungen, die den Überlebenden das trotzige Durchhalten abverlangten, nahmen es mit der exakten Analyse und nüchternen Bewertung natürlich auch nicht allzu genau.

Dresden als Fanal

So entstanden Opfer-Ikonen, die seitdem die Wahrnehmung beherrschen, ein Dutzend Städtenamen vielleicht, die symbolisch stehen für den alltäglichen Schrecken an zahllosen Orten: Guernica, Warschau, Rotterdam, Coventry. Hamburg, Dresden, Würzburg. Tokio, Hiroshima, Nagasaki. Bis heute werden diese Ortsnamen aufgeladen mit dem Nimbus des unschuldigen sinnlosen Opfers, zudem meist mit überhöhten Totenzahlen - keine günstige Ausgangslage für eine nüchterne, wissenschaftliche Bewertung des historischen Geschehens.

Die Stadt Dresden hat deshalb im Jahr 2004 eine interdisziplinäre Kommission eingesetzt, um die Opferzahl der Luftangriffe vom 13./14. Februar 1945 zu ermitteln. Die bisherigen Schätzungen von 35.000 Toten werden mancherorts immer noch spekulativ um mehr als das Zehnfache überhöht, was von rechtsradikaler Seite als angeblicher "Bomben-Holocaust" politisch missbraucht wird. Bei der noch nicht abgeschlossenen akribischen Arbeit der Kommission verdichten sich hingegen die Hinweise darauf, dass die tatsächliche Opferzahl beträchtlich niedriger liegen könnte, als bisher angenommen worden ist.

Zu den Legenden, die sich um den Fall Dresden ranken, gehören offensichtlich auch Berichte von Zeitzeugen, wonach alliierte Tiefflieger Menschen, die aus der brennenden Innenstadt flüchteten, gezielt beschossen hätten. Auch viele andere Bombenangriffe werden mit solchen subjektiven Zeugnissen in Verbindung gebracht, doch im Falle Dresdens gibt es keine entsprechenden alliierten Einsatzbefehle oder andere untrügliche Beweise. Dennoch fanden mit Hilfe des Kampfmittelräumdienstes Überprüfungen von Verdachtsflächen statt, da die Kommission nichts unversucht lassen will, um auch die subjektiven Zeugnisse zu überprüfen. Etwaige Bodenfunde von Geschossen könnten entsprechend eindeutige Anhaltspunkte geben.

Ein Tabu, das nie eines war

Wie leicht das Thema durch Emotionalisierung und reißerische Bilder Medien und Öffentlichkeit in Deutschland in Wallung bringt, hat das umstrittene Buch "Der Brand" des Publizisten Jörg Friedrich von 2002 gezeigt. In Großbritannien dagegen, das mit Flächenangriffen gegen deutsche Großstädte vor mehr als 60 Jahren die größte Zahl von zivilen Luftkriegstoten bewirkte, hat die englische Übersetzung bisher kaum Resonanz erzeugt.

Ein angebliches "Tabu" wurde durch die Diskussion um den "Brand" jedenfalls nicht gebrochen. Der Bombenkrieg brachte nach 1945 eine Fülle von Literatur hervor, an Informationen mangelt es also nicht. Aber die persönlichen Erinnerungen und lokalgeschichtlichen Beschreibungen mit ihrem starken subjektiven Bezug haben die militärisch-fachliche Analyse längst in den Hintergrund gedrängt, zuletzt deutlich in dem Sammelband "Berichte aus der Abwurfzone" herausgegeben von Oliver Lubrich (Eichborn Verlag, Berlin 2007).

Auch in der wissenschaftlichen Diskussion überwiegt inzwischen das Interesse an der "Verarbeitung" des Erlebens der betroffenen Generation, so in dem Band "Deutschland im Luftkrieg. Geschichte und Erinnerung", herausgegeben vom Münchner Historiker Dietmar Süß (Oldenbourg Verlag, München 2006). Im kulturwissenschaftlichen Zugriff haben Literaturwissenschaftler und Sozialpsychologen die Nase vorn; Historiker verlieren sich demgegenüber gern im Detail des Bunkerbaus oder der Organisation des NS-Luftschutzes.

In den Spurrillen alter Propagandaschlachten

Eine globale Geschichte des Luftkrieges muss erst noch geschrieben werden. Im Grunde bewegt sich der öffentliche Diskurs auf den Spurrillen jener ehemaligen deutsch-britischen Propagandaschlacht, die schon von 1915 an einen moralisierenden Charakter besaß. Beide Seiten haben in zwei Weltkriegen versucht, einander in die Kapitulation zu bomben. Den Briten ist das zweimal gelungen, aber sie halten gern an der Version fest, sie hätten ihre Schläge gleichsam aus der Hinterhand ausgeteilt, aus Notwehr gegen deutsche Erstschläge. Damit reklamieren sie die Moral für sich, obwohl ihre Militärs damals den Zivilisationsbruch nüchtern einkalkulierten, weil sie glaubten, mit der Bomberwaffe den Gegner in die Knie zwingen zu können.

In Deutschland war die Situation nicht anders. Aber nach zwei Niederlagen klammert man sich hierzulande lieber an die Auffassung, der Bombenkrieg sei für beide Seiten militärisch sinnlos und schon deshalb moralisch verwerflich gewesen. Da der Schaden in Deutschland zehnmal größer war als in Großbritannien, liegt in dieser Sicht augenscheinlich auf der Hand, wo die Unmoral angesiedelt ist - zumal die meisten Bomben auf Deutschland 1944/45 abgeworfen wurden, als der Krieg längst entschieden war.

Gern nehmen die Deutschen heute zur Kenntnis, dass die Briten dem ehemaligen Chef des Bomber Command, Sir Arthur Harris, zwar ein Denkmal gesetzt haben, aber nicht wirklich stolz sind auf "Bomber-Harris". Am liebsten übersetzt man hierzulande zudem Bücher britischer Autoren, in denen die gnadenlose Bombardierung der deutschen Städte angeprangert und verurteilt wird - wenn sich die Queen schon nicht förmlich dafür entschuldigen möchte.

Britische Selbstkritik als Balsam für die deutsche Seele

So ist es 2004 dem Schriftsteller Frederick Taylor ("Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945. Militärische Logik oder blanker Terror?", C. Bertelsmann Verlag, München 2005) mit seiner eindrucksvollen Darstellung zu Dresden gegangen, und 2007 dem Londoner Philosophen A. C. Grayling mit seiner Streitschrift "Die toten Städte. Waren die alliierten Bombenangriffe Kriegsverbrechen?" (ebenfalls C. Bertelsmann Verlag, München 2007). Hatte Taylor dem Angriff auf Dresden noch eine gewisse militärische Logik zu erkannt, das verheerende Angriffsverfahren aber verurteilt, so hält Grayling die Flächenoffensive insgesamt für militärisch sinnlos und folgert, dass die britischen Täter damit moralisch genauso tief gesunken seien wie ihre Gegner, was heute "inständig und offen bereut werden" sollte.

Nun hat der strategische Bombenkrieg insgesamt aber tatsächlich einen entscheidenden Beitrag zum alliierten Sieg von 1945 geleistet, wie die militärhistorische Forschung nachgewiesen hat - wenn auch Nutzen und Ergebnis der speziellen britischen Methode zweifelhaft waren und sind. In der öffentlichen Auseinandersetzung verwischen sich aber leicht die verschiedenen Ebenen. So besteht etwa für Grayling kein Zweifel daran, dass die Alliierten einen gerechten Krieg geführt haben und der Bombenhagel auf militärisch sowie wirtschaftlich bedeutsame Ziele insofern sinnvoll und richtig gewesen ist.

Präzisionsangriffe auf solche Ziele, eine Spezialität vor allem der Amerikanern, verschonten freilich keineswegs Städte und Zivilbevölkerung. Es entstanden "Kollateralschäden", wie man heute sagen würde, die immerhin rund eine Viertelmillion Menschen in Deutschland das Leben kosteten. Wenn ein britischer Philosoph also meint, die Methode der gezielten Flächenangriffe gegen die Zivilbevölkerungevölkerung, um durch Terror und Vernichtung die "Moral" der Deutschen zu zerbrechen, sei verwerflich und nutzlos gewesen, dann mag man darin hierzulande Balsam für die auch nach über sechzig Jahren noch verletzte deutsche Seele erkennen.

Doch Graylings Gleichsetzung der Angriffe auf Hamburg (1943), Hiroshima (1945) und New York (2001) wirkt allzu unhistorisch und ist wenig hilfreich, wenn heute Politiker und militärische Befehlshaber oder gar einzelne Soldaten Entscheidungen treffen müssen, die zum Einsatz von Distanzwaffen wie Bomben und Raketen führen. So selbstverständlich ihnen die ethischen und rechtlichen Grundlagen gebieten, die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu beachten, das Leben von Zivilisten zu schonen und Kollateralschäden zu verhindern - die Nützlichkeit der Bombe wird ebenso bleiben wie die Gewissensnot des Handelnden.

Die Nachwelt wird dann immer leichter urteilen können.

Dieser Artikel gibt allein die Auffassung des Autors wieder. Er stellt keine Meinungsäußerung des MGFA dar.

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1.
Ferdinand Schumacher 06.02.2008
Das Bild ist typisch für die Vorstelllung einer Festung im übertragenen Sinne. Stellt man sich aber von diesen Monstern einige hundert in der Luft vor mit ihrer Geräuschkulisse ,dann kann man sich das Entsetzen vorstellen in den Augen der Zeitzeugen.
2.
Nils Holstein 25.07.2008
Thema Tieffliegerangriffe in Dresden: Im offiziellen Tagebuch der Royal Air Force findet sich für den 13./14. Februar folgender Hinweis im 3. Absatz: "...311 American B-17s dropped 771 tons of bombs on Dresden the next day, with the railway yards as their aiming point. Part of the American Mustang-fighter escort was ordered to strafe traffic on the roads around Dresden to increase the chaos. ..." Quelle: http://www.raf.mod.uk/bombercommand/feb45.html "to strafe" heißt: beschießen
3.
Kai Frederking 25.07.2008
Dieser Beitrag resultiert wieder aus der deutschen Schuldneurose: Es kann keine "mildernden Umstände" der deutschen Verbrechen geben. Das Problem dieser Neurose ist, dass Sie mit der tatsächlichen Schuld überlappt. Es kann keine Zweifel daran geben, dass der Krieg der Alliierten gegen die Achsenmächte ein gerechter und notwendiger war. Es muss allerdings erlaubt sein zu Fragen, ob der Zweck, diesen gerechten Krieg zu gewinnen, tatsächlich alle angewendeten Mittel rechtfertigte. Diese Frage ist nach wie vor aktuell: Dürften bei einer unmittelbaren nuklearen Bedrohung Israels durch Iran iranische Städte bombardiert werden, um einen Regimewechsel zu erzwingen und somit israelische Leben zu retten? Ich denke nein - auch wenn ich taktische Schläge gegen militärische und nukleare Anlagen für gerechtfertigte Selbstverteidigung halte. Entscheidend bei der Frage "Verbrechen oder nicht" kann in keinem Fall die Zahl der Toten sein. Ob in Dresden nun 3500, 35000 oder 350000 starben ist historisch relevant, aber nicht moralisch. Was zählt ist die Intention. Daher kann eigentlich kein Zweifel daran bestehen, das Air Marshal Harris nach heutiger Definition ein Kriegsverbrecher ist (und auch nach damaliger: Hätte er exakt das gleiche in deutscher Uniform befohlen, dann hätte er in Nürnberg zu Recht gebaumelt). Harris hat wiederholt geäußert, das sein Ziel die deutsche Zivilbevölkerung war. Das ist etwas völlig anderes, als wenn ein General Kollateralschäden bei einem Angriff auf eine Kugellagerfabrik in Kauf nimmt. Auch der Atombombenabwurf auf Nagasaki könnte ein schweres Verbrechen gewesen sein - wenn diejenigen Historiker recht haben, die der Ansicht sind, dass es dabei nicht mehr um eine Verkürzung des Krieges, sondern um einen Test der Plutoniumbombe (nach bereits erfolgreichem Einsatz der Uranbombe über Hiroschima) ging. Erstaunlich ist, dass die Diskussion alliierter Kriegsgräul in Deutschland nahezu Tabu und mit dem Geruch des Revanchismus behaftet ist. Die Amerikaner tuen sich da oft etwas leichter - so z.B. bei der Darstellung der Erschießung von kapitulierenden Soldaten in "Saving Private Ryan" oder der Thematisierung von Plünderung und von Ermordung Kriegsgefangener in "Band of Brothers" Nur weil die von deutscher Seite verübten Verbrechen um ein vielfaches schlimmer und umfangreicher als die der Alliierten waren bedeutet dies nicht, dass von alliierter Seite keinerlei Verbrechen begangen wurden (bzw. werden konnten).
4.
Stephan Cirksena 26.02.2009
Das Zahlenwerk des Autors zum Umfang des Luftkrieges gegen Deutschland erscheint recht fragwürdig: Eine Anzahl von 708 416 Einsätzen gegen Ziele in Deutschland ist unverständlich und auch unsinnig. Steht der Begriff hier für den Einsatz eines Flugzeugs (dann wäre die Zahl zu gering) oder für die Anzahl der Einsätze eines Verbandes gegen ein Ziel? In jedem Fall ist eine genaue Kenntnis der Zahl der "Einsätze" unrealistisch. Ebenso unrealistisch ist die Angabe von "57 000 Maschinen" die die Reichsluftverteidigung verloren habe, wenn sich doch recherchieren lässt, dass die deutsche Gesamtproduktion von Jagdflugzeugen aller Typen ca. 65000 Stück betragen hat. Davon dürfte ein ganz erheblicher Teil an der Ostfront abgeschossen oder schlicht durch die schlechten Wartungsmöglichkeiten verloren worden sein. Zudem waren die deutschen Verluste auch auf anderen Kriegsschauplätzen nicht unerheblich. 57000 zerstörte deutsche Flugzeuge durch alliierte Einsätze könnten sich vielleicht dadurch errechnen, dass man die Praxis alliierter Piloten berücksichtigt, auch "halbe" und sogar "Viertelabschüsse" sowie am Boden durch mehrere Tiefflieger gemeinsam zerstörte Flugzeuge jeweils als Einzelerfolge zu zählen
5.
Vittorio Ferretti 11.05.2009
Finde den Artikel sehr interessant und erlaube mir als positive Kritik einzuwenden, dass die Unterscheidung zwischen Militärpersonen und Zivilpersonen bei der Zulässigkeit von Bombenabwürfen und anderen militärischen Gewaltakten nicht weiter führt. Zum einen kann Mitleid oder einen Mitverschuldungsfrage nicht davon abhängig gemacht werden, ob das Opfer uniformiert ist oder nicht. Ein Achzehnjähriger Soldat verdient genau so viel Mitleid, wie ein Siebzehnjähriger, der noch nicht eingezogen worden ist, und mehr Mitleid als eine Oma, die eine kriegstreibende Partei gewählt hat, oder ein Richter, der das Recht gebrochen hat, oder ein Professor, der gewaltträchtigen Unsinn erdacht und verbreitet hat. Zum anderen wird es auch in Zukunft keiner kriegführenden Partei entgehen, dass die militärische Offensivkraft der Gegenseite nicht nur von den Uniformierten ausgeht, die auf Abzüge oder Knöpfe drücken, sondern vor allem auch von einer Logistikkette, an der die Zivilbevölkerung massiv beteiligt ist. Meines Erachtens können wir Ziviltote nur dadurch vermeiden, dass wir auch die Milititärtoten vermeiden, das heisst, dass wir den Krieg als Umgangsform zwischen Kollektiven abschaffen. Der Menschheit ist dies dank Zivilisationsfortschritten bei fast allen anderen Formen kollektiver Gewalttätigkeit bereits gelungen (bei Kannibalismus, Blutrache, Menschenopfer, Sklaverei, Hexenverbrennung) und bei der Folter und Todesstrafe sind wir auf gutem Wege. Da fehlen nur noch der Krieg und die Demozide, aber auch da befinden wir uns auf gutem Weg.
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