Mafia-Prozess Erscheinung des Engelsgesichts

Mafia-Prozess: Erscheinung des Engelsgesichts Fotos
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Der Kronzeuge plauderte alles aus - live auf der Leinwand: Im Mafia-Prozess gegen Antonio G. war der vielfache Killer Giorgio Basile aus Italien zugeschaltet. Das "Engelsgesicht" belastete den Angeklagten schwer: "Er hat viel Geld bei uns verdient. Wir waren ausschließlich kriminell."

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Ein Hauch von Italien weht heute durch den Hochsicherheitstrakt des Düsseldorfer Landgerichts. Aber nicht dolce vita steht dort an, sondern mala vita, genauer: die Mafia. Ein Kronzeuge der italienischen Staatsanwaltschaft ist zum Prozessauftakt zugeschaltet, eines der hochrangigsten Mafia-Mitglieder, die je in Deutschland festgenommen wurden. "Mein Name ist Giorgio Basile, geboren am 28. Juni 1960 in Corigliano Calabro", sagt der Zeuge. Nur sein Rücken und Hinterkopf sind auf den beiden großen Leinwänden im Gerichtssaal zu sehen. Sein Aufenthaltsort ist geheim. Denn sein Leben ist bedroht, er steht auf der Todesliste der Mafia.

Angeklagt ist der Italiener Antonio G. aus Wuppertal, der mit zwei Landsleuten im großen Stil mit Rauschgift gehandelt haben soll. "Ich erkenne ihn. Antonio", sagt Basile, als das Gesicht des Angeklagten per Kamera auf einen Bildschirm übertragen wird, der in dem Vernehmungszimmer in Italien aufgebaut ist. "Antonio, der Zuhälter", sei er genannt worden. Warum? Weil es Gerüchte gab und er so aussehe. Alle hätten sie damals Spitznamen gehabt. Er selbst hieß "das Engelsgesicht", weil er so harmlos aussah - und doch so skrupellos mordete.

Basile sagt auf Deutsch aus, im tiefsten Ruhrpottslang. Als Kind kam er mit seinen Eltern aus Süditalien nach Mülheim an der Ruhr, dort wuchs er auf. Sein Vater trank und schlug ihn oft, die Mutter hatte ein Verhältnis mit einem Mafiaboss in der Heimat, wo Basile als junger Mann als Fahrer arbeitete und das Handwerk des Mafioso erlernte. Als er zurückkam, brachte er die Mafia nach Deutschland.

1986 verurteilte ihn das Landgericht Duisburg wegen Beteiligung an der Ermordung des Diskothekenbetreibers Rudolph Möhlenbeck zu neuneinhalb Jahren Freiheitsstrafe, 1992 wurde er nach Italien abgeschoben, wo er als Killer und Drogenhändler bei der 'Ndrangheta, der kalabrischen Spielart der Mafia, Karriere machte. Als er im Mai 1998 der Polizei in Kempten/Allgäu ins Netz ging, gestand er Fahndern des Bayerischen Landeskriminalamtes die Beteiligung an mehr als 30 Morden. Er wurde Kronzeuge der italienischen Justiz.

Drogen, Waffen, gestohlene Autos...

Den Angeklagten kenne er gut, sagt Basile, dessen Haar grau geworden ist. Er trägt es kurz, dazu ein rotes Polohemd. Antonio sei "ein Freund von uns" gewesen - eine Bezeichnung für assoziierte Mitglieder des Clans. Ein getauftes Mitglied sei Antonio damals nicht gewesen, wie es heute sei, wisse er nicht. Basile gehörte dem Carelli-Clan in seinem Heimatort Corigliano an, der mit Drogen, Waffen, gestohlenen Autos und gefälschten Pässen, mit Schutzgelderpressung und Raubüberfällen sein Geld machte. Das traditionelle Geschäft der Mafia.

Plötzlich kommt Bewegung auf den Bildschirm, mehrere Leute erscheinen, dann erlischt das Bild. Als es wieder aufhellt, ist das italienische Vernehmungszimmer voller Menschen. Eine Richterin ist zu sehen, Dolmetscher sind jetzt zugegen, ein Anwalt erscheint. Ja, der Verkehr, sagt Richterin entschuldigend. Die Aussage wird wiederholt, alles muss seine Ordnung haben, auch in Italien.

Basile erzählt weiter: Als die Verhältnisse damals in Corigliano eskalierten, als es zum Krieg verfeindeter Mafia-Gruppen kam und die Staatsanwaltschaft ihnen auf den Fersen war, da habe Antonio in Wuppertal oft geholfen, mit Verstecken, als Fahrer, mit Waffen und als Abnehmer von Drogen. Schon zuvor habe Antonio gelegentlich Stoff nach Italien geliefert, wenn er, Basile, sich "nicht bewegen konnte". Antonio sei für seine Dienste stets "gut bezahlt" worden. "Er hat viel Geld bei uns verdient", sagt Basile. Von seiner Mutter habe er in Italien auch Häuser gemietet, als Versteck, und in einem habe er selbst sogar einen Mord begangen. Basile: "Wir waren ausschließlich kriminell. Es gab keine anderen Geschäfte bei uns."

Im März 1998 habe er Antonio ein Kilogramm Amphetamin und ein halbes Kilogramm Kokain verkauft, geliefert frei Haus in dessen Wohnung in Wuppertal. Er habe es selbst liefern müssen, weil kurz zuvor sein Kurier an der deutsch-niederländischen Grenze festgenommen worden sei. Ein Fahrer hätte ihn dabei begleitet, denn er habe damals nur einen falschen Pass gehabt und keinen Führerschein.

Schon 50 Mafiosi hinter Gitter gebracht

Mit regungsloser Miene hört der Angeklagte zu. Sein Anwalt versucht, mit Fragen zu vorherigen Aussagen, die Basile nach seiner Festnahme gemacht hatte, die Glaubwürdigkeit des Zeugen zu erschüttern. Basile antwortet ruhig und routiniert, er hat Erfahrung. Mehr als 50 Mafiosi hat er mit seinen Aussagen schon hinter Gitter gebracht. Nur einmal unterbricht Basile den Anwalt, als der versucht, Aussagen zu zwei Namen zu erhalten. "Das ist eine Person", sagt Basile, er habe den Trick durchschaut. "Sie haben es versucht, aber es geht nicht."

Als der Anwalt keine Fragen mehr hat, bedankt sich der Richter bei der italienischen Kollegin für die unbürokratische Unterstützung, und auch Basile ergreift das Wort. Er wolle sich bei den Deutschen entschuldigen, für die Straftaten, die er hier begangen hat. Erst als die Kamera schon abgeschaltet ist, klagt die Richterin in Italien: Dass die Deutschen immer so pünktlich anfangen müssen. Die werden es wohl nie lernen.

Vorerst letzter Verhandlungstag ist am 8. August, doch damit werde man wohl nicht auskommen, wie ein Sprecher des Wuppertaler Landgerichts sagt. Eigentlich findet dieser Prozess nämlich in Wuppertal statt, doch weil es dort nicht die aufwändige Videotechnik gibt, musste die Vernehmung des Kronzeugen in Düsseldorf stattfinden. Auf Basile könnten weitere Auftritte wie diese zukommen. Immer noch ermitteln mehrere Staatsanwaltschaften in Deutschland gegen Mitglieder des Carelli-Clans, mit denen er Geschäfte machte.

Andreas Ulrich

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 18.07.2007

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