Luxussanatorium Beelitz Heile Welt von gestern

Luxussanatorium Beelitz: Heile Welt von gestern Fotos
Marc Mielzarjewicz

Prächtige Arkaden, riesige Speisesäle: Vor rund hundert Jahren waren die Beelitzer Heilstätten der Luxuskurort für Berliner. Mittlerweile ist die Oase, in der Hitler behandelt wurde und Honecker Zuflucht fand, ein verlassener Ort. Ein Fotograf hat den Zauber des Verfalls auf faszinierende Bilder gebannt. Von

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Nach der Fahrt von der Front wähnte sich der verwundete Soldat plötzlich im Wunderland. "Welcher Wandel!", schrieb er später begeistert. "Vom Schlamm der Somme-Schlacht in die weißen Betten dieses Wunderbaus! Man wagte ja anfangs kaum, sich richtig hineinzulegen."

Diese "neue Welt", das waren die Beelitzer Heilstätten bei Berlin, einst eine der größten und modernsten Lungenheilstätten der Welt, im Krieg umfunktioniert zu einem Lazarett - ein kleines Paradies fernab des Schlachtengetümmels. Der Name des 27-jährigen Verwundeten: Adolf Hitler.

Rund sieben Wochen verbrachte er 1916 in Beelitz, nachdem er Anfang Oktober bei seinem Einsatz als Meldegänger von einem Granatsplitter getroffen worden war. Es war eine Zeit, die ihn prägte. Er verachtete seine Mitpatienten und widmete ihnen später in "Mein Kampf" folgende Zeilen: "Etwas, das an der Front noch unbekannt war, hörte ich hier zum ersten Mal: Das Rühmen der eigenen Feigheit", wetterte Hitler. Die "gesinnungslosesten Hetzer" hätten in Beelitz das große Wort geführt und versucht, "die Begriffe des anständigen Soldaten als lächerlich und die Charakterlosigkeit des Feiglings als vorbildlich hinzustellen."

Dem morbiden Charme erlegen

85 Jahre nach Hitlers Visite ist von dem erhabenen Vorzeige-Sanatorium mit den lichtdurchfluteten Sälen, den eleganten Freitreppen und den prächtigen Säulenarkaden nur noch eine marode Geisterstadt übrig: die Buntglasfenster sind zerbrochen, Putz bröckelt von den prächtigen Fassaden, Staub sammelt sich in den verschwenderisch breiten Gängen. Diebe haben das wertvolle Buntmetall von den Dächern geklaut.

Manche finden den langsamen Verfall durchaus anziehend. Filmregisseure wie Roman Polanski etwa, der einige Szenen aus "Der Pianist" hier drehte. Aber auch Fotografen wie Marc Mielzarjewicz, der vor sechs Jahren erstmals von den verfallenen Lungenheilstätten erfuhr. Seitdem ist er fasziniert von dem morbiden Charme der mehr als 60 denkmalgeschützten Gebäude, die sich in einem 200 Hektar großen Waldgebiet erstrecken - und langsam von der Natur zurückerobert werden.

"Ich habe 2005 zufällig im Internet ein phantastisches Foto von einem zugewucherten Türportal gefunden", erinnert sich der 40-Jährige. "Ich hatte keine Ahnung, wo dieses Foto entstanden war, aber ich wusste: Da muss du hin!" Er recherchierte die Adresse der Heilstätten - und machte sich auf den Weg. "Beim ersten Besuch war ich schier erschlagen von der Größe des Geländes", sagt Mielzarjewicz, der vor kurzem einen Bildband mit Schwarzweiß-Aufnahmen von Beelitz herausgegeben hat. "Vor allem hat mich der Gedanke fasziniert, wie schön die Architektur der Anlage damals auf die Menschen gewirkt haben muss, wenn man bedenkt, was für ein Moloch Berlin zu der Zeit war."

Eine einzigartige Luxusanlage

In der Tat waren es die katastrophalen hygienischen Zustände in der Hauptstadt, die Ende des 19. Jahrhunderts zum Bau von Deutschlands fortschrittlichster Heilanstalt führten. Damals tobte die Tuberkulose, im Volksmund Schwindsucht genannt, in den engen Gassen der Städte und raffte Hunderttausende dahin. Jeder dritte Todesfall und jede zweite Arbeitsunfähigkeit war eine Folge dieser Volkskrankheit. Und es gab kaum Hilfe: Obwohl Robert Koch bereits 1882 den Erreger identifiziert hatte, waren zunächst keine wirksamen Medikamente vorhanden. Heilung, so glaubte man, könne allein Ruhe, frische Luft und gesundes Essen bringen.

Es war also nicht allein selbstlose Großzügigkeit, sondern auch die Angst, die Arbeitskraft in der Hauptstadt könne bald völlig ausgezehrt sein, die die Berliner Landesversicherungsanstalt (LVA) 1898 zum Bau der Heilstätten veranlasste. Die Furcht vor der Seuche schien dabei so groß gewesen zu sein, dass die LVA keine Kosten scheute und eine im Kaiserreich einzigartig luxuriöse Anlage errichten ließ - mit Krankengebäuden, die kleinen Palästen glichen.

Vier Jahre lang arbeiten die Krankenhausarchitekten Heino Schmieden und Julius Boethke, Stars ihrer Zeit, an den Neubauten im Jugendstil, sechs Kilometer von der Kleinstadt Beelitz entfernt. Der Standort hatte sich fast aufgedrängt: Mit der Eisenbahn war Beelitz bereits an das nur 30 Kilometer entfernte Berlin angebunden - und doch fern vom Lärm, Ruß und Staub der Hauptstadt. Systematisch sollten die Patienten von allen Lastern der Metropole bewahrt werden - und so wurden vier Lungenheilstätten und Sanatorien gebaut: zwei nur für Männer, zwei nur für Frauen.

Blutiger Kampf um die Heilstätten

Die 600 Klinikbetten deckten kaum den riesigen Bedarf, so dass 1905 mit der ersten von etlichen Erweiterungen weitere 600 Bettenplätze geschaffen wurden. Schon bald waren die Heilstätten derart gewachsen, dass sie eine autonome Infrastruktur brauchten: Eine Bäckerei und eine Fleischerei wurden eröffnet, Werkstätten und Waschküchen entstanden, Wohnhäuser für Ärzte und Angestellte schossen aus dem Boden.

Die Klinik verfügte sogar über ein eigenes Postamt und eines der ersten kombinierten Fernheiz- und Elektrizitätswerke der Welt. Das versorgte über ein zehn Kilometer langes, unterirdisches Kanalnetz das gesamte Gelände mit Strom, Wärme und Wasser - für die lungenkranken Patienten ein riesiger Vorteil: So mussten ihre Zimmer nicht mit rußenden Öfen beheizt werden.

Doch diese hochmoderne Oase der Ruhe war nicht immer ein friedlicher Ort. Im Ersten Weltkrieg dienten die Heilstätten als Lazarett, 12.500 verwundete Soldaten wurden hier versorgt. Im Zweiten Weltkrieg wurde Beelitz zum Schauplatz dramatischer Ereignisse: Ende April 1945, die Heilstätten waren längst besetzt von den Truppen der russischen Armee, befreite General Wencks 12. Armee die 3000 verwundeten deutschen Soldaten, die im Lazarett gefangen gehalten wurden. Es war ein letzter kleiner Triumph im zusammenbrechenden "Dritten Reich": Patienten, Ärzte, Schwestern fielen sich in die Arme, in den Krankenhaussälen wurde gefeiert.

Refugium für Honecker

Der Erfolg über die Rote Armee war von kurzer Dauer: Nach dem Krieg nutzen die sowjetischen Truppen Beelitz als Militärhospital - dem größten außerhalb der UdSSR. Ausgerechnet hier spielte sich, mehr als vier Jahrzehnte nach dem Kriegsende, ein weiteres deutsches Drama ab.

Die Fotografin Christina Kurby hat es miterlebt, im April 1990, wenige Monate nach der friedlichen Wende in Deutschland. Als einzige Fotografin überhaupt durfte sie den gestürzten Staatschef Erich Honecker treffen - in einer Offiziersvilla in den ehemaligen Beelitzer Heilstätten, bewacht von einem Soldaten der Roten Armee. Gorbatschow persönlich hatte angewiesen, das Ehepaar Honecker hier unterzubringen.

"Irgendwie war ich von der ganzen Sache völlig überrollt", erinnert sich Kurby im Interview mit einestages. Sie sollte die Bilder für den Autor und politischen Liedermacher Reinhold Andert machen, der damals für sein Buch "Der Sturz" Interviews mit Honecker führte. Es blieb eine bizarre Begegnung. Bei einem Waldspaziergang an der frischen Beelitzer Luft riss Honecker kleine Witze, beschwerte sich aber auch bitter über Gorbatschow. "Er sagte in etwa: 'Der hat die DDR zum Abschuss freigegeben und den Sozialismus verraten!'", erinnert sich Kurby.

Paradies für Fotografen und Filmemacher

Was die Fotografin damals nicht ahnen konnte: Die Aufnahmen im Wohnzimmer des roten Backsteinbaus mit den hohen Flügeltüren, der Siebziger-Jahre-Tapete und der dreiteiligen Sofagarnitur waren die letzten Fotos der Honeckers in Deutschland. Im März 1991 flüchtete der krebskranke Ex-Staatschef in einer sowjetischen Militärmaschine nach Moskau - und entging damit den Strafverfolgern in seiner Heimat.

Drei Jahre nach Honecker verließen die letzten sowjetischen Soldaten Beelitz. Damit begann hier das letzte, irgendwie typisch deutsche Kapitel. Eine Heidelberger Unternehmensgruppe kaufte das Gelände und hatte hehre Ziele: die Rede war von einem Gesundheitspark und einem sanierten Wohngebiet für rund 3000 Einwohner. Zwei Reha-Kliniken wurden hochgezogen, doch dann ging der Unternehmensgruppe die Luft aus.

Mit der Insolvenz im Jahr 2001 begann der langsame Verfall – und die Verwandlung der einstigen Oase für Lungenpatienten in ein Paradies für Filmemacher und Fotografen. Auch Marc Mielzarjewicz hat hier bei seinem dritten Besuch seinen kleinen Schatz gefunden – jenes verwunschene, zugewucherte Türportal, das er einst auf einem Foto im Internet gesehen hatte, und das ihn überhaupt erst dazu animierte, sich auf die Suche nach den untergegangenen Heilstätten zu machen.

Zum Weiterlesen:

Marc Mielzarjewicz: "Lost Places Beelitz-Heilstätten". Mitteldeutscher Verlag, 2010, 144 Seiten.

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1.
Andreas Dehmer 07.11.2011
Leider hat der derzeitige Besitzer der Heilstätten ein Eintrittsgeld von mehr als 100? festgelegt. Ich habe neuerdings sogar gehört, das derzeit kein Einlass mehr sein soll. Schade das der jetzige Besitzer das Grundstück als Gelddruckmaschine benutzen möchte! Er soll auch nicht sehr umgänglich sein und sehr unfreundlich.
2.
Frank-Paul Rebenstock 07.11.2011
Bild 6 zeigt kein Detail des Heizkraftwerks sondern eine der Gerätschaften der Fleischerei. Das Maschinenhaus des HKW ist im übrigen als Museum hergerichtet und an wenigen Tagen (!) im Jahr im Rahmen von Führungen öffentlich zugänglich (jewiels letzter Freitag im Monat zwischen April und September).
3.
Stefan Bär 08.11.2011
Es gibt eine ziemlich gute Möglichkeit den Ort zu besuchen. Die Jungs von www.go2know.de bieten dort Führungen an für Hobbyfotografen. Das scheint mir momentan der einzige legale Weg dort zu sein, um dort hinein zu gelangen.
4.
Wolfgang Stemme 08.11.2011
Soso, ein Fotograf hat faszienierende Aufnahmen gemacht....wirklich, denn diese und mehr Aufnahmen wurden bereits von tausenden anderer Fotografen ebenfalls gemacht, seit langer Zeit, was also sind das für Fotos, die man nicht schon zigmal sah, und wo bitte sind sie, ich sehe hier davon nichts. Bitte, bringt doch endlich mal was wirklich neues, wie: " Deutschland ist seit Jahrzehnten pleite, keiner wollte es wissen!" Mit Fotos natürlich.
5.
Alex Weidner 09.11.2011
Was ähnliches gibts auch auf dem Lido in Venedig ... hier meine Fotos von Ende Oktober 2011: http://www.elasticmedia.de/galleries/ospedale
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