Mann und Auto Kleiner Mann ganz groß

Lackpflege und Leistungswahn: Seit jeher pflegt der Mann zum Auto ein spezielles Verhältnis - die Fotografin Brigitte Kraemer hat der seltsamen Symbiose mit dem weiblichen Blick nachgespürt. Entstanden ist das Protokoll einer verhängnisvollen Affäre - unbequeme Wahrheiten inklusive.

Brigitte Kraemer

Von Wiebke Brauer


Für den Mann hat das Glück einen Namen: Es heißt Auto. Der Mann nährt und unterhält, pflegt und poliert es, legt gummierte Matten in den Innenraum, um es vor Schmutz zu bewahren, und bohnert es mit Wachs, um es vor der Verwitterung zu schützen. Er schmückt den Wagen mit bestickten Kissen oder bappt Aufkleber ans Heck, wenn es der Zeitgeist befiehlt. Er stellt sein mobiles Heiligtum zuhause in den Carport, schließt es ab und streicht noch einmal kurz über die Motorhaube.

Der Feind des Mannes ist der Rost, die Zeit und oft auch der Tüv.

Während man Frauen gemeinhin nachsagt, sie würden ihr Auto zum Einkaufs- oder Kinderwagen degradieren, gibt es für den Mann unendlich viele Möglichkeiten, wie ihm der Wagen dienen kann: als lässiges Symbol für Freiheit und Abenteuer, als mobiles Refugium oder als fahrende Disco zum Beispiel.

Männer fühlen sich scheinbar zu allem hingezogen, was in Bewegung bleibt - wohl aus Angst vor Stillstand. Das Auto ist da ideal. Denn es bedeutet Veränderung bei minimalem Aufwand. Das Gas antippen, die Masse bewegen - wer bremst, verliert. Der Mann muss immer in Bewegung bleiben, er muss Schritt halten. Seine Vision ist einfach und auf faszinierende Weise beschränkt: Ein paar hundert PS drücken ihn in den uteral geformten Sportsitz, der Lack glänzt in der Sonne, der Motor röhrt und der Weg vor ihm ist gerade und frei. Ich fahre, also bin ich.

In der Putzkolonne zur Waschanlage

Auch schlüpfrigen Phantasien sind da keine Grenzen gesetzt. Der Wagen mit Einspritzmotor bekommt ein Doppelrohr verpasst, Pferdestärken beflügeln die Potenz, und Fahrgestelle warten nur darauf, tiefer gelegt zu werden. In dieser Gedankenwelt wird der Schaltknüppel zum Phallussymbol. Frauen können in diesen Träumen vorkommen - müssen sie aber nicht.

Denn in allererster Linie ist der Wagen ein Fetisch, dem gehuldigt werden muss. Bei Männern und ihren Autos äußert sich dies in einem bizarren Putzzwang. Männer, so heißt es, waschen und wachsen ihr Gefährt doppelt so oft wie Frauen - am liebsten am Wochenende. Einst wienerten Männer den Wagen von Hand vor der Haustür. Millionen von Kerlen standen sonntags vor ihrem Eigenheim, über das Auto gebeugt oder auf die Knie gesunken, die Putzutensilien um sie herum ausgebreitet wie auf einem Gabentisch. Die Tube Autosol für den Chrom, einen Waschhandschuh mit Fellbesatz, einen Lederlappen zum Nachpolieren, einen Lackstift und der Eimer mit schäumendem Wasser, daneben ringelte sich der Gartenschlauch. Eine saubere Sache, das Ganze.

Heute dagegen ist die Waschanlage zum Wallfahrtsort geworden. Karawanengleich schieben sich die Autos zu den rotierenden Lappen und computergesteuerten Präzisionsbürsten. Danach treffen sich die Fahrer zum kollektiven Wagensaugen. Hier werden Matten geklopft, als ob es kein Morgen gäbe, man teilt sich kameradschaftlich den Lederlappen oder den Glasreiniger, vereinzelt wird ein Aschenbecher ausgeleert. Aus dem meditativen Solo-Sonntagsputz ist ein Mannschaftssport geworden. Mann neben Mann, Auto neben Auto. Und am Ende haben alle gewonnen.

PS-Cowboys mit Plüsch-Garfield

Natürlich will ein sauberer Wagen auch angemessen dekoriert sein. Ein praktisches oder ästhetisches Prinzip ist dabei nicht auszumachen, erkennbar ist nur eine Konstante: Manchmal machen es irgendwie alle. Und so stellte sich früher plötzlich jeder einen Wackeldackel auf die Hutablage, hängte Fuchsschwänze an die Antenne oder umflorte das Lenkrad mit Lammfell. Wahrscheinlich eine diffuse Gegenbewegung zu den Millionen von Frauen, die sich einst ein "Ich bremse auch für Tiere" auf den Wagen klebten. Männer hingegen bappten schon Plüsch-Garfields von innen an die Scheiben und verstiegen sich dazu, ihre Autositze mit Holzkugelsitzauflage inklusive Massagewirkung zu verzieren. Wer noch immer nicht genug bekam, stopfte seinen Verbandskasten in ein Kissen, in welches das Autokennzeichen eingestickt war.

Heute verzichtet der automobile Kerl auf Sticker und Wackel-Elvis. Stattdessen beschränkt sich der unverheiratete Mann auf 22-Zoll-Felgen in Bling-Bling-Optik, während sich das Exemplar mit Familienanhang mit einem Sonnenschützer in Pandakopfform begnügt.

Natürlich wissen Frauen, was Autos für Männer bedeuten. So schwierig ist es nicht, zu verstehen, dass kleine Jungs Cowboy und Indianer spielen, Pferde enorm wichtig sind und Autos über PS verfügen. Je mehr Pferdestärken, desto besser. Das spricht zwar nur bedingt für einen hyperkomplexen männlichen Intellekt, aber die schlichten Dinge müssen ja nicht schlecht sein. Außerdem ist es ja nicht so, dass die Männer in Sachen Geschlechterkampf nicht auch ein Ass im Ärmel hätten: Einfach die Gegenkeule "Frauen und Schuhe" schwingen - und das Verhältnis zwischen "Typisch Mann" und "Typisch Frau" bleibt ausgewogen.

Der Bildband "Mann und Auto" von Brigitte Kraemer wurde mit dem Fotobuchpreis des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.



insgesamt 2 Beiträge
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Hans Diekmann, 18.07.2010
1.
Der im Video gezeigte Käfer ist nicht von 1972. Ohne alle Details sehen zu können, lässt sich sagen, dass das gezeigte Fahrzeug spätestens Modelljahr 1967 ist.
Uwe Schwarz, 31.08.2011
2.
Die Fotos sind zum Teil ganz putzig, aber beim Lesen des Textes habe ich mich gefragt, in welchem Jahrtausend er geschrieben wurde.
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