Mail-Art-Künstler Robert Rehfeldt "Kunst ist, wenn sie trotzdem entsteht"

Er erhob den Briefverkehr zu Kunst und war Schaltstelle zwischen Künstlern in Ost und West: Der Ost-Berliner Robert Rehfeldt gilt als einer der Gründerväter der deutschen Mail Art. Jetzt würdigt ein neues Buch Leben und Werk des 1993 Verstorbenen.

Lutz Wohlrab

Robert Rehfeldt wurde am 5. Januar 1931 in Stargard in Pommern geboren. Nach dem frühen Tod seines Vaters kam er zu Pflegeeltern, bevor ihn seine Mutter zu sich nach Berlin holen konnte. 1940 gelangte er mit der Kinderlandverschickung zu einer Pflegefamilie nach Bad Ischl in Österreich. Nach dem Krieg war er als Steinmetzgehilfe und Transportarbeiter tätig, bevor er von 1948 bis 1953 an der Hochschule für Bildende Künste in West-Berlin studierte. Danach arbeitete er im Ostteil der Stadt als Grafiker, Pressezeichner und Bildjournalist. Seit 1963 war Rehfeldt freischaffend tätig und gehörte zu den experimentellen Künstlern im Ostteil der Stadt.

1975 bat er Künstler aus aller Welt um die Gestaltung einer Postkarte und machte daraus - anlässlich einer eigenen Ausstellung in der Galeria Teatru Studio in Warschau - die erste Mail Art-Ausstellung der DDR. Er inspirierte die legendären Mail Art-Ausstellungen in der Ost-Berliner Galerie Arkade 1978 und in der EP-Galerie von Jürgen Schweinebraden 1979.

Auf diese Weise erlangte Rehfeldt entscheidende Bedeutung für die internationale Mail Art-Szene. Es gelang ihm, ein weitreichendes Netz zwischen Ost- und Westeuropa, den USA und Lateinamerika aufzubauen. Rehfeldts Atelier in Berlin-Pankow wurde so für andere Ostdeutsche zum Informationsbüro über westliche Kunstentwicklungen. Über Joseph Beuys etwa konnte Rehfeldt "wie über einen Nachbarn erzählen", wie Eugen Blume, der Direktor des Hamburger Bahnhofs, dem Museum für Gegenwart in Berlin, sagt.

Der Zusammen-Arbeiter

Beuys' Antworten auf Rehfeldts Postsendungen waren knappe Widmungen auf Drucksachen - immerhin. Trotzdem befand sich Rehfeldt wohl im Zwiegespräch mit Beuys, der jeden mit seinen Slogans ja unmittelbar ansprach. Am bekanntesten ist Beuys' Ermutigung "Jeder Mensch ist ein Künstler" - er stellte aber auch klar, dass der Fehler bereits dort anfängt, "wo sich einer anschickt, Leinwand und Keilrahmen zu kaufen". Rehfeldts Entgegnung hieß: "Kunst ist, wenn sie trotzdem entsteht". Schließlich ging er so weit zu behaupten, nur noch Kunst zu kennen. Am besten gefiel mir sein Gedanke: "Meine Idee hilft deiner Idee, unsere Ideen helfen andern Ideen."

Rehfeldt war ein Zusammen-Arbeiter. Vielleicht war für ihn Warhol noch wichtiger als Beuys? Am liebsten hätte er wohl auch so eine Art Factory gehabt. Jeden, der zu ihm kam, wusste er zu beschäftigen - als Handwerker oder Handlanger, als Chauffeur, Fotograf, zum Besorgen von irgendetwas oder einfach als Zuhörer.

Ich lernte Robert Rehfeldt im Mai 1985 anlässlich der Eröffnung einer Ausstellung von Oskar Manigk in der inoffiziellen Prenzlauer-Berg-Galerie in der Sredzkistraße kennen. Weil ich mich, gerade von der Greifswalder Universität geflogen, nicht als Hilfskrankenpfleger des Fachkrankenhauses Lichtenberg definieren wollte, ernannte ich mich selbst zum Forschungsstudenten in Rehfeldts Mail Art-Archiv. Wenn mich Robert mit seinen langen Erzählungen nicht gerade von der Arbeit abhielt, sortierte ich für ihn die Posteingänge.

Der Zukunft den Stempel aufdrücken

Für den Ost-Berliner Teil des 1. Dezentralen Internationalen Mail-Art-Kongresses, der im September 1986, da offiziell verboten, ersatzweise in seinem Atelier stattfand, gestaltete ich eine kleine Ausstellung. Für das Kongress-Foto lieh er mir eine alte Studentenmütze aus seinem Fundus. Kurz darauf stellte ich eine beträchtliche Anzahl von Leihgaben aus dem Rehfeldt-Archiv für die von Walter G. Goes geplante Ausstellung Künstlerbriefe/Briefzeichnungen in der Orangerie Putbus zusammen. Rehfeldt schickte mich im Januar 1987 nach Rügen, um an seiner Stelle die Eröffnungsrede zu halten - doch die Ausstellung wurde nach einem Rundgang der verantwortlichen DDR-Kulturfunktionäre noch vor ihrer Eröffnung verboten.

Bei seinem Auftritt zur Permanenten Kunstkonferenz im Mai 1989 in der Berliner Galerie Weißer Elefant überließ er dem Künstlerkollegium B.E.R.M. die Vorbereitung der Ausstellung und dem Publikum seine Stempel. Er selbst spielte lieber auf seiner Gitarre. Von diesem Tag gibt ein schönes Foto von uns, dass mir Rehfeldt überarbeitet als Postkarte schickte. Sein "Drücke der Zukunft deinen Stempel auf" verstand ich als Aufforderung. Als die PDS Pankow diesen Spruch auf einen Poststempel montierte und als Plakat für ihren Wahlkampf im März 1990 benutzte, wollte ich, dass Robert sich dagegen wehrt. Er winkte nur ab.

Ende 1990 war ich dabei, als Wolf Vostell seine Assemblage "9. November 1989" im ehemaligen DDR-Zentrum für Kunstausstellungen am Weidendamm in Berlin präsentierte. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Die Ausstellung bestand nur aus einem einzigen Bild, wenn auch aus einem ziemlich großen. Die eingefügten Monitore zeigten Aufnahmen vom Mauerfall und das aktuelle Fernsehprogramm. Wolf Vostell war eine eindrucksvolle Erscheinung, aber Robert befand sich an diesem Abend im Ausnahmezustand. Was hatte ihn so nah an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht?

Gescheitert am Übermalen von Honecker-Porträts

Etwas Ähnliches erlebte ich noch einmal, als ich ihn zu einer Vernissage in einen US-Stützpunkt in West-Berlin fuhr. Dazu brauchte man nicht nur eine persönliche Einladung sondern auch seinen Ausweis. Ich fand es ziemlich verrückt, mit unseren DDR-Personalausweisen auf ein Gelände der US-Army zu gelangen. Doch auch dort störte Robert bald so sehr, dass man uns hinauswerfen wollte.

Bald gab er sein geräumiges Atelier mit Nebengelass in der Mendelstraße auf. Er bezog dort eine kleine Wohnung und fand ein neues Atelier bei einem Sponsor in Spandau. Dort standen große Honecker-Bilder, die er übermalen wollte - und an denen er wohl gescheitert ist, im Gegensatz zur Schnelligkeit, mit der Vostell ein historisches Gemälde abliefern konnte.

Im September 1992 kam Robert Rehfeldt zum Berliner Treffen des 2. Dezentralen Internationalen Mail Art- und Networker-Kongresses. 23 Teilnehmer aus Ost und West saßen damals im Art-Strike-Café in der Käthe-Niederkirchner-Straße vergnügt beisammen. Bei diesem Post-DDR-Mail-Art-Kongress fassten wir Jüngeren den Entschluss, die DDR-Mail-Art-Szene in einem Buch zu dokumentieren. Wir wollten das ohne Robert Rehfeldt tun. Er unterstützte uns aber mit Leihgaben aus seinem Archiv und hatte - ganz er selbst - sofort die Idee, die Seiten unseres Buches in sein noch viel größeres, weltumfassendes Mail-Art-Buch einzubinden. Leider wurde aus dieser Idee nichts mehr. Robert Rehfeldt starb am 28. September 1993 überraschend nach einer Operation in Berlin. Als unser Buch "Mai-Art-Szene DDR 1975-1990" erschien, haben wir es ihm gewidmet.

Robert Rehfeldt schuf ein beachtliches graphisches Werk und beschäftigte sich auch mit der Fotografie sowie dem Super-8-Film. Posthum wurden seine Werke in wichtigen Gruppenausstellungen gezeigt. Ich mochte ihn sehr und hörte ihm gern zu - nur nicht zuletzt, als mich seine Anrufe in den frühen Morgenstunden doch so nervten, dass ich abends einfach den Stecker aus der Wand zog, Sorry, Robert!

Lutz Wohlrab, selber Mail Art-Macher, hat einen Mailartisten-Index ins Netz gestellt. Dort sind die Biografien der erwähnten sowie vieler anderer Künstler nachzulesen. Außerdem hat er zusammen mit Friedrich Winnes das Standardwerk: "Mail Art Szene DDR 1975 - 1990" im Verlag Haude & Spener (Berlin 1994), herausgegeben. Er arbeitet als Psychoanalytiker in eigener Praxis in Berlin. Zuletzt gab er das Buch "Robert Rehfeldt. Kunst im Kontakt" heraus.



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