Echte Fabelwesen Der Magier, die Tänzerin, der Mörder und ihr Einhorn

Einhorn-Kult? Gab's schon in den Achtzigern. Nur dass die Mythenwesen damals real waren - erschaffen von einem echten Zauberer. Das berühmteste wurde auf US-Tour von Polizisten abgeführt.

Oberon Zell-Ravenheart

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Sir Lancelots Karriere lief wie am Schnürchen. Sein Engagement bei der "größten Show der Welt" zahlte sich aus - nicht nur monetär: Beim Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus behandelte man ihn wie einen König. Das Management hatte ihm im Sommer 1984 die Tänzerin Heather Harris als Assistentin zur Seite gestellt. Sie las ihm jeden Wunsch von den Augen ab, ob Catering, Frisur oder Wellness.

Und sie war seine Pressesprecherin. Wenn wieder wer ein Interview wollte, erzählte sie von Lancelot und ihrer "wunderbar harmonischen Beziehung". Konversation war nicht sein Ding, selbst wenn Harris mit Engelszungen auf ihn einredete. "Sweetheart" nannte sie ihn immer, oder "Darling". Sie redete und redete und redete. Er gurgelte höchstens zufrieden.

Seine Vertragsverpflichtung: Ab und zu zur "Rocky"-Titelmusik vor den Vorhang treten, während Tänzer um ihn wirbelten. Heather führte ihn zu einem goldenen Wagen, und gemeinsam fuhren sie durchs Rund und blickten ins Publikum, während Blitzlichter sie in Stroboskoplicht tauchten.

Dabei konnte Lancelot gar nichts Besonderes. Den Leuten war das egal. Sie interessierte nur ein Körperteil. Auf dem Podest stand er so, dass man es gut sah, manchmal malten sie es sogar an: sein Horn.

Kein Klebstoff, keine Gummibänder: Er war ein echtes Einhorn. Und das Zentrum des "größten Publicity-Stunts der modernen Zirkusgeschichte", wie es sein Manager Jeffrey Siegel 2017 in der "New York Post" bezeichnete.

Zwei Jahre lockte das Sagenwesen Tausende Gäste an, versetzte die Presse in Aufruhr und Tierschützer in Rage. Late-Night-Talker Johnny Carson sollte ebenso seiner Faszination erliegen wie Andy Warhol. Dabei erinnerte Lancelot, wenn man ehrlich war, nicht wirklich an die gehörnten Pferde, die heute auf Buchcovern, T-Shirts, Federtaschen oder Schokoladentafeln prangen. Sondern an ein ganz anderes Tier.

Einhornjagd im Schulbus

Lancelots Brüder Galahad, Percival und Avalon waren mit auf Tour. Woher sie kamen, so ein Zirkussprecher, sei unklar: "Sie waren einfach da". "Sie könnten Jahrhunderte alt sein", mutmaßte Ringling-Bros.-Vizepräsident Allen Bloom. Der besonders imposant gehörnte Lancelot sei ein "Wunder", so Harris, das "auf mysteriöse Weise" erschienen sei.

Tatsächlich wussten sie genau, woher die Tiere stammten. Aber sie hatten ihre Gründe zu verschweigen, wer der Schöpfer der echten Einhörner war: ein echter Zauberer.

"Wizard" nennt sich Oberon Zell-Ravenheart - das komme von "wisdom", Weisheit. Der 74-Jährige mit dem grauen Rauschebart, der sich "OZ" abkürzt, war schon vieles: T-Shirt-Designer, Fantasy-Buchillustrator, Gründer einer auf einem Science-Fiction-Roman basierenden Kirche. Seit 2004 leitet er die erste Online-Akademie für Magier, "Harry Potter" brachte ihn darauf.

Und irgendwo dazwischen passierte das mit den Einhörnern.

Es war 1977, als er sie entdeckte. Er lebte mit seiner Frau Morning Glory auf der Greenfield Ranch, einer Hippiekommune nördlich von San Francisco. Dort stieß er auf einen Fantasyroman, der ihn tief beeindruckte: "Das letzte Einhorn" von Peter S. Beagle.

Sie beschlossen, die Ursprünge der mythischen Wesen zu erforschen - und gingen in einem alten Schulbus auf Einhorn-Expedition. An der Universität von Eugene, Oregon, stießen sie auf einen Text über die bizarren Experimente des Dr. Franklin Dove.

Einhorn-Patent

Der Biologe hatte in den Dreißigerjahren ein Einhorn erschaffen, mit einer fragwürdigen Prozedur: Er verpflanzte die Hornknospen eines Jungtiers, die kurz nach Geburt noch nicht mit dem Schädel verbunden sind, auf die Stirn. Dort wuchsen sie zusammen.

Dove war begeistert über das Horn, das "anmutig die Rundung des Rückens und Halses verlängert", wie er 1936 in "Scientific Monthly" schwärmte. Auch der Charakter habe sich verändert, zu einem "aristokratischen Wesen". Ob Zeitzeugen ihm vorwarfen, das Wiehern des Einhorns klinge verdächtig nach "Muuuh!", ist nicht überliefert. Aber wahrscheinlich.

Dr. Doves "Einhorn"
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Dr. Doves "Einhorn"

Oberon Zell-Ravenheart beschloss, auch ein Einhorn zu erschaffen, aber anders als das von Dove eines mit weißem Fell, grazilen Beinen und wallender Mähne. Nicht wie eine Kuh. Eher wie eine Angoraziege.

Ihre Einhornzucht begann 1980, und Sir Lancelot kam zur Welt. Direkt nach der Geburt führten sie Doves Eingriff durch. Mit Erfolg: Es wuchs ein schnurgerades Horn.

Oberon beobachtete auch andere Veränderungen: Das Umsetzen der Hörner "zu einem (...) einzelnen Horn über der Zirbeldrüse", dem sogenannten "dritten Auge", habe ein "intelligenteres" Tier hervorgebracht. Am 7. Februar 1984 sicherte er per Patent seine "Erfindung in Bezug auf eine Methode zur Züchtung von Einhörnern in einer Weise, die die Gesamtentwicklung des Tiers verbessert".

Verhängnisvolle Bekanntschaft

Auch andere interessierten sich für die Einhörner. Zum Beispiel, so schilderte es 2000 Autor Don Lasseter, der Kommunenbewohner Leonard Lake. Wenig später sollte er in ganz Amerika berüchtigt werden.

Schon Anfang der Achtzigerjahre terrorisierte Lake laut Lasseter Bewohner der Greenfield Ranch. Trotz eines Verbotes habe er auf dem Gelände Waffen getragen und Bewohner bedroht, vor allem aber junge Mädchen sexuell bedrängt.

Als er Zell-Ravenhearts Einhörner sah, habe Lake in ihnen eine Chance gesehen, Mädchen kennenzulernen. Daher habe er den Magier überredet, die Tiere auf Jahrmärkten zu zeigen und Besucher für Geld mit ihnen zu fotografieren - woraufhin Lake dann weiblichen Kunden nachgestellt habe.

Leonard Lake (l.) mit Einhorn.
Oberon Zell-Ravenheart

Leonard Lake (l.) mit Einhorn.

Bald trennten sich die Wege Lakes und der Zell-Ravenhearts wieder. Fürs Erste. Das Paar tourte mit den Einhörnern durch die USA. Sie wollten so ihre Theorie verbreiten, dass Menschen seit Jahrhunderten Tiere zu Einhörnern modifiziert hätten, um sie zu Herdenanführern zu machen.

Sogar einen Manager stellten sie ein: Jeffrey Siegel, der einen solventen Partner finden sollte. Im Juli 1984 nahm Ringling Bros. and Barnum & Bailey, der größte Zirkus der USA, Lancelot und drei seiner Brüder für vier Jahre unter Vertrag - für stattliche 500.000 Dollar.

Deal mit Haken

Überall erregten die Tiere Aufmerksamkeit. Johnny Carson sprach in seiner Late-Night-Show über sie; "Saturday Night Live" griff sie in Sketchen auf; Andy Warhol schrieb über Lancelots Auftritt im berühmten "Studio 54".

Die Zell-Ravenhearts jedoch waren enttäuscht: Sie wollten die mythologische Bedeutung menschengemachter Einhörner bekannt machen. Doch der Zirkus verschwieg deren Herkunft, um sie mysteriöser wirken zu lassen: "Die weigerten sich, (...) anzuerkennen (...), dass wir irgendwas damit zu tun hatten", so Oberon 2014 in seinem Buch "The Wizard and the Witch". Sie selbst durften vertragsbedingt nicht über die Tiere sprechen.

Lange schien sein Zorn nicht anzuhalten. 1985 organisierte er bereits die nächste Mythenwesen-Expedition - auf der Spur der Meerjungfrau.

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Der Zirkus feierte durch die Einhörner Umsatzzuwächse in Millionenhöhe. International berichteten Medien. Aber nicht alle waren begeistert: Tierschützer protestierten gegen die Ausstellung fehlgebildeter Ziegen. Das US-Landwirtschaftsministerium ließ sie untersuchen, befand aber, sie seien schmerzfrei operiert worden. Die Tierschutzorganisation ASCPA beklagte: "Nächstes Jahr beschließt vielleicht wer (...) einen Zyklopen zu machen. Wo hören wir auf?"

Der Druck ließ nicht nach: Da der Zirkus immer noch mit "echten Einhörnern" warb, beschuldigte New Yorks Behörde für Konsumentenschutz ihn der Täuschung. Bei einer Vorstellung in Florida führten Polizisten Lancelot gar ab, um ihn auf gerichtliche Anordnung röntgen zu lassen. Das einhornweiße Image bröckelte. Doch es kam noch schlimmer.

Das Einhorn und der Mörder

Am 2. Juni 1985 wurde Leonard Lake in San Francisco wegen Autodiebstahls festgenommen. Noch in Untersuchungshaft nahm er sich das Leben. Untersuchungen seiner Hütte brachten Videos, Notizen und menschliche Überreste zutage. Sie belegten, dass er mindestens elf Menschen ermordet, teils vergewaltigt und gefoltert hatte.

Landesweit machte er Schlagzeilen. Darunter oft Fotos von Lake mit einem Einhorn. "Leonard wurde als der 'Einhorn-Mann' bekannt", so Oberon, "Leute fingen an, ihn mit mir zu verwechseln." Sogar ein Massenmörder-Quartett sei erschienen, das Lake als "Schöpfer der Einhörner" auswies.

Mit Tierschützern und dem Fall Lake im Nacken wurden die Einhörner für den Zirkus unattraktiv: Nach nur zwei Jahren setzte er die Attraktion ab - und schickte Lancelot heim.

"Er war nie wieder der Gleiche", erinnerte sich Morning Glory später. Sein Horn war ungepflegt: "Es war zusammengefallen und hing ihm praktisch auf der Nase." Das einst stolze Tier sei nun "eine Kreatur mit gebrochener Seele" gewesen.

Sie bauten eine Scheune für ihn, "Fort Unicorn". Nahmen ihn mit zum Fernsehen, weil ihm das als Jungtier so gefallen hatte. Er nahm kaum Notiz. Schließlich starb Sir Lancelot, das "Living Unicorn", 1991. Er war elf Jahre alt geworden.

Die letzten davon, so Oberon, sei Lancelot nur deprimiert gewesen. Warum? "Weil er es liebte, ein Show-Tier zu sein." Doch die Show war vorbei.

Lancelot blieb das berühmteste der neun Einhörner der Zell-Ravenhearts. Das Paar gab die Zucht schließlich auf, weil ihnen Energie, Zeit und Platz fehlten. 2005, im Alter von 17 Jahren, starb das letzte Einhorn.



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