Luftschlösser der Nasa Zelten auf dem Mars

Luftschlösser der Nasa: Zelten auf dem Mars Fotos
NASA

Per Lift ins All, Reisen auf Atombomben, eine Eigentumswohnung im Orbit: Mit abstrusen Visionen macht die Nasa seit ihrer Gründung vor 50 Jahren Werbung in eigener Sache. einestages zeigt die spektakulärsten Phantastereien der US-Raumfahrtbehörde - und was aus ihnen wurde. Von Alexandra Eul

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
  • Zur Startseite
    2.9 (542 Bewertungen)

Wer erinnert sich noch an Gawriil Adrianowitsch Tichow, der in den vierziger Jahren ein Institut für Astrobotanik an der Universität in Kasachstan einrichtete, um den Pflanzenwuchs unter Mond- und Marsbedingungen zu erforschen? Oder an die Pläne für Weltraumkrankenhäuser? Oder an Killer-Satelliten, die feindliche Raumschiffe rammen und außer Gefecht setzen sollten?

Was heute nach den Phantastereien eines Science-Fiction-Autors klingt, war vor 50 Jahren, als die National Aeronautics and Space Administration, kurz Nasa, gegründet wurde, Glaubenssache. Doch die Geschichte der Weltraumpioniere ist auch eine Geschichte der Rückschläge. Mit jeder Rakete, die die Erde verließ, schien die Nasa ein bisschen mehr auf den Boden der Tatsachen zu landen. Auf dem Mond hatten die Astronauten nur Staub und Gestein gefunden, die Weltraumforschung kostete Milliarden Dollar, Shuttles stürzten ab, Menschen kamen ums Leben und die Raumfahrtvisionäre gerieten in Rechtfertigungsnot. Der Kosmos, seit jeher Inspiration für Romane, Filme und Fernsehserien ist zwar noch lange nicht erforscht, aber dafür schon lange entmystifiziert.

Oder etwa doch nicht?

Denn die Visionen schlummern noch immer in den Schubladen der Forscher. Zum Beispiel der Weltraumaufzug, wie Arthur C. Clarke ihn 1979 in seinem Roman "Fahrstuhl zu den Sternen" beschrieb. Abgeguckt hatte sich der Autor den Orbitallift bei dem russischen Weltraumvisionär Konstantin Ziolkowski. Der blickte 1895 auf den Pariser Eiffelturm und hatte einen Geistesblitz: Er wollte einen Aufzug ins All erfinden. In 15 Jahren will die Nasa diesen nun tatsächlich in Betrieb nehmen. 36.000 Kilometer hoch soll dann ein Raumgleiter tonnenschwere Lasten entlang spezieller Röhren zu einer geostationären Raumstation weit über den Wolken hieven. Die Konstruktion des Mammutbaus ist allerdings noch immer in der Entwicklung - so wie sie es schon einmal vor 40 Jahren war. Bleibt der Lift in den Orbit also nur eine weitere Utopie?

Die Marsmission: Ein Evergreen der Raumfahrt

Schließlich erging es den hochtrabenden Plänen um bemannte Marsmissionen kaum anders. Als im Jahr 2001 die Sonde "Mars Odyssey" Bilder vom Roten Planeten an die 150 Millionen Kilometer entfernte Erde sendete, präsentierte die Nasa euphorisch ihre Pläne für den Ausflug eines Teams von Astronauten zum Roten Planeten - entweder mit einem thermonuklearen oder einem solarbetriebenen Raumschiff.

Der Traum vom Mars ist allerdings ein weiterer Evergreen der Raumfahrtgeschichte. Wernher von Braun wollte schon in den fünfziger Jahren mit nuklearbetriebenen Raketen zum Roten Planeten aufbrechen - lange bevor ein Astronaut seinen Fuß auf den Mond setzte. Nachdem von Braun im "Dritten Reich" für Hitler die Entwicklung der V2-Rakete geleitet hatte, arbeitete der Wissenschaftler nun für die Nasa. Sein Plan: Ein 70-köpfiges Team sollte spätestens im Jahr 1986 mit zehn Raumschiffen zum Mars starten und ganze 400 Tage die Oberfläche des Planeten erforschen. Allerdings hatte die Braunsche Mission rückblickend eher den Charme eines Zelturlaubes als die Glaubwürdigkeit einer Mission im Auftrag der Wissenschaft. Schlafen sollten die Pioniere in aufblasbaren Gummihäusern.

Wenn es nach dem Raketenbauer gegangen wäre, hätte die Menschheit nicht nur schon lange auf dem Mars gezeltet, sie hätte auch Eigentumswohnungen im All bezogen. Von Braun wollte der Erde Vorstädte schenken und Hochhaussiedlungen in einer ringförmigen Weltraumstation bauen. Samt einer künstlichen Atmosphäre. Sogar eine kosmische Klimaanlage zur Temperaturregulierung hatte er bereits ersonnen.

Die Sturm-und-Drang-Zeit der Weltraumforschung

20 Jahre später griff die Nasa diese Ideen auf und entwarf gemeinsam mit US-Universitäten futuristische Skizzen von saftigen Wiesen, fruchtbaren Äckern und beschaulichen Häusersiedlungen - alles in einem Braunschen Wohnreifen. Zehntausende Menschen, berichtete der SPIEGEL 1975, könnten vielleicht schon im Jahr 2000 im All leben und arbeiten. Die Realität heute: Auf der internationalen Raumstation ISS, die seit 1998 in Betrieb ist, leben drei einsame Astronauten bei Schwerelosigkeit und Mahlzeiten aus der Tube. Von Äckern und Wiesen keine Spur. Eine Raumstation nach dem Entwurf von Wernher von Braun wurde allerdings dennoch gebaut: Als Kulisse für den Film "2001 - Odyssee im Weltraum" von Stanley Kubrick.

Ein Konzept, das ebenfalls in den vergangenen Jahren neue Prominenz erlangte, waren Solarkraftwerke, die nach den Plänen der Nasa in den achtziger Jahren in 36.000 Kilometern Höhe Sonne tanken lassen sollten. Rohstoffgewinnung im All und auf fremden Planeten war ohnehin stets ein heißes Thema für die Weltraumforschung. Von Braun wollte für den Bau seiner Weltraumstädte Mondstaub nutzen, den er sich als eine Art kosmischen Beton vorstellte. Nuklearbetriebene Luftschiffe sollten außerdem Helium-3 und Wasserstoff aus der Atmosphäre des Jupiters saugen.

Wie allerdings sollten all diese Visionen umgesetzt werden, wenn schon das passende Transportmittel fehlte? Seit dem Beginn des Weltraumzeitalters suchen Forscher und Techniker nach dem Allround-Space-Shuttle, das sicher und schnell den luftleeren Raum durchstreift und dabei noch komfortabel ist. Ein Raumschiff wie aus "Star Wars" oder "Star Trek".

Besonders kurz vor und kurz nach der Mondlandung 1969, eine Art Sturm-und-Drang-Zeit der Weltraumforschung, entwarfen Raketenkonstrukteure deshalb viele futuristische Gefährte, die sich im Nachhinein als überaus unbrauchbar erwiesen. Allen voran: das abstruse Fünfziger-Jahre-Projekt "Orion" des amerikanischen Verteidigungsministeriums - eine Rakete mit nuklearem Pulsantrieb. Der Antrieb sollte tausend kleine Atombomben ausstoßen, die kurz hinter dem Heck explodieren und so das Shuttle voranschieben sollten.

Reisen per Atombombe

Eine schlechte Idee, wie sich nach einigen Tests herausstellte. Nicht nur, dass selbst dem technikgläubigsten Astronauten bei der Vorstellung, auf Tausenden von Atombomben zu hocken, mulmig wurde. Das 4000 Tonnen schwere Monstrum mit der Form eines Kirchturms hob entweder gar nicht ab oder die Detonation zerfetzte sein Gehäuse. Zusätzlich hatten Studien aufgedeckt, wie schädlich solche leichtfertigen Atomtests für den Menschen sind. 1963 unterzeichnete die USA einen Vertrag über die Einstellung von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre.

Kein Grund für die Nasa, nicht in noch größeren Dimensionen zu denken. Ganze 54.000 Tonnen brachte das Projekt "Dädalus" 1978 auf die Waage - zumindest auf dem Papier: Konstrukteur Alan Bond wollte den Koloss mit Nuklearantrieb unbemannt in Richtung Sonne schicken. Das Raumschiff wurde jedoch nie fertiggebaut. Die Nasa allerdings forscht bis heute an atomaren Triebwerken.

Während großspurige Weltraum-Vehikel-Projekte eingestellt wurden, sollten zumindest normale Reisende von der Technologie profitieren. Schon in den achtziger Jahren, so prophezeite der SPIEGEL ein Jahrzehnt zuvor, steigt kein Mensch mehr in ein normales Passagierflugzeug. Stattdessen würden Raketen den Personenverkehr übernehmen und mit einer Geschwindigkeit von 6400 Stundenkilometern innerhalb von einer Stunde von New York nach Paris düsen. Doch obwohl Paris als Reiseziel nicht annähernd so exotisch ist wie der Mars, wurde auch aus dieser Vision nichts. Das bisher erfolgreichste Überschallpassagierflugzeug Concorde flog maximal 2200 Stundenkilometer - und war 2003 zum letzten Mal in der Luft.


Weitere interessante Themen finden Sie auf der Homepage von einestages! mehr...

Fliegen Sie durch die Jahrzehnte mit der einestages-Zeitmaschine!


Artikel bewerten
2.9 (542 Bewertungen)
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ralf Bülow 28.07.2008
Ich glaube, der Artikel liefert einen verzerrten Überblick, indem er Visionen mit "NASA" abstempelt, die nicht in der - eher vorsichtigen - Raumfahrtbehörde entstanden. Die meisten Zukunftsideen kamen wohl von Firmen, Pro-Space-Gruppen, Uni-Instituten, Einzelforschern und Computergrafikern. Bestes Beispiel war Gerard O'Neill, der seine Weltraumstädte nicht im Dienst der NASA, sondern als Professor in Princeton entwarf. Die NASA rührte sich vor allem dann, wenn "die da oben" es wollten, z.B. bei der Marsflug-Studie von 1989, die vom Weißen Haus angeregt wurde.
2.
Harald Kucharek 28.07.2008
Deadalus war keine NASA-Studie, sondern wurde von der British Interplanetary Society erstellt. Siehe z.B. http://en.wikipedia.org/wiki/Project_Daedalus
3.
paul fruehauf 29.09.2009
Ich halte es für unfair, Visionen als Fantastereien lächerlich zu machen. Diese Projekte, so fantastisch sie auch sind, könnten mit den finanziellen Mitteln und dem technischen Knowhow, das in den Krieg fließt, locker bewältigt werden. Unsere Prioritäten sind aber dergestalt, dass wir uns lieber gegenseitig umbringen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen