Bilder einer Retortenstadt Mamma mia, Wolfsburg!

Bilder einer Retortenstadt: Mamma mia, Wolfsburg! Fotos
Heinrich Heidersberger

1962 fanden die ersten Gastarbeiter in der Wirtschaftswunderstadt Wolfsburg Arbeit und Heimat. Besonders gastfreundlich war die VW-Metropole zunächst nicht - offiziell wurden die Italiener verschwiegen. Eine Ausstellung rückt die Retortenstadt nun ins richtige Licht. Von

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"Man musste wirklich aufpassen, hier in der Stadt Italienisch zu reden." In ernstem Ton beschreibt Salvatore Cinà seine ersten Eindrücke von Wolfsburg und fügt zur Erklärung hinzu: "Weil du das Gefühl hattest, die haben dich alle verstanden." Cinà lacht, als er merkt, dass auch der Interviewer die Ironie verstanden hat. 1971 war Cinà nach Niedersachsen gekommen. Sein einziges Ziel: arbeiten, natürlich im VW-Werk. Deutsch zu können, sei gar nicht nötig gewesen, "hinter jeder Tür, wo man geklopft hat, war ein Italiener".

Als "groß und kalt" hatte die 14-jährige Assunta Gesualdi die Stadt empfunden, als sie im August 1970 zum ersten Mal in Wolfsburg aus dem Zug stieg. Auch ihr Vater arbeitete bei VW. Sie erinnert sich vor allem daran, wie sie oft mit ihrer Mutter zu Fuß zum Einkaufen gegangen sei und "dass vor dem Eingang von diesem großen Geschäft dann immer Gruppen von Italienern standen". Das "Hertie" war Treffpunkt der Italiener.

Wolfsburg galt zeitweise als größte italienische Gemeinde nördlich der Alpen. Der Hauptarbeitgeber hatte 1962 vom Anwerbeabkommen mit Italien Gebrauch gemacht und schon zwei Jahre später rund 6000 Arbeitskräfte vor allem aus dem Süden des Landes gewonnen. Italiener hatte es auch schon unter den Nationalsozialisten bei VW gegeben. Zu einer richtigen Metropole aber war die 1938 gegründete "Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben", wie sie zunächst offiziell hieß, erst später gewachsen. 1945 in Wolfsburg umbenannt, entwickelte sich im Verlauf von 25 Jahren aus einer dörflichen Siedlung mit Schloss eine junge moderne Stadt mit rund 75.000 Einwohnern und dem größten Autowerk Europas. Italienische Gastarbeiter hatten daran ihren Anteil.

Ganz Wolfsburg war ein einziges Wirtschaftswunder und das wollten die Stadtväter auch zeigen: Mit einem Bildband, der Attraktivität und Prosperität betonte. Und sie engagierten zu diesem Zweck keinen geringeren als den damals schon renommierten Architekturfotografen Heinrich Heidersberger. Er schien der ideale Mann, um die großzügigen Bauwerke, die weiten Plätze, die gut ausgebauten Straßen und natürlich das Werk dynamisch in Szene zu setzen. Rund zwei Jahre lang porträtierte er die Stadt und ihre Menschen. 1963, zum 25-jährigen Stadtjubiläum, erschienen seine Aufnahmen in dem Band "Wolfsburg. Bilder einer jungen Stadt". Geplant war, die Publikation nicht nur zu verkaufen. Sie sollte zugleich das künftige Repräsentationsgeschenk der Stadt Wolfsburg und des Volkswagen-Werkes sein. Die Italiener allerdings wurden in diesem Buch mit keiner Silbe erwähnt.

"Die Aufnahmen durch bessere ersetzen"

Mit repräsentativen Publikationen hatte die Stadt Wolfsburg von Anfang an wenig Glück: 1958 war der Band eines Reisebuch-Verlages über Wolfsburg erschienen, der dem damaligen Oberstadtdirektor offenbar wenig Freude bereitete. Bereits im Jahr darauf machte er sich Gedanken über einen "demnächst notwendigen Ersatz". 1960 dann brachte ein Stuttgarter Verlag einen Bildband "Wolfsburg" heraus. Doch diesmal mäkelte die Lokalpresse: Bei der Zusammenstellung des Bändchens sei man "nicht immer sorgfältig vorgegangen".

Der Verlagsleiter hatte die Architekturaufnahmen kurzerhand selbst geknipst, woraufhin sich die Stadt veranlasst sah, die Sache in die eigene Hand zu nehmen: Für eine zweite Auflage ließ sie die Fotos austauschen. Doch noch immer fand die Presse, dass die Bilder "leider zu wünschen übrig" ließen.

Die Erwartungen an Heidersberger, der 1961 seinen Wohnsitz von Braunschweig nach Wolfsburg verlegt hatte, waren somit von Beginn an hoch. "Es ist natürlich schwer", bemerkte die "Wolfsburger Allgemeine" ganz im Stil einer lokalen Autorität, "ein wirklich aktuelles Buch über Wolfsburg herauszubringen, denn von Jahr zu Jahr verändert sich unsere Stadt".

Ganz falsch lag das Blatt mit dieser Einschätzung nicht. Zwar beherrschte Heidersberger zweifelsohne sein Handwerk - Einfluss auf das Wetter und die von Mensch und Natur erzeugte Atmosphäre aber hatte auch er nicht. So war es ihm offenbar nicht möglich, ein früheres Winterpanorama - Schlittenfahrer im Vordergrund, das VW-Werk am Horizont - zu wiederholen. Wie Archiv-Recherchen des Instituts Heidersberger ergaben, hätte es durchaus eine aktuelle Aufnahme gegeben - nicht jedoch mit einer solchen Wirkung. Wohl deshalb hatte sich der Fotograf auf eine aufwendige Retusche eingelassen: Das zwischenzeitlich errichtete Kraftwerk mit seinen drei markanten Schloten wurden nachträglich ins Bild gesetzt.

Geduld brauchte Heidersberger nicht nur bezüglich des Wetters: Der für die Jubiläumspublikation zuständige Kulturausschuss nahm seine verantwortungsvolle Aufgabe sehr ernst und ließ sich Layout und Bilder mehrfach vorlegen, wobei er gelegentlich darum bat, "Aufnahmen durch bessere zu ersetzen".

"Das war wie ein Gefängnis"

Dann endlich, im April 1963, erschien das Buch - und fand raschen Absatz, weshalb die Stadt Anfang der siebziger Jahre einen Folgeband erwog. Das war in etwa zu der Zeit, als die italienischen Arbeiter bei VW, die sich auf einen längeren Aufenthalt in Wolfsburg eingestellt hatten, auch ihre Familien nach Deutschland holten. Von der Diskussion um den Bildband wussten sie natürlich nichts. Im Rathaus ging es vielmehr um die Frage, inwieweit eine Neuauflage die mit der Kommunalreform 1972 eingemeindeten Dörfer zu berücksichtigen hätte.

"Klein Neapel" oder auch "Castel Lupo", wie Zeitungen die für die Italiener errichtete "Siedlung Berliner Brücke" nannten, spielte keine Rolle. Obwohl Heidersberger - wie die Sichtung seines Nachlasses ergab - die Unterkünfte der Gastarbeiter durchaus fotografiert hatte. Beliebt waren die Holzbaracken, belegt mit bis zu vier Mann in jeweils knapp 13 Quadratmeter großen Zimmern, nicht. Italienisches Flair wollte in dem Stadtviertel, das mit einem Schlagbaum abgeriegelt und von einem Drahtzaun umgeben war, nicht aufkommen. Ende der sechziger Jahre mangelte es in Wolfsburg noch immer an passablen Unterkünften für Familien.

Angela Misseri, die als 25-Jährige aus Carini auf Sizilien mit ihrem Mann nach Wolfsburg kam, erinnert sich mit Schaudern an das erste Quartier: "Wir wohnten in der Mansarde. Die Fenster waren im Dach, ich konnte nicht raussehen. Diese Wohnung - das war für mich wie ein Gefängnis", erzählt sie. Später sei es dann besser geworden, und sie seien "in eine normale Wohnung" gezogen. Und da hätten sie dann auch endlich alles gehabt: "ein Einkaufszentrum, Doktor, Bank, Cafeteria…" Und sie habe allmählich die fremde Sprache gelernt: "Die ersten Antworten für mich waren 'Eier' und 'Kartoffel'".

Während Angela Misseri davon erzählt, muss sie lachen. Ihre Stimme klingt so, als hätte sie die Schwierigkeiten, die ihr das Leben in Deutschland bereitete, längst überwunden. Die Geschichte ihrer Ankunft in Wolfsburg ist jetzt in einer Ausstellung mit dem Titel "Arrivare / Wolfsburg - Bilder einer jungen Stadt" zu hören. Schülern der Leonardo-Da-Vinci-Gesamtschule Wolfsburg haben sie nach ihren Erinnerungen befragt. Und nicht nur sie. Auch die Stimmen von Assunta Gesualdi, Salvatore Cinà und anderen Wolfsburgern sind zu hören. Kurz vor Wolfsburgs 75. Geburtstag hat das Institut Heidersberger die spektakulären Aufnahmen aus dem Jubiläumsband von 1963 beim "Europäischen Monat der Fotografie" in Berlin präsentiert - ergänzt um jene, die es dorthinein nicht geschafft hatten.

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insgesamt 10 Beiträge
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1.
Matthias Müller 23.11.2012
Es sieht auch heute noch aus wie ein Gefängnis - und zwar die ganze Stadt
2.
Juergen Frey 23.11.2012
Das war mein erstes Auto und es war das beste, was je gebaut wurde.Allein schon dieses unkomplizierte Schiebedach! Einfach rechte Hand nach oben und nach hinten geschoben. Und diese einfache Klimaanlage, das Kaesedreieck!! Stufenlos regelbar. Nur die Schlauchverbindungen sollten damals besser sein. Einmal riss die Benzinleitung ab und alles Benzin versickerte, ein anderes Mal war es die Bremsleitung. War aber nicht schlimm. Im ersten Gang zur Werkstatt und 10min spaeter war wieder alles ok.
3.
Sarah Kaiser 23.11.2012
Ich freue mich über diesen Beitrag zur Stadtentwicklung in Wolfsburg. Endlich mal ein Artikel, der sich nicht nur mit der Weigerung der ICE-Lokführer beschäftigt, am Wolfsburger Hauptbahnhof zu halten. Aber Herr Müller, offensichtlich haben Sie "die ganze Stadt" noch nicht kennen gelernt?! Vielleicht fehlte Ihnen bisher die Zeit dazu, nehmen Sie ich einmal. Sie werden feststellen, dass nicht alles einem Gefängnis gleicht und - versprochen - überrascht sein, wie schnell Sie die Ecken ausblenden können, die zugegebenermaßen architektonisch fragwürdig und auch für meinen Geschmack grottenhässlich sind. Oder sind Sie etwa ein Gefangener Ihrer eigenen vorgefertigten Gedanken? Das wäre schade! Denn ein Gefängnis als solches gibt es in Wolfsburg nicht, und ich habe auch nicht den Eindruck, dass jemandem die Ausreise verwehrt wird. Im Gegenteil, viele der hier thematisierten ehemaligen Gastarbeiter aus Italien sind gern geblieben.
4.
Ingo Meyer 23.11.2012
Das überhaupt über diese Stadt, an der ja die ICE-Züge versehntlich vorbeifahren berichtet wird, ist schon mal sehr gut. Wer sich ein wenig für Industriegeschichte und Industriesoziologie befaßt, kommt an dieser einzigartigen Stadt nicht vorbei. Sie wurde von einem Stadtbaumeister (Wolf) vor dem Krieg, ähnlich einer sowjetischen Musterstadt, auf dem Reißbrett geplant , angefangen (Innenstadtbereich) und nach dem Krieg eins zu eins umgesetzt. Nur das statt der Parteihäuser für die NSDAP Kirchen an die dafür vorgesehnen Plätze errichtet wurden. Dem Innenstadtensemble der 40er Jahre Wohnbauten mit Arkaden an den "Ecken" ist der durchaus fortschrittliche Arbeiterwohnungsbau der (Vor-)Kriegszeit anzusehen. Auf dem Steimkerberg wurden dann in vergleichsweise angemessener Weise die Wohnungen und Häuser für Führungskräfte gebaut. Ja - die Italiener waren "kaserniert" und es dauerte eine Weile, bis sie intgriert waren. Aber das war überall so, wie der Schlager von Connie Froboes aus dieser Zeit ..."Zwei kleine Italiener, die wollten nach Napoli..." so schön dokumentierte. Anfangs der 60er Jahre war Wolfburg wohl die einzige Stadt zwischen Paris und Wladiwostok, in der der Sozialismus im Sinne von wohlsituierter Gleichheit (fast) verwirklicht war. Ingo Meyer (1972 von Wolfsburg nach Bonn gezogen un da geblieben)
5.
Fred Meier 23.11.2012
Zitat:...Für "... ital.Gastarbeiter....Baracken....in dem Stadtviertel, das mit einem Schlagbaum abgeriegelt und von einem Drahtzaun umgeben war,.." ### Das entsprach in Wolfsburg, Stadt der KDFs Wagen bei Fallersleben (auch anderswo) leider "guter" Tradition. Vergl. dazu,Material aus der Zeit von 1938-45 ff. . In Ansätzen auch beschrieben in "Die Autostadt, (Neufassung) Frankfurt 1951".... usw. . Immerhin waren die Baracken neu. :-(( . Sagt dazu Sukasuu
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