Mafia-Fotografin Battaglia "Verschwinde, sonst bist du tot"

Mafia-Fotografin Battaglia: "Verschwinde, sonst bist du tot" Fotos
Letizia Battaglia / Übersee-Museum Bremen

Von Kugeln durchbohrte Körper, schreiende Witwen, Krieg spielende Kinder: Eine Ausstellung in Bremen zeigt verstörende Aufnahmen der Mafia-Fotografin Letizia Battaglia. Auf einestages berichtet die Sizilianerin von ihrem jahrelangen Kampf gegen die Cosa Nostra - und warum sie ihn trotz aller Courage verloren hat. Von

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Seit vier Jahren wird Letizia Battaglia immer wieder von dem gleichen Traum heimgesucht: Die Fotografin steht am Strand bei Palermo, stapelt ihre 600.000 Negative zu einem großen Haufen - und lässt dann ganz langsam ein Streichholz darauffallen. "Vielleicht ist das ein Versuch, mit der Last der schrecklichen Bilder zu leben. Indem ich sie einfach auslösche", sagt die 76-jährige Sizilianerin mit matter, rauer Stimme. Doch dazu kommt es nie: Kurz bevor die Bilder im nächtlichen Traum von den Flammen verzehrt werden, wacht Letizia Battaglia auf.

Und so bleiben sie ihr erhalten, all die bedrückenden Erinnerungen an Tod, Trauer und Wut: Zeugnisse der schieren Gewalt, die die sizilianische Mafia verkörpert. 16 Jahre lang, zwischen 1974 und 1990, dokumentierte Letizia Battaglia die grausamen Verbrechen der "ehrenwerten Gesellschaft" in ihrer Heimat Sizilien. Eine Auswahl ihrer Aufnahmen ist nun im Bremer Überseemuseum zu sehen, im Rahmen einer Ausstellung mit dem Titel "Mafia - Das globale Verbrechen".

Es sind Bilder, deren Wucht dem Betrachter den Atem verschlägt - und die auch der Fotografin selbst keine Ruhe lassen. Etwa die Aufnahme des Toten, den sie an einem sonnigen Morgen im Jahr 1980 neben einem Stapel Orangensteigen entdeckte. Ein dürrer Baumstamm ragte neben dem Kopf des Ermordeten in die Höhe, unter dem linken Bein quoll Blut hervor und sickerte langsam auf die Straße. "Das Ganze glich einem Theaterstück, es herrschte absolute Stille. Was ich sah, hat mich tief im Innern verwundet", sagt Battaglia.

Vom Vater eingesperrt, vom Ehemann für verrückt erklärt

Wie so oft war sie damals als Erste am Tatort - die Fotojournalistin hörte heimlich den Polizeifunk ab, um herauszubekommen, wo die Cosa Nostra erneut zugeschlagen hatte. Sobald eine Schießerei gemeldet wurde, schwang sich Battaglia auf ihre Vespa und raste los. "Um nicht zu weinen, zu schreien oder mich zu übergeben, eilte ich sofort nach dem Foto zum Polizeipräsidium und checkte, wie das Opfer der Mafia diesmal hieß. Dann rannte ich in die Dunkelkammer und entwickelte das Foto", sagt sie. Zu Mittag musste die Aufnahme fertig sein - dann schloss die Redaktion der kommunistischen Tageszeitung "L'Ora", für die sie damals arbeitete.

Seit 1974 trug die Autodidaktin ihren ganz eigenen Kampf gegen das organisierte Verbrechen aus, zahlreiche internationale Medien versorgte sie mit ihren verstörenden Ansichten der blutigen Mafia-Machenschaften. Vielleicht hielt die Sizilianerin den Kampf so lange durch, weil die "Schlacht" (italienisch: "Battaglia") in ihrem Nachnamen steckt. Denn Letizia musste kämpfen, seitdem sie auf der Welt war.

Als Kind vom Vater in eine Klosterschule gesteckt und am Nachmittag zu Hause eingesperrt, weil Mädchen damals in Palermo nicht draußen spielen durften, heiratete sie mit 16 Jahren den Erstbesten. Als sie nach der Geburt ihrer drei Töchter studieren wollte, erklärte ihr Mann, ein unsensibler Macho aus einer sizilianischen Kaffeerösterfamilie, sie kurzerhand für verrückt. Nach 15 Ehejahren erlitt Letizia einen Nervenzusammenbruch, trennte sich von ihrem Mann und ging mit den Töchtern nach Mailand.

"Verschwinde aus Palermo, sonst bist du tot!"

Hier begann sie als Journalistin im Kulturressort der Zeitung "L'Ora" zu arbeiten, zur Fotografie kam sie eher zufällig: Ihre Geschichten brauchten Bilder, also nahm sie zu Recherchen die Kamera mit. Bei "L'Ora" lernte sie auch ihren 18 Jahre jüngeren Lebensgefährten Franco Zecchin kennen. Gemeinsam mit ihm kehrte sie zurück in ihre Heimatstadt Palermo und eröffnete als "fotografa militante", als "kämpfende Fotografin", wie sich Battaglia selbst bezeichnet, den Krieg gegen die Cosa Nostra. "Ich drückte immer und immer wieder auf den Auslöser, um Sizilien von der Geißel der Mafia zu befreien", sagt Battaglia. Keine ungefährliche Mission: "Mehrfach bedrohten, beschimpften und schlugen mich die Männer, ein paar Mal zerstörten sie meine Kamera", erzählt sie. Auch mit Briefen und Telefonaten versuchten die Mafiosi, die Fotografin kleinzukriegen.

Einmal schickten sie Battaglia eine besonders deutliche Botschaft: "Verschwinde aus Palermo, sonst bist du tot!", stand auf dem Papier, das sie aus dem Briefkasten zog. Battaglia ging damit zu Giovanni Falcone, dem in Palermo ermittelnden Anti-Mafia-Richter. Der riet ihr, eine Zeit lang stillzuhalten und keine Fotos mehr zu schießen. "Ich hörte nicht auf seinen Rat. Drei Jahre später wurde Giovanni ermordet - und ich lebe immer noch", sagt Battaglia.

Trotz aller Angst dachte sie all die Jahre nie daran, die Waffen im ungleichen Kampf gegen die Mafia zu strecken. "Ich hatte keine andere Wahl. Etwas in mir trieb mich immer weiter an, ein natürlicher Drang, für Gerechtigkeit, Respekt und Liebe zu kämpfen", sagt Battaglia, die sich eine Weile lang auch in der Politik engagierte, um ihre Heimat zu befrieden.

"All mein Kämpfen hat überhaupt nichts genutzt"

Zudem gründete sie einen kleinen Verlag und eröffnete einen Buchladen in Palermos Altstadt, um Werke über die Mafia unter die Öffentlichkeit zu bringen. Binnen kürzester Zeit klopfte die Cosa Nostra an die Tür: "Eines Tages kamen zwei Männer und baten mich höflich um eine Spende für die Häftlingsfamilien. Ich gab ihnen ein wenig Geld. Da sagten sie, im nächsten Monat müsse ich mehr zahlen. Erst jetzt begriff ich, dass sie von mir den Pizzo, das Schutzgeld, erpressen wollten. Nach nicht einmal einem Jahr schloss ich den Buchladen wieder", erzählt Battaglia.

Irgendwann Anfang der neunziger Jahre legte die Sizilianerin ihre Kamera weg. Nicht etwa, weil die Mafia verschwunden wäre, sondern, weil sie zunehmend unsichtbar wurde. Ihr grausiges Antlitz ließ sich nicht mehr auf Fotopapier bannen. "Als Berlusconi an die Macht kam, wusste ich, dass wir das organisierte Verbrechen niemals besiegen werden", so Battaglia. In einem Land, in dem der damalige Verkehrsminister Pietro Lunardi 2001 das skandalöse Statement prägte, "Mit der Mafia müssen wir leben", sei sie gescheitert.

"All mein Kämpfen hat überhaupt nichts genutzt", lautet Battaglias vernichtendes Fazit. Da hilft es wenig, dass ihr eine Facebook-Userin jüngst schrieb, sie sei die "Wächterin" der Wahrheit. "Es handelt sich um eine Wahrheit, die hierzulande keiner wahrhaben will", sagt sie.

Anerkennung im Ausland

Mit ihrer unbequemen Art, das alltägliche Verbrechen sichtbar zu machen, eckt sie in Italien überall an, die grausamen Bilder wollte und will in ihrer Heimat kaum einer sehen. Einmal, an einem Sonntagvormittag, erinnert sie sich, habe sie auf einem öffentlichen Platz in der Mafia-Hochburg Corleone Fotos der ermordeten Cosa-Nostra-Opfer ausgestellt. "Die Menschen flohen schlagartig, binnen fünf Minuten war der zuvor rappelvolle Platz wie leergefegt", so Battaglia.

Anerkennung erhielt die Fotografin vor allem im Ausland, etwa in Amsterdam, wo die Galerie Metis als erste in Europa ihre Bilder ausstellte. Oder in Deutschland, wo man ihr 2007 den renommierten Erich-Salomon-Preis der Deutschen Photographischen Gesellschaft verlieh.

Eine Zeit lang lagerte Battaglia ihr Fotoarchiv in Paris, doch dann brachte sie es zurück mit sich nach Palermo: eine Stadt, in die sie immer wieder zurückkehren muss - sie könne einfach nicht anders. "Es ist meine Heimat! Sobald ich mit dem Flugzeug hier ankomme und den sizilianischen Himmel sehe, muss ich weinen", sagt sie.

Nun sucht Battaglia nach einem Ort, wo sie die Bilder in sicheren Händen weiß - "immerhin nähere ich mich dem Ende meines Lebens und wüsste gern, was mit ihnen geschehen soll", sagt sie. Wo auf der Welt, sei ihr egal, Hauptsache nicht in Italien. "Hier würden sie meine Bilder tatsächlich irgendwann verbrennen", so Battaglia. Und ihr immer wiederkehrender Traum würde zu seinem düsteren Ende finden.

Die Ausstellung "Mafia - Das globale Verbrechen" ist vom 5. Februar bis 24. April 2011 im Übersee-Museum Bremen zu sehen. Gezeigt werden neben einer Auswahl an Aufnahmen Letizia Battaglias auch Fotografien der beiden Magnum-Fotografen Patrick Zachmann (Frankreich) und Bruce Gilden (USA). Zachmann dokumentiert die Machenschaften der Camorra in Neapel, Gilden setzt sich fotografisch mit der Mafia in Japan und Russland auseinander.

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Ulli Kuhnle 10.02.2011
Im Herbst 2009 hat der KOMM-Bildungsbereich in Nürnberg eine große Ausstellung mit alten und neuen Bildern von Leticia Battaglia gemacht. Näheres hier: http://tinyurl.com/699kyah Kolderup
2.
Helge Joost 10.02.2011
Ich habe Seniora Battaglia anlässlich der "Photo New York" vor - glaube ich - 2 Jahren kennen lernen dürfen. Sie hat damals den Preis für Editorial Photographie erhalten. Eine wirklich tolle Person, die so mein Eindruck, durch ihre sehr starke Persönlichkeit überhaupt im Rahmen ihrer sehr gefährlichen Arbeit überleben konnte.
3.
Robert A 12.02.2011
Die Mafia ist eine der unchristlichsten Vereinigungen. Und jeder der Sie duldet oder ignoriert trägt Mitschuld. Wenn man in dem Zusammenhang davon ließt das die Menschen auf z.B. Sizilien so streng katholisch seien, ist das LÄCHERLICH!
4.
Manfred Albers 11.02.2011
Eine Frau im Kampf gegen das Morden einer Verbrecherorganisation im Dienste einer Zeitung, die zu einer Ideologie gehört, deren Organisationen Menschen im dreistelligen Millionenbereich weltweit gemordet haben, was 1000 Jahre Mafia nicht erreichen werden. Wie absurd.
5.
Egge Freygang 07.06.2011
aber Herr Albers, das war doch gar keine christliche Zeitung. Diese Frau stellt sich mt ihrem Leben gegen Ungerechtigkeit. Was machen Sie so? Herr Albers?
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