Mail Art Schrille Post für Sigmund Freud

Mail Art: Schrille Post für Sigmund Freud Fotos
Lutz Wohlrab/Henning Mittendorf

Was verbindet Postkarten und Psychoanalyse? Ganz einfach: Mail Art. Zu Freuds 150. Geburtstag rief der Berliner Mailartist und Psychoanalytiker Lutz Wohlrab Künstler in der ganzen Welt auf, dem großen Enträtsler des Unbewussten eine Grußkarte zu senden - und wurde von Zusendungen aus 37 Ländern überschwemmt.

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Auf den ersten Blick scheinen Psychoanalyse und Mail Art nicht viel gemeinsam zu haben. Aus der Perspektive eines ehemaligen DDR-Bürgers sieht das schon anders aus. Beides war dort unerwünscht bis verboten. Die Psychoanalyse wurde in der DDR als unwissenschaftlich und bürgerlich abgetan, und Mail Art galt nicht als Kunst. Wer sich im Osten für die Psychoanalyse interessierte, wurde wie auch der, der sich der Mail Art verschrieb, als politisch unzuverlässig bis "feindlich-negativ" eingestuft, häufig von der Staatssicherheit beobachtet, beruflich benachteiligt, manchmal sogar verhaftet oder zur Ausreise gedrängt.

Mail Art und Psychoanalyse waren in der DDR schon allein wegen ihrer Internationalität verdächtig - die Kunstform Mail Art kam aus Amerika und auch die Psychoanalyse wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von dort reimportiert.

Wie die Psychoanalyse so hat auch die Mail Art einen Gründervater. Der Sigmund Freud der Mail Art heißt Ray Johnson (1926-95) und erfand 1962 die New York CorrespondAnce School of Art, indem er Collagen mit der Aufforderung verschickte, diese zu ergänzen und dann zurückzusenden. "Add and return" ist auch heute noch ein beliebtes Kollaborationsspiel unter Mailartisten.

Ich hab' noch eine Karte aus Berlin

Mail Art hat einen demokratischen Anspruch und ist im Grunde eine Art Breitensport, bei dem vor allem die Teilnahme zählt: Post in alle Welt zu verschicken und sich an möglichst vielen Projekten zu beteiligen, um schließlich die Dokumentationen zu sammeln, das macht den Stolz des Mailartisten aus. Der Kern der Psychoanalyse besteht in der Anwendung der freien Assoziation: Sagen Sie einfach alles, was Ihnen durch den Sinn geht. Psychoanalytiker sind folglich unkonventionelles Denken gewohnt und sagen manchmal Dinge, die niemand hören will.

Das tun auch Mailartisten - Tabus in Frage zu stellen. Der Dresdner Birger Jesch etwa initiierte 1983 ein Mail Art-Projekt, das er "Hommage an Wilhelm Reich" nannte. Der Psychoanalytiker Reich lebte von 1930 bis 1933 in Berlin; er wollte die Analyse mit dem Kommunismus verbinden. Deswegen wurde er 1933 aus der KPD ausgeschlossen - und wegen seiner kommunistischen Einstellung 1934 auch aus dem internationalen Berufsverband der Psychoanalytiker. Von den 68ern wurde Reich dann als Wegbereiter der sexuellen Revolution gefeiert.

In Gedanken bei den Kranken

So gab es gute Gründe, 2006 auch ein Mail Art-Projekt zu Sigmund Freuds 150. Geburtstag durchzuführen. Dass dieses von Berlin ausging, machte besonderen Sinn: Keine andere Stadt hat Freud häufiger besucht. Er träumte sogar davon, nach Berlin überzusiedeln, das allmählich Wien als Hauptstadt der Psychoanalyse abgelöst hatte. Mit der ersten psychoanalytischen Poliklinik und dem angeschlossenen Ausbildungsinstitut war Berlin in den 1920er Jahren weltweit beispielgebend. Zudem hatte Freud Verwandte in Berlin, 1919 zogen seine Söhne Oliver und Ernst an die Spree. In Berlin fand Freud einen Chirurgen, dem er die Operationen an seinem Krebs zutraute, und hier fand 1922 auch der letzte psychoanalytische Kongress statt, an dem Freud persönlich teilnahm. Dass hier 1933 Freuds Schriften verbrannt, die jüdischen Mitglieder aus der Berliner Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen und ins Exil gedrängt wurden, bleibt unvergessen.

Dem Aufruf, den 150. Geburtstag Sigmund Freuds mit einer Mail-Art-Aktion zu würdigen, folgten insgesamt 131 Mailartisten aus 37 Ländern. Die eingegangenen Werke wurden 2006 in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin ausgestellt - darunter sind Beiträge von H.R. Fricker ("Mail Art ist nicht schöne Kunst, es sind die Künstler, die schön sind") und Aloys Ohlmann ("Toleranz ist für Germanisten ein Fremdwort") wie auch Oskar Manigk, der zum Freud-Projekt einige Karrikaturen mit hintergründigen Reimen schickte: "Am größten ist des Hasen LegeTrieb / zu Ostern, wie Herr Freud uns kürzlich schrieb. / Doch gibt es Gründe, Eier zu verstecken / sie anzumalen oder dran zu lecken?" Auf einer anderen lässt Manigk Martha Freud zärtlich zu ihrem Ehemann sagen: "Mensch, Sigmund du bist in Gedanken / doch immer nur bei deinen Kranken!"

Lutz Wohlrab, selber Mail-Art-Macher, hat einen Mailartisten-Index ins Netz gestellt. Dort sind die Biografien der erwähnten sowie vieler anderer Künstler nachzulesen. Außerdem hat er zusammen mit Friedrich Winnes das Standardwerk: "Mail Art Szene DDR 1975 - 1990" im Verlag Haude & Spener (Berlin 1994), herausgegeben.

Er arbeitet als Psychoanalytiker in eigener Praxis in Berlin. Zuletzt gab er das Buch "Filme auf der Couch - Psychoanalytische Interpretationen" (Gießen 2006) heraus.


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1.
Anne-Marike Schiffer 16.05.2008
Zu Bild 3: 'fraud' übersetzt sich zu Betrug, Betrüger oder Schwindler. Angesichts Freuds wissenschaftlicher Publikationen (v.a. zur Wirksamkeit der Psychoanalyse) auch eine naheliegendere Beschreibung als 'Schrecken'.
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