Aids-Angst Als Magic Johnson die Sportwelt schockierte

Er war einer der größten Stars der US-Basketballliga NBA. Im November 1991 verkündete Magic Johnson, dass er sich mit HIV infiziert hat. Ein Schicksalsschlag, den er klug zu nutzen wusste.

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Als Earvin Johnson, den alle Welt nur "Magic" nennt, vor die Kameras, Mikrofone und gespannt wartenden Journalisten tritt, sind seine Tränen gerade erst getrocknet. Der 2,06 Meter große Athletenkörper steckt in einem dunklen Anzug, der Kopf des Basketballers der Los Angeles Lakers ist wie immer kahlgeschoren, sein Blick so weich wie Plüschtiere. "Zunächst wünsche ich euch allen einen schönen Nachmittag", beginnt Johnson eine der spektakulärsten Pressekonferenzen der Sportgeschichte.

An diesem 7. November 1991 bleibt die Welt für einen Moment stehen. Magic hat etwas zu sagen.

Zu dieser Zeit ist der 32-Jährige mit der Trikotnummer 32 einer der größten Stars, den der Basketball je hervorgebracht hat. Zwei College- und zwölf NBA-Spielzeiten haben den Hünen mit den Zauberhänden zur Ikone gemacht. Wegen seiner Erfolge: fünf Meisterschaften, drei Auszeichnungen zum "Most Valuable Player" (MVP), zum wertvollsten Spieler der besten Liga der Welt, Tausende von Punkten, Rebounds und Assists. Und weil er das Spiel revolutioniert hat, mit einem Stil, so kreativ und aufregend, dass sein Spitzname schon aus Highschool-Zeiten mehr als nur ein Name ist: ein Versprechen für atemberaubende Unterhaltung. Eine Marke.

The Magic spielt Pässe, von denen man nicht wusste, dass sie möglich sind. "No-Look"-Vorlagen sind seine Spezialität. Und wenn es hart auf hart kommt, in der Crunch Time, den entscheidenden Phasen der entscheidenden Spiele, dann wächst der elegante Gigant über sich hinaus. Wie bei seiner wohl größten sportlichen Heldentat im vierten Spiel der Finalserie 1987, als er mit einem Hakenwurf in letzter Sekunde den Sieg erzaubert, der Grundstein für den Erfolg im ewigen Duell gegen die Boston Celtics um den weißen Riesen Larry Bird, seinen Rivalen und Freund.

Im Herbst 1991 bringen Magic Johnson Werbeverträge viele Millionen Dollar ein. Zum Superstar machen ihn sein breites Sonnyboy-Grinsen, die lässig-sympathische Art, seine Showmasterqualitäten. Er ist eine schwarze Symbolfigur des amerikanischen Traums - der Vater war Müllmann, die Mutter Putzfrau. Superhelden gewinnen immer. Und sind unverwundbar.

Der Tag der Wahrheit

"Aufgrund des HI-Virus, den ich erlangt habe", sagt Magic Johnson auf der landesweit ausgestrahlten Pressekonferenz, "werde ich heute bei den Lakers zurücktreten." Und erklärt in wenigen Minuten das Unerklärbare. Dass er sich angesteckt hat mit dem tödlichen Virus, an dem bereits mehr als 125.000 Amerikaner gestorben sind. Erst zehn Jahre vorher wurde Aids erstmals in den USA beschrieben. Zunächst wütete die Immunschwächekrankheit vornehmlich in der weißen Schwulenszene; die meisten Menschen dachten, sie träfe ausschließlich Homosexuelle oder Drogensüchtige.

Nun steht da der strahlende - heterosexuelle - Sympathieträger Magic und entzaubert den Mythos. Er ist nicht krank, er ist infiziert, sein Teamarzt hat das Virus rechtzeitig entdeckt und ihn am Tag zuvor darüber aufgeklärt. Johnson weiß inzwischen, dass er mit der richtigen Behandlung nicht sterben muss. Vor der Pressekonferenz hat er Trainern und Mitspielern zu erläutern versucht, was dieses HIV eigentlich ist. Und mit ihnen geweint. Ansteckend schien bis dahin nur Magics jungenhaftes Lächeln. Nun versetzen die drei Buchstaben selbst die baumlangen Athleten in Panik.

"Wir dachten damals alle, dass Magic sterben würde", sagte Johnsons Mitspieler A.C. Green stellvertretend für die NBA-Kollegen, für die Weltöffentlichkeit. Viele der Journalisten brechen in Tränen aus. Tags darauf bittet Pat Riley, Johnsons früherer Trainer und inzwischen bei den New York Knicks, zu einer Gedenkminute vor dem Spiel gegen die Orlando Magic. 19.000 Menschen im Madison Square Garden schweigen ergriffen.

Magic Johnson will ganz und gar nicht schweigen. Noch in der Pressekonferenz kündigt er an, sich fortan als Kämpfer gegen Aids in Sachen Aufklärung und Prävention zu betätigen. Er will ein Superheld bleiben. Nur eben nicht mehr unter dem Korb. "Das Stigma von Drogen und Homosexualität in Bezug auf HIV ist nahezu unüberwindbar", zitiert die "New York Times" tags darauf Belinda Rochelle vom Aids Action Council in Washington, "aber wenn es einer schaffen kann, dann Magic."

Ein Vertreter des Gesundheitsministeriums erklärt: "Wenn Magic will, dann können wir diese furchtbare Tragödie dazu nutzen, um junge Menschen und vor allem Minderheiten mit einer Wahrheit zu konfrontieren, die sie so noch nie gehört haben." Dass Aids keine schwule Krankheit ist. Dass jeder sich mit dem Virus anstecken kann, wenn er oder sie nicht aufpasst. Viele wissen das Anfang der Neunziger nicht oder wollen es nicht wissen. Aber jetzt gibt es ja Magic. Und der will.

Comeback gestrichen wegen Ansteckungsangst

Die Information, dass seine Frau Cookie und der ungeborene Sohn EJ nicht infiziert sind, ist der Anfang einer bis heute andauernden Aufklärungskampagne. In seiner Biografie "My Life" gesteht Johnson 1992, "wie ich das Virus bekommen habe. Ungeschützter Sex im Aids-Zeitalter ist verantwortungslos. Ich wusste es. Aber ich habe es einfach ignoriert". Der Basketballer hat mit Hunderten von Frauen geschlafen, sportbranchenübliche Eskapaden mit Groupies.

Bei den All-Star-Spielen, dann im legendären olympischen "Dream Team" 1992 in Barcelona feiert Johnson glanzvolle Kurzzeit-Comebacks. Er erhält prominente Unterstützung von Stars wie Larry Bird oder Michael "Air" Jordan. Doch als er zur Saison 1992/93 wieder in den regulären NBA-Spielbetrieb einsteigen will, stellen sich einige Basketballer quer, angeführt von Utah-Jazz-Star Karl Malone: Zu groß sei die Gefahr, sich durch blutige Wunden oder Schweiß anzustecken. Sponsoren springen ab oder halten bereits gedrehte Werbespots zurück. Wie der Getränkeriese Pepsi, der 1992 auf Anfrage des "Stern" verlauten lässt, "Magics Situation neu zu analysieren und zu entscheiden, was für ihn und uns richtig ist".

Erst 1996 kehrt Magic Johnson für 32 Spiele noch einmal aufs Parkett zurück. "Meine Güte", antwortet Chicaco-Bulls-Spieler Steve Kerr auf eine Reporterfrage und beweist den Fortschritt der Aids-Aufklärung, "ich will doch keinen ungeschützten Sex mit ihm. Wir wollen mit ihm Basketball spielen". 1999 tritt Johnson als 40-Jähriger noch einmal in Schweden an, eine Kleinigkeit hüftsteif, aber immer noch mit großer Übersicht (hier Videos davon).

"Praktiziert Safer Sex!"

Nur wenige Tage nach der offiziellen Bekanntgabe seiner Infizierung hatte Johnson die "Arsenio Hall Show" besucht und die Zuschauer beschworen: "Ich will, dass jeder Safer Sex praktiziert." Dass er die Mitarbeit in der von Präsident George Bush senior verantworteten Nationalen Aids-Kommission bald beendete, begründete er in seiner Biografie so: "Die Vereinigten Staaten zählen weltweit zu den Ländern mit den meisten HIV-Infizierten, doch wir besitzen kein Konzept, um mit der Seuche umzugehen. Es ist eine Schande."

Es folgten etwa die Fernsehshow "Ein Gespräch mit Magic Johnson", bei der Kinder und Jugendliche ihm Fragen über Aids stellten, und das Buch "Was du machen kannst, um Aids zu vermeiden". Seine Stiftung leistet bis heute gute Präventionsarbeit. Als Motivationssprecher, TV-Experte und Medienfigur ist Johnson ebenso erfolgreich wie als Geschäftsmann, er ist Mitbesitzer des Baseballteams Los Angeles Dodgers, sein Vermögen wird auf eine halbe Milliarde Dollar geschätzt.

Viel wichtiger: Der strenge Verfechter eines gesunden Lebensstils, inzwischen 57, hat das Virus nahezu vollständig aus seinem Körper verbannt, Medikamente muss er trotzdem sein Leben lang nehmen. Das sportliche Idol der Achtziger- und Neunzigerjahre ist Vorbild geblieben, sein Einfluss bis heute enorm. "Er hat", erklärte jüngst Phil Wilson, Chef des Black Aids Institute, "die Wahrnehmung von HIV in den USA vollständig verändert." 25 Jahre später ist der vermeintlich todgeweihte Basketballer noch immer ein Superheld - it's a kind of Magic.

insgesamt 4 Beiträge
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Gerald Wurch, 07.11.2016
1. Ach so...
Mit allen verfügbaren Groupies geschlafen... Was führe ich nur für ein armseliges Leben.
Martin Maier, 07.11.2016
2. Wie pervers ist das denn?
Sich über Trumps "Umkleideraumgespräche" aufregen, aber den Umgang von Sportgrößen mit Frauen als "branchenüblichen" Umgang darstellen. Verkehrte Welt...
Jens Renner, 07.11.2016
3. @ #2: Kleiner Unterschied ...
Ich vermute, man musste die allermeisten von Johnsons "Groupies" nicht dazu drängen, mit einem jungen, athletischen, charismatischen, millionenschweren Basketball-Superstar ins Bett zu gehen. Trump hingegen reicht es, dass Frauen es "geschehen lassen": "I don't even wait. And when you're a star they let you do it. You can do anything ... Grab them by the pussy. You can do anything."
Fritz Meyer, 11.11.2016
4. pervers ist höchstens die Wortwahl
des Artikels. "Verfügbar" setzt die beteiligten Damen als warengleich herab. Es ist ja eher für beide Beteiligte einen Win-Win-Stuation. Der junge Star, angehimmelt, umschwärmt, möglicherweise durch die ständige Jubelei etwas abgehoben und leider nicht mehr fähig, ein normales Leben zu führen, lässt sich auf die Freundlichkeiten ein, die ihm zuteil werden. Die Damen haben die Nacht ihres Lebens. Ob da später Reue hinzutritt, weiß man ja vorher nicht. Ist wie vielen Kicks. Der Suoerstar lebt teilweise in einer Scheinwelt, unter großem Druck. Wer so etwas nachvollziehen will, muss sich mal entsprechende Biographien durchlesen. Machmal darf man die allgemein üblichen Maßstäbe (ich sage jetzt absichtlich nicht kleinbürgerlich) nicht an solche Verhaltensweisen anlegen, solange keine ungesetzlichen Dinge passieren.
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