Mail Art Underground im Dachgeschoss

Mit Postkarten lässt sich Politik machen! Das ist die Maxime von Mail-Art-Künstlern, die die kleinen Pappen im A-6-Format benutzen, um Botschaften unters Volk zu bringen - in der DDR galten sie deshalb als subversiv und staatsfeindlich. Eine Berliner Ausstellung zeigt jetzt einen Rückblick auf Mail Art seit 1989.

Konrad Wohlrab

Es ist ein seltsames Gefühl, nach so langer Zeit wieder in der Aula meiner ehemaligen Grundschule an der Prenzlauer Allee zu sein. Vor etwas mehr als zwanzig Jahren stand ich hier zum ersten Mal. Es war der Herbst 1989, und meine Klassenkameraden und ich wurden als letzter DDR-Jahrgang kurz vor dem Fall der Berliner Mauer eingeschult. Inzwischen hat sich viel getan. Aus meiner Schule ist ein Kultur- und Bildungszentrum geworden und aus der Aula ein Veranstaltungsraum, in dem jetzt und noch bis zum 7. Februar 2010 unter dem Titel "Mail Art was underground ¿ but what about today?" eine große Ausstellung zu sehen ist, die sich mit eben jenen letzten zwanzig Jahren beschäftigt.

Mail Art ist Kunst per Post und somit vor allem Kommunikation. Folglich besitzt sie ihre größte Bedeutung dort, wo die Meinungsfreiheit eingeschränkt ist. Für die Bürger der ehemaligen DDR galt dies in besonderem Maße. Sie konnten nicht frei wählen, sich versammeln oder reisen. Den Eisernen Vorhang konnte fast nur die Briefpost durchdringen.

Den Ostdeutschen und ihren Brüdern in den sozialistischen Ländern war Mail Art aber nicht nur künstlerische Kommunikation und ein Tor zur Welt, sondern subversive Praxis gegen den totalitären Machtanspruch der herrschenden Kommunisten. Als Begleitausstellung zur "Poesie des Untergrunds" geht diese Mail Art-Ausstellung den Fragen nach, ob der Mauerfall ihre Bedeutung verringert hat, ob sie als Untergrundkunst wirksam geblieben ist und vor allem, ob sich die Mail Artisten nicht heute genauso einmischen sollten wie damals.

"Sie verlassen Ihr Gedächtnis"

Mehr als 200 Künstler aus 37 Ländern sind dem Aufruf zur Einsendung eigener Postkunstarbeiten gefolgt. Die Beiträge reichen von sehr kleinen Formaten, wie dem Stempel von Frips aus den Niederlanden, bis zur großen Installation von Steen Krarup aus Dänemark mit den Maßen von 290 mal 434 cm. Es gibt viele Antworten, auch eine Musik-CD von Jenz Steiner aus Berlin und eine CD-Rom von der Aktion von Antonio Garrido Moreno aus Spanien, der eine Mauertapete in Postkartenformate zerschnitt und sie an seine Korrespondenten in aller Welt mit der Aufforderung verschickte, sie zu bearbeiten und an die Initiatoren zu senden.

Unter den vielen weiteren Postkarten sind auch Beiträge von renommierten Berliner Künstlern wie Dieter Goltzsche, Oskar Manigk oder Jonathan Meese. Henning Mittendorf aus Frankfurt am Main schickte einen mehrseitigen Essay und von Keith A. Buchholz aus den USA kam ein schöner Postkartenfolder. Dede van der Roove aus Polen, weist darauf hin, dass neue Mauern an der Grenze der USA zu Mexiko, in Jerusalem und im Gazastreifen entstanden sind und weitere Mauern folgen werden. Der Däne Mogens Otto Nielsen schickte ein Objekt, das die Mauerreste, die er einst aus Berlin mitnahm, enthält. Mit der Verfremdung des West-Berliner Grenzschildes "Sie verlassen den Amerikanischen Sektor" in "Sie verlassen Ihr Gedächtnis" prangert Gerd Börner die Verklärung der SED-Diktatur an.

Diktatur der Kunst?

Vor zwanzig Jahren ist die Berliner Mauer gefallen. Ihre Zerstörung war eine soziale Plastik mit Musik. Jürgen Kierspel aus Stuttgart erinnert sich noch immer gern an das "Tock, tock" der Mauerspechte. Mit ihrer künstlerischen Praxis leisten Mail-Artisten seit Jahrzehnten einen Beitrag zur Erweiterung des Kunstbegriffs. Im Netzwerk wurden die Ideen von Robert Filliou und Joseph Beuys nicht nur kommuniziert, sondern wirklich praktiziert. Indem sich Künstler in den Dienst der Vernetzung stellen und neue Kommunikationsstrukturen aufbauen, tritt die Kunst selbst zuweilen in den Hintergrund. Das macht aber nichts, wenn man in einer Mail Art-Ausstellung auch so schöne Karten wie die von Judy Skolnick sehen kann.

Der australische Konzeptkünstler David Dellafiora hat die Mauer zu einem Beweisstück von historischer Bedeutung erklärt. Der Italiener Claudio Romeo hat aus einem Mauerstück ein Readymade gemacht und es mit der Aufschrift "R. Mutt" versehen, mit der Duchamp einst sein legendäres Pissoir signierte. Ruggero Maggi, ebenfalls aus Italien, gestaltete ein Verkehrsschild, das auf die erdrutschartigen Veränderungen der Welt seit 1989 und ihre Probleme wie Globalisierung, Armut und Klimawandel hinweist und vor ihnen warnt.

Rainer Wieczorek aus Berlin meint, dass Mail Art vor allem Denk Art ist. Für ihn kann es keine "Diktatur der Kunst" (Jonathan Meese) geben, sondern nur Diktaturen von Diktatoren. Damit tritt er in eine Diskussion ein, die zunächst offen bleiben muss. Denn Meeses Diktatur zielt auf eine Erweiterung des Kunstbegriffs ab, die noch radikaler gemeint ist, als die von Jospeh Beuys. Pit L. Grosse aus Ostfriesland nennt Meese wohl deshalb Postbeuys. Vielleicht wäre ein Mail Art-Projekt mit dem Motto "Diktatur der Kunst" auch mal etwas! Harald Goldhahn aus Marktleuthen fasst zusammen: "Mail Art ist Underground-Kunst geblieben, doch sie steht längst auf solidem Grund".



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