Maler im Südsee-Exil Einmal Eden und zurück

Maler im Südsee-Exil: Einmal Eden und zurück Fotos

Künstlerglück in der Südsee: 1914 reiste Max Pechstein nach Palau. Vier Monate blieb der Maler dort, bis der Ausbruch des Ersten Weltkriegs seinen Aufenthalt im Paradies beendete. Die pazifische Idylle hielt der Deutsche in zahlreichen Zeichnungen fest - ein Großteil dieser Werke galt lange als verschollen. Jetzt sollen die Bilder neu veröffentlicht werden. Von

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"Ein paar Jahre draußen bleiben" - mehr wollte Max Pechstein nicht, als er 1914 den Dampfer in Richtung Mikronesien bestieg. Raus aus Deutschland. Raus aus Dresden, wo der Maler 1906 der legendären expressionistischen Künstlervereinigung "Die Brücke" beigetreten war. Weg von den Moritzburger Teichen, wo Pechstein in den Jahren zuvor ein ungezwungenes Leben mit seinen Künstlerfreunden geführt hatte. Doch aus den "paar Jahren" sollten nur ein paar Monate werden - dann verstieß Pechsteins Exilparadies den Maler.

Vieles war damals in Bewegung im Leben Pechsteins: Mit der Umsiedlung der "Brücke" nach Berlin hatte er sich zunehmend von der Künstlergruppe entfremdet: Während seine Kollegen sich von der Metropole inspiriert fühlten, ließ das Großstadtleben Pechstein kalt. Hinzu kamen prinzipielle Streitigkeiten über die Abgrenzung des Künstlerkollektivs: 1912 wurde er als Verräter von der Gruppe verstoßen, weil er an einer Ausstellung teilgenommen hatte, die von einer anderen Künstlergruppe organisiert worden war.

Pechstein hatte genug von dem Lärm der Großstadt und dem Kleingeist seiner Kollegen: Er suchte die Ursprünglichkeit in Leben und Kunst. Abseits gesellschaftlicher Zwänge wünschte sich der damals 32-Jährige, dem natürlichen Leben auf die Spur zu kommen - und beschloss, ins Ausland zu gehen. Schon während seiner Studienzeit hatte Pechstein die bemalten Deckenbalken eines Männerhauses von den mikronesischen Palau-Inseln im Dresdner Museum bewundert. Und so beschloss er im Sommer 1914, nach Mikronesien auszuwandern. 10.000 Mark gab ihm sein Galerist als Vorschuss für die Bilder mit, die er auf seiner Reise malen wollte - und Pechstein machte sich gemeinsam mit seiner Frau Charlotte auf dem Dampfer "Derfflinger" auf die sechs Wochen lange beschwerliche Fahrt von Genua in die ehemalige deutsche Kolonie Palau.

Am 21. Juni erreichten Max und Charlotte Pechstein nach ermüdender Fahrt endlich die Inselgruppe - und ließen sich auf der Insel Koror nieder, die damals nur etwa 500 Einwohner zählte. Lediglich vier Monate sollte ihr Leben im Paradies dauern - doch die Eindrücke, die sie im Südseeparadies sammelten, würden sie ihr Leben lang begleiten.

Luxusleben auf der Insel

Auf Koror hielt Max Pechstein die Vielfalt neuer Eindrücke in zahlreichen Skizzen und Zeichnungen der pazifischen Idylle fest. Schnell war der Maler der Südsee-Kultur mit Haut und Haaren verfallen, und mit ihr veränderten sich auch die Bilder, die er schuf: Dunkelhäutige Gestalten beim Fischfang, in lange Gewänder gehüllte Insulaner in Palmenwäldern, tropische Blumen vor fremdartigen Holzschnitzereien. Doch nicht jeder sollte die Begeisterung teilen, die Pechstein für seine neuen exotischen Motive entdeckte: Etliche der Aquarelle, Ölgemälde und Grafiken, die der Maler in dieser Zeit schuf, wurden Jahre später unter dem NS-Regime in Deutschland beschlagnahmt und als "entartete Kunst" diffamiert.

Wie er in seiner Autobiografie "Erinnerungen" erklärte, fand er in der Südsee genau jene Ursprünglichkeit, die er sehnlich gesucht hatte, und erfuhr die Schönheit der unberührten Natur: "Ich sehe die Kunstgriffe, mit denen dieses Urvolk seinen Körper ziert, sich an selbstherrlichen Veränderungen der Natur am eigenen Leibe zu erfreuen, an der Lust zur Formbildung. Ich sehe die geschnitzten Götzenbilder, die zitternde Frömmigkeit und Ehrfurcht vor den Gewalten der Natur."

Pechsteins eigener Inselalltag war hingegen weit weniger von zitternder Frömmigkeit geprägt: Er ließ es sich gutgehen, lief den ganzen Tag über halbnackt umher, wurde morgens bereits von einem jungen Mikronesier mit einer Fußmassage geweckt, und wenn er Hunger hatte, brachte eine barbusige Mikronesierin ihm Speisen. Pechstein schwärmt in seinen Aufzeichnungen von der freizügigen Bedienung: "Den Steinweg hinunter kommt die schlanke Aod, schmuck im gelbschwarzen Grasrock, den Arm hochgestreckt, trägt sie auf dem Kopf einen Korb Tarokknollen für mich; ihre Brüste strecken in die Luft. Ich behalte sie gleich da zum Malen."

Mitten im Paradies

Doch die Einheimischen waren für Pechstein nicht nur exotische Motive, sondern mitunter sogar Künstlergefährten: So ließ der Maler hin und wieder einen Palauer an einer seiner Skulpturen arbeiten. Etwas gönnerhaft schrieb Pechstein einmal, er lasse dem Insulaner die Freude, weil der ihm nichts verderbe.

Allmählich begannen die Pechsteins, von Koror aus auch die benachbarte Inselwelt zu entdecken - etwa die Inseln Ngetkip, Irrai, Ngiul und Ngkeklau an der Süd- und Südostküste des Korallenatolls Babelthuap. Besonders beeindruckt zeigte Max Pechstein sich jedoch, als er am Morgen des 6. September 1914 auf der benachbarten Insel Melekeok anlegte. Er schwärmte: "Wohlige Schauer durchrieseln den Körper, und erwartungsvoll ist die Seele auf den funkelnden Tag gestimmt. Beim Festmachen umkrächzen uns Kraniche und schießt einem blauen Strahle gleich der Eisvogel ins Grün der Dickichte, höher in der Luft schwebt der weiße Steuermannsvogel mit seinem schönen Lyraschwanz."

Pechsteins Begeisterung für die Insel überschlug sich förmlich, als er hier zudem genau jene mikronesische Kunst wiederentdeckte, die einst im Dresdner Museum seine Begeisterung für Palau entfacht hatte - die reichen Verzierungen der Räume: "Dem Bootshause zugehend bemerke ich, dass die Steine des Bodens zum Teil in Reliefs ausgehauen sind, Schildkröten, Fische, Ratten, Hähne, in schöner Fläche stilisiert." Der Maler ergötzte sich an den geschnitzten Figuren, die an den das Dach tragenden Säulen der Häuser angebracht waren: "Starr tragen sie ihre Last und halten Wache, den frechen Räuber zu schrecken."

Der Untergang des Paradieses

Der Erste Weltkrieg bereitete dem Aufenthalt der Pechsteins im Palmenparadies ein jähes Ende. Am 1. August 1914 erklärte Deutschland Russland den Krieg, und schon 14 Tage später besetzten die Japaner die Palau-Inseln. Die Sympathie der Insulaner gegenüber dem Maler kühlte ab. Am 1. November 1914 schließlich reisten die Pechsteins und alle deutschen Beamten, darunter der Stationschef mit seiner einheimischen Frau, ab. Mit nur wenigen Habseligkeiten im Gepäck mussten sie ihr Inselexil überstürzt verlassen.

Gerade noch hatte Pechstein wie ein Gott im Paradies gelebt - jetzt musste er plötzlich mit dem Notwendigsten auskommen: "Mein Hab und Gut ist zusammengeschrumpft auf eine Reisetasche und einige Kisten mit Arbeitsmaterial. Alles andere musste ich zurücklassen." An Kleidungsstücken behielt er nur den Tropenanzug, den er am Leib trug, sowie einen europäischen Anzug.

Aber es kam noch schlimmer: Auf ihrer Rückreise wurden die Pechsteins zunächst von den Japanern festgehalten. Erst, nachdem sie eine Woche in Nagasaki zwangsinterniert waren, konnten sie am 3. November 1914 von der West-Karolinen-Insel Jap ihre Rückreise antreten. Auf dem japanischen Passagierschiff "Kamkura Maru" fuhren sie endlich gen Heimat. Doch dort war nichts mehr, wie es gewesen war.

Sein Paradies hatte der Maler verloren - aber auch zu Hause erwartete ihn nun nicht mehr die heile Welt, aus der er noch vor wenigen Monaten in sein selbstgewähltes Exil aufgebrochen war: Nach seiner Ankunft in Deutschland wurde Max Pechstein sofort als Soldat in die Somme-Schlacht in Flandern, die verlustreichste Schlacht des gesamten Ersten Weltkrieges, geschickt. Von den vier Monaten in der Ferne blieb ihm so am Ende nichts als Schrecken - und Bilder von einem verlorenen Paradies.

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