Mammut-Dokumentation Das Ende der unendlichen Geschichte

Das längste Filmprojekt aller Zeiten geht zu Ende: Der letzte Teil der "Kinder von Golzow" kommt ins Kino. 46 Jahre lang folgte Regisseur Winfried Junge in 20 Filmen den Lebenswegen der Menschen des kleinen Ortes im Oderbruch. Auf einestages spricht eine Golzowerin über das Leben vor der Kamera.

ullstein bild

Von


Nach 2570 Filmminuten und rund 70 Kilometern Zelluloid ist nun ein für alle Mal Schluss: Das Mammut-Filmprojekt "Kinder von Golzow" geht zu Ende. Über 46 Jahre, nahezu ein halbes Jahrhundert, hinweg hat der Regisseur Winfried Junge 18 Jungen und Mädchen aus dem kleinen Ort im Oderbruch nahe der polnischen Grenze begleitet; seit 1978 stand ihm dabei seine Frau Barbara zur Seite. Akribisch filmte der Regisseur, wie aus Kindern Erwachsene wurden, die wiederum Kinder bekamen.

Ging es dem Filmhochschulabsolventen Junge zunächst darum zu dokumentieren, wie junge Menschen im Sozialismus aufwachsen, veränderte die Wende das ganze Projekt, das ganz unvorhergesehen um eine neue Dimension bereicht wurde. Wie veränderte das Verschwinden der DDR das Leben der Golzower? Welche Dramen, welche Glücksfälle ereilten die Golzow-Kinder im vereinigten Deutschland? Junge hat die Antworten auf diese Fragen gefilmt. In der ihm eigenen Art: leise, unspektakulär, mal bitter, mal komisch.

Nun zieht sich die Kamera mit dem - so heißt es - letzten Werk aus dem Leben der Golzower zurück, am 3. April kommt die zweiteilige Abschluss-Dokumentation ("Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Die Kinder von Golzow. Das Ende der unendlichen Geschichte") in die deutschen Kinos - und wirft einen langen Blick zurück auf fast ein halbes Jahrhundert deutscher Leben zwischen 1961 und 2007. Während im Golzow-Epilog vor allem die bislang Wortkargen, Bernard und Eckart, im Mittelpunkt stehen, schweigen diejenigen, die bereits alles gesagt haben. Marieluise Seidel zum Beispiel.

Das Surren der Kamera als Hintergrundmusik des Lebens

Die heute 53-jährige hat sich 1995 zum letzten Mal vor die Kamera gestellt; 1995 entließ Junge sie nach 34 Jahren mit dem Porträt "Da habt ihr mein Leben" aus der Filmreihe. Traurig sei sie damals nicht gewesen, auch nicht erleichtert - eher irgendetwas dazwischen. "Irgendwann ist auch mal gut", sagt Marieluise Seidel und lacht. Immerhin hat Junge sie in all ihren Lebensphasen begleitet, auch den intimeren. Beim ersten Rendezvous, den Hochzeitsvorbereitungen, dem Ja-Wort im Standesamt - stets bildete das Surren der Kamera die Hintergrundmusik. Regelrecht Regie habe Junge in manchen Momenten ihres Lebens geführt, sagt sie, ein ums andere Mal raubten ihr Sätze wie "Warte mal, jetzt kommt gerade die Sonne raus!" den Nerv.

Dass das seit dem Mauerbaujahr 1961 laufende Langzeitprojekt nun tatsächlich zu Ende sein soll, kann sie sich nicht vorstellen. "Ich denke, da kommt sicher noch was", glaubt Seidel. Das ehemalige Kind von Golzow hat heute selber je zwei Kinder und Enkel. Sie lebt mit ihrer Familie mittlerweile in Westdeutschland, in Troisdorf bei Köln, wo sie als Zahnarzthelferin arbeitet. Während die Bande zu den anderen Golzow-Kindern abgerissen sind, pflegt sie noch immer regen Kontakt zu dem Regisseurs-Ehepaar. "Sie gehören doch fast zur Familie", meint sie.

Anfang September 1961 - Marieluise Seidel hieß noch Hübner und wurde wenige Tage später sieben Jahre alt - begegnete sie Winfried Junge zum ersten Mal. Als sie auf der Schaukel saß, sei plötzlich der große, schlanke Filmhochschulabsolvent vor ihr aufgetaucht, habe die Hände in die Hüften gestemmt und gesagt: "Na, wir werden uns schon verstehen."

"Ein Gesicht mit vielen Facetten"

Wenig später betrat der Mann von der DEFA erstmals das Klassenzimmer der Erstklässler. Klar war Marieluise stolz, als Junge sie später in den hinteren Bankreihen entdeckte. Fortan richtete er seine Kamera auf sie. Weil das junge Mädchen, wie Junge meinte, "ein Gesicht mit vielen Facetten" habe - und weil es spannend sei, ein Kind zu begleiten, das aus einem kirchlichen, also regimekritischen Haushalt stamme.

Anders als ihre Freundinnen ging Marieluise mit 14 Jahren nicht zur Jugendweihe, sondern wurde konfirmiert - ihr Vater, ein gläubiger Christ und überzeugter Sozialdemokrat, galt den Parteigenossen, wie Marieluise Seidel heute sagt, als "Staatsfeind Nummer eins in Golzow".

Gegen das Filmen habe er jedoch nichts einzuwenden gehabt, genauso wenig wie die anderen Eltern. Dass ihre Kindern fortan gefilmt wurden, habe keiner groß in Frage gestellt - anders als heute, "wo über jedes Butterbrot auf der Klassenfahrt diskutiert wird", sagt sie und lacht. Da der Regisseur täglich bei den Familien ein- und ausging, sei Junge mit der Zeit "ein bisschen einer von uns Golzowern" geworden" und auch kleine Unannehmlichkeiten nahm man hin. Marieluises Mutter etwa musste während der Drehzeiten über Nacht die Pullover ihrer Tochter waschen, damit das Mädchen immer gleich angezogen war - Regisseur Junge hätte sonst die Sequenzen unterschiedlicher Tage nicht hintereinander schneiden können.

Flieger zwischen allen Stühlen

Schon schwerer mit der Filmerei taten sich die Vorgesetzten des späteren Ehemannes von Marieluise, Hanns-Steffen Seidel. Mit 23 Jahren heiratete die Golzowerin, mittlerweile als Chemielaborantin in Frankfurt/Oder tätig, den hübschen Mann mit den blauen Augen. Hanns-Steffen, dessen Stiefvater ein überzeugter SED-Anhänger war, absolvierte als angehender Flieger die Offizierslaufbahn bei der Nationalen Volksarmee (NVA) - und dazu gehörte er nun mal in die Partei. "Du kannst dich ruhig drehen lassen", meinten Hans-Steffens Chefs, "aber dann versetzen wir dich."

Doch war den aufrechten Genossen nicht nur der parteilose DEFA-Mann, sondern auch der Schwiegervater des NVA-Fliegers Seidel ein Dorn im Auge. "Wegen ihm durfte mein Mann nicht ins kapitalistische Ausland reisen", erinnert sich Marieluise. Eine schwere Belastungsprobe für die junge Ehe zwischen der regimekritisch erzogenen jungen Golzowerin und dem Piloten mit dem strammen Parteigänger zum Stiefvater. Doch erwies sich Liebe stärker als der ideologische Zwist. "Die ganzen Stürme haben wir gemeinsam überstanden", sagt Marieluise Seidel im Rückblick - auch wenn die Diskussionen immer schärfer wurden, je näher das Ende der DDR rückte.

Mit der Wende 1989 sei die Situation eskaliert. Während für ihren Ehemann, wie sie heute sagt, "eine Welt zusammenbrach", fühlte sich seine Frau in ihrer Haltung bestätigt. Nachdenklich, in sich versunken wirkt Hanns-Steffen Seidel in der Dokumentation. Seit 1989/90 durfte die Kamera auch wieder auf ihn halten. Seine Chefs gab es ja nicht mehr, der Job war passé - und eine neue Aufgabe für den NVA-Offizier zunächst nicht leicht zu finden.

"In der DDR fühlten wir uns beschützter"

Großes Misstrauen habe der Bundesnachrichtendienst an den Tag gelegt, als es darum ging, ob Hanns-Steffen nun zur Bundeswehr dürfe oder nicht, erinnert sich Marieluise Seidel. Doch plötzlich, Ironie der Geschichte, gereichte ihm der regimekritische Schwiegervater zum Vorteil: Da der Flieger wegen Vater Hübner nie ins kapitalistische Ausland reisen durfte, musste er auch keine Berichte für die Staatssicherheit verfassen - und galt damit nach der Wende im Westen als "sauberer" NVA-Mann ohne kompromittierende Stasi-Verbindungen. Seidel konnte bei der Bundeswehr anheuern, zunächst bei der Flugbereitschaft, dann als Computerspezialist bei der Datenerfassung. Die Familie Seidel war im vereinigten Deutschland angekommen, wenn auch nicht immer leichten Fußes.

Als Marieluise 1990 Bundesbürgerin wurde, beschlich sie eine unbestimmte Angst vor dem Neuen. "In der DDR fühlten wir uns beschützter", sagt sie heute. Es habe keine Arbeitslosigkeit existiert, niemandem sei der Strom abgedreht worden, kein geschäftstüchtiges Schlitzohr habe einen über den Tisch ziehen können.

Doch die Seidels, die sich im Rheinland ein Häuschen und eine neue Existenz aufgebaut haben, trafen es gut - im Gegensatz zu anderen Golzow-Kindern. Elke etwa, eine der Klassenkameradinnen von Marieluise. Die gelernte Wirtschaftskauffrau ist seit Jahren arbeitslos und lebt von Hartz IV. Auch Eckhard hat seine Arbeit verloren: Schicksalsschläge, die Regisseur Junge jetzt im letzten Teil der Golzow-Saga ausleuchtet.

Abschlussparty im Oderbruch

Dass mit "Und wenn Sie nicht gestorben sind" nun alles vorbei sein soll, erfüllt Marieluise Seidel nicht mit Wehmut. Sie nimmt es gelassen hin - ebenso wie die Zäsur von 1995, als Winfried Junge zum letzten Mal in ihr Haus trat, um die Abschluss-Sequenz zur ihrem Porträt "Da habt ihr mein Leben" zu drehen. Es zeigt eine tatendurstige Marieluise inmitten von Umzugskisten, bereit für das neue Leben in Westdeutschland, 700 Kilometer entfernt von Golzow.

Im Sommer fährt sie wieder dort hin, in das Heimat-Örtchen im Oderbruch, das in diesem Jahr sein 700-jähriges Jubiläum feiert. Dann wird es eine große Party für alle Golzow-Kinder und deren Familien geben. Zum Abschluss der längsten Langzeitdokumentation aller Zeiten. Einem Mammut-Projekt, das, wie Marieluise überzeugt ist, seinen Zweck erfüllt. "Früher haben wir uns oft gefragt, was das alles soll", sagt sie, zu irrelevant erschienen den Kindern von Golzow die Alltagsbeobachtungen des sagenhaft hartnäckigen Filmemacher-Ehepaars Junge.

Heute jedoch, nach der Wende, wo sie in Westdeutschland lebe, habe sie erfahren, wie erschreckend wenig man über das Leben in der ehemaligen DDR wisse. "Viele denken hier, wir seien damals mit grauen Kitteln durch die Gegend gelaufen und hätten noch nie ein Stück Schokolade gegessen", sagt sie und lacht. Junges Zähigkeit und dem Langmut der Golzow-Kinder wie Marieluise ist es zu verdanken, dass die Welt erfährt, wie facettenreich die Wahrheit ist - auch wenn das nicht immer alle wissen wollen.

"Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Die Kinder von Golzow. Das Ende der unendlichen Geschichte" kommt am 3. April in die deutschen Kinos.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.