Mail Art Knast für eine Postkarte

Mail Art: Knast für eine Postkarte Fotos
Lutz Wohlrab/Friedrich Winnes

Wenn aus Kunst Ernst wird: Mit provokativen Polit-Postkarten piesackten ostdeutsche "Mail Art"-Künstler in den Achtzigern die SED-Oberen. Die Stasi filzte Briefkästen nach solch subversiven Botschaften und lochte manchen Mailartisten ein. Lutz Wohlrab zeigt eine Auswahl der kleinen Kunstwerke mit politischer Sprengkraft. Von

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Filzer, Stempel, Schere, Klebstoff und bergeweise Zeitungsschnipsel: Es muss ausgesehen haben wie in einem Kinderzimmer, als Ray Johnson 1962 eine Idee verwirklichte, die die Kunstwelt durcheinanderwirbeln sollte. Mit seiner "New York CorrespondAnce School" erhob er die Postkarte zum Kunstobjekt.

Johnson verzierte Briefe und Postkarten etwa mit Zeitungsausschnitten, die er mit kleinen Zeichnungen oder Slogans versah. Dann verschickte er sie an Freunde und Bekannte mit der Aufforderung, das gute Stück selbst zu verändern - und weiter zu verschicken.

Bald war eine eigene Szene entstanden, die, über das Postsystem vernetzt, miteinander kommunizierte und dabei Kunst produzierte - oft anarchisch, subversiv, provozierend, verspielt, witzig. Johnson etwa versandte Einladungen für Ausstellungen, die nie stattfanden, oder bestellte ahnungslose Mitmenschen per Postkarten-Collage zu einer bestimmten Zeit an einen bestimmten Ort, um sie zusammenzubringen.

Die New Yorker Schule löste er 1973 auf - aber die Idee war nicht mehr tot zu kriegen. Renommierte Künstler wie Joseph Beuys oder Christo hatten sie längst aufgegriffen, Ben Vautier hatte schon 1965 die legendäre Postkarte "The Postman's Choice" entworfen: Zwei identische Seiten mit unterschiedlich ausgefüllten Adressfeldern, die dem Postboten die Entscheidung überließ, wo sie hingehen sollte.

Das Tor zur Welt

Dann muss irgendwer irgendwann eine Mail- Art-Postkarte an eine Adresse jenseits des Eisernen Vorhangs geschickt haben - und brachte ein paar unabhängige Geister im Realsozialismus auf einen Gedanken. Denn mit den einfach und billig herzustellenden Postkarten-Collagen ließ sich die kommunistische Obrigkeit hervorragend piesacken und auf wunderbar subversive Weise mit Graswurzelbotschaften ein klein wenig Meinungsfreiheit herstellen. So ist es kein Wunder, dass die Mail Art ihre größte politisch-ästhetische Brisanz in der Zeit der Entspannungspolitik von 1974 bis 1989 hatte.

Gerade in der DDR hatte die Mail Art einen besonderen Stellenwert. Sie war für viele das einzige Tor zur Welt. Damit wurde die Post zu dem Medium für internationale Kommunikation. Alle Stil-, Sprach-, Kultur- und eben auch Staatsgrenzen zu überwinden, war Hoffnung und utopisches Ziel vieler Mailartisten. Vielleicht erscheint es heute naiv, sich hinter jeder Adresse einen potentiellen Freund vorzustellen. Damals war das ein ungeheuer schöner Gedanke, der im DDR-System natürlich suspekt war.

Die DDR-Staatssicherheit jedenfalls machte aus Mailartisten "Feinde". So lautete der Name des Operativen Vorgangs gegen die besonders aktive Mail-Art-Gruppe in Dresden um Birger Jesch, Jürgen Gottschalk, Steffen Giersch und Joachim Stange. Anlass für die Überwachung war das pazifistische Projekt "International Contact with Mail Art in the Spirit of Peaceful Coexistence", welches der Mailartist Birger Jesch im Februar 1981 in der Dresdner Weinbergskirche ausgestellt hatte. Auch waren Birger Jesch und Jürgen Gottschalk die einzigen DDR-Künstler, die es wagten, am Projekt "Solidarität mit Solidarnosc" des 1980 in die BRD übergesiedelten Ostberliner Galeristen Jürgen Schweinebraden teil zu nehmen. Im Abschlussbericht des OV "Feind" Stellte die Stasi 1984 fest, dass Gottschalk strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden konnte - er wurde gemäß Paragraph 220 DDR-Strafgesetzbuch ("Öffentliche Herabwürdigung") zu zwei Jahren und zwei Monaten Haft verurteilt.

Seltsame Vorgänge in "Stelle 12"

Es sei gelungen, die Mailartisten Steffen Giersch, Birger Jesch und Joachim Stange "anhaltend zu verunsichern und in ihrer Wirksamkeit weitestgehend zurückzudrängen", hieß es in dem Abschlussbericht zu OV "Feind" weiter: "Durch ein gleichlaufendes Vorgehen des MfS gegen Kontaktpartner in der DDR konnte festgestellt werden, dass die Problematik Mail Art aus operativer Sicht keinen Schwerpunkt mehr darstellt und weiter an Wirksamkeit verliert. Die OV-Personen mussten erkennen, dass die Mail Art ein untaugliches Mittel ist, in irgendeiner Form die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR anzugreifen."

Hier irrte die Stasi. Gerade in den Jahren ab 1984 wurde Mail Art zu einer DDR-weiten Bewegung mit vielen Ausstellungen und subversiven Aktionen vor allem in Zusammenarbeit mit kirchlichen Friedens- und Demokratiegruppen. Joachim Stange rief 1984 zum Projekt "Nie wieder Dresden und Hiroshima 1945" und 1986 zu "Tolerance" auf und wurde bis 1989 von der Stasi "bearbeitet, zwei konspirative Hausdurchsuchungen eingeschlossen. Nachdem er 1985 das Genfer Gipfeltreffen zwischen US-Präsident Ronald Reagan und dem Sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow auf einer Postkarte mit "In Genf nur Senf" ironisiert hatte, wurde ihm eine Geldstrafe in Höhe eines Monatsgehalts auferlegt. Ähnlich erging es anderen Mailartisten.

Mit ungeheurem Aufwand versuchte der SED-Staat, die Verbreitung unbotmäßiger Meinungen auf dem Postweg zu verhindern. Über 2000 Mitarbeiter hatte allein die "Abteilung M" der Staatssicherheit, der die Postkontrolle oblag. Rund 10 Prozent aller Briefe wurden täglich geöffnet, das waren rund 90.000 Sendungen. In allen 15 Briefverteilämtern der DDR, also in jedem Bezirk, gab es geheime Hinterzimmer der Stasi (Tarnbezeichnung "Stelle 12"), zu denen Postmitarbeiter keinen Zugang hatten. Hier wurden alle Briefe und Karten gesichtet, auffällige Post aussortiert und Stichproben durchgeführt; es gab Listen von Absendern und Empfängern, die observiert wurden.

"Wider die Grundsätze der sozialistischen Moral"

Die beschlagnahmte Post wurde von als Postlern getarnten Stasi-Leuten zu konspirativen Umladestationen gebracht. Von dort wurde die Fracht in zivilen Fahrzeugen in die Bezirksverwaltungen des MfS zu den eigentlichen "Abteilungen M" mit den Wasserdampftischen gefahren. Alle Leiter der Briefverteilämter kooperierten eng mit der Staatssicherheit, manche als "Offiziere im besonderen Einsatz" (kurz "OibE"). Wenn sich ein Brief nicht ohne Beschädigung öffnen ließ, behielt ihn die Stasi einfach ein. Solche Post fanden Stasi-Opfer dann nach dem Ende der DDR bei der Einsicht in ihre Akte wieder.

Um dem Überwachungsstaat ein Schnippchen zu schlagen, gaben Mailartisten wichtige Sendungen als Einschreiben auf - damals mit 40 Pfennig recht preiswert. Das schützte zwar auch nicht vor Verlust, doch immerhin zahlte die DDR-Post bis zu 40 Ost-Mark für ein verlorenes Einschreiben. Mit Nachforschungsaufträgen ließen sich die Funktionäre gelegentlich zum Eingeständnis der Postzensur bewegen. So teilte das Hauptpostamt Dresden 6 Birger Jesch einmal mit, dass er keinen Ersatzanspruch für Sendungen hätte, die "wegen ihrer äußeren Beschaffenheit den Grundsätzen der sozialistischen Moral zuwiderlaufen". Er hatte auf einer Postkarte aus Karl-Marx-Stadt das zweite R weggekratzt und aus dem X ein Y gemacht. Karl May aber war in der DDR verboten.

Jesch wurde außerdem mitgeteilt, dass seine Karte "zwecks Untersuchung dem zuständigen staatlichen Organ übergeben" worden sei. Hier wird der gemeine Trick der Stasi-Postkontrolle sichtbar: Sie beauftragte die Leiter der Hauptpostämter, sich in rückdatierten Schreiben als Ordnungshüter auszugeben - in Wirklichkeit übergab die Post der Stasi keine auffälligen Karten oder Briefe, denn die MfS-Leute sahen die ja immer zuerst.

Das Baby, das nicht "Held der Arbeit" sein durfte

Der Berliner Mailartist Friedrich Winnes (1949-2005) wurde von der Stasi von 1977 an zehn Jahre lang "bearbeitet". In seinen Akten ist ein Vorgang dokumentiert, der 1980 um ein Haar zu seiner Verhaftung geführt hätte: Die Abteilung M spürte in einem Brief vom 28. September 1980 an den polnischen Mailartisten Tomasz Schulz zwei Fotocollagen auf. Eine davon zeigte Winnes' gerade geborene Tochter, auf deren Brust der Orden "Aktivist der Arbeit" prangte.

In Polen herrschte damals noch nicht das Kriegsrecht und der rapide wachsende Einfluss der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc" im Nachbarland machte die DDR-Führung zunehmend nervös. Im Verschicken von Babyfotos mit Orden sah die Stasi so die "Tatbestandsmerkmale gem. § 220 StGB erfüllt". Der sah für die Verbreitung von "Symbolen, die geeignet sind, die staatliche oder öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen, das sozialistische Zusammenleben zu stören oder die staatliche oder gesellschaftliche Ordnung verächtlich zu machen" bis zu drei Jahren Gefängnis vor.

Offenbar nur durch Schlamperei der Stasi blieb Friedrich Winnes die Verhaftung erspart. Er erhielt allerdings eine dreijährige Einreisesperre in die Volksrepublik Polen. Mitgeteilt wurde ihm das Verdikt nicht.

Lutz Wohlrab, selber Mail-Art-Macher, hat einen Mailartisten-Index ins Netz gestellt. Dort sind die Biografien der erwähnten sowie vieler anderer Künstler nachzulesen. Außerdem hat er zusammen mit Friedrich Winnes das Standardwerk: "Mail Art Szene DDR 1975 - 1990" im Verlag Haude & Spener (Berlin 1994), herausgegeben.

Er arbeitet als Psychoanalytiker in eigener Praxis in Berlin. Zuletzt gab er das Buch "Filme auf der Couch - Psychoanalytische Interpretationen" (Gießen 2006) heraus.


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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Friedemann Weber 12.04.2008
Der Briefträger trägt Polizistenuniform. Karl May war anfangs verboten, in späteren Jahren wurden seine Bücher gedruckt. So viel zum Thema Detailkenntnis. Oder ist die nicht erwünscht? Dann hätten wir wieder DDR-Verhältnisse... cfw
2.
Lutz Wohlrab 03.07.2008
Nachdem Jürgen Gottschalk 1983 Berufsverbot erhielt und einen Ausreiseantrag stellte, wurde er 1984 durch die Staatssicherheit verhaftet. 1985 erfolgte der Häftlingsfreikauf und der Neubeginn in Hannover. 1991 kehrte Jürgen Gottschalk nach Dresden zurück. Über seine Erfahrungen berichtet er in seinem Buch "Druckstellen", Dresden 2006.
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