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Gefälschtes Eva-Braun-Tagebuch Als Leni nackt mit Adolf tanzte

Gefälschte Eva-Braun-Aufzeichnungen: Ménage-à-trois mit dem Diktator Fotos

Beauty-Tipps vom "Führer" und Baggertricks von Goebbels: Angebliche Eva-Braun-Tagebücher brachten 1948 Haarsträubendes zutage. Verbreitet hatte sie der berühmte Bergsteiger Luis Trenker. Von

Eva Braun raste vor Eifersucht. Gerade hatte Adolf Hitler sie nach oben ins Schlafzimmer verbannt. Nun wartete die Geliebte des "Führers" zornig im Nachthemd auf seine Rückkehr. Kein Wunder, schließlich weilte eine Nebenbuhlerin an diesem Abend im Winter 1937 in Hitlers bayerischer Residenz "Berghof" bei Berchtesgaden: Leni Riefenstahl, die Regisseurin, die unter anderem 1934 mit dem Streifen "Triumph des Willens" den Nürnberger Parteitag der NSDAP propagandistisch in Szene gesetzt hatte. An diesem Tag, so fürchtete Braun, hielt sich die Riefenstahl allerdings aus einem ganz anderen Grund in Hitlers Nähe auf. "Ob sie jetzt unten die Nackttänze aufführt, von denen immer wieder die Rede ist?", schrieb die Mätresse des "Führers" verzweifelt in ihr Tagebuch.

Wild muss es auf dem Obersalzberg zugegangen sein, wenn man diesem Dokument Glauben schenkt. Eine sich entblätternde Leni Riefenstahl, eine ins Oberstübchen verbannte Eva Braun und dazu der deutsche Diktator, der mit beiden Frauen sein Spiel trieb. "Ich weiß nicht, ob sie mich nicht eines Tages aussticht", klagte Braun in dem sonderbaren Schriftstück.

Ähnliche pikante Details aus dem Liebesleben ihres toten Diktators und seiner ebenfalls dahingeschiedenen Gespielin konnten die Deutschen 1948 an den Zeitungsständen erwerben. Das Boulevardblättchen "Wochenend" startete ab dem 3. September die wochenweise Veröffentlichung von Auszügen aus dem angeblichen Eva-Braun-Tagebuch. Die Auflage verkaufte sich prächtig. Schließlich hatten die Deutschen nach Kriegsende gerade erst zur allgemeinen Überraschung erfahren, dass sich ihr offiziell allein lebender ehemaliger "Führer" seit Anfang der Dreißigerjahre eine Geliebte gehalten hatte. Nun enthüllte das Tagebuch schockierende Details aus Hitlers Beziehungsleben. Rehlederne Unterwäsche müsse sie auf seinen Wunsch tragen, stand in einem Eintrag vom Januar 1938. Nach anfänglichen Zweifeln habe Braun den ungewöhnlichen Stoff aber genossen. "Wie Samt auf der Haut" fühle er sich an.

Kosmetik-Tipps vom Diktator

Überhaupt fand der "Führer" den Aufzeichnungen zufolge neben der Entfesselung des Zweiten Weltkriegs erstaunlich viel Zeit, sich um die Haut seiner Lebensgefährtin zu kümmern. "Die Cremes, die er mir geschickt hat, scheinen gut zu sein - zweimal wöchentlich eine Gesichtsauflage aus rohem Kalbsfleisch und einmal wöchentlich ein Vollbad in warmen Olivenöl", schwärmte Braun zu Beginn des Jahres 1938 über die Kosmetiktipps des Tyrannen. Auch einen besonderen Rat hatte Hitler für sie parat: "Hüften und Brüste" würden besonderer Pflege bedürfen.

Gut drei Jahre nach dem Ende des "Dritten Reichs" kam so durch Eva Brauns Tagebuch allerlei Schlüpfriges und Befremdliches über Hitler ans Licht der Öffentlichkeit. Doch litten die brisanten Aufzeichnungen unter einem entscheidenden Mangel: Sie waren schlichtweg erfunden - wahrscheinlich von einem anderen Österreicher.

Aus diesem Grund trafen sich im September 1948 die Anwälte des "Olympia-Verlags", in dem die "Wochenend" erschien, und die der Familie Braun in München vor Gericht. Die Mutter, Franziska Braun, war überzeugt, dass das gesamte Tagebuch erstunken und erlogen war - auch, weil sie ihre Tochter für schreibfaul hielt. "Eva schrieb höchst ungern Briefe, und den Kuchenpaketen für Papa lag stets nur ein kurzer Gruß bei", erzählte sie dem SPIEGEL. Als Nebenklägerin trat Leni Riefenstahl auf. Nach dem Ende des Nationalsozialismus versuchte sich die Filmemacherin ebenso vehement vom Nationalsozialismus zu distanzieren, wie sie zuvor dessen Machtdemonstrationen filmisch unterstützt hatte. Nackttänze vor Hitler habe es mit ihr niemals gegeben.

Zeugen unterstützten die Kläger. "Ihre Wäsche unterschied sich in nichts von den üblichen Stücken und war keinesfalls aus Leder", beteuerte etwa Hitlers Sekretärin Traudl Junge nun die "Normalität" von Brauns Unterbekleidung. Über Hitlers tadellose persönliche Hygiene klärte sein Fahrer Erich Kempka das Gericht auf. Er beteuerte, dass er dem Diktator nach einer längeren Autofahrt stets sofort eine heiße Badewanne einlassen musste. Im gefälschten Tagebuch hieß es, dass der mächtigste Mann Deutschlands sonst nur einmal im Monat gebadet habe. Die haarsträubende Geschichte von den Kalbsfleischmasken und Olivenölbädern entpuppte sich hingegen am Ende als leicht verändertes Plagiat aus den Erinnerungen der Adligen Marie Louise von Larisch-Wallersee über den Wiener Kaiserhof.

Angesichts dieser Enthüllungen trug die Familie Braun am 10. September 1948 den Sieg davon: Das Gericht erließ eine einstweilige Verfügung, wonach "das Tagebuch eine völlig freie Darstellung hinsichtlich der Beziehungen zwischen Eva Braun und Adolf Hitler durch die Feder eines noch unbekannten Autors im Tagebuch-Ich-Stil enthält." Zwar durfte der Olympia-Verlag weitere Auszüge veröffentlichen, musste aber die richterlichen Sätze vorandrucken.

"Nur ein Jux"

Der Mann, der das Rätsel um den wahren Urheber ohne weiteres hätte aufklären können, fehlte allerdings im Münchner Gerichtssaal: der Tiroler Schriftsteller, Regisseur, Schauspieler und passionierte Bergsteiger Luis Trenker. 1944 hätte ihm die Hitler-Geliebte das 96-seitige, maschinengeschriebene Tagebuch ohne Unterschrift im Grand-Hotel in Kitzbühel überreicht, so hatte es Trenker nach Kriegsende erklärt. Er war mit Braun ebenso wie mit Hitler bekannt gewesen, der seinen Film "Der Rebell" so faszinierend fand, dass Goebbels in sein Tagebuch notierte: "Hitler ist Feuer und Fett".

Trenkers Erklärung, wie er in den Besitz des Tagebuchs kam, entpuppte sich als fadenscheinig: Eva Braun hielt sich zuletzt 1942 in dem betreffenden Hotel auf, wie ihre Eltern nachweisen konnten. Ihre Meinung von dem Südtiroler scheint zudem nicht besonders hoch gewesen zu sein. Sie habe "von Luis Trenker nur als dem ekelhaften Kerl" gesprochen, sagte Franziska Braun 1948 dem SPIEGEL. "Und ausgerechnet Trenker soll sie dies Machwerk gegeben haben."

Ob dieser das Tagebuch nun selbst gefälscht hat oder auf anderem Weg in die Hand bekam, ist bis heute unbekannt. Er habe "eigentlich nur einen Jux mitgemacht", erklärte der Beschuldigte später dem Historiker Werner Maser vor Zeugen.

Hitler im Rotlichtbezirk

Falls der Regisseur der Fälscher war, bewies er auf jeden Fall eine ebenso reiche wie fragwürdige Fantasie: In weiteren Passagen des vorgeblichen Tagebuchs lässt der berüchtigte Gauleiter und Judenhasser Julius Streicher zur allgemeinen Belustigung einen seit Tagen ausgedürsteten Stier so lange trinken, bis er wortwörtlich platzt. Wenn Streicher keine Tiere quäle, so heißt es weiter, fröne er einem anderen perversen Zeitvertreib: Einmal die Woche zwinge er die Töchter und Frauen jüdischer Kaufleute dazu, nackt in seinem Büro defilieren. Über Hermann Göring, heißt es dagegen in den Aufzeichnungen, dass er es nicht müde würde, Eva Braun einen Kuss entlocken zu wollen. Der italienische Botschafter sei weniger zurückhaltend gewesen: Ausgiebig habe er sie betatscht.

Eine besondere Rolle spielt in dem Text natürlich der Diktator selbst: Von der Schilderung seines ersten sexuellen Abenteuers mit einer Wiener Dirne an seinem 17. Geburtstag und anschließender Panik vor einer Geschlechtskrankheit bis hin zur brutalen Ermordung von Brauns Verehrer "Kurt" durch SS-Leute, reiht der Autor ein schlüpfriges Ereignis an das nächste. So entsteht auf den Seiten des angeblichen Tagebuchs eine Art "Seifenoper" des "Dritten Reichs".

Während das Interesse am Braun-Tagebuch in Deutschland nach dem Gerichtsurteil von 1948 schlagartig erlosch, konnten die Leser in Frankreich und Großbritannien weiterhin die erfundenen Geschichten lesen. Im Vereinigten Königreich erschien 2000 sogar eine Neuauflage. Vom - wahrscheinlich - echten Tagebuch der Eva Braun sind hingegen lediglich knapp 20 Seiten aus dem Jahr 1935 überliefert. Sie werden in den amerikanischen National Archives in Washington D.C. verwahrt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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1. Phantasie
Volker Eschen, 26.02.2015
Dass Trenker ein Geschichtenerzähler mit viel Phantasie war, weiß ich, seit ich ihn als Kind im Nachmittagsprogramm der ARD gesehen habe. Dass er auch nicht jugendfreie Geschichten erfinden konnte, lese ich hier zum ersten Mal. Chapeau, Luis!
2. Zeuge
Martin Groher, 26.02.2015
Luis Traenker hat das mit dem Nackttanzen Riefenstahls vor Hitler bestätigt.
3. Trenkers Ghostwriter
Philipp Trafojer, 26.02.2015
Luis Trenker hat gemeinsam mit dem österreichischen Journalisten Louis Barcata (Das Reich, Die Presse) die gefälschten Tagebücher erarbeitet. Interessant ist, dass in Südtirol Barcata als der Fälscher, nördlich der Landesgrenzen hingegen Trenker als Urheber gilt. Die letzten Erkenntnisse zur Geschichte der Fälschung wurde vor einigen Jahren in der "Neuen Südtiroler Tageszeitung" veröffentlicht.
4.
Eduard Schulz, 26.02.2015
Was soll der Blödsinn? Warum wird hier seitenlang über Dinge berichtet, die, wie der Autor sogar weiß und auch vermerkt hat, erstunken und erlogen sind? Man könnte ja eine Romanbesprechung daraus machen.
5. klar haben die party gemacht
Mungo Park, 27.02.2015
Trenker war näher dran als alle anderen
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