Absurder Obst-Kult in China Maos Mangos

Als Mao Zedong 1968 eine Kiste Mangos ans Volk verschenkte, ergriff China eine gigantische Hysterie. Es gab Mango-Gottesdienste, Mango-Paraden, Mango-Tourneen. Dabei waren die meisten Früchte nur Attrappen.

Museum Rietberg Zürich/ Rainer Wolfsberger

Von


Alle waren gekommen, um sie zu sehen. Zu berühren. An ihr zu schnuppern. In der Pekinger Textilfabrik ruhte an diesem Augusttag 1968 die Arbeit. In feierlicher Stille stellten sich Hunderte an und schritten in Reihe zum prunkvoll geschmückten Altar, auf den das Geschenk von Mao Zedong gebettet war. Wenn die Arbeiter endlich vor ihr standen und sahen, dass Mao sie wirklich zu ihnen geschickt hatte, als Zeichen tiefster Verbundenheit, verneigten sie sich tief - vor Maos Mango.

Tage später rief man sie erneut zusammen. Wieder traten die Arbeiter an und warteten. Diesmal erwartete sie vorn ein großer Kessel, jedem wurde ein Löffel Wasser abgeschöpft. Wer das Nass um den Gaumen spielen ließ, konnte mit viel Fantasie erahnen, dass es leicht nach Mango schmeckte. Und, eventuell, ein ganz klein wenig verschimmelt.

Im Sommer 1968 begann das absurdeste Kapitel von Mao Zedongs blutiger Kulturrevolution: Für kurze Zeit wurden Mangos zum Symbol der Güte des "Großen Vorsitzenden", tourten wie Popstars durchs Land, wurden als Merchandise-Produkte vermarktet und wie Reliquien angebetet. Und das, obwohl die meisten nur Attrappen waren.

Jahrzehnt des Mordens und Folterns

Es war eine Zeit des Umbruchs: 1966 hatte Mao den Beginn der chinesischen Kulturrevolution ausgerufen und ein Jahrzehnt des Mordens und Folterns eingeläutet. Gezielt rief er Schüler und Studenten zur Zerschlagung der alten Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) auf, um einen neuen Machtapparat zu errichten. Die "Roten Garden", wie sich die Studentengruppen nannten, überzogen China mit dem "Roten Terror", mit Gewaltakten gegen Andersdenkende, traditionelle Kulturstätten und religiöse Einrichtungen.

Bald brachten jedoch blutige Machtkämpfe zwischen den "Roten Garden" China an den Rand eines Bürgerkriegs. Mao schaffte es nicht, sie zu vereinen - und schuf eine Gegenbewegung: Im Sommer 1968 löste er die "Roten Garden" auf und ernannte Arbeiter-Propagandatrupps zu den neuen Trägern der Kulturrevolution.

Am 27. Juli schickte er 30.000 Fabrikarbeiter nach Peking, um die Rotgardisten von der renommierten Tsinghua-Universität zu vertreiben. Die wehrten sich mit Speeren und Schwefelsäure, fünf Menschen starben, 731 wurden verletzt. Am Ende zwang die schiere Masse der Arbeiter die Rotgardisten zur Aufgabe.

Wenig später, am 4. August 1968, empfing Mao Zedong Pakistans Außenminister Mian Arshad, der als Gastgeschenk eine Kiste Mangos mitbrachte. Mao beschloss, die rund 40 Früchte den Arbeitertrupps an der Tsinghua-Uni zu schenken, zum Dank.

Hauptstadt in Obst-Ekstase

Kaum jemand in China hatte je von Mangos gehört. Zeitzeugin Wang Xiaoping erinnerte sich 2013 an die Neugier ihrer Kollegen: "Ein paar, die besonders gut informiert waren, meinten, es sei eine äußerst seltene und kostbare Frucht, wie der Pilz der Unsterblichkeit", erzählte sie der Historikerin Alfreda Murck, "aber niemand hatte die geringste Ahnung, wie diese Frucht aussah."

Entsprechend euphorisch war die Reaktion, als Maos Präsent eintraf. Der Parteizeitung "Renmin Ribao" vom 7. August 1968 zufolge verfiel Peking in Ekstase:

Menschen versammelten sich sofort um das Geschenk [...]. Sie schrien begeistert und sangen voll wilder Leidenschaft. Tränen füllten ihre Augen, und wieder und wieder wünschten sie aufrichtig, dass unser allerliebster Großer Führer und Vorsitzender Mao 10.000 Jahre unbegrenzt leben möge, 10.000 Jahre und noch einmal 10.000 Jahre. Sie riefen ihre Arbeitsbrigaden an, um die frohe Kunde zu verbreiten; und sie organisierten alle Arten festlicher Aktivitäten die ganze Nacht hindurch.

Der Propaganda-Coup gelang: Von der Uni aus wurden die Mangos an alle Fabriken verteilt, deren Arbeiter am Umsturz vom 27. Juli beteiligt waren. Für sie wurden die Mangos zum Symbol für das Ende des "Roten Terrors" - und zum Zeichen von Maos Gunst. Die Massen schluckten die Propagandabotschaft. Buchstäblich.

Todesstrafe für Mangoverspottung

Nachdem man in der Pekinger Textilfabrik die Mango-Ankunft gefeiert hatte, "wurde die Frucht in Wachs versiegelt, in der Hoffnung, sie für die Nachwelt zu bewahren", erinnerte sich Maos Leibarzt Li Zhisui 1994 in seinen Memoiren. Doch bald stellte sich heraus: Die Mango verfaulte. Das Revolutionskomitee fand eine pragmatische Lösung - es kochte die verrottende Frucht in einem riesigen Bottich. Und dann, so Li, trank "jeder Arbeiter einen Löffel vom Wasser, in dem die heilige Mango gekocht worden war".


Doku des Museums Rietberg: Maos Mangos in der Kulturrevolution

Museum Rietberg

Als Mao von der Ehrerbietung der Schimmelwasser schlürfenden Arbeiter erfuhr, "fing er an zu lachen", so Li. Vor Maos politischer Biografie wirkt das heute zynisch: Erst wenige Jahre zuvor hatte er mit der Kampagne des "Großen Sprungs nach vorn" eine Hungersnot ausgelöst, die Millionen Chinesen das Leben kostete und manche gar in den Kannibalismus trieb.

1968 brachten die Mangos Mao neue Popularität - und wurden nun regelrecht angebetet. Viele Fabriken ließen ihre Frucht von Krankenhäusern in Formaldehyd konservieren. Um wirklich jeden Arbeiter mit einem Exemplar zu bedenken, so es erzählte Zeitzeuge Zhang Kui im Februar 2016 der BBC, begann man "Wachsmangos zu machen - jede mit einem eigenen Glasschrein". Abertausende dieser Attrappen standen bald in chinesischen Haushalten.

Nachdem die Kulturrevolution zuvor systematisch Heiligtümer, Tempel und Schreine zerstört hatte, bahnte sich das Bedürfnis nach Religiosität nun einen neuen Weg. "Die Mangos wurden heilige Reliquien", sagt Li Zhisui. Wer den Schrein mit Wachsmango respektlos behandelte, erhielt eine Abmahnung. Als ein Zahnarzt aus einem kleinen Dorf es gar wagte, eine Mango mit einer Süßkartoffel zu vergleichen, so 2013 der "Daily Telegraph", wurde er wegen bösartiger Verunglimpfung exekutiert.

Verkaufsschlager Mangozigaretten

Bald grassierte das Mangofieber im ganzen Land. Im September begann man, Fake-Früchte in alle Provinzen zu verschicken. In Sonderzügen gingen sie wie Popstars auf Tour - und wurden gefeiert: Als eine der Wachsmangos am 19. September in Chengdu ankam, wartete dort eine halbe Million Menschen, ähnlich wie in anderen Städten.

Die Pekinger Maschinenwerkzeugfabrik Nr. 1 charterte gar ein Flugzeug, um eine Mango zu einer Schwesterfabrik nach Shanghai zu schaffen. Eine Prozession von Schaulustigen und Trommlern begleitete den Wagen, der die Frucht zum Flughafen chauffierte. Und in der Provinz Guizhou kämpften laut BBC Tausende bewaffnete Bauern gegeneinander - um die Schwarzweiß-Fotokopie einer Mango.

Mangozigaretten: In China um 1968 beliebt
Museum Rietberg Zürich/ Rainer Wolfsberger

Mangozigaretten: In China um 1968 beliebt

Der Propagandaabteilung der KPCh kam der Mangowahn gelegen. In großem Stil produzierte sie Emaille-Geschirr und Waschschüsseln mit Mango-Aufdruck, Broschen mit Mango-Reliefs, Mango-Schminktische oder Seife mit Mangoduft. Selbst Mangozigaretten und Bettwäsche mit Mangobildern fanden Käufer. Und auf der Nationalfeiertagsparade am 1. Oktober rollte man gigantische Obstschüsseln, gefüllt mit Pappmaschee-Mangos, durch die Straßen.

Nach nur eineinhalb Jahren ebbte der Obstkult wieder ab. Vielleicht war es die enttäuschte Hoffnung auf eine Zeit ohne Terror. Womöglich hatten die Mangos schlicht ihren exotischen Reiz verloren. Manche Arbeiter führten ihre Wachsfrüchte einer neuen Funktion als Kerze zu.

Spiel mir das Lied von der Mango

Mao wurde krank, der greise Vorsitzende trat seltener an die Öffentlichkeit. Ein Versuch, 1974 den Mango-Kult wiederzubeleben, scheiterte: Als die philippinische Diktatorengattin Imelda Marcos zum Staatsbesuch beim bereits schwer kranken Mao eintraf, brachte sie eine Kiste Mangos mit. Jiang Qing, Maos Ehefrau, verschickte die Früchte abermals an chinesische Arbeiter. Doch die erhoffte Begeisterung blieb aus, die Symbolkraft der Mango war längst verblasst.

Jiang startete einen letzten Versuch. 1975 gab sie den Film "Das Lied von der Mango" in Auftrag, der zur Zeit der Mango-Manie spielt und die Geschichte von Zwillingen in konkurrierenden Fraktionen der "Roten Garden" erzählt. Am Ende erkennen alle, dass sie die Herrschaft des Proletariats anerkennen sollten - und ziehen glücklich durch Pekings Straßen, um die Ankunft der Mangos zu feiern.

Doch als der Film 1976 anlief, wurde Jiang als Mitglied der mächtigen "Viererbande" vom linken Flügel der Kommunistischen Partei binnen einer Woche verhaftet, man konfiszierte alle Filmkopien. Mao selbst hatte die Premiere nicht mehr erlebt. Er war kurz zuvor, am 9. September 1976, in Peking gestorben.

Zur Gestaltung seines Grabes wurde ein Wettbewerb ausgerufen. Ein Vorschlag stach dabei hervor: Man möge den Vorsitzenden doch unter einer großen Beton-Mango begraben.

ZDFE-Dokumentation
Anzeige
Zum Autor
  • Danny Kringiel (Jahrgang 1977) fand 2010 zu einestages - nach Umwegen über Lehrerausbildung und Computerspiel-Doktorarbeit. Liebt seinen Bass und begeistert sich für Film, Musik und groben Unfug. Lieblingsobst: Erdbeeren.

    E-Mail: Danny.Kringiel@spiegel.de

    Mehr Artikel von Danny Kringiel


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
David Xanatos, 24.08.2016
1. Vetdummung
Schon schlimm, wie dumm sich Menschen im 20. Jahrhundert anstellen können. Massenweise eine Mango anbeten, die ihnen ein brutaler Diktator und Massenmörder geschenkt hat und diesem deswegen ein ewiges Leben wünschen Und da wird behauptet, die Menschheit habe sich in den letzten 5.000 Jahren weiterentwickelt...
Gunnar Roth, 24.08.2016
2. Nun ja ..
"Der "Große Vorsitzende":Mao Zedong (1839-1976) führte jahrzehntelang die Kommunistische Partei Chinas, von 1943 bis zu seinem Tod." Die Mao muss ja wirklich etwas besonderes gewesen sein, wenn er 137 Jahre alt wurde. Er hat wohl heimlich von den Mangos genascht, die sollen ja sehr gesund sein.
Karl Schmieder, 24.08.2016
3. Der riesige Vorsitzende
Was für ein toller Kerl dieser riesige Vorsitzende. 137 Jahre ist er alt geworden (s. Bildunterschrift). Und wie vorausschauend er war: Denn wenn man "Mao Mango" im Intervall "Ze" nach "Dong" integriert, ergibt das tatsächlich: "Pokemo(a)ngo".
Milovan Rafailovic, 24.08.2016
4. Mein Mangobaum
Hier in Florida habe ich einen großen Mangobaum, und ich freue mich jedes Jahr auf neue Früchte. Probieren Sie mal, Mago mit Orengensaft zu vermischen. Natürlich muß man im Blender das Fleisch flüssig machen. Schmeckt einmalig. Man soll dabei nicht an Mao denken.
Henning Roth, 24.08.2016
5.
interessanter und amüsanter Artikel, vielen Dank dafür. Es ist doch immer wieder spannend zu erfahren wie Chinesen so ticken - in unserer westlichen ach so zivilisierten Welt scheint man das nicht zu begreifen und DAS ist dumm.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.