Maggie Thatcher und die Wiedervereinigung "Die Deutschen sind wieder da!"

Maggie Thatcher und die Wiedervereinigung: "Die Deutschen sind wieder da!" Fotos
AP

Margaret Thatcher war erbitterte Gegnerin der deutschen Wiedervereinigung, und das vertrat sie offensiv: "Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen, jetzt sind sie wieder da", erklärte die britische Premierministerin nach dem Mauerfall. Jetzt belegen bislang geheim gehaltene Dokumente, wie isoliert die Eiserne Lady damit war. Von Carsten Volkery, London

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 9 Kommentare
  • Zur Startseite
    4.1 (66 Bewertungen)

Die Feindseligkeit hat Helmut Kohl nie vergessen, die ihm am 8. Dezember 1989 beim EG-Gipfel in Straßburg entgegenschlug. Zehn Tage zuvor hatte er seinen Zehn-Punkte-Plan zur deutschen Wiedervereinigung vorgelegt, und die anderen europäischen Regierungschefs reagierten mit unverhohlenem Misstrauen auf den deutschen Alleingang. In seinen Memoiren beschreibt der frühere Bundeskanzler, wie die britische Premierministerin Margaret Thatcher beim Abendessen der damals noch zwölf Regierungschefs den berühmten Satz sprach: "Zweimal haben wir die Deutschen geschlagen, jetzt sind sie wieder da".

Dass Thatcher eine erbitterte Gegnerin der deutschen Wiedervereinigung war, ist kein Geheimnis. Neue Dokumente, die am Donnerstag vom britischen Außenministerium in Buchform veröffentlicht wurden, zeigen, wie sie ihre Regierung nach dem Mauerfall zum hinhaltenden Widerstand verdonnerte. Mehrfach pfiff sie ihren Außenminister Douglas Hurd und den deutschfreundlichen britischen Botschafter in Bonn, Christopher Mallaby, zurück, der bereits am Tag des Mauerfalls Zustimmung zur Wiedervereinigung signalisieren wollte.

"In unserem eigenen Interesse" solle Hurd sich bei seinem anstehenden Deutschlandbesuch positiv zur deutschen Frage äußern, schrieb Mallaby am 9. November 1989 an den Außenminister. Als Hurd einige Tage später Berlin besuchte, erklärte er jedoch brav im Einklang mit Thatchers Linie, die Frage der Wiedervereinigung stehe "nicht auf der Tagesordnung".

Rückkehr der "bösen Deutschen"?

Die 500 Seiten Akten aus der Zeit zwischen April 1989 und November 1990 enthüllen auch, wie Frankreichs Präsident Francois Mitterrand die britische Premierministerin bei vertraulichen Gesprächen in ihrem Argwohn gegen die Deutschen noch bestärkte. Bei einem Mittagessen im Elysee-Palast am 20. Januar 1990 warnte er Thatcher, die Wiedervereinigung werde dazu führen, dass Deutschland mehr Einfluss in Europa gewinne als Hitler je hatte. Düster prognostizierte Mitterrand eine Rückkehr der "bösen Deutschen". Dies geht aus bisher geheimen Aufzeichnungen des außenpolitischen Beraters Thatchers, Charles Powell, hervor.

Mitterrand hatte sich im Januar 1990 bereits mit der Wiedervereinigung abgefunden, er sah sie als unaufhaltsam an. Er hielt es jedoch offensichtlich für nützlich, wenn jemand wie Thatcher in der Öffentlichkeit noch Widerstand leistete. Das würde es einfacher machen, den Deutschen bei der europäischen Einigung Zugeständnisse abzuringen.

Thatcher hingegen glaubte bis Februar 1990 daran, den Prozess zumindest verlangsamen zu können. Ihr ging alles viel zu schnell. Sie fürchtete, dass der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow durch die Wiedervereinigung destabilisiert würde - was sich im Nachhinein als nicht falsch herausstellte. Sie wollte eine fünfjährige Übergangslösung mit zwei deutschen Staaten. Sie teilte auch nicht Mitterrands Optimismus, die Deutschen durch eine stärkere Einbindung in europäische Institutionen zähmen zu können. "Die Probleme werden durch eine Stärkung der Europäischen Gemeinschaft nicht gelöst", schrieb sie am 2. Februar 1990 in einem internen Vermerk. "Deutschlands Ehrgeiz würde dann der dominante und aktive Faktor werden".

Mrs. Thatchers Bauchgefühl

In der Öffentlichkeit fiel Thatcher durch schrille Warnungen vor deutschem Großmachtstreben auf. So behauptete sie in einem SPIEGEL-Gespräch am 26. März 1990, dass Kohl ihr gegenüber gesagt habe, er erkenne die Oder-Neiße-Grenze zu Polen nicht an. Kohl reagierte empört und bestritt das ihm zugeschriebene Zitat.

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist das britische Außenministerium nun um die Ehrenrettung der damaligen britischen Akteure bemüht. Die veröffentlichten Dokumente sollen beweisen, dass die Diplomaten im Außenministerium wesentlich weitsichtiger waren als Thatcher, die sich mehr von ihrem Bauchgefühl gegen Deutschland leiten ließ.

Die britische Regierung habe auf dem Weg zur deutschen Wiedervereinigung eine viel konstruktivere Rolle gespielt als bisher angenommen, heißt es im Außenministerium. Nur eine Person habe erhebliche Bedenken gehabt - Margaret Thatcher.

Selbst die eiserne Lady gab ihren Widerstand jedoch allmählich auf, als der Rahmen für die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen geklärt war. Nach einer Sitzung auf Chequers, dem Landsitz der britischen Premierminister, am 27. Januar stellte Außenminister Hurd eine Veränderung an der Regierungschefin fest. "Die üblichen Tiraden gegen den Eigennutz der Deutschen, aber das Verlangen, die Wiedervereinigung zu stoppen, kommt jetzt seltener", notierte er in sein Tagebuch.

Am 23. Februar mahnte Hurd in einem Gespräch mit Thatcher: "Wir dürfen nicht so wirken, als stünden wir ständig auf der Bremse. Wir sollten vielmehr eigene positive Ideen vorstellen". Die Autoren des Buches sprechen von einem "Abnutzungskrieg" des Außenministeriums, der Thatcher langsam zermürbt habe. Die Tatsache, dass Frankreich, die Sowjetunion und die USA die Wiedervereinigung unterstützten, tat ihr Übriges. Nach und nach bewegte Thatcher sich in den deutschlandpolitischen Mainstream. Ihren Argwohn gegen die Deutschen verlor sie jedoch nie.

Im März 1990 lud sie Historiker und Politiker zur Diskussion nach Chequers ein. Das Thema: Wie gefährlich sind die Deutschen? Am Ende des Seminars, notierte ihr Berater Powell, sei man sich einig gewesen: "Wir sollten nett sein zu den Deutschen".

Artikel bewerten
4.1 (66 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Christian Gabel 11.09.2009
Ja, nach dem Tanklaster-Massaker steht fest: Wir sind wieder da!
2.
Heinrich Löwe 11.09.2009
Nicht wirklich neue Erkenntnisse, wenn man Alexander von Platos Buch "Die Vereinigung Deutschlands- ein weltpolitisches Machtspiel" gelesen hat. Um die deutsche Wiedervereinigung zu verhindern, hätten Thatcher und Mitterand auch die Demokratisierung Osteuropas geopfert. Schön das diese Wahrheiten endlich einem breiten Publikum bekannt werden. Das wirft ein ganz anderes Licht auf unseren europäischen "Freunde".
3.
Nimbo Hintz 12.09.2009
In großen Teilen der britischen Bevölkerung existiert eine grundlegend Deutschlandfeindliche Haltung. Die Ursachen hierfür sind sicher unterschiedlich,dennoch kann ich in keinem anderen europäischen Land so viel Feindseligkeit und echten, tiefen Hass gegen "Die Deutschen" erleben, wie in Großbritannien. Und Margaret Thatcher hat in ihren Äußerungen und ihrem Verhalten damals nur der Haltung ihrer Wähler entsprochen.
4.
André Diroll 11.09.2009
Thatcher ist wirklich lustig. In beiden Weltkriegen stand England auf verlorenen Posten und mußte sich jedes Mal von den USA retten lassen. Der erste Weltkrieg wäre ohne Intervention der USA endlos weitergegangen und der zweite Weltkrieg wäre für England ohne die Industriemacht und die militärischen und technischen Fähigkeiten und Hilfsleistungen der USA weder in Afrika, noch im nahen Osten, Asien oder Europa zu gewinnen gewesen. Einzugestehen, daß England in beiden Kriegen am Ende lediglich der USA zur Hand ging, ist wohl immer noch zu viel für das englische Ego. Die beiden Weltkriege haben England das Empire gekostet und seine Stellung als Weltmacht Nummer 1 und die abtrünnige, ehemalige Kolonie USA zur Supermacht werden lassen, ist also kein Wunder, daß eine Frau aus dem konservativen Lager, die für ein paar Steine und Ziegen Krieg spielte, statt Argentinien die Falklandinseln kaufen zu lassen oder gönnerhaft zu überlassen, so nachtragend ist.
5.
Günther Kasprzok 11.09.2009
Wir beweisen doch dauernd, wie gut wir eingebunden sind ! Am Balkan, am Hindukusch und bei jeder sonst zufällig vorbeischauenden Gelegenheit. Inzwischen gefällt den anderen Staaten diese Streberei auch nicht mehr so recht. Mal sehen, wie es nach der Wahl mit Aussenminister 18% weitergeht !
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH