Manhattan-Projekt Wir Hundesöhne

Ein übergewichtiger General und ein labiler Physiker leiteten das geheime "Manhattan-Projekt" zum Bau der ersten Atombombe. Es war das größte und teuerste Experiment der Menschheitsgeschichte.

Getty Images/LANL

An Tag 1113 des Zweiten Weltkriegs steigt das Thermometer in Washington schon vormittags auf über 30 Grad. Es ist schwül an diesem 17. September 1942, ein leichter Nieselregen fällt, doch der Oberst ist bester Dinge.

Bis zum Mittag soll sich Oberst Leslie Groves entscheiden, ob er ein Kommando in Übersee annimmt, und natürlich wird er zusagen. Er hat genug von der Hauptstadt. "Ich hoffte, an die Front zu kommen, um ein kleines bisschen Frieden zu finden", erinnert sich Groves später voller Sarkasmus. Um 10.30 Uhr begegnet er auf den Fluren des Kongresses seinem höchsten Vorgesetzten.

"Diesen Posten in Übersee", sagt der General, "sagen Sie den ab." - "Warum?", will Groves wissen. "Der Kriegsminister hat Sie für einen sehr wichtigen Auftrag ausgewählt." - "Wo?" - "Washington." - "Ich will nicht in Washington bleiben." - "Wenn Sie die Sache richtig machen", sagt der General vorsichtig, "werden wir den Krieg gewinnen."

Groves, der plötzlich realisiert, was mit der "Sache" gemeint ist, entfährt nur ein knappes "Oh". Was für eine Enttäuschung! Eben noch sah er sich bei der kämpfenden Truppe, jetzt soll er sich bis zum Ende des Krieges mit einem Haufen exzentrischer Wissenschaftler rumschlagen und seine Kraft auf ein Vorhaben verschwenden, dessen Erfolgsaussichten zweifelhaft sind.

"An dem Tag, an dem ich erfuhr, dass ich das Projekt leiten sollte, das am Ende zum Bau der Atombombe führte, war ich wahrscheinlich der wütendste Offizier der gesamten United States Army", schreibt der Absolvent der legendären Kadettenschule West Point später.

Ein Land als Fabrik

Als stellvertretender Leiter aller Bauvorhaben der US-Armee gibt Groves jetzt in einer Woche mehr Geld aus, als für das gesamte Atombombenprojekt vorgesehen ist. Soeben hat er den Bau des Pentagon vollendet, es ist der Höhepunkt seiner bisherigen Karriere. Und nun das! Doch Groves weiß, was von einem guten Soldaten erwartet wird, und er hält sich für einen sehr guten. Er gehorcht. Wenige Tage später wird er zum Brigadegeneral ernannt.

Der dänische Atomphysiker und Nobelpreisträger Niels Bohr prophezeite 1939, man werde den Atombombenstoff Uran 235 nur dann in ausreichender Menge gewinnen können, wenn man das Land in eine riesige Fabrik verwandle, und genau das ist nun Groves' Mission.

In nur drei Jahren wird er an über 30 Standorten in den USA, Kanada und Großbritannien gewaltige Atomanlagen errichten lassen, in denen mehr als 125.000 Menschen an der schrecklichsten Waffe arbeiten, die jemals von Menschen ersonnen wurde. In Rekordzeit baut er eine völlig neue Industriestruktur auf, die in ihren Dimensionen an die amerikanische Automobilbranche herankommt.

Seit dem japanischen Überraschungsangriff auf die US-Pazifikflotte in Pearl Harbor im Dezember 1941 befinden sich die Vereinigten Staaten im Krieg. Aus Deutschland geflohene Wissenschaftler berichten, dass die Nazis an einer Atombombe arbeiten, und plötzlich spielt Geld keine Rolle mehr. Es ist nur noch die Zeit, die zählt.

Die Größenordnung der riesigen Atomfabriken "kann als Maßstab gelten für die verzweifelte Anstrengung, mit der die Vereinigten Staaten sich gegen die ernsteste, potenzielle Bedrohung ihrer Souveränität, die sie je erfahren hatten, zu schützen suchten", schreibt der Pulitzer-Preisträger Richard Rhodes in seinem Standardwerk "Die Atombombe oder die Geschichte des 8. Schöpfungstages".

Berge von Karamellbonbons, Erdnüssen und Schokolade

Das "Manhattan-Projekt", wie das geheime Entwicklungsprogramm nach seinem ersten Standort in New York genannt wird, funktioniert auf den ersten Blick wie andere große Baufirmen. Es kauft Grundstücke, stellt Leute ein, engagiert Subunternehmer, errichtet Unterkünfte, bestellt Material, baut eine Verwaltung auf, versucht, die Finanzen unter Kontrolle zu halten. Doch in Wahrheit ist das, was der frisch ernannte General nun umsetzt, ohne Beispiel. Der enorme Zeitdruck führt dazu, dass mit dem Bau der Fabriken sofort begonnen werden muss, obwohl weder klar ist, wie die Bombe am Ende aussehen soll, noch ob sie überhaupt funktionieren wird. Es ist der planerische Albtraum. Hunderte Millionen werden in völlig neue und ungetestete Verfahren investiert. Ständig muss die Produktion unterbrochen werden, und die Stimmung schwankt zwischen Verzweiflung und Zuversicht.

Die Geheimhaltung ist so strikt, dass viele Menschen, die bei dem Projekt angestellt sind, erst realisieren, woran sie die Jahre über gearbeitet haben, als im Radio der Atombombenabwurf auf Hiroshima gemeldet wird. Um nicht aufzufallen, werden Standorte an den entlegensten Orten gewählt, Arbeiter müssen unter einer Legende engagiert werden, doch für Groves hat die Geheimhaltung einen entscheidenden Vorteil.

Über 100.000 Menschen arbeiteten für das Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe
Corbis

Über 100.000 Menschen arbeiteten für das Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe

Solange er die Unterstützung von Präsident Franklin D. Roosevelt genießt, muss er anders als in Friedenszeiten keine politischen Rücksichten nehmen. Weder der Kongress noch Roosevelts Vizepräsident Henry A. Wallace sind in das geheime Atomwaffenprogramm eingeweiht.

Der General ist 1,80 Meter groß, trägt Schnurrbart, hat krause, kastanienbraune Haare, blaue Augen und ist so dick, dass sich sein Bauch von oben und unten über sein Armeekoppel wölbt. In seinem Bürotresor stapeln sich streng geheime Dokumente, eine Pistole, Munition und Berge von Karamellbonbons, Erdnüssen und Schokolade. Zucker ist Energie für ihn, und der General braucht eine Menge Energie für seinen Job.

"Gemeinster Schweinehund"

Sein engster Mitarbeiter hält ihn für den "gemeinsten Schweinehund, mit dem ich je zu tun hatte, aber auch für einen der fähigsten Männer, die ich kenne. Ich habe oft gedacht, wenn ich diese Arbeit noch einmal tun müsste, würde ich Groves wieder als Vorgesetzten wählen. Ich hasste ihn bis aufs Blut, wie es jedermann tat, aber wir verstanden uns auf unsere Art."

Groves ist kein Mann, der lange fackelt. An seinem ersten Arbeitstag kauft er 1130 Tonnen Uranoxid aus Belgisch-Kongo, das die Belgier 1940, alarmiert von der deutschen Besetzung ihres Landes, in 2000 Stahlfässern nach New York geschafft haben. An seinem zweiten Arbeitstag ordnet er den Kauf von über 240 Quadratkilometer Land am Clinch River im Bundesstaat Tennessee an. Dort soll der Produktions-"Standort X" des Manhattan-Projekts entstehen.

Wer sich Groves entgegenstellt, wird niedergewalzt. Als sich Donald Nelson, der Chef der Behörde für Kriegsproduktion, am selben Tag weigert, dem Manhattan-Projekt die oberste Dringlichkeitsstufe einzuräumen, springt Groves auf, um den Raum zu verlassen. "Ich werde dem Kriegsminister empfehlen, das Projekt einzustellen, weil sich Mr. Nelson weigert, die Wünsche des Präsidenten auszuführen." Nelson knickt ein.

Der General macht keine halben Sachen. Hat sich Groves einmal verpflichtet, gibt es für ihn kein Zurück. In den kommenden Monaten wird er gewaltige Summen und Ressourcen verplanen. Bis zum Ende des Krieges werden Groves und sein Stab die unvorstellbare Summe von zwei Milliarden Dollar ausgeben, das entspricht der heutigen Kaufkraft von 26 Milliarden Dollar.

Er zockt mit hohem Einsatz, und damit das Spiel weitergehen kann, müssen immer neue, immer gewaltigere Mittel lockergemacht werden. Dieser Dynamik kann sich keiner der Beteiligten entziehen. Eine gigantische Maschine hat Fahrt aufgenommen, mit Groves am Steuer, und je schneller sie wird, desto weniger ist sie zu stoppen.

"Ein wirkliches Genie"

Vier Wochen nach seinem Amtsantritt trifft Groves eine folgenreiche Entscheidung. Der General macht Robert Oppenheimer zum wissenschaftlichen Leiter des Manhattan-Projekts. Die Spionageabwehr der Armee ist entsetzt. Ausgerechnet Oppenheimer.

Der Professor für theoretische Physik an der kalifornischen Universität Berkeley ist ein wandelndes Sicherheitsrisiko. Er hat den ganzen Marx gelesen und verkehrt, wie er selbst bekennt, in einem Kreis "linksgerichteter Freunde". Seine frühere Verlobte, seine Ehefrau, sein Bruder, seine Schwägerin - alle waren sie Mitglieder der Kommunistischen Partei.

Und auch die Wissenschaftler sind irritiert. Warum soll ausgerechnet

ein Theoretiker, der keine Erfahrung mit dem Führen großer Gruppen hat, das Labor leiten, das sich vor allem mit experimentellen und technischen Fragen beschäftigt? Aber es gibt noch einen anderen Einwand, und der wiegt schwerer. Seine Projektleiter sind Nobelpreisträger, Oppenheimer ist es nicht. Werden sie ihn respektieren?

Doch wie immer beharrt Groves auf seiner Entscheidung. "Er ist ein Genie", wird er nach dem Krieg einem Gesprächspartner vorschwärmen, "ein wirkliches Genie." Und als Oppenheimer Jahre später gefragt wird, warum ihn Groves ausgewählt habe, antwortet er ohne jeden Selbstzweifel, der General habe nun mal "eine fatale Schwäche für gute Leute".

Es ist ein merkwürdiges Gespann, das jetzt beim Manhattan-Projekt den Ton vorgibt. Auf der einen Seite der schwergewichtige Rambo-General, der seine Untergebenen unter maximalen Druck setzt, auch um sie auszutesten. Wer zerbricht, wird erbarmungslos beiseitegeräumt, wer durchhält, wird nun selbst hart.

Auf der anderen Seite der spindeldürre Theoretiker, der Gedichte liest, Romane, Theaterstücke, sich in hinduistische Mystik vertieft, Sanskrit lernt und gegenüber Ökonomie und Politik so gleichgültig ist, dass er keine Zeitung liest und von dem Börsen-Crash 1929 erst Monate später erfährt.

"Maßloser Ehrgeiz"

Bei aller Brillanz ist Oppenheimer labil. In den Zwanzigerjahren soll er seinem Tutor im englischen Cambridge einen mit Laborchemikalien vergifteten Apfel hingelegt haben. Um dem Uni-Rauswurf zu entgehen, verpflichtet er sich zu regelmäßigen Therapiesitzungen. Ein prominenter Psychiater in London bescheinigt ihm eine spezielle Form der Schizophrenie und stuft ihn als hoffnungslosen Fall ein.

Mithilfe seines Bruders gelingt es ihm, das seelische Tief zu überwinden, doch auch später, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, hat er einen Hang zur Selbstzerstörung. Oppenheimer ist Kettenraucher, hustet ständig, das Gebiss ist verwüstet, seinen meist leeren Magen malträtiert er mit seinen gerühmten Martinis und sehr stark gewürztem Essen. Sein Körper ist ausgemergelt, er schämt sich dafür und vermeidet es, sich am Strand auszuziehen.

Am 16. Juli 1945 explodierte beim Trinity-Test die erste Atombombe der Welt
AP/U.S. Army

Am 16. Juli 1945 explodierte beim Trinity-Test die erste Atombombe der Welt

Die Damen aber liegen ihm zu Füßen. Eine Mitarbeiterin behauptet, es gebe wohl keine Frau auf dem Laborgelände in Los Alamos, die nicht ein wenig in "Oppie" verknallt sei und heimlich von seinen blauen Augen schwärme. Als seine Ehefrau Kitty im Dezember 1944 eine Tochter zur Welt bringt, stehen die Frauen vor der Säuglingsstation Schlange, um einen Blick auf die Kleine vom Boss zu werfen.

Männern geht er öfter auf die Nerven. "Robert konnte den Leute klarmachen, dass sie Dummköpfe seien", sagt sein Freund Hans Bethe. Er ist der "schnellste Denker, den ich je getroffen habe", bescheinigt ihm der italienische Physiker Emilio Segré, mit einem "eisernen Gedächtnis", doch hat er auch "gravierende Unzulänglichkeiten", so etwa die "gelegentliche Arroganz". Als Oppenheimer 1927 seine Doktorarbeit verteidigt, bekennt einer seiner Prüfer, der frisch gekürte Nobelpreisträger James Franck: "Ich bin rechtzeitig rausgekommen. Er fing gerade an, mir Fragen zu stellen."

So unterschiedlich sie auch sein mögen, der General und sein Forschungsdirektor sind ein Dream-Team. Groves erkennt, dass Oppenheimer von einem "maßlosen Ehrgeiz" angetrieben wird, und nutzt das für sich. Der Physiker ist enttäuscht, weil ihm seine Forschungsbeiträge nicht die gewünschte Anerkennung verschafft haben. Das Bombenprojekt eröffnet ihm nun überraschend die Chance auf Unsterblichkeit. Und er nutzt sie. So wie Groves.

Abgeschnitten von der Außenwelt

Beide machen sich an die Arbeit. Der General traut den schwatzhaften Wissenschaftsprimadonnen nicht und will die einzelnen Forschungsgruppen strikt voneinander trennen. Physiker, Chemiker, Mathematiker, Metallurgen, Theoretiker, Waffentechniker und Sprengstoffexperten sollen ihre Erkenntnisse auf keinen Fall untereinander austauschen. Sie könnten sonst die Geheimnisse der Bombe ausplaudern. Zudem besteht Groves darauf, die Forscher für die Dauer des Projekts als Armeeangehörige zu verpflichten.

Oppenheimer ist strikt dagegen. Er weiß, dass nur ein offener wissenschaftlicher Diskurs am Ende zur Bombe führen wird. Er wirbt für ein zentrales Labor, "wo man frei miteinander reden könnte, wo theoretische Ideen und experimentelle Ergebnisse zueinander in Beziehung treten, wo Ineffizienz und Frustration und Irrtum, wie aus so vielen voneinander abgegrenzten experimentellen Studien bekannt, vermieden werden".

Am Ende setzt er sich durch. Doch im Gegenzug besteht Groves darauf, dass die geplante Forschungsstadt irgendwo weit weg in der Pampa entsteht, "damit im Falle unvorhergesehener Auswirkungen unserer Aktivitäten nicht nahe gelegene Ansiedlungen in Mitleidenschaft gezogen würden".

Der eiserne Zaun und die Stacheldrahtrollen um das neue Gelände dienen allerdings kaum dem Schutz vor unbeabsichtigten Explosionen. Wenn er schon den Austausch untereinander nicht unterbinden kann, will Groves die Wissenschaftler zumindest von der Außenwelt isolieren.

Und so entsteht in der Wüste New Mexicos, 60 Straßenkilometer nordwestlich von Santa Fe, auf einem einsamen Plateau in 2200 Meter Höhe, zwischen Kakteen und niedrigen Nadelhölzern, das Herz des Manhattan-Projekts, der Standort Y: das geheime Atombombenlabor Los Alamos.

Rastlos fährt Oppenheimer durch das Land, um die Stars der Wissenschaft für das größte Experiment der Menschheitsgeschichte zu rekrutieren. Doch die finden es wenig verlockend, mit ihren Familien für Monate oder gar Jahre unter militärischen Vorzeichen in der Wüste zu verschwinden, abgeschnitten von ihren Freunden und der Außenwelt.

"Eine Atmosphäre von Gebirgskurort"

Oppenheimer ist dennoch erfolgreich: "Fast alle waren sich bewusst, dass damit die unvergleichliche Gelegenheit verbunden war, fundamentale eigene Kenntnisse und die Kunst der Wissenschaft zum Wohle des Landes in die Waagschale zu werfen. Dieses Gefühl von innerer Erregung, Hingabe und Patriotismus gab am Ende den Ausschlag. Die meisten von denen, mit denen ich sprach, kamen."

Es ist eine historisch wohl einmalige Ballung von Intelligenz, die sich bald auf der Mesa, der Hochebene von Los Alamos, versammelt. Jüdische Wissenschaftler, die vor den Nazis aus Europa geflohen sind, die Nachwuchsstars der amerikanischen Eliteuniversitäten, Nobelpreisträger wie der Italiener Enrico Fermi oder zeitweilig der Däne Niels Bohr.

"Alle kleideten sich in Western-Manier", stellt Françoise, die Frau des polnischen Mathematikers Stanislaw Ulam, bei ihrer Ankunft erstaunt fest, "Jeans, Stiefel, Parkas. Es herrschte neben dem Kasernencharakter eine Atmosphäre von Gebirgskurort". Abends gibt es Theateraufführungen, Hauskonzerte und gemeinsame Tanzstunden. Trotz aller Sicherheitsüberprüfungen der Armee entwickelt sich eines der Frauenwohnheime zum inoffiziellen Bordell. Nachfrage ist da, schließlich sind viele der jungen Forscher alleinstehend.

In den Clinton Engineer Works in Tennessee wurde Uran angereichert
Corbis

In den Clinton Engineer Works in Tennessee wurde Uran angereichert

In Los Alamos lässt sich aber auch beobachten, wie schnell Wissenschaftler ihre Unschuld verlieren. Dem ungarischen Physiker Edward Teller, der als Friedensaktivist startete, reicht bald schon die Atombombe nicht mehr aus. Sein Vernichtungswille ist so groß, dass er mit der Wasserstoffbombe eine noch schrecklichere Waffe entwickeln will.

1943, die Atombombe ist immer noch in weiter Ferne, schlägt Nobelpreisträger Fermi vor, mit Strontium 90 möglichst viele Deutsche zu töten. Oppenheimer ist begeistert. Man könne Lebensmittel mit dem radioaktiven Isotop versetzen und so eine halbe Million Menschen vergiften. Nur der Umstand, dass Streuverluste den Erfolg der Aktion mindern könnten, bereiten dem früheren Anhänger des hinduistischen Prinzips von der Gewaltlosigkeit Kummer. Am Ende wird die Idee fallen gelassen.

Während die Wissenschaftler in Los Alamos noch immer über den Grundsatzfragen brüten, die für den Bau der Bombe beantwortet werden müssen, nehmen die riesigen Atomfabriken, die Groves im ganzen Land hat bauen lassen, die Produktion auf. Es gibt theoretisch mehrere Verfahren, mit denen der Bombenstoff hergestellt werden kann. Und da keines von ihnen bislang getestet ist, geht der General auf Nummer sicher. Er ordnet an, gleich alle in großindustriellem Maßstab anzuwenden.

"Eine widerliche und Ehrfurcht gebietende Vorführung"

So bauen allein in Oak Ridge, Tennessee, 20.000 Arbeiter auf einer Fläche von 20 Fußballfeldern 268 Gebäude, inklusive acht Umspannwerken und 19 Wasserkühltürmen. Für die Anreicherung von Uran durch elektromagnetische Isotopentrennung werden riesige Magnete aufgestellt, die so stark sind, dass sie nicht nur den Arbeiterinnen die Haarnadeln aus der Frisur ziehen. Sie verrücken auch 14-Tonnen-Tanks, die mit Stahlbügeln am Boden festgeschweißt werden müssen. Und dennoch produziert die Anlage nur wenige Gramm des kostbaren Bombenmaterials am Tag.

Da Kupfer im Krieg knapp ist, handelt Groves dem Finanzministerium über 10.000 Tonnen Silber ab, das in lange Streifen ausgewalzt und für die riesigen Elektromagneten auf einen Eisenkern gewickelt wird. Sorgfältig führt er über jede Unze der 300-Millionen-Dollar-Leihgabe Buch, um sie nach dem Krieg wieder vollständig zurückzugeben.

Die Dimensionen des amerikanischen Atomprogramms sind inzwischen so gigantisch, dass die ersten Wissenschaftler zurückschrecken. Hier geht es erkennbar nicht mehr darum, den Deutschen bei der Bombe zuvorzukommen oder den Krieg zu verkürzen. Der scheint sich zumindest in Europa ohnehin dem Ende zuzuneigen. Nein, alle Anstrengungen deuten darauf hin, dass Kernwaffen in Zukunft fester Bestandteil des amerikanischen Rüstungsarsenals werden sollen.

Zehn Wochen nachdem die Deutschen bedingungslos kapituliert haben, sind Groves und Oppenheimer am Ziel. Am 16. Juli 1945 um 5 Uhr, 29 Minuten und 45 Sekunden zündet auf dem Bombenabwurfplatz bei Alamogordo, gut 300 Kilometer südlich von Los Alamos, die erste Atombombe der Welt.

Der Physiknobelpreisträger Isidor Isaac Rabi beobachtet die Explosion vom Basecamp des Testgeländes: "Plötzlich gab es einen ungeheuren Lichtblitz, das hellste Licht, das ich - oder wie ich glaube, überhaupt ein Mensch - je gesehen habe. Es explodierte; es schoss auf einen zu; es bohrte sich durch einen durch. Es war ein Bild, das man nicht nur mit den Augen sah. Man sah es, und es brannte sich für immer ein."

Für den Leiter des "Trinity"-Tests, den Physiker Kenneth Bainbridge, ist es "eine widerliche und Ehrfurcht gebietende Vorführung". Sie haben die Welt verändert an diesem Morgen in der Wüste New Mexicos. Das ist den beteiligten Wissenschaftlern klar. "Jetzt sind wir alle Hundesöhne", sagt Bainbridge zu Oppenheimer, und der bekennt, das sei das Beste gewesen, "das jemand nach dem Test sagte".

Als Rabi den Forschungsdirektor des Manhattan-Projekts später im Basecamp trifft, wirkt Oppenheimer verändert: "Sein Gang war wie in ,Zwölf Uhr mittags' - ich glaube, so kann ich es am besten beschreiben -, diese Art von stolzem Gang. Er hatte es getan."

Einer der Offiziere wendet sich zu Groves: "Der Krieg ist zu Ende." Doch der General antwortet: "Ja, nachdem wir zwei Bomben auf die Japaner abgeworfen haben."



insgesamt 29 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Heinz Harald, 23.08.2015
1. Seitdem beherrscht die Angst vor der Atombombe
Seitdem beherrscht die Angst vor der Atombombe die Welt. Von Frieden keine Spur.
Yuji Tamada, 23.08.2015
2. Quellenangabe
Ein interessanter Text, den ich gerne noch einmal im Original lesen würde. Eine Quellenangabe sollte doch machbar sein. Vielen Dank.
Robert Schneider, 23.08.2015
3. Toll geschrieben!
War sehr fesselnd zu lesen. Ist aber auch Wahnsinn, was da damals gelaufen ist. Ich sehe es aber noch kommen: angesichts der globalen Eskalationen könnte so etwas wieder passieren. Ganz plötzlich könnten wir eine Armee aus Kampfroboter oder Drohnen brauchen, die massenhaft benötigt werden und auf Teufel komm raus produziert werden müssen. Naja, wer weiß, vielleicht auch nicht - hoffentlich nicht.
Andreas Riesebeck, 23.08.2015
4. ich will das nicht schönreden
aber 2015 ist eben nicht 1945. Stellt Euch nur mal vor, die Russen hätten als erste und einzige die Bombe gehabt..........
Bernd Schlüter, 23.08.2015
5. Manhatten-Projekt
Ab 1962 studierte ich das Manhatten-Projekt, denn ich wollte die Welt mit Kernkraftwerken vollstellen und meldete mich deshalb für das Physikstudium an. Für mich ist Physik eine "jüdische Wissenschaft", denn die meisten bedeutenden Physiker waren Juden und sind es wahrscheinlich noch heute. Unglaublich, aber Hitler verbot die jüdische Wissenschaft und ließ nur noch das zu, was in seinen Kopf passte. "Das Reich" hatte damit seinen Kriegszug verloren und wir können es nur nichtjüdischen Amerikanern verdanken, dass die Atombombe nicht auf das "Reich" angewendet wurde. Dass der Hass der Juden berechtigt war, muss ja wohl nicht erwähnt werden und das amerikanische Judentum hatte schon 1931, zumindest verbal, Deutschland den Krieg erklärt. Anlass war die Streichung der Reparationen unter Kanzler Brüning, die für die Gründung des Staates Israel dringend benötigt wurden. Ich hatte mir das Spezialgebiet Wasserdestillation herausgepickt, denn das deutsche Atomprojekt zur Zeit von Schulten und Strauß basierte auf Schwerwasser als Moderator und ich arbeitete in der einschlägigen Industrie. Erst bei meiner Bewerbung um eine Stelle in Bensberg für den schnellen Brüter ließ ich mich endgültig überzeugen, dass Kernenergienutzung unter der damaligen deutschen Mannschaft nicht verantwortbar war, denn der damalige Leiter von Interatom hieß Klaus Traube, dessen Worte bei mir ein sehr offenes Ohr fanden. Auch Klaus Traube ist jüdischer Abstammung, hat sich aber zum wohl wichtigsten Kernenergiegegner gewandelt. Zu diesen zähle ich mich heute auch, auch, wenn ich immer noch Kernenergieanlagen und Anlagen zur Wiederaufbereitung plane, allerdings nur noch als Denksport. Das Manhatten-Projekt war in einem freien Land mit freien Denkern aufgelegt worden. Der Erfolg war vorprogrammiert. Klaus Fuchs, er war entgegen einer häufigen Annahme, nicht Jude, sorgte dafür, das die Amerikaner nicht übermütig wurden und schuf ein Gegengewicht zu den übermächtigen USA. Der daraus sich entwickelnde Frieden dauert noch bis heute an.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL Geschichte 4/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.