Luxemburg-Liebknecht-Demo Gedenkzug in eigener Sache

Luxemburg-Liebknecht-Demo: Gedenkzug in eigener Sache Fotos

Marschieren, frieren, inszenieren: In Berlin wurde vor 60 Jahren die Gedenkstätte der Sozialisten eingeweiht. Die DDR-Führung nutzte sie für ihren alljährlichen Januar-Aufmarsch - um eine Ehrung der Revolutionäre ging es dabei aber kaum. Stattdessen wurde die Demo zur PR-Aktion für die SED-Größen. Von Klaus Taubert

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Die "LL-Demo", wie wir sie kurz nannten, fand jedes Jahr am zweiten Sonntag im Januar statt. Bei uns hieß sie deshalb auch "Marsch der kalten Füße". Die Demonstration zu Ehren der am 15. Januar 1919 ermordeten sozialistischen Revolutionäre Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg führte zur Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde. Es war die einzige Demo, bei der das gesamte SED-Politbüro mit dem Generalsekretär an der Spitze über eine halbe Stunde lang mitmarschierte.

Treffpunkt war jeweils um 9 Uhr nahe dem U-Bahnhof Frankfurter Allee. Von dort wurde zu revolutionärer Marschmusik knapp zwei Kilometer die Allee entlang und durch die Gudrunstraße bis zur Gedenkstätte geschritten - vorbei an Tausenden Bürgern, die für das Spalier eingeteilt waren. Eine Militärkapelle sorgte für altersgerechte Rhythmen.

Die Männer in den vorderen Reihen sangen unentwegt die alten Kampf- und Arbeiterlieder mit. Für uns Journalisten, die wir mitliefen, um die Huldigungen der Menschen vom Straßenrand einzufangen, war die Stimme des Stasi-Ministers Erich Mielke stets herauszuhören, besonders wenn sein Lieblingslied "Auf, auf, zum Kampf" erklang. Mit zittrigem Bariton schrie er auch noch als über 80-Jähriger: "Vielleicht ist er schon morgen eine Leiche, wie es so vielen Freiheitskämpfern geht." Auch ein Dauerhit war das Lied "Dem Morgenrot entgegen" mit dem einprägsamen Refrain: "Wir sind die junge Ga-arde des Pro-le-ta-riats." Aus den Mündern der alten Herren klang dies in den letzten Jahren der DDR wie das Pfeifen im Walde.

Was in der Zeitung stand

Über mehrere Stunden folgten hunderttausend Berlinerinnen und Berliner zum großen Teil in ehrlichem Gedenken an die ermordeten Arbeiterführer ihrer voranschreitenden Staatsführung. Die Zeitungen hatten tags zuvor das "Aufmarschgebiet der Berliner Werktätigen" genau vorgegeben, damit jeder wusste, wann und wo er sich zu versammeln hatte.

An den "Stellplätzen" verteilten die Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre der Betriebe Fahnen, Transparente und Spruchbänder mit den auf höchster Ebene bestätigten Losungen an ihre Mitarbeiter. Bis Anfang der achtziger Jahre wurden zudem noch riesige Fotos der Mitglieder des SED-Politbüros über den Friedhof getragen, obwohl alle persönlich auf der Tribüne standen. Später wurde diese Tradition abgeschafft, weil sie zu sehr nach Personenkult aussah. Abgesehen von Staatschef Erich Honecker, der bis zum Schluss mitgetragen wurde.

Die Zahl der Teilnehmer legte Honeckers Agitationssekretär fest - und zwar nachträglich. Das ging so: Joachim Herrmann fragte uns Journalisten, wie lange die Demonstration im vergangenen Jahr gedauert und wie viele Bürger daran teilgenommen hätten. Wir waren vorbereitet: "Drei Stunden, 150.000", lautete beispielsweise eine korrekte Antwort. Herrmann sah auf die Uhr und schätzte Pi mal Daumen: "Dreieinhalb Stunden, na gut, sagen wir 180.000, ach was, 200.000, weil die Sonne so schön scheint." So stand es dann in allen Zeitungen. Weniger als im Jahr zuvor durften es auf keinen Fall sein. Das war Demonstrationsarithmetik à la Herrmann, möglicherweise hatte er sie von den Erfolgsstatistiken des Wirtschaftssekretärs Günter Mittag übernommen.

Dem Honecker winken

Den Abschluss der Demonstration bildeten traditionsgemäß die Hundertschaften der Berliner "Kampfgruppen der Arbeiterklasse". Die Männer in den steingrauen Uniformen der ehemaligen Rot-Front-Kämpfer aus den zwanziger Jahren - zumeist SED-Mitglieder - waren 1989 für ihren Kampf gegen einen möglichen imperialistischen Aggressor mit Gummiknüppeln nachgerüstet worden.

Unbegreiflich all die Jahre blieb, warum bei dieser "machtvollen Kampfdemonstration" zu Ehren von Luxemburg und Liebknecht die SED-Führung, die Regierung, die Vorsitzenden der Blockparteien und alle anderen Ehrengäste vor dem Mahnmal standen und den Blick der Bürgerinnen und Bürger auf die Gräber der Revolutionäre verdeckten, denen die Ehrung gewidmet war. Allein die Tatsache, dass auch Walter Ulbricht dort begraben ist, an den während der Honecker-Ära nichts mehr erinnern durfte, kann es nicht gewesen sein.

Das einzige, was die Berlinerinnen und Berliner im kilometerlangen Marsch über den Friedhof zu sehen bekamen, waren die lebenden Politgrößen der DDR. Sie winkten Honecker und Co. pflichtbewusst zu, und von oben wurde zufrieden zurückgegrüßt. Die Partei- und Staatsführung der DDR ließ sich selbst ehren - so wie sie es immer tat, wenn sie ihre Tribünen erklommen hatte und sich dem Volk präsentierte. Egal, wer alles hinter ihnen lag.

Gedenkstätte der Sozialisten

Das "Revolutionsdenkmal" für die beiden Ikonen der Novemberrevolution sowie für weitere Opfer des Spartacusaufstandes und späterer Aktionen der Linken war ursprünglich 1926 nach einem Entwurf des Architekten Ludwig Mies van der Rohe aus dunklen Hartbrandklinkern gebaut und im Beisein von KP-Chef Ernst Thälmann von Wilhelm Pieck, dem späten Mitbegründer der SED, eingeweiht worden. Die Nationalsozialisten rissen das Denkmal 1935 ab und ebneten die Gräber ein.

Die Gedenkstätte der Sozialisten, wie sie heute besteht, wurde im Januar 1951 wiederum von Wilhelm Pieck, inzwischen Präsident der DDR, eingeweiht. Mit einem Durchmesser von etwa 45 Metern umschließt eine vier Meter hohe Mauer aus roten Klinkern zu zwei Dritteln den riesigen Porphyrstein mit der Inschrift "Die Toten mahnen uns". Rings um den Stein liegen Gedenkplatten für Luxemburg, Liebknecht, Thälmann, Pieck und Ulbricht. In die Mauer eingelassen sind Gedenksteine und -tafeln älterer Sozialisten wie Wilhelm Liebknecht, Carl Legien und Hugo Haase.

In der DDR war es zum Zeremoniell geworden, die Urnen verstorbener Politbüromitglieder der SED reihum in Mauernischen zu setzen und mit gold beschrifteten Granitplatten zu verschließen.

Heiße Luft für die Führung

Weil es im Januar oft kalt war, wurde von unten in die Tribüne Warmluft eingeblasen, so dass es auch bei zehn Grad minus warm in die Hosenbeine der führenden Leute strömte. Allerdings reichte die Wärme offenbar nur für den hölzernen Unterbau der Haupttribüne. Das Orchester auf der Nebentribüne saß in absoluter Kälte, so dass die Musik zeitweise über die Lautsprecher der Friedhofsverwaltung eingespielt werden musste, wenn die Instrumente versagten.

Auch wir Journalisten wärmten uns zwischendurch auf. Für den Hofstaat war neben der Tribüne, quasi zwischen den Gräbern der alten Sozialisten, ein mit Tannengrün verkleideter Aufenthaltsraum errichtet worden, in dem es vom Tee über Kaffee bis zum Grog mancherlei Muntermacher gab.

Die Letzten, die durch den Friedhofseingang schritten, waren die sogenannten Streckenbeobachter. Sie sorgten dafür, dass alle Transparente, die aufs Gelände getragen wurden, "sauber" waren. Offenbar eine aus Sicht der Parteiführung notwendige Maßnahme: Im Januar 1988 hatten sich Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler mit eigenen Transparenten in die Demonstration einreihen wollen - und sich für ihre Spruchbänder bei Rosa Luxemburg bedient: "Freiheit ist immer die Freiheit Andersdenkender" und "Wer sich nicht bewegt, spürt die Fesseln nicht" stand da zu lesen - bis die Staatsicherheit noch in der Karl-Marx-Allee zugriff.

Krenz wollte eine Lüge umgehen

Das Westfernsehen filmte damals den Zwischenfall, der Skandal war nicht zu vertuschen. Es kam zu etwa 120 Festnahmen, und in der Folge zu Verurteilungen und Ausweisungen aus der DDR.

Honeckers "Kronprinz" Egon Krenz, im Parteiapparat für Sicherheit zuständig, war an diesem Tag auf dem Friedhof in Friedrichsfelde mit der Gedenkrede an der Reihe. Offenbar war er sehr schnell von den "Maßnahmen" seiner Sicherheitsorgane im Stadtinneren informiert worden. Darauf lässt ein Vergleich der vorbereiteten Rede mit der tatsächlich gehaltenen Rede schließen. Wohl nicht ohne Grund ließ er einen Satz in seiner vom Politbüro abgesegneten Ansprache unausgesprochen, eine allzu auffällige Lüge. Denn der gestrichene Satz lautete: "Hier hat jeder das Recht zu demokratischer Mitbestimmung." Dafür schränkte er im nächsten Satz die "klare Perspektive", die jedem in der DDR geboten würde ein zu einer "klaren sozialistischen Perspektive".

Die alljährliche "LL-Demo" zur Gedenkstätte der Sozialisten findet auch 2011 wieder am zweiten Sonntag im Januar statt. Zu dem, was sich seit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zum Besseren gewendet hat, gehört das aufrichtige, ehrliche Gedenken für Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht an deren Gräbern, wie immer man zu ihrem Wirken und zu ihrem Vermächtnis stehen mag.

Zum Weiterlesen:

Klaus Taubert: "Generation Fußnote. Bekenntnisse eines Opportunisten". Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag, Berlin 2008, 296 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Peter Hammer 11.01.2011
"Bekenntnisse eines Opportunisten" - nennt Taubert sein Buch im Untertitel. Opportunisten - sind das nicht Leute, die als Journalisten das schreiben, was im jeweiligen politischen System gerade gut ankommt? Im Deutschland des Jahres 2011 zum Beispiel Kalte-Füße-Witzchen, wenn es um tote Kommunisten geht, die von SPD-Noske und seinen Freikorps-Komplizen zur falschen Jahreszeit umgelegt wurden.
2.
Klaus Taubert 12.01.2011
Schade, dass Herrn Hammer nur die kalten Füße aufgefallen sind. Aber für die Führung wurden sie ja gewärmt, so wie vieles andere auch. Das wird gerne vergessen. Die kalten Füße kann ich wenigstens belegen, bei Noskes Anteil am Mord halte ich mich zurück, denn so opportunistisch bin ich nun auch wieder nicht.
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