Künstler, Kulturrebell, Kommunarde Als der "Kohlrabi-Apostel" vom Paradies träumte

Der Maler Karl Wilhelm Diefenbach missionierte vor 130 Jahren als Vegetarier, Nudist und Pazifist - in der prüden Gesellschaft des Kaiserreichs eckte er damit an.

Stadtmuseum Hadamar

Der Gendarm war erschüttert, als er im Isartal bei München durch die Hecke auf ein Grundstück lugte: ein Kleinkind auf der Terrasse - nackt! Schlimmer noch: ein junger Mann im Gras, im "adamitischen Kostüm", den "Allerwertesten unehrerbietig gen Himmel gerichtet", wie sich Zeitungen ereiferten.

Was für die prüde Gesellschaft vor 130 Jahren zu viel war, war zu viel. Der Hausherr und Vater des Kindes musste sich im Sommer 1888 im ersten "Nudistenprozess" Deutschlands verantworten - prompt wurde Karl Wilhelm Diefenbach zu sechs Wochen Haft verurteilt.

Der Maler eckte nicht zum ersten Mal an. Diefenbach war nicht einfach Künstler, sondern Kulturrebell mit Leib und Seele: Als "Sonnenanbeter", Vegetarier und Anhänger der freien Liebe, als Sozialreformer und Pazifist lehnte er sich gegen etliche Usancen seiner Zeit auf. Dass man ihn als "Kohlrabi-Apostel", "Grasfresser" und weltfremden Spinner verspottete, nahm er stoisch hin. Seine Anhänger immerhin sprachen ihn mit "Meister" an.

1851 in der Kleinstadt Hadamar - damals Herzogtum Nassau - geboren, zog es Diefenbach als jungen Mann an die Akademie der bildenden Künste in München. Eine Typhusinfektion zwang ihn über Monate ins Krankenhausbett; an den Spätfolgen einer misslungenen Operation sollte er sein Leben lang leiden.

Barfuß in Wollkutte durch München

Eine Traubenkur brachte zeitweilige Besserung. Da schwor er Fleisch, Alkohol, Kaffee, Tabak ab und nahm Kontakt zu Eduard Baltzer auf. Der hatte 1867 den ersten Vegetarierverein in Deutschland gegründet und machte die fleischlose Ernährung bekannt. Fortan erklärte auch Diefenbach, dass "der Menschenmord nur die natürliche Folge des Tiermordes" sei. Fleischgenuss erzeuge "unbezähmbare Leidenschaften, Einzelreichtum und Massenelend und allgemeine Verrohung, und ist vom Kannibalismus nur dem Grade nach verschieden".

1882 hatte er beim Anblick des Sonnenaufgangs auf dem Hohenpeißenberg in Oberbayern ein spirituelles Erweckungserlebnis. Diefenbach verstand sich nunmehr als Prophet. Er kombinierte Vegetarismus mit anderen Strömungen der Lebensreformbewegung.

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Karl Wilhelm Diefenbach: Nackt und naturnah - die Hippies der Jahrhundertwende

Im Kaiserreich waren seine Ideale und Ambitionen nicht ganz so exzentrisch, wie man heute vermuten könnte. Bereits vor der Jahrhundertwende formierte sich eine beachtliche Bewegung von Menschen, die im Zeitalter von Industrialisierung, Urbanisierung und Verelendung nach einem Leben im Einklang mit der Natur suchten.

Dazu passten vegetarische Ernährung, Sonnenbäder, Freikörperkultur - und in der Öffentlichkeit eine Reformkleidung, die aus einer Wollkutte und sonst gar nichts bestand. Die "Kleiderseuche" mache den Körper krank, so Diefenbach, weshalb der "Meister" häufig barfuß in Kutte durch München wandelte.

Auf gesellschaftliche Konventionen pfiff er. Die Ehe? Ein "Zwangsinstitut". Die Kirche? Noch schlimmer, ein "Satansinstitut". Diefenbach brachte seine Ideale auf weit mehr als hundert Gemälden zum Ausdruck und propagierte sie in München bei öffentlichen Vorträgen, die ihm allerdings bald untersagt wurden. Auch schweigend sorgte er in seiner weißen Tracht für Aufsehen und notierte 1885 nach einem Theaterbesuch im Tagebuch: "Überall Zusammenlauf der Massen. Närrisches, kindisches Volk."

Künstlerwerkstatt im Sphinx-Kopf

Im selben Jahr zog er aus dem konservativen München ins bayerische Umland und gründete bei Höllriegelskreuth die Kommune Humanitas, aber er konnte die staatlichen Zwänge auch dort nie abschütteln. Argwöhnisch beobachteten die Behörden, dass der Nachwuchs nackt im Garten spielte, dass Diefenbach seinem dritten Kind nur Pflanzenkost gab, nicht einmal Tiermilch. Zudem steckte der Maler permanent in finanziellen Nöten. Der künstlerische Durchbruch blieb aus: Publikum und Presse interessierten sich kaum für seine Bilder, nur für sein kurioses Leben.

Diefenbach versuchte daher 1892 einen Befreiungsschlag - und erlebte ein Desaster. In Wien zog seine Ausstellung für den Kunstverein zwar Besucherscharen an. Doch am Ende stand der Künstler völlig mittellos da, weil der hochverschuldete Verein Gelder aus einem Darlehen veruntreute, das mit seinen Werken versichert war.

Danach ging Diefenbach auf Reisen, mit einer Alpenüberquerung und einer Tour nach Ägypten, wo er vom Bau eines Tempels in Sphinxgestalt träumte. Seine Idee: Im Unterbau sollten Bildhauerwerkstätten, ein Schwimmbad und eine Gruft für des "Meisters" Leichnam Platz finden. Der gigantische Sphinxkopf sollte ab 40 Meter Höhe begehbar sein und Schlafzimmer sowie Werkstätten des Künstlers beherbergen.

Aus den etwas größenwahnsinnigen Plänen wurde: nichts. Der Künstler reiste zurück nach Wien. Dort hatten Anhänger mittlerweile die Ehrenvereinigung zur Rettung Karl Wilhelm Diefenbachs gegründet, um ihn "als gewaltigen Bahnbrecher einer höheren Kulturepoche" zu feiern. Eine Ausstellung sollte durch Europa wandern und endlich dem Mann aus Hadamar zu Ruhm verhelfen.

Führerprinzip in der Kommune

Im Wiener Stadtteil Ober-St.-Veit gründete Diefenbach eine neue Kommune in einer früheren Gaststätte. Im Himmelhof lebten von 1897 und 1899 bis zu 24 Mitglieder zusammen, darunter Kunststudent "Gusto" Gräser, ein späterer Mitgründer der Schweizer Kolonie Monte Verità für zivilisationsmüde Aussteiger - quasi die Hippies der Jahrhundertwende.

Vegetarische Ernährung, Sonnenbäder und Reformkleidung zählten zu den Regeln dieser Kommune. Die Philosophie fasste Gräser so zusammen: "Wir streben nach dem Paradies der Erden. (...) Die unmenschlichen Rohheiten, die Entartung der heutigen Gesellschaft sind von uns erkannt und verbannt worden."

Eine flockige Aussteigergemeinschaft war der Himmelhof mitnichten. Diefenbach sah sich als göttlichen Erzieher und führte seine Jünger mit harter Hand. Ein Mitglied hielt fest: "Wir alle zusammen bilden eine im Sinne des Meisters geleitete Familie Diefenbach, die als ihren Führer und Lehrer den Meister als Oberhaupt hat und diesem im Vertrauen auf seine Führerschaft in allem und jedem unbedingten Gehorsam zu leisten hat."

Alleinspaziergänge in die Stadt waren verboten, Briefe wurden zensiert, alle mussten dem "Meister" Tagebucheinträge über ihre Aktivitäten vorlegen. Erotische Beziehungen innerhalb der Kommune waren tabu - außer für Diefenbach selbst, der sich wechselnden Vorzugsdamen hingab.

Die "Schnorrer" vom Himmelhof

Unruhe konnte Diefenbachs autoritärer Stil nicht verhindern; es kam zu Streitigkeiten und Liebesdramen, die meist um seine Tochter Stella kreisten. Die örtliche Presse warf der verruchten Gemeinschaft "unsittliches" Treiben vor, beschimpfte sie als "Schnorrer" und Diefenbach als "Meister des Nichtstuns".

Knapp zwei Jahre und einen Ausstellungsflop später war Schluss mit der Suche nach dem Paradies auf Erden. Diefenbach, abermals pleite, musste den Himmelhof mit seinen Jüngern verlassen, seine Werke wurden zwangsversteigert. Er reiste nach Triest, wollte von dort weiter in den Orient, ließ sich dann aber auf der Künstlerinsel Capri nieder.

Er malte weiter, vor allem Landschaftsbilder, und hoffte bis zuletzt auf einen Durchbruch. Vergeblich - am 15. Dezember 1913 starb er an einem Darmverschluss. Ein Wegbegleiter notierte: "Ja, was haben wir verloren! Und wäre unser Freund wenigstens dahingegangen, wie ein schöner Sonnenuntergang; aber ach, sein Tod war, wie sein Leben, ein Sturm: unter plötzlich auftretenden, gewaltigen Schmerzen."

Diefenbach starb als einer, der immer wieder gescheitert war, und geriet schnell in Vergessenheit. Auf Capri sind noch heute im Kloster San Giacomo viele seiner Werke zu sehen - und manche seiner Vorstellungen, allen voran der Vegetarismus, sind uns heute wohl näher als seinen Mitmenschen damals.

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