Mafia-Legende Meyer Lansky Cleverer Kopf der "Kosher Nostra"

Mafia-Legende Meyer Lansky: Cleverer Kopf der "Kosher Nostra" Fotos
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Er gilt als Erfinder von Geldwäsche und organisiertem Verbrechen: Meyer Lansky war der wohl listigste Gangster des 20. Jahrhunderts. Mit Schnaps, Spielhöllen und Steuerbetrug wurde der Mafiaboss reich - mit seinen Methoden brachte er FBI-Chef Hoover zur Weißglut. Von Peter Maxwill

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Der Prozessauftakt war ein Mafia-Treffen der bizarren Art: Auf der Anklagebank der 1,60 Meter kleine und hagere Bandenboss Meyer Lansky. Im Zeugenstand der 300 Pfund schwere Ex-Gangster Vincent Teresa. Der plauderte an diesem 18. Juli 1973 als Kronzeuge vor dem Bundesgericht in Miami darüber, wie er seinem Gegenüber im hiesigen Dupont Plaza Hotel einst 52.000 Dollar übergeben habe: laut Teresa die Gewinne aus einem der Spielcasinos, die der 71-jährige Lansky betrieb.

Kaum hatte Teresa ausgesprochen, wandte sich Staatsanwalt R. J. Campbell an die Geschworenen. "Dieses Geld", tönte er triumphierend, "dieses schmutzige Geld erscheint nirgendwo in einer Steuererklärung von Mister Lansky." Für Campbell war der Prozess wohl schon an diesem ersten Verhandlungstag gewonnen, doch der SPIEGEL sollte später über ein "Prozess-Drama" schreiben, "wie es Hollywood nicht spannender hätte inszenieren können". Denn auf der Anklagebank saß mit Meyer Lansky nicht irgendein mutmaßlicher Steuerhinterzieher, sondern der laut FBI größte Bandenchef der US-Kriminalgeschichte - und den hatte noch nie ein Bundesrichter verurteilt.

Tatsächlich war Lansky der mächtigste und intelligenteste Gangster des Landes, er gilt als Erfinder von Geldwäsche und organisiertem Verbrechen. Andere Banditen wie der legendäre Al Capone wurden zwar weltberühmt, doch Lansky baute ein gigantisches Netzwerk aus vorrangig jüdischen Gangstern auf: die sogenannte Kosher Nostra. Das FBI jagte den Gangster deshalb seit 1920, um ihn für seine Vergehen zur Rechenschaft zu ziehen. Doch während der Gejagte zum Millionär und Unterwelt-Chef aufstieg, verzweifelte die Bundespolizei an seiner Cleverness - ein halbes Jahrhundert lang.

Die Grundlage für Lanskys Karriere hatte ausgerechnet der Gesetzgeber selbst gelegt. Am 16. Januar 1920 trat das Prohibitionsgesetz in Kraft, das in den USA Handel und Konsum von Alkohol verbot. Die Antwort der trockengelegten Nation folgte in Form von 200.000 illegalen Schänken, mafiös organisierte Schwarzbrenner vertrieben im ganzen Land hektoliterweise Schnaps. So machte es auch eine Gruppe in Manhattan, die hinter dem legalen Schein eines Lastwagenverleihs die Stadt mit Spirituosen versorgte. Der Kopf des Syndikats war ein jüdischer Teenager, der als Achtjähriger mit seinen Eltern aus Russland eingewandert war: Meyer Lansky. Der baute seine Truppe mit Hilfe zwielichtiger Freunde bald zum "Nationalen Verbrechersyndikat" aus. Mit klarer Arbeitsteilung.

Multimillionär mit "Mord-Gesellschaft"

Zuständig fürs Grobe in Lanskys Kartell war dem Historiker Robert Rockaway zufolge eine Gruppe jüdischer Krimineller. Von einem Süßwarenladen unter einer New Yorker Hochbahnstrecke aus hielt die Gruppe die US-Ostküste in Atem, brach in Läden ein, erpresste Nachtclub-Besitzer, ermordete Widersacher. Während der Journalist Harry Feeney der Bande daher den Namen "Murder, Inc." - "Mord-Gesellschaft" - verlieh, gab Bandenboss Lansky sich betont kultiviert: Er spendete für Synagogen, Universitäten, wohltätige Vereine und erarbeitete sich so seinen Spitzname: Honest Meyer. Doch der "ehrliche Meyer" war wohl weniger an Ehrlichkeit interessiert als an Geld.

Lansky ließ in Spielhöllen Whisky verkaufen, den er über sein Verbrechernetzwerk auf gecharterten Schiffen in die USA schmuggelte. Später spezialisierte er sich vor allem auf illegale Glücksspiele: Mit Geld und Geschick überzeugte er lokale Behörden von der wirtschaftlichen Notwendigkeit seiner einträglichen Spielhöllen, bald hatte er so auch Politiker und Gewerkschaftsfunktionäre überzeugt. Selbst seine Konkurrenten in der Unterwelt zog er auf seine Seite, indem er sie an seinen Geschäften beteiligte und im Gegenzug selbst Teilhaber an deren Unternehmungen wurde.

So betrieb Lansky laut seinem Biografen Robert Lacey in den fünfziger Jahren bereits 32 Spielcasinos, an denen rund 300 Unterweltbosse beteiligt waren: 1953 etwa investierte er 15 Millionen Dollar in den Neubau des Riviera-Hotels in Havanna - 440 Zimmer, mehrere Casinos und den Segen von Kubas Diktator Fulgencio Batista inklusive. Weitere Casinos und Luxusherbergen führte der Mafioso in Las Vegas, New Orleans, Miami oder auf den Bahamas. Ein Bombengeschäft, dessen Erträge Lansky noch vervielfältigte.

Denn mittlerweile hatte der Mafioso seine wohl ertragreichste Erfindung perfektioniert: die Geldwäsche. In Steuererklärungen bezifferte er seine Jahreseinnahmen mal auf 42.000, mal auf 71.000 Dollar, während er heimlich Multimillionär wurde. Das so ergaunerte Vermögen - angeblich rund 300 Millionen Dollar - katapultierte Lansky zwar auf die "Forbes"-Liste der reichsten US-Bürger, erhöhte aber auch das Engagement seines ärgsten Feindes: des FBI.

Flucht nach Israel

"Bringt mir endlich diesen Hurensohn", soll FBI-Chef J. Edgar Hoover daher 1953 recht unfein sein Anliegen vor seinen Agenten formuliert haben und präzisierte: "Jetzt ist unsere letzte Gelegenheit, Lansky an die Eier zu gehen" - denn Hoover befürchtete, Lansky könnte sich mittels seiner ausländischen Hotels aus den USA abseilen. Fahnder verwanzten daraufhin dessen Haus und belauschten seine Telefonate. Doch auch Verhöre, Razzien und Vorladungen brachten die 100 auf Lansky angesetzten Agenten nicht weiter. Statt mit Indizien und Beweisen für eine Anklage füllte sich Lanskys FBI-Akte mit Banalitäten: Demnach hatte der verheiratete Vater von drei Kindern eine Vorliebe für Corned Beef mit Chili und Pfeffer, seine Unterwäsche war stets strahlend sauber, sein täglicher Zigaretten-Konsum schwankte zwischen drei und fünf Packungen. Belastendes Beweismaterial: Fehlanzeige.

Verantwortlich für dieses Dilemma war Lanskys Erinnerungsvermögen: "Der Trick ist", so sagte er laut dem SPIEGEL einmal, "dass ich mein gesamtes Geschäft im Hut habe." Denn statt Zahlen oder Namen aufzuschreiben, speicherte er etwa die Höhe der Gewinnbeteiligungen an seine Partner im Gedächtnis ab. Sein Kopf behütete ihn so vor Strafverfolgung - lediglich 1952 war er wegen illegaler Wettgeschäfte drei Monate lang in Haft gewesen. Geldwäsche jedoch konnte die Polizei Lansky nie nachweisen, ebenso wenig wie Schmuggel, Mordaufträge, Bestechung. Als 1970 mal wieder gegen ihn ermittelt wurde, reichte es dem chronisch observierten Gangster trotzdem.

Noch im selben Jahr floh Lansky nach Israel, um sich dort als Jude nach dem Rückkehrgesetz niederzulassen. Der zuständige Innenminister Josef Burg zögerte jedoch: Er wollte kein Mafiazentrum in Israel, außerdem erwartete die verbündete US-Regierung die Ausweisung des Gangsters. Burg lehnte Lanskys Antrag auf Einbürgerung daher 1972 ab und ließ ihn abschieben. Ein schwerer Rückschlag für den Gangsterboss - und eine große Chance für seine Verfolger.

"Dieser Mann ist ein gewissenloser Lügner!"

So zitierte im Sommer 1973 das Bundesgericht in Miami den inzwischen 71-jährigen Lansky auf die Anklagebank. Dort musste sich der "Kosher Nostra"-Gründer, der gerade erst eine Herzoperation überstanden hatte, gegen den Vorwurf der Steuerhinterziehung verteidigen. Und nachdem Kronzeuge Vincent Teresa ihm Steuerbetrug im großen Stil unterstellt hatte, deutete diesmal tatsächlich alles auf eine Haftstrafe für Lansky hin. Am zweiten Verhandlungstag folgte jedoch eine erstaunliche Wendung.

Eine halbe Stunde lang befragte Lanskys Anwalt David Rosen an diesem 19. Juli Vincent Teresa zu Details der fraglichen Geldübergabe im Mai 1968, dann rief er plötzlich in den Gerichtssaal: "Hohes Gericht, dieser Mann ist ein gewissenloser Lügner!" Rosen holte ein paar Blätter hervor und las den ärztlichen Bericht über eine Leistenoperation vor, der sich sein Mandant in Boston unterzogen hatte - exakt zum Zeitpunkt der angeblichen Geldübergabe, 2400 Kilometer von Miami entfernt. So lautete das Urteil der Geschworenen nach nur acht Verhandlungstagen: Freispruch für Lansky.

Erst später sollte sich herausstellen, dass die FBI-Ermittler Teresa einen Deal angeboten hatten: Um Lansky hinter Gitter zu bringen, sollte er vor Gericht das Märchen von der Geldübergabe erzählen. Nach dem blamablen Ende des Prozesses ließen die Fahnder Lansky bald endgültig in Ruhe, und die Mafia-Ikone zog sich laut Historiker Robert Lacey in ein spärlich eingerichtetes Ein-Zimmer-Appartement in Miami zurück. Dort besiegte im Januar 1983 ein Krebsgeschwür jenen Mann, an dem das FBI 53 Jahre lang gescheitert war.

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1.
Christian Schulz 17.07.2013
Es bestehen doch erhebliche Zweifel daran, dass Meyer Lansky wirklich dieses kriminelle Superhirn war. Sicher, er war ein Gangster, doch seine Erfolge wurden bei weitem übertrieben. Zudem verlor er sein ganzes Geld auf Cuba, da Fidel ihn (und andere US-Amerikaner) kurzerhand enteignete. Er lebte dann in doch recht ärmlichen Verhältnissen, zumindest für einen Supergangster.
2.
Mathias Völlinger 17.07.2013
Und irgendwie bin ich jetzt vielleicht ein zu krasser "Menschenversteher". Diese Leute waren meist Einwanderer der ersten/zweiten Generation. Italiener, Iren, Osteuropäer (auch Juden), aber nicht mehr bei den ersten Einwanderungswellen dabei gewesen, wo alles schon verteilt wurde. Aus dem Dreck Europas der Jahrhundertwende entkommen, waren sie dazu bestimmt in ihrer neuen "Heimat" weiterhin Dreck zu fressen. Es gab ja keinen Sozialstaat im goldenen Amerika. Manche versuchten halt einen "alternativen" Lebensweg einzuschlagen und heraus kam dann das im Artikel beschriebene. Und der Staat dort war ja auch ein sowas von korrupter Apparat, wenn nicht sogar noch anders verbrecherisch, FBI, J. Edgar Hoover. Das eine bedingte schließlich das andere. Ein "Teufelskreis". Ich denke der Zweiteiler "Der Pate" hat das wirklich recht gut herübergebracht und bei mir vielleicht auch gewisse "Sympathien" für diese Leute damals geweckt. Und diese blieben ja meist auch unter sich, "cosa nostra". My two cents...
3.
Reinhard Kupke 17.07.2013
"Der Pate" ist ein Dreiteiler. Und er zeigt die Mafia so wie sie sich gern sieht: Hart arbeitende Männer die nur ihre Familien ernähren wollen. Das ist natürlich Quatsch. Ein Verein skrupelloser Verbrecher, das ist die Mafia. Allein schon diese Verdrehung dass ausgerechnet die Verbrecher sich "Ehrenwerte Gesellschaft" nennen sagt doch genug aus. Wenn schon Kino, dann eher "Casino". Geld verdienen bis zum Umfallen und jeden der stört aus dem Weg schaffen, das ist das Credo.
4.
alexander arnold 17.07.2013
Dann kann man ja von Glück sagen, dass solche Schlappen in Zukunft dem amerikanischen Geheimdienst dank Prism ersparrt bleiben... *Ironie aus
5.
Hans-Gerd Wendt 17.07.2013
Die Anfänge Meyer-Lanskys erinnern auch stark an den Film "Es war einmal in Amerika". Und nach meiner Meinung wird in "Good Fellas" die Mafia am besten, weil bösartig und verbrecherisch gezeigt...
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