Extremschwimmerin Lynne Cox "Oh mein Gott, das ist ja flüssiges Eis!"

Extremschwimmerin Lynne Cox: "Oh mein Gott, das ist ja flüssiges Eis!" Fotos
RRR Communications /Rich Roberts/dpa

Friedenskämpferin im Badeanzug: Als erster Mensch durchschwamm die Amerikanerin Lynne Cox vor 25 Jahren die Beringstraße zwischen den USA und der Sowjetunion. Bei einestages erinnert sie sich an die Quälerei im Eiswasser, die Angst vor Haien und die Ungewissheit, was sie am anderen Ufer erwarten würde.

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Lynne Cox ist eine Schwimmerin der Superlative: Mit 15 brach sie ihren ersten Weltrekord bei der Überquerung des Ärmelkanals, mit 45 schwamm sie im Eiswasser der Antarktis. Ihre Rekorde sind grenzgängerisch, ihre Ziele extrem: Sie durchschwamm die Cookstraße in Neuseeland, die Magellanstraße in Chile und den Öresund zwischen Schweden und Dänemark. Immer wieder riskierte Cox dabei auch ihr Leben: Im Indischen Ozean musste sie Haie und Seeschlangen fürchten, in der Antarktis verletzte sie sich an Eisschollen.

Ihre waghalsigen Schwimmleistungen machten Lynne Cox bekannt. Doch berühmt wurde sie vor genau 25 Jahren, als ihr das scheinbar Unmögliche gelang: Am 7. August 1987 überwand die US-Sportlerin die Beringstraße zwischen Alaska in Richtung Sowjetunion. Niemand hatte es je gewagt, die Strecke über die amerikanisch-sowjetische Grenze in dem nur vier Grad kalten Wasser zu schwimmen. Und es hätte auch niemand gedurft - denn die Beringstraße war seit 48 Jahren die eiskalte Trennlinie zwischen den verfeindeten Weltmächten. Lynne Cox versuchte es trotzdem.

Bei einestages erzählt die heute 55-Jährige die Geschichte ihres größten Traums.

Der Tag, auf den ich elf Jahre hingearbeitet hatte, begann mit einem Schock: Wo war meine Crew? Wir wollten um acht Uhr morgens los, die Presse war pünktlich da gewesen, die Ärzte auch, ich war startklar - nur die Einheimischen, die mich in zwei Booten auf die sowjetische Seite begleiten sollten, fehlten immer noch. Die Inuit hatten die Nacht gefeiert, verständlich, denn an diesem 7. August 1987 würden die Bootsbesatzungen ihre Verwandten am anderen Ufer wiedersehen. 48 Jahre, nachdem Sowjets und die USA die Beringstraße abgeriegelt und viele Familien auseinandergerissen hatten. Aber warum mussten sie ausgerechnet an diesem wichtigen Tag zu spät sein?

Schon als ich das Beringmeer vor mir gesehen hatte, war ich heftig erschrocken. Es war rauer als jeder Ozean, den ich je gesehen hatte. Rauer als alles, was ich mir in meinen schlimmsten Alpträumen vorgestellt hatte. Die sowjetische Insel Big Diomede konnte ich vom Ufer aus sehen: ein schneebedeckter Vulkankegel, der sich majestätisch aus dem Beringmeer erhob. Plötzlich tauchte das nächste Problem auf: dichter Nebel. Das andere Ufer verschwand, die Sichtweite fiel auf hundert Meter.

Meine Crew kannte sich in sowjetischen Gewässern nicht aus, sie kannte die Strömungen zwischen den Inseln nicht. Da drüben, auf der anderen Uferseite, sollten wir die Sowjets treffen - aber jetzt konnten wir sie nicht sehen und sie konnten uns in dem Nebel nicht finden. Die Strömungen waren unberechenbar - wenn wir nicht aufpassen würden, könnten wir das Ufer verfehlen und in der Tschuktschensee landen. Ich fühlte das Wasser mit den Füßen und dachte: Oh mein Gott, das ist ja flüssiges Eis!

Das Schwimmen über die Beringstraße zwischen Alaska und der Sowjetunion war eine der größten Herausforderungen meines Lebens. Elf Jahre musste ich kämpfen, bevor der Traum wahr wurde. Und noch immer erinnere ich mich an alles, was damals passiert ist. Jedes Detail - und jede Frage, die ich mir am Anfang gestellt habe. Mit wem spricht man überhaupt, um so ein Vorhaben zu verwirklichen? Ich hatte keine Ahnung, an wen ich mich wenden musste. Die zweite Frage war: Wie bekommt man finanzielle Unterstützung für eine Strecke, die noch nie geschwommen wurde? Und schließlich: Wie trainiert man für Wassertemperaturen unter vier Grad Celsius?

Schwimmen in die Zukunft

Zuerst fing ich an, nach Unterstützern zu suchen, nach Sponsoren, denen meine Idee gefiel und die mir helfen würden. Doch die Menschen, denen ich von meinem Vorhaben erzählte, sahen mich nur ungläubig an: "Das schaffst du niemals!" Die Medien waren eigentlich die ersten, die sagten: "Wow, das ist einfach unglaublich!" Sie haben das Ganze ins Rollen gebracht. Denn plötzlich, nachdem ich elf Jahre Briefe geschrieben und bei Botschaftern, Politikern, Unternehmern immer wieder vergeblich für meine Idee geworben hatte, sagten plötzlich auch die Politiker: "Ja, das sollten wir unterstützen." Die Ärzte, die Kälteexperten zogen nach. Dann die Inuit. Und am Schluss auch die Sowjets: "Wir schicken dir Schiffe und Helikopter und auch wir werden dort sein."

Angetrieben hatte mich all die Jahre meine Überzeugung, dass sich die USA und die Sowjetunion endlich annähern mussten. Die Welt musste begreifen, dass die Supermächte nicht Tausende Kilometer voneinander entfernt lagen, in Washington D.C. und Moskau - sondern dass sie Nachbarn sind. An der schmalsten Stelle, der Beringstraße, waren wir gerade mal 4,35 Kilometer voneinander entfernt. Meine Idee war es, über diese Grenze zu schwimmen und dabei auch die internationale Datumsgrenze zu überqueren. Ich schwamm sozusagen in die Zukunft. Ich streckte meine Hand zu den Sowjets aus, so weit ich konnte, und hoffte gleichzeitig, dass sie ihre auch in meine Richtung ausstrecken würden.

Ich habe mir immer große Ziele gesetzt. Das erste, als ich neun Jahre alt war. Die Mutter einer Freundin sah mich im Pool und prophezeite, dass ich eines Tages den Ärmelkanal durchschwimmen würde. Mit 15 Jahren schwamm ich die schnellste Zeit, die jemals ein Mensch durch den Ärmelkanal geschwommen war. Aber ich habe nie Lust gehabt, meine geschwommenen Bahnen zu zählen, ich wollte mich nicht nach der schwarzen Linie am Beckenboden richten. Im Meer kann ich so weit schwimmen, wie mich meine Arme tragen.

Angst schärft die Sinne

Am Vormittag des 7. August stieg ich endlich ins Wasser. Ich war aufgeregt - und ich hatte Angst. Ich fürchtete mich vor Haien und Walrossen, die in der rauen Beringsee lebten. Die Wassertemperatur war so eisig, dass ich sehr leicht unterkühlen konnte. Und was war, wenn wir im Nebel tatsächlich die Insel verpassen sollten? Oder die Begleitboote, die lediglich aus Walrosshaut gemacht waren, sinken würden? Ein Sturm aufzog? Ich wusste ja nicht, ob die Sowjets meine Crew jenseits ihrer Grenzen retten würden. Ich hatte furchtbare Angst. Aber ich glaube, dass Angst die Sinne schärft. Wer Angst hat, kann auf Gefahren reagieren.

Ich schwamm also die ganze Zeit nah an den Booten, um mich im Zweifel schnell vor Raubfischen retten zu können. Ich vergewisserte mich, dass meine Crew mich nicht aus den Augen verlor. Ich prüfte ständig meinen Körper, beobachtete meine Finger. Wenn ich sie irgendwann nicht mehr zusammenhalten konnte, bedeutete das, dass mein Gehirn unterkühlt war. Dann war ich in großer Gefahr.

Ich erinnere mich noch genau an das unfassbare Gefühl, an einem Ort zu sein, den ich mir elf Jahre lang vorgestellt hatte. Plötzlich war ich da! Es war phantastisch, das sowjetische Ufer zu erreichen. Leute umarmten mich, ich spürte ihre Körperwärme. An diesem Tag trug ich einen leichten Sportbadeanzug, der schwarz, gold, rot und weiß war. Das habe ich noch nie erzählt, aber ich wollte Elemente beider Flaggen in meinem Anzug vereinen. Ein tolles Symbol, fand ich. Wir brauchten keinen großen Graben zwischen uns - das waren auch nur ganz normale Menschen!

Die Erfahrung des Scheiterns

Ich wurde von Russen aus der ganzen Sowjetunion und der russischen Presse mit einer rauschenden Willkommensparty empfangen. Alle sagten: Wir haben die Grenze geöffnet! Meine Überquerung verkörperte Gorbatschows Konzept von Glasnost, Offenheit. Und kurz darauf hat sich tatsächlich einiges verändert: Gorbatschow und Reagan unterschrieben wenige Monate später eines der ersten nuklearen Abrüstungsabkommen, der russische Präsident widmete mir seinen Trinkspruch. Die Fluggesellschaft Alaska Airlines begann, in den sowjetischen Osten zu fliegen. Familien, die sich seit fast 50 Jahren nicht gesehen hatten, konnten sich wieder besuchen.

Nach der Beringstraße bin ich durch den sibirischen Baikalsee geschwommen. Das Überbrücken und Öffnen von Grenzen wurde Teil meiner Mission. Später bin ich durch die Spree von Ost- nach West-Berlin geschwommen. Ich brachte Argentinien und Chile zusammen, als ich den Beaglekanal durchschwamm. Im Mittleren Osten schwamm ich von Ägypten nach Israel und Jordanien durch den Golf von Akaba. Mein Schwimmen war immer politisch motiviert. Sie nannten mich die "schwimmende Botschafterin". Auf Englisch sagt man: Entweder du schwimmst, oder du sinkst. Ich denke, das trifft auf vieles im Leben zu: Entweder du schwimmst rüber und schaffst es. Oder du scheiterst. Ich wollte den Menschen Hoffnung geben, ihnen zeigen, dass auch sie das scheinbar Unmögliche schaffen konnten.

Gescheitert bin ich auch einmal - im Nil. Das Wasser dort war ekelhaft dreckig, voller stinkender Abfälle, braunem Schaum und verwester Tierkadaver. Ich holte mir eine Darmerkrankung, an der ich fast gestorben wäre. Mir ging es so furchtbar, ich musste aus dem Wasser bevor ich mein Ziel erreicht hatte. Dennoch war die Erfahrung des Scheiterns wichtig für mich. Es hat mir gezeigt, dass es einen Punkt gibt, der es nicht wert ist, überschritten zu werden. Wenn es sich nicht richtig anfühlt, muss ich aufhören. Das hat mir bei meinen schwierigen Strecken später geholfen. Es ist nicht wert, dafür zu sterben. Kein Sport ist das wert.

Tief in mir drin weiß ich, dass ich immer am glücklichsten sein werde, wenn ich mich im Wasser befinde. Solange ich atme, werde ich schwimmen. Vielleicht nicht mehr in Gewässern von minus zwei Grad, aber es wird immer einen Teil in mir geben, der nichts mehr genießt, als in die Natur einzutauchen. Es ist dieses unglaubliche Gefühl von Freiheit, wenn ich draußen auf dem Meer bin.

Aufgezeichnet von Sarah Levy

Zum Weiterlesen:

Lynne Cox: "Die Eismeerschwimmerin: Lebensbahnen einer ungewöhnlichen Frau". National Geographic und Frederking & Thaler, München 2005, 414 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei amazon.

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1.
Linards Ticmanis 08.08.2012
Die Beringstraße an sich ist an der schmalsten Stelle etwa 85 Kilometer breit - die wird bei den dort herrschenden Temperaturen wohl kein Mensch je lebend durchschwimmen. Frau Cox schwamm zwischen den beiden Inseln Little Diomede und Big Diomede, die nahe beienander ungefähr in der Mitte der Straße liegen. Little Diomede gehört zu den USA, Big Diomede zu Russland. Nur dort gilt also Sarah Palins berühmt-berüchtigte Wahlkampfaussage, auf die Frage was sie denn von Außenpolitik verstehe: "von Alaska aus kann man Russland sehen".
2.
Carlo Barich 29.08.2012
Bitte genau lesen - "Die Diomedes-Inseln (russisch Острова Диомида/Ostrowa Diomida, auch Gwosdew-Inseln genannt) sind eine Inselgruppe in der Beringstraße. Sie besteht aus der Kleinen Diomedes-Insel (Little Diomede) im Osten und der Ratmanow-Insel (oder Große Diomedes-Insel, Big Diomede) im Westen, die rund vier Kilometer voneinander entfernt liegen, und zwischen denen zum einen die Staatsgrenze zwischen Russland und den Vereinigten Staaten von Amerika und zum anderen auch die Internationale Datumsgrenze verläuft. Gelegentlich zählt man auch den etwa 15*km südöstlich der Kleinen Diomedes-Insel gelegenen, unbewohnten Fairway-Felsen zur Inselgruppe."Wikipedia
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