Qualitätssiegel "Made in Germany" Dreist, dreister, Deutschland

125 Jahre "Made in Germany": Dreist, dreister, Deutschland Fotos
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Sie klauten Ideen, kopierten Produkte und fälschten Qualitätssiegel: Deutsche Unternehmer galten im 19. Jahrhundert als dreiste Industriespione und ihre Produkte als Ramschware. Zum Schutz führten die Briten das Schandsiegel "Made in Germany" ein - und provozierten damit eine erstaunliche Reaktion. Von

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Er war nett, charmant und amüsant. "Mr. Schroop", wie ihn die Briten nannten, wurde deshalb mit offenen Armen in der britischen Geschäftswelt empfangen. Freimütig plauderten die Unternehmer mit dem "Privatmann, der sich für die Stahlproduktion interessierte", über ihre neuesten Produktionsverfahren. Keiner von ihnen ahnte, dass es ihr Gegenüber aus Deutschland in Wahrheit nur auf ihr Know-how abgesehen hatte - um es wenig später in den eigenen Fabriken zum Einsatz zu bringen.

Der freundliche Mann, der inkognito in Großbritannien spionierte, war niemand Geringeres als der rheinische Industrielle Alfred Krupp. Und der Stahlbaron aus Essen war nicht der Einzige. Etliche deutsche Unternehmen schickten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Leute auf "Studienreise", wie es offiziell hieß. Mit gutem Grund: England war industriell hoch entwickelt und setzte technische Standards. Deutschland war im Vergleich dazu ein Entwicklungsland und hatte erheblichen Aufholbedarf. Nicht alle gingen bei der Industriespionage so distinguiert vor wie Krupp. Der Industrielle Eberhard Hoesch zum Beispiel quetschte den Produktionsleiter einer Eisenhütte so ungeniert aus, dass dieser misstrauisch wurde und die Polizei alarmierte. In allerletzter Sekunde entwischte Hoesch den Beamten.

Dreist, dreister, Deutschland: Fast hemmungslos kopierten deutsche Firmen britische Produkte und brachten ihre qualitativ zweitklassige Ware dann zu Dumping-Preisen auf den Markt. Ein extrem niedriges Lohnniveau und nahezu unbegrenzte Arbeitszeiten in Deutschland machten es möglich. "Billig und schlecht" seien die heimischen Produkte, resümierte der deutsche Maschinenbauprofessor Franz Reuleaux während des Besuchs der Weltausstellung in Philadelphia 1876, wo auch deutsche Firmen ihre Produkte präsentierten. Das vernichtende Urteil über seine Landsleute machte zur Genugtuung der Briten weltweit Schlagzeilen. "Cheap and bad" - die Deutschen hatten ihren Ruf endgültig weg.

Als deutsche Messer- und Scherenhersteller aus Solingen dazu übergingen, ihre Produkte mit dem britischen Qualitätssiegel "Sheffield" oder "Sheffield made" zu versehen, platzte den Briten endgültig der Kragen. Sheffield war der Stolz des Empires und die Hochburg der Eisenverarbeitung. Sheffielder Scheren und Messer galten als besonders scharf und durabel. Mit dieser Kopieraktion waren die Deutschen endgültig zu weit gegangen.

Die Sheffielder Eisenverarbeiter liefen in London Sturm gegen die deutsche Dreistigkeit. Alle Produkte, die aus Deutschland kämen, müssten künftig gekennzeichnet werden, lautete ihre Forderung, die schließlich mit einiger Verspätung im "Merchandise Act" 1887 umgesetzt wurde. Jedes aus Deutschland eingeführte Produkt trug seitdem – manchmal gut, manchmal weniger gut sichtbar - den Stempel "Made in Germany". Er sollte die Konsumenten abschrecken und sie dazu bringen, die britischen Produkte zu kaufen.

Billiger und besser

Was die Briten vor 125 Jahren übersahen: Reuleauxs vernichtendes Urteil hatte auch in Deutschland für Aufsehen gesorgt. Dort konnte und wollte das niemand auf sich sitzen lassen. Und es passierte, was heute als eine der größten Wendungen in der Wirtschaftsgeschichte gilt: Das vermeintliche Reich des Ramsches startete eine gigantische Qualitätsoffensive, die schon bald Wirkung zeigte: War "Made in Germany" anfangs noch ein Synonym für billige Kopien, wurde es bereits zehn Jahre später zum Sinnbild wirtschaftlicher Überlegenheit.

Da jedes deutsche Produkt seit 1887 als solches gekennzeichnet war, wurde den Briten plötzlich sehr deutlich bewusst, wie viele deutsche Produkte sie im Alltag eigentlich benutzten: Bleistifte, Spielzeuge, Pharma-Produkte, Uhren, Bier, Baumwollstoffe, Eisen- und Schneidewerkzeuge, Klaviere und Möbel. Mehr noch: Sie realisierten, dass die Produkte günstiger waren und an der Qualität nichts mehr zu beanstanden war. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmte. Das Billiglohnland Deutschland machte es möglich.

1897 verfasste der damalige Kolonialminister Joseph Chamberlain, Vater des späteren britischen Premierministers Arthur Neville Chamberlain, einen Wirtschaftsbericht für die Gouverneure in den britischen Kolonien, und hielt schriftlich fest, was die britischen Verbraucher über deutsche Produkte schon längst wussten:

Kleider: billiger und brauchbarer;

Waffen und Munition: billiger und auffälliger;

Bier: heller und besser angepasst;

Zement: billiger, gute Qualität;

Chemikalien: besser aufgrund besseren Wissens;

Uhren: billiger, attraktiver, kunstvoller;

Baumwollstoffe: billiger, auffälliger;

Möbel: billiger, leichter, schneller lieferbar;

Glaswaren: billiger und besser;

Eisenwaren: billiger und besser angepasst;

Schneidwaren: billiger;

Werkzeuge: billiger, besser angepasst, neue Muster;

Metalle (Nägel, Draht, Stahl etc.): billiger, gleich gut oder besser;

Wollwaren: bessere Designs.

Die steigende Qualität sorgte dafür, dass deutsche Produkte den Briten nicht nur die Märkte in Übersee streitig machten, sondern auch in den britischen Binnenmarkt eindrangen. Zwischen 1883 und 1893 stieg der Gesamtwert der von Deutschland nach England exportierten Waren um 30 Prozent. Weil das Geschäft mit den Briten so gut lief, eröffneten etliche deutsche Unternehmen Filialen in London, darunter beispielsweise der Klavierbauer Bechstein und der Nähmaschinenhersteller Pfaff.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts hatten sich heute noch existierende Marken wie Aspirin, 4711, Odol, Faber-Castell, Märklin, Steiff, Ibach (Klaviere) Beck's oder Lange (Uhren) als Qualitätsgaranten "made in Germany" etabliert, denen britische Produkte längst nicht mehr das Wasser reichen konnten. Damit hatte Deutschland sein Schmuddelimage als Ideendieb und Kopierer endgültig abgelegt.

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1.
Ralf Vitasek 25.08.2012
Sheffielder Scheren und Messer galten als besonders scharf und "durabel". "Durabel" ist eine sehr funnige Tranlationierung. :)
2.
Itto Ogami 25.08.2012
Die Qualität und Masse der deutschen Produkte, die gewaltige Konkurenz zur resteuropäischen Industrie etc waren eigentlicher Grund für den 1. Weltkrieg: Die Ausschaltung eines Konkurenten der zu groß und mächtig wurde.
3.
Ilka Daniel 25.08.2012
Schade, dass es heute kein Qualitätssiegel mehr ist, sondern mehr dazu dient, asiatischen Ramsch, welcher in Deutschland verpackt wurde oder das letzte Schräubchen bekam, hier teuer zu verscherbeln. Man hätte damit nach wie vor eine qualitativ hochwertige Ware bestätigen können, wenn Politik und/oder Wirtschaft von Anfang an Kriterien festgelegt hätten, unter denen das Siegel vergeben werden darf. Die Kriterien, welche existieren sind so niedrig angesetzt und aufgeweicht, dass man es einfach nicht mehr als Gütesiegel verwenden kann.
4.
Heiner Müller 25.08.2012
sollte uns das nicht eine Warnung sein? Oder "wer nicht aus der (eigenen) Geschichte lernt...": vor einigen Jahrzehnten waren noch die Produke aus Fernost der "billige, und schlecht kopierte Ramsch" - heute sind sie bereits in einigen Bereichen zumindest was den Anteil auf dem Weltmarkt angeht - führend (siehe Unterhaltungselektronik). Gleichwohl ist dort in einigen Bereichen noch ungebremster Drang nach neuem / fremden knowhow das sich auf unterschiedlichen Wegen und leider viel zu leicht (siehe Siemens / BenQ) angegeignet wird. Sollten wir also nicht einmal langsam aus den Fehlern lernen, die andere schon gemacht haben?
5.
thorsten krach 25.08.2012
Um neueste und innovativste (deutsche) Produkte vor Raubkopierern zu schützen, hat sich als effektiv die Tatsache erwiesen, dass das Know-How nicht mehr im Produkt, sondern in der Fertigung liegt.
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